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E-Book

Invasion der Zukunft

Die Welten der Science-Fiction

AutorHans-Peter von Peschke
Verlagwbg Theiss
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl320 Seiten
ISBN9783806233599
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis11,99 EUR
Science-Fiction, das sind kühne technische Visionen von gigantischen Städten, in denen Raumschiffe herumflitzen und Roboter weisen Herrschern jeden Wunsch erfüllen. Science-Fiction, das sind aber auch existenzielle Alpträume von der totalen Kontrolle, der Allmacht der Computer und dem Leben nach dem Atomkrieg. Willkommen in der Welt von ?Star Wars?, ?X-Men?, ?Dune? und ?Perry Rhodan?! Dieses Buch bietet einen konkurrenzlos umfassenden Überblick zu allen Themen der Science-Fiction in Literatur, Comic, Film, TV und Computerspiel. Pointiert geschrieben, klar gegliedert und amüsant zu lesen, nimmt es uns mit auf eine intergalaktische Zeit-Reise und verrät noch obendrein, was Zukunftsträume über unsere Gegenwart sagen.

Hans-Peter von Peschke studierte in Erlangen Geschichte, Gesellschaftswissenschaften und Pädagogik. Der promovierte Historiker war u.a. für den Bayerischen Rundfunk und das Schweizer Radio tätig. Für seine Arbeit als Journalist und Publizist erhielt er mehrere Preise und Auszeichnungen, so den Schweizerischen Journalistenpreis und den Radiopreis der Berner Stiftung für Radio und Fernsehen. Von Peschke ist Autor zahlreicher Bücher.

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Leseprobe

I. Technoträume


1. Alles ist machbar: Die Technik der Zukunft


Wenn es um Fortschritt geht, beginnen fast alle Science-Fiction-Geschichten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. So auch diese, in der ein durchschnittlich intelligenter US-Marshall mit seiner pubertären Tochter eine Autopanne im Nordwesten der USA hat. Er landet in einer Kleinstadt mit putzigen Holzhäusern, die aber anders ist als gewöhnliche Kleinstädte. Solarautos fahren herum, Roboter reinigen die Straßen und pflegen die Bäume und der Getränkeautomat gibt dem Kunden Empfehlungen. Kurzum, in der Stadt Eureka scheint der amerikanische Traum des „anything goes“ verwirklicht.

Weil gerade der Posten des Sheriffs durch einen Unfall frei geworden ist, übernimmt der Cop aus Los Angeles diesen Job. Eine seiner ersten merkwürdigen Erfahrungen macht Carter, als er in sein neues Haus einzieht. Alle Funktionen werden von S. A. R. A. H. übernommen, einer künstlichen Intelligenz, die als „Selbstständig Arbeitendes Rundum Automatisiertes Haus“ nicht nur Geschirrspülen und Putzen steuert, sondern sich auch als Beraterin in Lebens- und Liebesfragen von Vater und Tochter einmischt.

Erst später wird der wackere Sheriff herausfinden, wohin er da geraten ist: Die von der Öffentlichkeit abgeschirmte Stadt Eureka wurde in Oregon auf Anregung Albert Einsteins im Zweiten Weltkrieg gegründet, als Think Tank für streng geheime Experimente. Seitdem leben hier Nobelpreisträger und Wunderkinder, verschrobene Genies und fanatische Forscher. Die meisten von ihnen arbeiten in einem riesigen unterirdischen Laborkomplex der Firma „Global Dynamics“, hinter deren klangvollem Namen sich das US-amerikanische Verteidigungsministerium verbirgt.

Und dann sind da gewisse Vorfälle. Energiewirbel lassen riesige Löcher im Boden entstehen, in denen sogar Menschen verschwinden. Ursache ist ein Experiment im Keller eines von seiner Forschung besessenen Wissenschaftlers. Da werden plötzlich verschiedene Metalle zu Gold, zerfallen aber bald zu Rost. Später tauchen Duplikate von Einwohnern auf, mitten im Sommer wird ein Wissenschaftler zur Eisstatue, mittels eines Supermagneten werden Tonnen von Weltraumschrott Richtung Eureka angezogen. Es gibt Expeditionen in den Weltraum, Begegnungen mit Aliens und die Erfindung von Superwaffen. Als die Ereignisse immer turbulenter und dramatischer werden, greift man zur Zeitreise als letztem Mittel, um in der Vergangenheit die Gegenwart zu ändern, mit fatalen Folgen …

Vielen geht es ähnlich wie Sheriff Carter, wenn sie sich darauf einlassen, die Welten der Science-Fiction mit ihren unbegrenzten Möglichkeiten zu betreten. Verblüfft und etwas naiv lassen sie sich von diesem „anything goes“ faszinieren, staunen über die möglichen Wunder der Technik und fragen, ob das vielleicht bald schon alles Wirklichkeit wird. Sie schaudern ein wenig, wenn sich wieder einmal ein Wissenschaftler als Zauberlehrling versucht, sind froh über ein Happy End und nachdenklich, wenn es zur Katastrophe kommt.

Technoträume gibt es, seit es die Menschheit gibt. Zum Beispiel die Sage von Daedalus und Ikarus, der Traum vom Fliegen, eine Geschichte, die aber auch von Hybris und der Gefahr des Scheiterns berichtet. Noch mehr begeisterten sich frühe Erzähler für Wunderwaffen, Zauberstäbe, die Blitze verschleuderten oder Fluten auslösten, für Schwerter wie Balmung oder Excalibur. Im Zeitalter der industriellen Revolution und vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die Visionen wissenschaftlicher und konkreter, sie orientierten sich an der technischen Entwicklung.

Im Roman Ein Rückblick aus dem Jahr 2000 auf das Jahr 1887 von Edward Bellamy wird nicht nur das „Theatrophon“ beschrieben, eine spektakuläre Weiterentwicklung des gerade erfundenen Telefons, mit dem man die Musik ferner Orchester hören kann. Es gibt dort auch Flugautos, die Fußgänger werden durch Baldachine über den Gehsteigen vor schlechtem Wetter geschützt und in Fabriken wie im Haushalt erleichtern Maschinen den Menschen das Leben.

Auch bei den beiden größten Pionieren der Zukunftsromane – zu dieser Zeit gibt es den Begriff Science-Fiction noch nicht – Jules Verne und H. G. Wells ist die Technikbegeisterung des Jahrhundertendes zu spüren. Verne beschreibt Reisen zum Mond und durch das Sonnensystem, in das Erdinnere und auf den Grund des Meeres. Erst in seinem Spätwerk machte er sich wie Wells Gedanken über die Gefahren der Technik.

In Deutschland wurde 1910 der Sammelband Die Welt in 100 Jahren zum Bestseller. Dem Journalisten Arthur Brehmer war es gelungen, 26 bekannte Persönlichkeiten, unter ihnen etwa Bertha von Suttner, für Artikel zu allen möglichen Aspekten zu gewinnen.

In seinem Beitrag Das drahtlose Jahrhundert beschreibt Hugo Stoss eine Entwicklung, die die meisten von uns noch vor einem Vierteljahrhundert für höchst utopisch gehalten hätten: das Telefon in der Westentasche. Da heißt es:

„Die Bürger der drahtlosen Zeit werden überall mit ihrem ‚Empfänger‘ herumgehen … Einerlei, wo sie auch sein werden, sie werden bloß den ‚Stimm-Zeiger‘ auf die entsprechende Nummer einstellen brauchen, die sie zu sprechen wünschen, und der Gerufene wird sofort seinen Hörer vibrieren oder das Signal geben können, wobei es in seinem Belieben stehen wird, ob er hören oder die Verbindung abbrechen will. Solange sie die bewohnten und zivilisierten Gegenden nicht verlassen, werden sie es nicht nötig haben, auch einen ‚Sendapperat‘ bei sich zu führen, denn solche ‚Send-stationen‘ wird es auf jeder Straße, in jedem Omnibus, auf jedem Schiffe, jedem Luftschiffe und jedem Eisenbahnzug geben … Und in dem Bestreben, alle Apparate auf möglichste Raumeinschränkung hin zu vervollkommnen, wird auch der ‚Empfänger‘ trotz seiner Kompliziertheit ein Wunder der kleinen Mechanik sein.“ Ein Jahr später beschreibt Hugo Gernsback in seinem Buch Ralph 124C 41+ das 27. Jahrhundert. Gernsback, der später als Vater der Science-Fiction bezeichnet werden wird, ist selbst ein „124C 41+“, ein „one to (two) forsee (four-c) for (four) one plus“. In seiner Vision verrichten mechanische Wesen – noch werden sie nicht Roboter genannt – menschliche Arbeit. In der Welt des Jahres 2660 gibt es Elektromotoren und Leuchtstoffröhren, Radar und Solarzellen, Fernsehen und bemannte Raumfahrt. Seine Prognosen, dass die Schwerkraft aufgehoben, ein Mensch unsichtbar werden könne oder das Wetter in Zukunft kontrollierbar sei, sind aber auch heute noch utopisch.

Spätestens von diesem Zeitpunkt an bekommen viele Utopien und Zukunftsvorstellungen eine technische Komponente. Die Autoren versuchen, ihren Geschichten eine wissenschaftliche oder pseudowissenschaftliche Legitimation zu geben, die Fiction wird mit der Science kombiniert. Im Film geschah das vorerst nicht. Die Drehbuchautoren waren unbefangener und die dämonischen Hypnosekräfte eines Doktor Mabuse wurden, wenn überhaupt, nur sehr rudimentär erklärt.

Wegweisend für den deutschsprachigen Raum war Hans Dominik, der die frühe deutsche Science-Fiction geprägt hat und nach dem Ersten Weltkrieg zum Vorbild für Generationen von Autoren bis in die Fünfzigerjahre wurde. 1872 in Sachsen geboren, besuchte er das Gymnasium in Gotha, wo sein Mathematik- und Physiklehrer Kurd Laßwitz war, der als Erster die „Zukunftsliteratur“ im Deutschen Reich populär machte. Dominik wurde später Maschinenbau- und Elektroingenieur bei Siemens und Halske und war an mehreren Patenten beteiligt. Bald übernahm er dort das Literaturbüro – eine Vorform der Pressestelle – und machte sich später als freier Schriftsteller selbstständig. Er schrieb eine Reihe von „technischen Märchen“ für Zeitungen und Das neue Universum.

Nach dem Ersten Weltkrieg gelang ihm der Durchbruch mit seinem ersten Zukunftsroman Die Macht der Drei. Dieser enthielt schon die Muster, die Dominik später zum Erfolgsautor machen würden. Der Roman spielt im fiktiven Jahr 1955, in dem ein Krieg der USA mit dem britischen Empire droht. Drei Wissenschaftler haben einen teleenergetischen Strahler erfunden, mit dem sie die Weltmächte in die Schranken weisen. In den meisten seiner Romane stehen auf der einen Seite deutsche oder zumindest europäische Ingenieure oder Wissenschaftler, die ihre Errungenschaften gegen multinationale Konzerne oder Regierungen – oft sind es nicht ohne rassistische Untertöne Asiaten oder Afrikaner – verteidigen oder ihren Missbrauch verhindern müssen. Dominiks Romane beschäftigen sich mit Raketenantrieben, synthetischem Kautschuk, Tarnkappen, die unsichtbar machen, Strahlenwaffen, Hypnose und der Nutzung der Atomenergie. Auch ein Projekt, das Solarstrom von Afrika nach Europa bringt, wird angedacht. Der Erfolgsautor war erkennbar deutschnational und ließ sich durchaus vom Dritten Reich hofieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden seine Bücher neu aufgelegt und „gesäubert“, teils bis zu einem Drittel gekürzt. Trotzdem ist er – was den technischen Zukunftsroman betrifft – Vorbild für Utopien westdeutscher...

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