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E-Book

Initiation und Liebe in Zaubermärchen

Eine Brücke zu dem alten Wissen

AutorJürgen Wagner
Verlagtao.de
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl176 Seiten
ISBN9783958022775
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Initiation ist ein mehrdeutiges Wort. Es meint zunächst den Übergang und die Einführung in eine neue Lebensstufe, insbesondere des Erwachsenwerdens (vorwiegend in den alten Stammesgesellschaften). Dann bezeichnet es eine Einweihung in die Geheimnisse des Lebens (rituell in den alten Mysterienkulten). Und schließlich meint sie den Zugang zu ganz anderen Dimensionen der Wirklichkeit und Eröffnung ungeahnter Möglichkeiten (im Schamanismus). Immer hat es mit dem Tod zu tun, mit dem Sterben des Alten, damit ein Neues werden kann. Wir gebrauchen das Wort so, dass wir diese alten Erfahrungen bewahren, die wir respektvoll und übergreifend 'das alte Wissen' nennen. Doch müssen wir Heutigen mit unseren Lebenserfahrungen die Brücke finden. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass das Leben selbst uns vielfach einweist und einweiht in seine Wahrheiten und seine Geheimnisse: in die Liebe, in die Sexualität, in das Erwachsenwerden, in die Selbsterkenntnis und Selbstverantwortung, in die Religion, in die Natur, in die Musik, in die Mutter- und Vaterschaft, in Trennung und Loslassen, in Geben und Nehmen, in dunkle Abgründe und lichte Höhen, in Krankheit und Balance, in Tod und Wiedergeburt, in Weisheit, Wunder und Magie, in das Empfinden einer großen Einheit, in Leere und Losgelöstsein. Das ist noch längst nicht alles. Jeder, der etwas mit Hingabe betreibt, dem öffnet sich eine Welt. Die Brücke vom Alten zu uns schlagen hier einige ausgewählte Märchen, die alle mit Wunder- und Zauberhaftem zu tun haben und damit etwas Geheimnisvolles zum Ausdruck bringen. Wir lesen sie nicht als phantasievolle Geschichten, sondern in der Erkenntnis der Märchenforschung, dass sie in ihren Motiven und kollektiven Bildern so manches von dem alten Wissen aufbewahrt haben. Sie erzählen es so, dass es jedem zu Herzen gehen kann, auch in unserer Zeit. Sie unterhalten, aber sie erhellen auch die Existenz (Max Lüthi). Fast immer ist die Liebe Anfang oder Ende.

Jürgen Wagner studierte Theologie und Philosophie in Tübingen, Jerusalem und Hamburg, arbeitete als ev. Pfarrer und Theologe in Baden-Württemberg. Promotion über Meditationen über Gelassenheit bei Martin Heidegger und Meister Eckhart, Verlag Dr. Kovac, 1995. Veröffentlichungen in Lyrik, Märchen und biblischen Geschichten und spirituellen Themen, Verlag Epubli.

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Leseprobe

Der Wunderbaum

Ein Hirtenknabe erblickte eines Tages, als er die Schafe weidete, auf dem Felde einen Baum, der war so schön und groß, dass er lange Zeit voll

Verwunderung dastand und ihn ansah. Aber die Lust trieb ihn hinzugehen und hinaufzusteigen; das wurde ihm auch sehr leicht, denn an dem Baume standen die Zweige hervor wie Sprossen an einer Leiter. Er zog seine Schuhe aus und stieg und stieg in einem fort neun Tage lang. Siehe, da kam er in ein weites Feld, da waren viele Paläste von lauter Kupfer, und hinter den Palästen war ein großer Wald mit kupfernen Bäumen, und auf dem höchsten Baume saß ein kupferner Hahn; unter dem Baume war eine Quelle von flüssigem Kupfer, die sprudelte immerfort, und das war das einzige Getöse; sonst schien alles wie tot, und niemand war zu sehen, und nichts regte und rührte sich.

Als der Knabe alles gesehen, brach er sich ein Zweiglein von einem Baum, und weil seine Füße vom langen Steigen müde waren, wollte er sie in der Quelle erfrischen. Er tauchte sie ein, und wie er sie herauszog, so waren sie mit blankem Kupfer überzogen; er kehrte schnell zurück zum großen Baum; der reichte aber noch hoch in die Wolken, und kein Ende war zu sehen. „Da oben muss es noch schöner sein!“ dachte er und stieg nun abermals neun Tage aufwärts, ohne dass er müde wurde, und siehe da kam er in ein offenes Feld, da waren auch viele Paläste, aber von lauter Silber, und hinter den Palästen war ein großer Wald mit silbernen Bäumen, und auf dem höchsten Baum saß ein silberner Hahn; unter dem Baum war eine Quelle mit flüssigem Silber, die sprudelte immerfort, und das war das einzige Getöse, sonst lag alles wie tot, und niemand war zu sehen, und nichts regte und rührte sich.

Als aber der Knabe alles gesehen hatte, brach er sich ein Zweiglein von einem Baum und wollte sich aus der Quelle die Hände waschen; wie er sie aber herauszog, waren sie von blinkendem Silber überzogen. Er kehrte schnell zurück zum großen Baum, der reichte noch immer hoch in die Wolken, und es war noch kein Ende zu sehen. „Da oben muss es noch schöner sein!“ dachte er und stieg abermals neun Tage aufwärts, und siehe da war er im Wipfel des Baumes, und es öffnete sich ein weites Feld; darauf standen lauter goldne Paläste, und hinter den Palästen war ein großer Wald mit goldnen Bäumen, und auf dem höchsten Baum saß ein goldner Hahn; unter dem Hahn war eine Quelle mit flüssigem Golde, die sprudelte immerfort, und das war das einzige Getöse; sonst lag alles wie tot, und niemand war zu sehen, und nichts regte und rührte sich. Als der Knabe alles gesehen hatte, brach er sich ein Zweiglein von einem Baum, nahm seinen Hut ab, bückte sich über die Quelle und ließ seine Haare ins sprudelnde Gold hineinfallen. Als er sie aber herauszog, waren sie übergoldet. Er setzte seinen Hut auf, und wie er alles gesehen hatte, kehrte er zurück zum großen Baum und stieg nun in einem fort wieder hinunter und wurde gar nicht müde. Als er auf der Erde angelangt war, zog er seine Schuhe an und suchte seine Schafe; doch er sah von ihnen keine Spur. In weiter Feme aber erblickte er eine große Stadt; jetzt merkte er, dass er in einem andern Lande sei. Was war zu tun.

Er entschloss sich hineinzugehen und sich dort einen Dienst zu suchen. Zuvor jedoch versteckte er die drei Zweiglein in seinen Mantel, und aus dem Zipfel desselben machte er sich Handschuhe, um seine silberigen Hände zu verbergen.

Als er in der Stadt ankam, suchte der Koch des Königs gerade einen Küchenjungen und konnte keinen finden; indem kam ihm der Knabe zu Gesicht. Er fragte ihn, ob er um guten Lohn Dienste bei ihm nehmen wolle. Der Junge war da zufrieden unter einer Bedingung: er solle den Hut, den Mantel, die Handschuhe und die Stiefel nie ablegen müssen, denn er habe einen bösen Grind und müsste sich schämen. Das war dem Koch nicht ganz recht; allein weil er sonst niemanden bekommen konnte, musste er einwilligen. Er gedachte bei sich: „Du kannst ihn ja immer nur in der Küche verwenden, dass niemand ihn sieht.“ Das währte so eine Zeitlang. Der Junge war sehr fleißig und tat alle Geschäfte, die ihm der Koch auftrug, so pünktlich, dass ihn dieser sehr liebgewann. Da geschah es, dass wieder einmal Ritter und Grafen erschienen waren, die es unternehmen wollten, auf den Glasberg zu steigen, um der schönen Tochter des Königs, die oben saß, die Hand zu reichen und sie dadurch zu erwerben. Viele hatten es bisher vergebens versucht; sie waren alle noch weit vom Ziele ausgeglitscht und hatten zum Teil den Hals gebrochen. Der Küchenjunge bat den Koch, dass er ihm erlauben möchte, von ferne zuzusehen. Der Koch wollte es ihm nicht abschlagen, weil er so treu und fleißig war, und sagte nur: „Du sollst dich aber versteckt halten, dass man dich nicht sieht!“ Das versprach der Junge und eilte in die Nähe des Glasberges.

Da standen schon die Ritter und Grafen in voller Rüstung mit Eisenschuhen, und sie fingen bald an, der Reihe nach hinaufzusteigen; allein keiner gelangte auch nur bis in die Mitte, sie stürzten alle herab, und manche blieben tot liegen. Nun dachte der Knabe bei sich: „Wie wäre es, wenn du auch versuchtest?“ Er legte sogleich Hut und Mantel und Handschuhe ab, zog seine Stiefel aus und nahm den kupfernen Zweig in die Hand, und ehe ihn jemand bemerkt hatte, war er durch die Menge gedrungen und stand am Berge; die Ritter und Grafen wichen zurück und sahen und staunten; der Knabe aber schritt sogleich den Berg hinan ohne Furcht, und das Glas gab unter seinen Füßen nach wie Wachs und ließ ihn nicht ausgleiten. Als er nun oben war, reichte er der Königstochter demütig das kupferne Zweiglein, kehrte darauf sogleich um, stieg hinab, fest und sicher, und ehe sich’s die Menge versah, war er verschwunden.

Er eilte in sein Versteck, legte seine Sachen an und war schnell in der Küche. Bald kam auch der Koch und erzählte seinem Jungen die Wunderdinge von dem schönen Jüngling mit den kupfernen Füßen, den silbernen Händen und den goldnen Haaren, und wie er den Glasberg erstiegen und ein kupfernes Zweiglein der Königstochter gereicht habe und wie er dann wieder verschwunden sei; dann fragte er den Jungen, ob er das auch gesehen habe. Der Junge sagte: „Nein, das habe ich nicht gesehen, das war ich ja selbst!“ Aber der Koch lachte über den dummen Einfall und erwiderte im Scherz: „Na, da müsste ich dann ein großer Herr werden!“

Am andern Tage wollten es mehrere Ritter und Grafen wieder versuchen und versammelten sich vor dem Glasberg. Der Junge bat den Koch abermals, er möchte ihm erlauben, aus der Ferne zuzusehen. Der Koch konnte es ihm nicht abschlagen und sagte nur: „Du sollst dich aber versteckt halten, dass niemand dich sieht!“ Das versprach der Junge und eilte an seinen gestrigen Platz. Die Ritter fingen an hinaufzusteigen, allein vergebens: sie stürzten alle herab, und mehrere blieben tot. Der Junge zögerte nicht länger und versuchte zum zweiten Mal. Er hatte schnell seine Kleider abgelegt; er nahm das silberne Zweiglein und schritt, ehe man es merken konnte, woher er kam, durch die Menge, und alles wich vor ihm zurück, und er ging ruhig und sicher den Glasberg hinan, und das Glas gab nach wie Wachs und zeigte die Spuren, und wie er oben war, überreichte er demütig der Königstochter das Zweiglein; gerne hätte sie auch seine Hand gefasst; er aber kehrte gleich zurück und schritt hinab und war in der Menge auf einmal verschwunden. Er warf seine Kleider um und eilte nach Hause. Bald kam auch der Koch und erzählte wieder von den Wunderdingen, von dem schönen Jüngling mit den kupfernen Füßen, den silbernen Händen, den goldenen Haaren und wie er hinangestiegen, der Königstochter ein silbernes Zweiglein gereicht, wie er herabgekommen und verschwunden sei. Er fragte seinen Jungen, ob er das nicht gesehen.

Der Junge sagte: „Nein, das habe ich nicht gesehen, das war ich selbst!“ Der Koch lachte wieder recht herzlich und sagte im Scherz; „Da müsste ich auch ein großer Herr werden!“

Am dritten Tage wollten es einige Ritter und Grafen noch einmal versuchen und versammelten sich vor dem Glasberg. Der Junge bat den Koch wieder, er möchte ihm erlauben, aus der Ferne zuzusehen. Der Koch wollte ihm’s nicht abschlagen und sagte nur; „Du sollst dich aber versteckt halten, dass niemand dich sieht!“ Das versprach der Junge und eilte sogleich an seinen Platz. Die Ritter und Grafen versuchten’s, aber umsonst; sie stürzten alle herab, und mehrere blieben tot liegen. Der Knabe dachte: „Noch einmal willst du es auch versuchen; er warf seine Kleider von sich, nahm das goldene Zweiglein und eilte, noch ehe man’s merken konnte, woher er kam, durch die Menge bis zum Glasberg; alles wich vor ihm zurück. Da schritt er fest und sicher hinan, und das Glas gab nach wie Wachs und zeigte die Spuren, und als er oben war, überreichte er demütig das Goldzweiglein der Königstochter und bot ihr die rechte Hand; sie ergriff sie mit Freuden und wäre gern mit ihm den Berg hinabgestiegen. Der Junge aber machte sich frei und stieg allein hinunter und war wieder schnell unter der Menge verschwunden. Er legte seine Kleider an und eilte zurück an seinen Platz in die Küche.

Als der Koch nach Hause kam, erzählte er von den Wunderdingen, von dem schönen Jüngling mit den kupfernen Füßen, den silbernen Händen, den goldnen Haaren und wie er zum dritten Mal den Glasberg erstiegen, der Königstochter ein goldnes Zweiglein gereicht und ihr die Hand geboten habe, wie er aber allein wieder herabgestiegen und unter der Menge verschwunden sei; er fragte ihn, ob er das nicht gesehen hätte. Der Junge sagte wieder: „Nein, das habe ich nicht gesehen, das war ich selbst!“ Der...

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