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Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus

Das Leben der Ise Frank. Ein biografischer Roman

AutorJana Revedin
VerlagDuMont Buchverlag
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl304 Seiten
ISBN9783832184353
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Ise Frank war weit mehr als die Ehefrau des Bauhaus-Gründers Walter Gropius und Sekretärin der berühmten Kunst-, Architektur- und Designschule. Doch heute kennt kaum noch jemand ihren Namen. Jana Revedin erzählt nun die spannende Lebensgeschichte der Ise Frank und nähert sich so der Historie des Staatlichen Bauhauses auf romanhafte Weise. Die Tochter einer großbürgerlichen jüdischen Familie beginnt nach Berliner Studienjahren eine Karriere als Buchhändlerin und Rezensentin in München. Ihr selbstbestimmtes Leben erfährt eine neue Wendung, als sie im Frühjahr 1923 den unkonventionellen Architekten Walter Gropius kennenlernt. Der baut gerade sein »Bauhaus« auf. Gropius' vier Worte »Ise, ich brauche Sie« verändern Ise Franks bisheriges Leben. Bald wird Walter Gropius, der sich bisher mit Frauen nur schmückte, ihr Mann, und Ise wächst in die Bauhaus-Idee hinein »wie in ein zweites Ich«. Geldsorgen, akademische Intrigen, leidenschaftliche Verstrickungen und der Niedergang der Demokratie im aufkommenden Nazideutschland können ihr gemeinsames Lebenswerk nicht schwächen.

Jana Revedin, geboren 1965 in Konstanz, ist Architektin und Schriftstellerin. Die Verfasserin von Standardwerken der Architekturtheorie hat sich auf die Reformarchitektur der Moderne spezialisiert. Nach ihrem Studium in Buenos Aires, Princeton und Mailand promovierte und habilitierte sie an der Universität Venedig. Heute ist sie ordentliche Professorin für Architektur und Städtebau an der Ecole spéciale d'architecture Paris. Sie lebt in Venedig und in Wernberg, Kärnten. www.revedin.com

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Leseprobe

»GESTATTEN SIE? WALTER GROPIUS, REBELLENARCHITEKT.«

Vor dem Portal warteten natürlich keine Seifenkisten, sondern der Chauffeur der Stadt Hannover in seiner mausgrauen Mercedes-Benz-Limousine. Beim Anblick des Referenten sprang er aus dem Wagen und öffnete Gropius und den jungen Damen den hinteren rechten Schlag. Sie stiegen alle drei auf die Rückbank und die Fahrt ging los, unter den duftenden Lindenalleen der Nienburger Straße hindurch bis zum Ende des Welfengartens, auf’s Leibnizufer und an der Leine entlang Richtung Altstadt. Beim vierspurigen Friedrichswall angekommen fuhr der Wagen eine Linkskurve, die Georgstraße hinauf und hielt an der Kreuzung des Theaterplatzes, vor dem Café Kröpcke.

»Die Damen begleiten mich doch?«, fragte Gropius jetzt, und Ise fiel auf, dass er die ganze Fahrt lang geschwiegen hatte.

War er verärgert über die Flucht des gesamten Professorenkollegiums? Oder hatte er, durch die Fragen aufgehalten, seinen Zug verpasst und musste im Kopf einen neuen Heimfahrplan schmieden?

»Mein Zug nach Berlin geht erst um Viertel vor neun, das ließe uns Zeit für ein Glas.«

»Keiner begleitet Sie zum Bahnhof?« Lise war fassungslos.

»Von den Herren Professoren?«

Er kräuselte säuerlich den Mund, dann lachte er laut, ein kurzes Lachen, das aufgesetzt wirkte. »Nein, nach Hannover eingeladen hat mich ja Ihr Oberbürgermeister Leinert, nicht die Hochschule. Wir waren Mittagessen, ein aufgeschlossener Mann! Das Gegenteil Ihres Rektors, möchte man meinen … Doch hat er bei der anhaltenden Putschfreudigkeit rund um den Ruhrkampf gerade keinen leichten Stand.«

Jetzt schien er sich zu besinnen, dass sie alle drei einander noch nicht vorgestellt, sondern nur wie alte Freunde aus dem Festsaal-Tumult geflüchtet waren, also setzte er sich gerade auf die Sitzbank und richtete in Sekundenschnelle mit einer präzisen Bewegung beider Hände seine Fliege.

»Gestatten Sie? Walter Gropius, Rebellenarchitekt«, sagte er mit dem Augenrollen des Seifenkistenjungen von vorhin. Er gab erst Lise, die neben ihm in der Mitte saß, einen Handkuss, dann beugte er sich zu Ise herüber.

Komisch konnte er sein, dieser Mann mit dem herben Zug um den Mund!

»Ise Frank«, sagte Ise, »ich bin gar nicht vom Fach, also kein Fan, tut mir leid, aber meine Freundin hier …«

»Lise Schmieden«, sagte Lise, sonst nichts.

Sie ließ den Namen wirken.

Gerade als Gropius »Ach« sagte, öffnete der Chauffeur auf Ises Seite den Schlag, und sie stiegen alle der Reihe nach aus dem Fond des Wagens aus. Gropius verabschiedete sich vom Fahrer, er werde von hier zu Fuß zum Bahnhof gehen, er lasse den Herrn Oberbürgermeister nochmals grüßen und ihm danken. Der Chauffeur salutierte, stieg wieder ein und fuhr den Wagen an. Passanten blieben stehen und schauten, die Limousine des Bürgermeisters, überhaupt jedes auf Hochglanz polierte Automobil erregte in der kleinen Stadt Hannover augenscheinlich immer noch ein gewisses Aufsehen. In Berlin, dachte Ise, wo inzwischen Zehntausende Kraftfahrzeuge registriert waren, war ein Serien-Mercedes keinen Blick mehr wert. Vor dem Adlon konnten zehn Limousinen mit den exotischsten Nummernschildern und verrücktesten Ausstattungen stehen und keiner sah sich mehr nach ihnen um.

Adolphe, der Chefkellner des Kröpcke, sprach Lise, als die drei ins Café eintraten, mit der gewohnten »Guten-Abend-das-schöne-Fräulein«-Begrüßung an, die Ise nur allzu gut kannte. Hier war der Herr Gropius aus Berlin nur ein Statist, und die Hauptrolle spielte Lise, die sich in den vergangenen Monaten ihres Gastsemesters in Hannover sozusagen im Kröpcke eingemietet hatte. Adolphe nahm allen die Staubmäntel ab, brachte dann aber keine Karte, sondern fragte: »Das Übliche, Mademoiselle?«

»Mir ein Bier«, sagte Gropius trocken. Er war jetzt, wo die Bauhaus-Verkaufsveranstaltung vorbei war und sein Zug nach Berlin in greifbarer Nähe, wohl schlagartig müde und gab das zu. Ise nickte ein »Mir auch« zu Adolphe hin, wozu Lise ihr einen Seitenblick schickte. Sie wusste, warum ihr nicht nach Sekt zumute war. Heute jährte sich der Tag, an dem Ises Mutter verunfallt war.

Adolphe bonierte die zwei Bier und das Glas Sekt noch im Stehen auf seinem schmalen Block, sprich: auf Lises Hauskonto, während die Damen jetzt auf dem theaterroten Ecksofa Platz nahmen. Gropius wartete, bis sie saßen, und griff sich dann das Sesselchen ihnen gegenüber.

»Jederzeit fluchtbereit«, dachte Ise.

Waren Architekten das von Haus aus?

Eigentlich eher nicht. Sie brauchten doch einen langen Atem und eine Eselsgeduld, wo ihre Werke sich über Monate planten und über Jahre bauten!

Dann Jahrhunderte bestehen bleiben sollten, egal, wie die Ansprüche der Gesellschaft sich veränderten!

Dieser Gropius war sicher kein Geduldesel. Doch in Verbindung mit beharrlichen, wenn nötig auch mal sturen Kollegen brachte er garantiert Schwung in ein Team. Sein Bauatelier wäre die ideale Kaderschmiede für Lise. Und jetzt dämmerte es Ise: Das also war der Grund für ihre Anhimmelei! Er war für sie die beste nur denkbare Karrierepartie!

Und er kam ja trotz seines Alters noch ganz passabel daher, Körperspannung, Aufmerksamkeit, Gewandtheit der Bewegungen, das manchmal aufkommende Blitzen im Blick, all das war, trotz des etwas abgekämpften Gesamteindrucks, ja noch da!

Ise würde dem Sichbeschnuppern der beiden also für ein Weilchen zusehen und sie dann hier sitzen lassen, die Straßenbahn nehmen und zurück nach Herrenhausen fahren. Es war Frühling, ein sehr warmer Frühling dieses Jahr, die Vögel würden noch singen, wenn sie durch den Georgengarten zurück zum Anwesen ihrer Mutter spazierte, dem weiß gekalkten Hof am Ende der Parkanlagen. Er lag einsam in einem weiten Birkenhain nahe des Kräutergartens, in dem einst die Essenzen der königlichen Apotheke gezogen worden waren. Gleich dahinter begannen die Teiche.

Der Hof war seit Jahren verwaist. Denn auch als Ises Mutter ihren Mann und die Kinder in Berlin verlassen und sich hier wieder angesiedelt hatte, war es gewesen, als huschte ein Geist durch die Alleen. Unfähig, sich eine Mahlzeit oder selbst einen Kaffee zu kochen, war sie stets außer Haus gewesen. Mit Vorliebe bei den Teichen. Bis zu ihrem letzten Tag.

Weiterhin jederzeit fluchtbereit rückte Gropius sein Sesselchen jetzt so weit vom Tisch weg, dass er im Reitersitz Platz nehmen konnte, mit kerzengeradem Rücken und perfekt im Lot platzierten Absätzen. Er hatte so den Überblick über das ganze Lokal. Ise bemerkte die sehr eng geschnittenen Hosenbeine mit hohem Aufschlag. Seine Hände legte er ordentlich auf die Tischkante des kleinen Gusseisentischs, die Ellenbogen blieben angelegt – kein vom Reitlehrer unter die Arme geklemmtes Buch wäre bei diesem ehrgeizigen Schüler je auf den Boden gefallen!

Er atmete aus und verschränkte die Finger auf der Marmorplatte. Das waren große Hände! Die traute man ihm gar nicht zu! Hände, die nach Wärme und Geborgenheit aussahen, ganz im Gegensatz zu den Fuchsaugen und dem herben Mund.

»Lise Schmieden«, nahm er die Unterhaltung von vorhin in der Limousine wieder auf, »ich kann nur annehmen, dass Sie etwas mit Heino Schmieden zu tun haben?«

»Nicht direkt, ich bin nur … eine Großnichte.« Lise wurde ein wenig rot, und das sah zu ihrem neuen Pagenschnitt und den scharlachroten Lippen ganz entzückend aus.

»Ich nur ein Großneffe«, schmunzelte Gropius, während er begann, mit dem Blick im Raum nach einer Uhr zu suchen. Als er sie über dem Kaffeesieder gefunden und sich versichert hatte, dass diese erst Viertel vor acht anzeigte – niemals hätte er wohl in Anwesenheit zweier junger Damen auf seine Armbanduhr geschaut –, entspannte er sich erstmals und lehnte seinen Reiterrücken an die Lehne seines Thonetsesselchens.

»Sie müssen wissen, Fräulein …«, er machte zu Ise gewandt eine kleine Pause, um mit »Fräulein« sicherzugehen, »… Frank, nicht wahr?«

Ise nickte.

Er nickte: »Die Frankfurter Linie?«

»Die Berliner Linie.«

»So! Und noch immer in Berlin zu Hause?«

»Zurzeit in München«, sagte Ise, und zum Glück kamen gerade die Getränke, denn sie hatte keinesfalls vor, hier die Konversation an sich zu reißen. Sie würde mit den beiden anstoßen, ein paar gute Schlucke trinken, sie hatte wirklich Durst nach den Stunden in diesem überfüllten Welfenschloss-Saal, und dann wären die beiden sie los.

»Sie müssen also wissen, Fräulein Frank, der Großonkel Ihrer Freundin und mein Großonkel begründeten ein seinerzeit ganz gut gehendes Berliner Architekturbüro, Gropius & Schmieden.« Er prostete Lise zu, dann auch Ise.

»Beide Schüler von Karl Friedrich Schinkel«, warf Lise leise ein.

Das hatte sie Ise noch nie erzählt!

»Andere Zeiten …«, winkte Gropius ab.

War das Bescheidenheit? Oder Wehmut?

»Doch Ihr Herr Onkel – Heinrich, nicht? – ist ja weiter aktiv?«, fragte Gropius jetzt nach.

»Oh ja, und er kann es kaum erwarten, mich im Büro zu haben. Allein … er ist ausschließlich mit Kliniken und Ambulatorien und Erziehungsanstalten befasst, nicht gerade meine Passion.«

»Und die wäre?«

»Theater!«

Theater? Das hatte sie Ise noch ebenso wenig erzählt!

Es entfuhr ihr ein: »Sag bloß …«

»Du weißt das noch nicht, Ise, aber ich habe in Berlin, noch vor meinem Gastsemester hier, einen experimentellen Kurs in Episches Bühnenbild belegt, und das hat mich hingerissen … Deshalb kam ich hierher nach Hannover. Wir sind nur eine Handvoll in Psychische Raumgestaltung …...

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