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E-Book

Inside Islam

Was in Deutschlands Moscheen gepredigt wird

AutorConstantin Schreiber
VerlagUllstein
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl240 Seiten
ISBN9783843714983
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR

Millionen Muslime leben unter uns, doch wir wissen fast nichts über sie. Wie viele Muslime gibt es eigentlich in Deutschland und wie und wo gehen sie ihrem Glauben nach? Constantin Schreiber hat sich dafür auf die Suche gemacht und liefert den ersten deutschen Moschee-Report: Wo gibt es überall Moscheen und was predigen Imame beim Freitagsgebet? Wie wird über Deutschland gesprochen, wenn keine Kamera dabei ist und man sich unbeobachtet fühlt? Schreiber recherchiert in einer für viele unverständlichen Realität, die unsere Gesellschaft prägt wie nie zuvor.

'Der Weltenerklärer' - Süddeutsche Zeitung

'Unter deutschen Journalisten ist Schreiber zurzeit der Integrationsminister' – Süddeutsche Zeitung



Constantin Schreiber (*1979) moderiert die »Tagesschau« und das ARD-»Nachtmagazin« sowie das NDR-Medienmagazin »zapp« und berichtet vertretungsweise als ARD-Korrespondent aus dem Studio Kairo. Er spricht fließend Arabisch. Einen Namen gemacht hat er sich als Moderator von arabischen TV-Sendungen, zum Beispiel in Ägypten. Für die deutsch-arabische Talkshow »Marhaba - Ankommen in Deutschland«, in der er Geflüchteten das Leben in unserem Land erklärt, wurde er 2016 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Schreiber arbeitete nach Abschluss seines Jura-Studiums mehrere Jahre als Reporter in Beirut und Dubai. Er ist Herausgeber der Schriften des saudischen Bloggers und Sacharow-Preisträgers Raif Badawi, der wegen freier Meinungsäußerung inhaftiert ist. Mit seiner 2019 gegründeten Deutschen Toleranzstiftung setzt er sich für unterkulturellen Austausch im In- und Ausland ein.

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Leseprobe

Die Freitagspredigten


»Ich habe gerade den Obstgarten für einen Obstgarten im Paradies verkauft«


Ort Umar-ibn-al-Khattab-Moschee Berlin
Glaubensrichtung sunnitisch
Sprache Arabisch
Datum 24. Juni 2016
Thema die Armensteuer

Die Woche


Europa wird von einem politischen Erdbeben erschüttert: Die Briten stimmen für den Brexit, den Ausstieg aus der Europäischen Union. Das Ergebnis des Referendums stürzt die EU in die bisher größte Krise seit ihrer Gründung. Medien und Politik malen Szenarien, nach denen nach dem Brexit der Frexit, Italexit oder der Austritt der Niederlande aus der Europäischen Union folgen könnten. Rechtspopulisten wie Marine Le Pen (Frankreich) und Geert Wilders (Niederlande) verkünden, im Falle eines Wahlsieges ebenfalls EU-Austritts-Referenden abhalten zu wollen.

In Rom und Turin ziehen Kandidaten der Protestbewegung »Fünf Sterne« in die Rathäuser ein. Die italienische Hauptstadt wird fortan von der Rechtsanwältin Virginia Raggi regiert.

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) gibt erschütternde Zahlen heraus: 65,3 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht – mehr als jemals zuvor.

Die Moschee


Die Umar-ibn-al-Khattab-Moschee wurde 2010 eröffnet. Sie liegt in Berlin-Kreuzberg an einer prominenten Kreuzung. Viele Berliner kennen die Moschee, denn die Kuppel und die Minarette sind von der U-Bahn-Linie 1 aus gut zu erkennen, die auf einem Hochgleis an dem Gebäude vorbeiführt. Umar ibn al-Khattab war der zweite Kalif des Islams und damit einer der sogenannten rechtgeleiteten Kalifen. Er war ursprünglich ein Feind der jungen muslimischen Bewegung, wurde schließlich aber bekehrt und unternahm umfangreiche Eroberungsfeldzüge, unter anderem nach Ägypten und Syrien. 644 n.Chr. wurde er ermordet. Träger ist der »Islamische Verein für wohltätige Projekte« und damit die vom mystischen Sufismus beeinflusste, ursprünglich im Libanon beheimatete Al-Habasch-Bewegung.

Die Moschee nimmt eine komplette Straßenecke ein. Im Erdgeschoss gibt es einen Bio-Schnellimbiss – nicht billig, sondern edel. Daneben ein Reisebüro, das Flüge in alle erdenklichen türkischen Provinzhauptstädte anbietet. Durch eine Glasschiebetür betrete ich die Moschee. Ich staune. Die Einrichtung im Foyer ist sehr edel: feine Hölzer, aufwändige Verzierungen, Kristalllüster. Gegenüber der Eingangstür öffnet sich eine Flügeltür. In dem Gebetsraum ist Platz für etwa tausend Gläubige.

Es ist meine erste Freitagspredigt für dieses Buch. Ich habe ein komisches Gefühl. Zuvor war ich schon sehr häufig in Moscheen – in Kairo, in Beirut, in Dubai, aber auch in Deutschland. Aber eben noch nie zu einer Freitagspredigt. Es herrscht eine andere Stimmung als zum Beispiel an einem Tag der offenen Moschee. Ich wusste ja, wie das muslimische Freitagsgebet abläuft. Aber als ich dann im Gebetsraum sitze und sich alle zum Gebet erheben, frage ich mich: Mache ich jetzt mit? Werfe ich mich zu Boden und berühre mit der Stirn den Gebetsteppich? Versuche ich, nicht aufzufallen? Und stelle fest: Das möchte ich nicht. Ich möchte mich nicht verstellen. Das führt zu einer eigenartigen Situation: Ich stehe genau in der Mitte des Raumes mit mehreren hundert Gläubigen, die sich plötzlich auf den Boden knien – nur ich bleibe stehen und ernte verwunderte, fragende Blicke. Ich überlege: Ist es leichter, in einer Kirche »unerkannt« zu bleiben? Sicher, wir Christen haben auch feststehende Abläufe im Gottesdienst, sprechen gemeinsam das Vaterunser, folgen der Liturgie. Aber in diesem Moment in der Moschee, als sich hunderte gleichzeitig niederknien, um ihre Ergebenheit gegenüber Gott zu bezeugen, entsteht eine besonders starke Gruppendynamik. Sich dem zu entziehen, wie ich es tue, ist nicht vorgesehen.

Die Predigt


Friede sei mit euch und Gottes Gnade und Segen.

Lob sei Gott, wir danken Ihm und erhöhen Ihn und bitten Ihn um Vergebung. Vor den Übeln unseres Selbst und unseren schlechten Taten nehmen wir Zuflucht bei Gott. Wen auch immer Gott rechtleitet, den kann niemand irreführen, und wen auch immer Gott irreführt, den kann niemand rechtleiten. Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Gott in Seiner Einzigkeit und dass Er keinen Teilhaber noch Ihm Gleichartigen hat, und keine Stelle und keinen Ort und kein Wo und keinen Platz und kein Wie und keine Glieder und keinen Körper und keine Gestalt. Er war schon da, als es noch keinen Ort gab, und Er ist jetzt noch, was Er gewesen ist. Und ich bezeuge, dass unser Herr und Erhabener und Anführer und Augapfel Muhammad7 Sein Diener und Gesandter ist, Sein Auserwählter und Liebling, der die Botschaft überbracht und die ihm übertragene Aufgabe erfüllt und die Umma8 gut beraten hat.

Gottes Segen sei auf unserem Herrn Muhammad und seiner Sippe und allen Gesandten, die Er gesandt hat. Gott segne Dich und schenke Dir Heil, mein Herr, Gesandter Gottes. Gott segne Dich und schenke Dir Heil, mein Herr, Abu Zahra [Anrede Muhammads als Vater der Fatima], Abu l-Qasim [Beiname Muhammads], Muhammad.

Wir wissen keinen Ausweg und bitten Dich um Hilfe, hilf uns, Gesandter Gottes, so Gott will. Und weiter: Diener Gottes, ich rate euch und mir, Gott den Erhabenen zu fürchten.

Es sagt unser Gott, gesegnet und erhaben sei Er: »Ihnen wurde nichts anderes befohlen, als Gott zu verehren, rechtgläubig, im Glauben ihm allein sich anvertrauend, das Gebet zu verrichten und die Armensteuer zu entrichten. Das ist die Religion, die Bestand hat.« [98:5]9

Und der Gesandte Gottes, Gott segne ihn und schenke ihm Heil, sagt, wie von Muslim10 überliefert: »›Es gibt niemanden, der Gold oder Silber besitzt und dessen Anteil [in Form der Armensteuer Zakāt] nicht entrichtet, ohne dass ihm am Tag der Auferstehung Platten aus Feuer angefacht werden, die im Höllenfeuer erhitzt werden. Dann werden seine Seite, seine Stirn und sein Rücken mit ihnen gebrandmarkt. All dies wird an einem Tag geschehen, dessen Ausmaß fünfzigtausend Jahre beträgt, bis zwischen den Dienern [den Menschen] gerichtet wird und er [der Mensch] sieht, welchen Weg er nehmen muss: entweder zum Paradies oder zur Hölle.‹

Da wurde ihm gesagt: ›Gesandter Gottes, und was ist der Fall mit den Kamelen?‹ Er sagte: ›Es gibt niemanden, der Kamele besitzt und deren Anteil […] nicht entrichtet, ohne dass vor ihnen am Tag der Auferstehung eine sanfte Ebene ausgebreitet wird. Und es wird nicht ein einziges junges Kamel fehlen, und sie werden ihn mit ihren Hufen niedertreten und mit ihren Mäulern beißen. Sooft das erste von ihnen an ihm vorbeigegangen ist, wird das letzte wieder zu ihm geführt. All dies wird an einem Tag geschehen, dessen Ausmaß fünfzigtausend Jahre beträgt, bis zwischen den Dienern [den Menschen] gerichtet wird und er [der Mensch] sieht, welchen Weg er nehmen muss, entweder zum Paradies oder zur Hölle.‹

Es wurde dann gesagt: ›Gesandter Gottes, was ist denn der Fall mit Rindern und Schafen?‹ Da sagte er: ›Es gibt niemanden, der Rinder oder Schafe besitzt und deren Anteil nicht entrichtet, ohne dass vor ihnen am Tag der Auferstehung eine sanfte Ebene ausgebreitet wird. Und es wird von ihnen keines fehlen, das nicht ein krummes Horn, kein Horn oder ein gespaltenes Horn hat. Sie werden ihn mit ihren Hörnern stoßen und mit ihren Hufen niedertreten. Jedes Mal, wenn das erste von ihnen an ihm vorbeigegangen ist, wird das letzte wieder zu ihm kommen. All dies wird an einem Tag geschehen, dessen Ausmaß fünfzigtausend Jahre beträgt, bis zwischen den Dienern [den Menschen] gerichtet wird und er [der Mensch] sieht, welchen Weg er nehmen muss, entweder zum Paradies oder zur Hölle.‹«

Dieser Hadith, meine Lieben, enthält eine deutliche Mahnung für jene, welche die Armensteuer zu entrichten hatten und dies nicht getan haben. Die Armensteuer ist eine der größten Pflichten des Islams, die der Gesandte Gottes, Gott segne ihn und schenke ihm Heil, im Gabriel-Hadith11 genannt hat: Islam heißt, zu bezeugen, dass es keinen Gott gibt außer Gott und dass Muhammad sein Prophet ist, das Gebet zu verrichten, die Armensteuer zu entrichten, im Ramadan zu fasten und zum Haus [Gottes, also nach Mekka] zu pilgern. Die Armensteuer wurde den Besitzern von Vermögen, auf die Armensteuer fällig wird, von Gott, gesegnet und erhaben sei Er, auferlegt.

Wer die Armensteuer nicht entrichtet hat, aber von seiner Verpflichtung dazu überzeugt ist, [und] sagt, es ist eine Pflicht, die mir auferlegt wurde, aber sie aus Geiz nicht entrichtet hat, ist zwar nicht ungläubig [oder: lästert nicht Gott], hat aber gegen Gott, gesegnet und erhaben sei Er, eine große Sünde begangen. Er verdient es, dafür im Feuer der Hölle gemartert zu werden. Jenem Feuer, von dem es heißt, dass das irdene Feuer nur ein Siebzigstel des Feuers im Jenseits sei. Jenem Feuer, von dem es heißt, dass es tausend Jahre lang angefacht wurde, bis es rot wurde, dann noch einmal tausend Jahre, bis es weiß wurde, und dann noch einmal tausend Jahre, bis es schwarz wurde, ein finsteres Schwarz. Möge Gott, gesegnet und erhaben sei Er, uns vor ihm schützen und vor der Bestrafung im Grab.12 Die Armensteuer, meine Lieben, ist...

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