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Integratives Lehren und Lernen

Entwicklung und Begründung eines integrativen Unterrichtskonzepts unter besonderer Berücksichtigung der Grundschule

AutorDr. Gerold Schmidt-Callsen
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl251 Seiten
ISBN9783656542278
FormatePUB/PDF
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis27,99 EUR
Doktorarbeit / Dissertation aus dem Jahr 2013 im Fachbereich Pädagogik - Schulpädagogik, Note: 1,8, Christian-Albrechts-Universität Kiel (Institut für Pädagogik), Sprache: Deutsch, Abstract: In dieser Arbeit soll versucht werden, ein pädagogisches integratives Konzept mit dem Schwerpunkt Grundschule zu entwickeln. Im Mittelpunkt steht der Begriff integrativ. Damit ist gemeint,dass bei der Konstruktion eines Unterrichtskonzepts möglichst alle relevanten wissenschaftlichen Perspektiven berücksichtigt und zu einem Gesamtkonzept verdichtet werden sollen. Die Formulierung des integrativen Konzepts erfolgt in mehreren Schritten. Die einzelnen Schritte werden nach und nach aus dem ersten Schritt entwickelt. Dieser enthält die wichtigsten Grundannahmen und stellt den zentralen Bezugspunkt für die Entwicklung des Konzepts dar.Die Erörterungslinie ist dabei so konzipiert, dass sie vom Abstrakten zum Konkreten verläuft.

* 14.2.1948 in Hamburg geboren * 1970 bis 1973 Lehramtsstudium der Erziehungs- und Politikwissenschaft an der Universität Hamburg * 1973 bis 1975 Referendariat in Hamburg * 1975 bis 2012 Tätigkeit als Lehrer und Schulleiter in Hamburg * 2010 bis 2013 Zweitstudium an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel * 2013 Promotion an der Christian-Albrechts- Universität zu Kiel * seit 2013 Lehrbeauftragter am Institut für Pädagogik der Universität Kiel

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Leseprobe

2. Merkmale integrativer Entwicklung der Lebenswirklichkeit


 

2.1 Einleitung und Fragestellung


 

Nachfolgendes Kapitel soll die in Kapitel 1.2 herausgearbeiteten Merkmale integrativer Entwicklung der vier Bereiche der Lebenswirklichkeit weiter konkretisieren, um Möglichkeiten und Grenzen einer pädagogisch-unterrichtlichen Perspektive auszuloten und Kriterien für die inhaltliche Konzipierung eines integrativen Lehrplans unter besonderer Berücksichtigung des Primarbereichs zu entwickeln. Hier geht es also um die weitere Konkretisierung des Begriffs der Lebenswirklichkeit vor dem Hintergrund des integrativen Ansatzes. Dies soll im Folgenden abschnittsweise für alle vier Bereiche geschehen, die in Kapitel 1.2 mit Hilfe von Bronfenbrenner herausgearbeitet worden sind. Dabei kann es in diesem Rahmen nicht darum gehen, eine umfassende und vollständige Analyse der Lebenswirklichkeit zu erarbeiten. Es soll an dieser Stelle lediglich geklärt werden, welche zentralen Entwicklungen in der wissenschaftlichen Diskussion erörtert werden. Sodann wird der Versuch gemacht, mit Hilfe der oben gewonnenen Merkmale integrativer Entwicklung, pädagogische Konsequenzen im bereits erwähnten Sinne zu ziehen. Diese Merkmale werden die zentrale Orientierung für den zu entwickelnden Lehrplan sein und die Richtung des schulpädagogischen Konzepts angeben.

 

2.2 Der Bereich der engeren persönlichen Umgebung


 

Dieser Bereich umfasst in erster Linie die engere familiäre Situation. Sie soll, ohne den Anspruch auf eine vollständige und umfassende Erörterung zu erheben, mit dem Ziel betrachtet werden, zentrale und hinreichend gesicherte Erkenntnisse mit den integrativen Kriterien Geborgenheit, Verbundenheit und Zugehörigkeit zu konfrontieren.

 

Analysiert man die wissenschaftliche Debatte in Bezug auf die Situation der Kinder in den Familien, so ergibt sich folgendes Bild:

 

„Das ist sie, die westliche Gesellschaft: an der Oberfläche bunt und glänzend, darunter aber morsch und zerbrechlich. Auch in den kleinsten Einheiten, den Familien, zeigt sich das “ (Miegel 2010, S.137). Dieses Urteil wird von vielen in der Sache kompetenten Autoren geteilt (vergl. auch Schmidt-Denter/Beelmann 2010; Plewnia 2001; Scheerer 2010). Mögliche Gründe für diese Ansicht sind schnell genannt:

 

Jede zweite Partnerschaft scheitert (Miegel ebenda, S.137), (vergl. Schmidt-Denter/Beelmann; Plewnia ebenda). Das bedeutet aber auch, dass jede zweite Partnerschaft hält.

 

20% der Familien sind laut Armutsbericht des BMAS und Bericht des BMFSFJ zum Thema Alleinerziehende unvollständig, das heißt, ein Elternteil lebt nicht mit der Familie zusammen (vergl. Miegel ebenda, S.137). Andererseits sind demnach 80% vollständig.

 

Immer mehr Eltern wollen Beruf und Familie unter einen Hut bringen. Immer früher werden Kinder in Betreuungsinstitutionen abgegeben (Vergl. Scheerer, ebenda, Miegel ebenda, S.139). Dazu ist anzumerken, dass sich nicht jede Betreuung zum Nachteil des Kindes auswirken muss, zum anderen gilt das oben Gesagte nicht für alle Familien

 

20% der Kinder sind nach von Miegel zitierten Untersuchungen psychisch auffällig (Miegel ebenda, S.145). Geht man von diesem Prozentsatz aus, so ist das sicherlich alarmierend. Zu beachten ist jedoch, dass die Ursachen vielfältig und individuell unterschiedlich ausgeprägt sind. Zum anderen bedeutet die obige Zahl, dass 80% nicht psychisch auffällig sind, zumindest in keiner der einschlägigen Statistiken auftauchen.

 

Es findet kein ausreichender Spracherwerb statt. Jedes 4. Kind in der Grundschule kann nicht ausreichend lesen. Zwei Drittel der türkischstämmigen Migrantenkinder können nach der Grundschule nicht angemessen lesen (Miegel, ebenda, S. 132; Boston Consulting Group, Standortfaktor Bildungsintegration, 2009, S. 29, in: Miegel ebenda S. 132; Elger/ Kneip/ Theile 2009 in: Miegel ebenda, S. 132). 37 % der Kinder bekommen niemals etwas vorgelesen(Deutsche Bahn/Zeit/Stiftung 2008, S.11).

 

Hektik, Unruhe und Vernachlässigung der kindlichen Bedürfnisse infolge der Doppelbelastung der Mütter stellen ein weiteres Problem dar. Hierin sehen viele Pädagogen und andere Experten Gefahren für die kindliche Entwicklung wie Konzentrationsschwächen, ADHS-Syndrom, emotionale und soziale Störungen u.a.m. (vergl. Deutsches Kinderhilfswerk 2006, S. 6; Winterhoff 2009, S.107 ff.; Hölling u.a. 2007, S. 784-793 zit. nach Miegel 2010). Andere Fachleute bestreiten den ursächlichen Zusammenhang mit den genannten Störungen und sehen in der frühkindlichen Kinderkrippenerziehung eine Alternative für den familiären Elementarprozess(vergl. Freiberg 1988; Schubert 1996, S.83).

 

Viele einschlägige Autoren unterstellen eine tiefgreifende Verunsicherung in der Gesellschaft, was Erziehungsleitbilder und -methoden betrifft (vergl. Rogge 2010; ders.2004). Eine Fülle von Erziehungsratgebern ist die Folge dieser verbreiteten These. Das Wort von der Krise in der Erziehung macht die Runde (Arendt 2000; Bönsch 2006).

 

In der pädagogischen Literatur sind die Meinungen in Bezug auf zu hohen Leistungsdruck sehr gespalten. Während die eine Seite die zu hohen Erwartungen der Eltern in Bezug auf schulische Leistungen kritisiert, halten viele Autoren in der aktuellen Debatte hohe Leistungserwartungen für nicht kontraproduktiv im Hinblick auf die kindliche Entwicklung, wobei sich der Begriff Leistung in der Regel auf kognitive Fähigkeiten bezieht. Integrativ: Einseitigkeit schadet (vergl. Struck 2000, S.14; Hurrelmann 2003).

 

Miegel beklagt das Schwinden der Kreativität infolge mangelnder Erfahrungen im Singen und Musizieren (Miegel ebenda, S.147). Diese Feststellung mag für viele Kinder zutreffen. Allerdings gibt es auch eine große Anzahl von Eltern, die ihren Kindern privaten Musikunterricht angedeihen lassen (vergl. Mehlig 1996).

 

Eine Freizeit der Kinder, die zunehmend von strukturierten Kursangeboten besetzt wird, wird von einigen Autoren kritisch gesehen (vergl.Rolff /Zimmermann 1997). Das Ergebnis gemäß dieser Ansicht: Trennung vom Alltagsgeschehen und von der sozialen und natürlichen Umwelt. Die Gegenposition sieht darin einen Gewinn für die betroffenen Kinder. Sie halten dies für eine sinnvolle Ergänzung der schulischen Angebote( vergl. Mehlig ebenda; Ahlemann 2011).

 

Das zunehmende Ausmaß der Nutzung elektronischer Medien durch Kinder wird von vielen Autoren sehr kritisch gesehen (Postman 1997, Mander 1979, Hentig v. 2002; Rolff 2008; Müllert 1982). Die von den Autoren genannten Folgen wie Verlust von Wechselseitigkeit und unmittelbarer Weltbeziehung, Computersucht, Schwinden von langfristigen Beziehungen ergeben ein sehr problematisches Szenario. Deshalb warnen viele Medienwissenschaftler vor einer zu frühen und zu intensiven Nutzung. Andere Fachleute sehen in den neuen Medien neue Lernchancen und eine Erweiterung der Kontaktmöglichkeiten. Sie fordern die Förderung der Medienkompetenz von der ersten Klasse der Grundschule an (vergl. Schorb 2009; Hugger 2010; Krauthausen 2012).

 

Vor dem Hintergrund der integrativen Merkmale ergibt sich daraus folgendes Bild:

 

Merkmal Geborgenheit

 

Die Situation in einigen Familien ist durch Indizien gekennzeichnet, die auf erhebliche Defizite in diesem Basismerkmal integrativer Entwicklung schließen lassen. Hektik und Unruhe infolge der Doppelbelastung der Mütter in vollständigen Familien und in Familien mit einem alleinerziehenden Elternteil gleichermaßen führen zu einem akuten Mangel an Zeit füreinander. Das führt zu einer andauernden Situation des Alleinseins, des nebeneinanderher Lebens und der Verkümmerung der sozialen und emotionalen Beziehungen in der Familie. Kinder, die einer solchen Situation über längere Zeit ausgesetzt sind, erleiden Störungen im emotionalen und sozialen Bereich. Sie kommen dann oft mit erheblichen Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Störungen in Kindergärten und Schulen (Winterhoff ebenda, S.81ff.; Schubert 1996; Ettrich 2007). Sie können sich kaum auf strukturierte Lernsituationen konzentrieren, haben ein geringes Selbstbewusstsein, eine ebenso geringe Ausdauer und eine kaum ausgeprägte Fähigkeit, Frustrationen zu bewältigen und sich in einer größeren Lerngruppe zu orientieren (Schubert 1996; Ettrich 2007). Andererseits gibt es einen erheblichen Teil an Familien, in denen die Eltern oder zumindest ein Elternteil Zeit für ihre Kinder haben, wo man mit den Kindern, spricht, spielt, singt, vorliest, lacht und weint, kurz, wo Kinder ein gelungenes Maß an Geborgenheit erfahren und zu stabilen, emotional, sozial und kognitiv gut entwickelten Menschen heranwachsen (Engfer 1991; Motschmann 1986). Die einseitige Fixierung auf negative Entwicklungen in der Gesellschaft führt zu Kurzschlüssen und Einseitigkeiten in den bildungspolitischen und schulpädagogischen Schlussfolgerungen. Das kann zu untauglichen und realitätsfernen Konzepten beitragen. Dies wird in den Kapitel 4,5 und 6 noch ausführlicher zu erörtern sein.

 

Eine integrative Pädagogik jedenfalls muss unbedingt bestrebt sein, diese Einseitigkeiten...

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