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Informelles Lernen im Berufsalltag

Bedeutung, Potenzial und Grenzen in der Kreislauf- und Abfallwirtschaft

AutorJessica Blings
Verlagwbv Media
Erscheinungsjahr2008
Seitenanzahl268 Seiten
ISBN9783763946297
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis35,00 EUR

Jessica Blings untersucht berufliches informelles Lernen am Beispiel der Kreislauf- und Abfallwirtschaft. Gerade in diesem Bereich haben sich die Anforderungen an den Einzelnen in den letzten Jahren stark verändert, was umfangreiche Lernprozesse erforderlich macht. Neben der Analyse der verschiedenen Lernformen werden 31 Lernmethoden identifiziert und die Hauptinhaltsbereiche des informellen Lernens dargelegt. Von besonderem Interesse ist dabei die Darstellung eines typischen "inneren Curriculums" der FacharbeiterInnen. Die Ergebnisse der Untersuchung sind auch auf andere Berufsfelder übertragbar und geben Anregungen für die Gestaltung von Berufsbildung.

Über die Autoren

Jessica Blings ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut Technik und Bildung (ITB) der Universität Bremen

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Leseprobe
8.1.11 Notwendige Änderungen der Anlagenbedienung – Ausgleich von Konstruktionsfehlern (S. 189-190)

Der Rotteprozess in Fall D ist von den planenden Ingenieuren so angelegt worden, dass die Rottehalle während der Rotte nur im Falle von Reparatur-, Wartungs- und Reinigungsarbeiten betreten wird. In der Praxis war dies nicht einzuhalten. Das automatische Starten des Umsetzers von der Prozessleitwarte wurde nur ganz am Anfang praktiziert. Hierzu musste die Rottehalle ganz verschlossen sein. Diese Vorgehensweise hat sich aber nicht als sinnvoll erwiesen, da man von der Prozessleitwarte keinen Einblick in die Halle hat.

Wenn der Umsetzer von der Halle aus gestartet wird, können die Prozesse besser überwacht werden. Es besteht dann die Möglichkeit zu kontrollieren, ob die KollegInnen alle außerhalb des Gefahrenbereichs sind und keine Schaufel oder Kabeltrommel oder Ähnliches die Prozesse stören und kein Schieflauf oder andere Fehler den Vorgang beeinträchtigt. Der Umsetzer fährt bei automatischer Steuerung, wenn er am Ende der Halle angekommen ist, automatisch zurück.

Dies ist mit den Arbeitsprozessen schwer vereinbar, da dort auch mal etwas im Weg liegen kann, woran in dem Moment niemand mehr denkt und was dann auch nicht vom Leitstand gesehen werden kann. Ein Facharbeiter hat sich, um zwischen dem Leitstand und der Rottehalle schnell hin und her wechseln zu können, ein Fahrrad beschafft. Durch die Erfahrung im Umgang mit der Anlage wurde die Arbeitsorganisation, wie sie von den Planern vorgesehen war, korrigiert.

Die Anlage des Prozessleitstandes ist von den Konstrukteuren fehlgeplant worden, da keine Einsicht zur Rottehalle besteht. Diese Fehlplanung wird durch die Erfahrung, die der Betriebsleiter mit der Anlage gemacht hat, ausgeglichen. Er hat die Bedienung der Anla ge in Handbetrieb geändert, um die KollegInnen nicht zu gefährden und Störungen gering zu halten. Im Unternehmen wurde ein Betriebsleiter in die Planung der jüngst erneuerten mechanisch-biologischen Anlage (MBA), die der Kompostanlage ähnlich ist, mit eingebunden, um derartige arbeitsprozessferne Konstruktionen zu vermeiden.

Inzwischen ist die Anlage so störanfällig, dass der Facharbeiter beim Anlaufen immer daneben stehen bleibt, um die Prozesse vor Ort zu beobachten und Störungen rechtzeitig vorbeugen zu können. Nach Ansicht des Facharbeiters ist die Anlage so konstruiert worden, als ob sie nur selten repariert werden müsste: z. B. der Austausch der Rollen für die Förderbänder ist nur möglich, indem man das Förderband durchschneidet. Das hat zur Konsequenz, dass, solange es irgendwie geht, auf den Austausch dieser Rollen verzichtet wird. Erst wenn auch das Förderband Mängel zeigt, wird auch der Austausch von Rollen vorgenommen, wobei dann meist alle Rollen ausgetauscht werden.

Das bedeutet für die Facharbeit, dass bei Reparaturen besonders zwischen Wirtschaftlichkeit und technischer Leistungsfähigkeit abgewogen werden muss, wobei der Facharbeiter seine Erfahrungen einbringt, in welchen Zeiträumen bestimmte Bauteile verschleißen. Dieses Erfahrungswissen von Verschleißzeiten bestimmter Bauteile ist spezifisch für die betriebene Anlage und für den Betrieb von hoher Bedeutung, da es eine besonders wirtschaftliche Instandsetzung ermöglicht:

„Die sind wirklich so eingebaut, die Schrauben, dass man sich fragt, wie die sich das gedacht haben, dass man das repariert. Die haben das wirklich so gebaut, dass die, ja die sind davon ausgegangen, dass die läuft und das da nicht so viel repariert werden muss und die haben das alles zugeballert. Normalerweise kommt man an die Rollen auch nur dran, wenn man das Förderband rausnimmt. Das Förderband ist geklebt, wenn man das rausnehmen will, muss man das durchschneiden und wenn das neu ist, das kann man ja nicht machen kostenmäßig. Und solche Sachen." (FK)
Inhaltsverzeichnis
Inhalt6
1 Informelles Lernen als praktisches und theoretisches Problem10
1.1 Informelles Lernen – Bedeutung für das berufliche Lernen12
1.2 Informelles Lernen in der Recyclingbranche16
2 Fragestellung und Forschungsansatz18
2.1 Stand der Forschung18
2.2 Wissenschaftstheoretische Relevanz20
2.3 Untersuchungsleitende Fragestellung22
1. Auf welche Art und Weise wird informell gelernt? Wie findet berufliches informelles Lernen innerhalb der Arbeit oder in der Freizeit der FacharbeiterInnen statt?23
2. Was sind die Lernergebnisse des informellen Lernens?23
3. Welchen Beitrag zum berufsbezogenen Lernen der FacharbeiterInnen leistet das informelle Lernen in ausgewählten Recyclingbetrieben?24
2.4 Einordnung des Forschungsansatzes25
2.5 Aufbau der Untersuchung27
3 Methodischer Ansatz30
3.1 Die Sektoranalyse32
3.2 Fallstudien36
3.3 Arbeitsprozessanalysen38
3.4 Berufswissenschaftliche Konsequenzen für die Erfassung von Lernprozessen in Fallstudien und Arbeitsprozessanalysen40
3.4.1 Der Zugang zu den informellen Lernprozessen40
3.4.2 Objekt- und subjektbezogene Perspektive bei der Untersuchung von Lernprozessen46
3.5 Auswahl der Betriebe für die Fallstudien51
3.6 Durchführung der Fallstudien und Arbeitsprozessanalysen52
3.6.1 Durchführung der teilstrukturierten Fachinterviews54
3.7 Zwischenfazit63
4 Informelles Lernen im Kontext von Arbeit und beruflicher Kompetenzentwicklung – eine theoriegeleitete Analyse66
4.1 Was ist Lernen – eine Annäherung an ein Konstrukt66
4.2 Begriffliche Klärung informellen Lernens69
4.2.1 Der Umgang mit Komplexität in der Beschreibung informellen Lernens69
4.2.2 Verständnis beruflichen informellen Lernens dieser Untersuchung78
4.3 Erfassung und Anerkennung informellen Lernens in Deutschland82
4.4 Lernförderliche Arbeitsbedingungen – Implikationen für informelle Lernprozesse am Arbeitsplatz89
4.5 Sektorbezogene Untersuchungen informellen Lernens92
4.5.1 Sektorbezogene Untersuchungen von Erfahrungswissen und Kompetenzentwicklung93
4.5.2 Informelles Lernen von ArbeiterInnen in Kanada in fünf Sektoren95
4.5.3 Informelles Lernen in der IT-Branche98
4.6 Zwischenfazit98
5 Bedingungen in der Kreislauf- und Abfallwirtschaft für informelles Lernen102
5.1 Der Kreislauf- und Abfallwirtschaftssektor auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung102
5.2 Geschäftsfelder der Betriebe108
5.3 Erstausbildung und Weiterbildung im Sektor111
5.4 Anknüpfungspunkte zur Erforschung informellen Lernens115
5.5 Die Fallstudienbetriebe119
5.5.1 Fall A: Recycling von Eisen- und Nichteisenmetallen, Abbruch, Bauschuttverwertung und Gefahrstoffzwischenlagerung122
5.5.2 Fall B: Recycling von gefährlichen Abfällen, Deponiesickerwasseraufbereitung und kommunale Abfallannahme125
5.5.3 Fall C: Recycling von Altholz, Altautos, Eisen- und Nichteisenmetallen und Kunststoffen127
5.5.4 Fall D: Recycling von organischen Abfällen und Deponierung129
5.6 Kritische Würdigung der Methoden132
5.7 Zwischenfazit133
6 Formen des informellen Lernens der FacharbeiterInnen136
6.1 Synthese und Auswertung der Fallstudienergebnisse136
6.1.1 Verbale Kommunikation und zugängliche Informationswege137
6.1.2 Einarbeitung, Reflexionen von Erfahrungen und Weitergabe von Erfahrungswissen140
6.1.3 Betriebsdokumente, Werkzeuge und Anlagentechnik143
6.1.4 Fachbücher, Fachzeitschriften, Internet146
6.2 Zwischenfazit147
7 Wie FacharbeiterInnen die Bedeutung informellen Lernens einschätzen150
7.1 Fall A150
7.2 Fall B152
7.3 Fall C154
7.4 Fall D154
7.5 Zwischenfazit156
8 Wissen und Fähigkeiten, die informell erworben werden160
8.1 Inhalte der Lernergebnisse informellen Lernens160
8.1.1 Die reale Betriebswelt und betriebsspezifisches Überblickswissen160
8.1.2 Umgang mit einer Vielzahl von Stoffen164
8.1.3 Identifizierung von Materialien anhand von Produktnamen, Verpackungen und Erscheinungsformen167
8.1.4 Veränderungen der Arbeitsprozesse durch Änderungen von Materialeinsatz, KundInnen, KooperationspartnerInnen, Betriebsfahrzeugen, Werkzeugen und Anlagenaggregaten171
8.1.5 Zugang zu Personen mit Fachwissen und Erfahrungen – persönliches Informationsnetzwerk173
8.1.6 Erfahrungswissen und Kommunikationsstrategien für den Umgang mit den KundInnen bei Anlieferung, Verkauf und Betriebsbesichtigung174
8.1.7 Kommunikationserfahrungen (und -strategien zum Umgang) mit KollegInnen und Führungskräften bei Teamarbeit, Absprachen, Einweisungen oder Anweisungen179
8.1.8 Geschicklichkeit im Umgang mit Betriebsfahrzeugen, Werkzeugen und Anlagenbauteilen und - aggregaten180
8.1.9 Verschiedene Störfallphänomene und Strategien der Störfallbeseitigung181
8.1.10 Anwendungserfahrungen mit der SPS sowie Bewertungen ihrer Störungen191
8.1.11 Notwendige Änderungen der Anlagenbedienung – Ausgleich von Konstruktionsfehlern192
8.1.12 Veränderungen und Störungen durch Witterung und Jahreszeiten194
8.1.13 Der Rotteprozesses im Jahresverlauf195
8.1.14 Arbeitsschutz und eine gefährliche sorglose Routine199
8.1.15 Zusammenhangswissen Abfallwirtschaft202
8.2 Kategorien der Lernergebnisse informellen Lernens203
8.3 Zwischenfazit212
9 Zusammenfassung, Schlussfolgerungen und Ausblick218
Formen informellen Lernens223
Wie FacharbeiterInnen informelles Lernen bewerten225
Das „innere Curriculum“ der Facharbeit226
Ausblick231
Literatur234
Abkürzungsverzeichnis250
Verzeichnis der Abbildungen252
10 Anhang: Interviewleitfaden und Auszüge aus Fallstudien254
10.1 Interviewleitfaden für Fragen an die FacharbeiterInnen – Informelles Lernen in Recyclingbetrieben254
10.2 Auszüge aus Fallstudien: Formen informellen Lernens: Fallstudien- und personenbezogene Darstellung258
10.2.1 Fall A – „Seitdem ich in diesem Bereich angefangen habe, lerne ich jeden Tag.“258
10.2.2 Fall C – „Hier wird nicht gelernt!“261
10.2.3 Fall D – „Es ist ja alles im Fluss. Es bleibt ja nicht stehen.“262
10.3 Auszüge aus Fallstudien: Fallstudienbezogene Darstellung von informell erworbenem Wissen und Fähigkeiten265
10.3.1 Informell erworbenes Wissen und Fähigkeiten in Fall A265
10.3.2 Informell erworbenes Wissen und Fähigkeiten in Fall C267
10.3.3 Informell erworbenes Wissen und Fähigkeiten in Fall D268

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