Sie sind hier
E-Book

Im Spiegel der »Meninas«

Velázquez über sich und Rubens. E-BOOK

AutorReinhard Liess
VerlagV&R Unipress
Erscheinungsjahr2003
Seitenanzahl118 Seiten
ISBN9783862340002
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis23,99 EUR

Das Gemälde »Las Meninas« oder »Die Hoffräulein« im Museo del Prado zu Madrid gilt als das Hauptwerk des Diego Velázquez. Vom Spiegel der »Meninas« ist in einem gegenständlichen und einem übertragenen Sinn die Rede. Zum einen ist der an der Rückwand des Raums aufgehängte Spiegel gemeint, der das Doppelbildnis des spanischen Königs Philipps IV. und seiner Gemahlin Mariana von Österreich reflektiert. Zum anderen stellt das Gemälde als Ganzes einen ›Spiegel‹ dar, der mit dem berühmten Selbstbildnis des Malers ein umfassendes Bild auch seines Künstlertums wiedergibt. Auf den »Meninas« spricht Velázquez über sich selbst, aber auch über sein Verhältnis zu seinem künstlerischen ›Konkurrenten‹ Peter Paul Rubens, dessen Gemälde in Kopienform im Hintergrund des dargestellten Saales zu sehen sind. Wieso aber hat Velázquez sie bis zur Unkenntlichkeit verdunkelt? Die Analyse der »Meninas« führt zur Kritik bisheriger Interpretationen und zu einem neuen Verständnis der Malerei des Velázquez insgesamt.



Dr. phil. habil. Reinhard Liess ist emeritierter Professor für Kunstgeschichte. Er lehrte an den Universitäten Braunschweig, Regensburg und Osnabrück.

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe
"Velázquez versus Rubens. Die Rubensgemälde auf den »Meninas« (S. 70-71)

Die Kenner der Räumlichkeiten im Alcázar – die königliche Familie und Jahrzehnte später noch Zeugen wie Antonio Palomino – kannten den Urheber und die Themen der an der Schmalseite des Saals gehängten Gemälde, die auf den Gebieten der Teppichwirkerei bzw. Malerei und der Musik zwei Wettstreite zwischen göttlicher und menschlicher Kunstfertigkeit und Urteilskraft zum Gegenstand hatten. Wie oben dargelegt, darf Velázquez als der Organisator der Gemäldeausstattung des »Cuarto del Principe« angesehen werden. Auch die Entscheidung, diese Lokalität zum Schauplatz des Gruppenbildnisses zu machen, wird man ihm nicht absprechen können.

Eine diesbezügliche Anordnung des Königs ist nicht dokumentiert, aber selbst wenn sie es gegeben hätte, was wenig wahrscheinlich ist, dürfte der Maler sein Künstlerwort in die Entscheidung mit eingebracht haben. In jedem Fall aber war es Velázquez, der als Entwerfer des Gemäldes die Orientierung der Ansicht im Raum festgelegt und damit auch die genannten Rubensgemälde zum Spiegelbild des Königspaars und zu seinem Selbstbildnis in ein bestimmtes Verhältnis gesetzt hatte. Mit ganzer Absicht rückte er die Idee eines Wettstreits in das zentrale Blickfeld seines Gemäldes, die Idee eines Paragone auch zwischen dem Maler der »Meninas« – und Rubens.

Nun hat aber Velázquez die Werke des Rubens (bzw. Kopien derselben) dem Licht entzogen. Sogleich erhebt sich die Gegenfrage: Tat er dies, weil sie in der Hauptsache seines Gruppenbildnisses unwichtig waren und daher ohne weiteres dem malerischen Helldunkelkonzept des Raums ›geopfert‹ werden konnten? Oder verbirgt sich hinter dieser Verdunkelung ein bewußter Akt der Abwertung des großen Rivalen? Die Figuren im Vordergrund fangen das seitlich einfallende Licht ab. Der Raum dahinter versinkt im Halbdunkel, wodurch auch die Darstellungen der Leinwände an der Rückwand weitgehend im Schatten verschwinden.

Sie kontrastieren mit der Helligkeit des rosafarbenen Bodens im Vordergrund, zumal da das Licht so geführt wird, daß die Schlagschatten der Figuren nicht auf den freien Platz des Fußbodens fallen, sondern nach hinten abgelenkt und damit unsichtbar werden. Künstliche Raumbeleuchtungen blieben ausgeschlossen. Die Leuchter an der Decke wurden weggelassen, nicht zuletzt um die Leinwände an der Rückwand unüberschnitten dem Blick darzubieten.

Diese schauen nun den Betrachter, abgesehen von einigen gerade noch schemenhaft zu erahnenden Figuren, wie zwei große schwarze Rechtecke an. Bildlos gewordene Bilder. Selbst wenn der Saal zum damaligen Zeitpunkt noch nicht mit Leuchtern ausgestattet gewesen sein sollte, so hatte der Maler für das Beleuchtungswesen seines Gemäldes seine eigenen, von solchen Vorgegebenheiten prinzipiell unabhängigigen Entscheidungen zu treffen.

Aufschlußreich ist ein Blick auf die in jener Zeit beliebten »Galerie-« und »Kunstkammerbilder« von der Hand Frans Franckens II, David Teniers’ des Jüngeren und Willem van Haechts.152 Der Vergleich bietet sich nicht nur wegen der dichten Behängung der Wände mit Gemälden an, sondern auch wegen der Figurierung des Raums mit Besuchern und dem Mäzen – z.B. dem Erzherzog Leopold Ludwig in seiner Brüsseler Galerie – und der Darstellung eines Malers bzw. einer Allegorie der Malerei vor der Staffelei.

Als königlicher Auftraggeber inmitten seiner Gemälde fungiert ja auch Philipp IV. mit seiner Gemahlin im Spiegel der »Meninas«. So hätte sich für ein Gruppenbildnis mit Mäzen und Malerselbstbildnis in einer Gemäldegalerie, hier im »Cuarto del Principe«, ebensogut ein hell ausgeleuchteter Raum mit einer zwar verkleinerten, aber dennoch in Form und Farbe originalgetreuen Wiedergabe der Gemälde angeboten. Doch die Analogie mit den »Galeriebildern« geht offenbar nicht auf. Velázquez sah von der Prototypik dieses Genres insofern ab, als er auf die Genauigkeit der Gemäldeportraits zugunsten ihres Erscheinungsbildes im Raumdunkel verzichtete, wodurch die Gegenstände auf den Leinwänden neben und über den Türen und auf den perspektivisch verkürzten zwischen den Fenstern nicht mehr zu erkennen waren."
Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Inhalt7
Vorbemerkungen11
Der Palastraum und seine Gemäldeausstattung12
Velázquez als Urheber der Gemäldegalerie im »Cuarto del Principe«14
Die Erscheinung des Königspaars und seine Anagoge19
Zum Selbstbildnis des Velázquez22
»Alcabala«, »Artes Liberales« und Kunsttheorie23
Velázquez und die Perspektive29
Die Entstehung des königlichen Doppelbildnisses im Spiegel und seine Bedeutung42
Analogien des Spiegels im OEuvre des Velázquez49
Maler und König. Die Königlichkeit der Malkunst57
Die Malkunst ›in persona pictoris‹63
Rubens versus Velázquez. Die Bildnisse Philipps IV.65
Velázquez versus Rubens. Die Rubensgemälde auf den »Meninas«73
Die »Meninas« als Bildnis. Grenzüberschreitungen der Gattung77
Noch einmal Velázquez und Rubens82
Francisco Pacheco über die Bildnismalerei84
Zeichnung und Malerei87
Eine Zeremonie der Betrachtung93
Vicente Carduchos »Diálogos«95
JoséOrtega y Gasset über den Pinsel des Velázquez98
Carducho, Velázquez und das Kolorit102
Francisco de Quevedo: »El Pincel«117

Weitere E-Books zum Thema: Kulturgeschichte: Politik

Psychosomatik

E-Book Psychosomatik
Literarische, philosophische und medizinische Geschichten zur Entstehung eines Diskurses (1778-1936) Format: PDF

Using exemplary historical scenarios, the present cultural history traces the transdisciplinary development of a psychosomatic discourse between the 18th and 20th centuries, thus closing a gap in…

Kunstmuseen und ihre Besucher

E-Book Kunstmuseen und ihre Besucher
Eine lebensstilvergleichende Studie Format: PDF

Manuela Kohl erarbeitet ein Besucherprofil, das nicht nur Merkmale wie Alter, Geschlecht und Bildungsniveau, sondern auch den Lebensstil der Besucher berücksichtigt. Hierbei stützt sie sich auf…

Diplomatie und Gelehrtenrepublik

E-Book Diplomatie und Gelehrtenrepublik
Die Kontakte des französischen Gesandten Jaques Bongars (1554-1612) Format: PDF

In the late 16th century France rose to be a great power after decades of religious civil war. For this, King Henri IV depended on highly qualified envoys and correspondents. Jaques Bongars (1554?…

Dem Anderen begegnen

E-Book Dem Anderen begegnen
Eigene und fremde Repräsentationen in sozialen Gemeinschaften Format: PDF

Soziale Gemeinschaften vergegenwärtigen, bestätigen und verändern durch Repräsentationen die Ordnung, in der sie leben. In der Begegnung mit anderen werden diese verteidigt oder mit neuer Bedeutung…

Kunstmuseen und ihre Besucher

E-Book Kunstmuseen und ihre Besucher
Eine lebensstilvergleichende Studie Format: PDF

Manuela Kohl erarbeitet ein Besucherprofil, das nicht nur Merkmale wie Alter, Geschlecht und Bildungsniveau, sondern auch den Lebensstil der Besucher berücksichtigt. Hierbei stützt sie sich auf…

Einsteins Gegner

E-Book Einsteins Gegner
Die öffentliche Kontroverse um die Relativitätstheorie in den 1920er Jahren Format: PDF

In den 1920er Jahren erschienen zahlreiche populäre Schriften, die Einsteins Relativitätstheorie widerlegen wollten. Milena Wazeck zeigt, in welchem Maße der Physiker und seine Theorie von…

Die Femminielli von Neapel

E-Book Die Femminielli von Neapel
Zur kulturellen Konstruktion von Transgender Format: PDF

Femminielli werden als Jungen geboren, nehmen später weibliche Namen an, kleiden sich und formen ihre Körper nach weiblichen Vorbildern. Sie bilden damit eine lokale Form von Transgender aus, die…

Weitere Zeitschriften

Archiv und Wirtschaft

Archiv und Wirtschaft

Fachbeiträge zum Archivwesen der Wirtschaft; Rezensionen Die seit 1967 vierteljährlich erscheinende Zeitschrift für das Archivwesen der Wirtschaft "Archiv und Wirtschaft" bietet Raum für ...

AUTOCAD & Inventor Magazin

AUTOCAD & Inventor Magazin

FÜHREND - Das AUTOCAD & Inventor Magazin berichtet seinen Lesern seit 30 Jahren ausführlich über die Lösungsvielfalt der SoftwareLösungen des Herstellers Autodesk. Die Produkte gehören zu ...

Berufsstart Gehalt

Berufsstart Gehalt

»Berufsstart Gehalt« erscheint jährlich zum Sommersemester im Mai mit einer Auflage von 50.000 Exemplaren und ermöglicht Unternehmen sich bei Studenten und Absolventen mit einer ...

küche + raum

küche + raum

Internationale Fachzeitschrift für Küchenforschung und Küchenplanung. Mit Fachinformationen für Küchenfachhändler, -spezialisten und -planer in Küchenstudios, Möbelfachgeschäften und den ...

die horen

die horen

Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik."...weil sie mit großer Aufmerksamkeit die internationale Literatur beobachtet und vorstellt; weil sie in der deutschen Literatur nicht nur das Neueste ...

dima

dima

Bau und Einsatz von Werkzeugmaschinen für spangebende und spanlose sowie abtragende und umformende Fertigungsverfahren. dima - die maschine - bietet als Fachzeitschrift die Kommunikationsplattform ...

ea evangelische aspekte

ea evangelische aspekte

evangelische Beiträge zum Leben in Kirche und Gesellschaft Die Evangelische Akademikerschaft in Deutschland ist Herausgeberin der Zeitschrift evangelische aspekte Sie erscheint viermal im Jahr. In ...

EineWelt

EineWelt

Man kann die Welt von heute nicht verstehen, wenn man die Rolle der Religionen außer Acht lässt. Viele Konflikte haben religiöse Komponenten — zugleich bergen Glaubensüberzeugungen auch ...

Euro am Sonntag

Euro am Sonntag

Deutschlands aktuelleste Finanz-Wochenzeitung Jede Woche neu bietet €uro am Sonntag Antworten auf die wichtigsten Fragen zu den Themen Geldanlage und Vermögensaufbau. Auch komplexe Sachverhalte ...