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Jetzt pack doch mal das Handy weg!

Wie wir unsere Kinder von der digitalen Sucht befreien

AutorThomas Feibel
VerlagUllstein
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl272 Seiten
ISBN9783843716406
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR

Kinder, die auf Handys starren: Der richtige Umgang mit Tablets und Smartphones ist zur erzieherischen Mammutaufgabe geworden. Wie können Eltern dem WhatsApp-Dauerchat etwas entgegensetzen? Sind handyfreie Zeiten sinnvoll? Was sind die Erfolgsrezepte anderer Familien? Deutschlands versiertester Medienexperte hat mit Eltern, Psychologen und Erziehern gesprochen und zeigt, wie wir uns exklusive Zeit für die Familie zurückerobern.

 



Thomas Feibel ist der führende Medienexperte in Sachen Kinder und Digitales in Deutschland und leitet das Büro für Kindermedien in Berlin. Als Kinder- und Jugendbuchautor widmet er sich Themen wie Cybermobbing und dem Aufwachsen in der digitalen Welt. Er hält Workshops zum richtigen Medienumgang in Schulen und arbeitet als Journalist u.a. für c't, WDR und Deutschlandradio. Thomas Feibel ist Vater von vier Kindern.

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Leseprobe

KAPITEL 2


Prävention –
Es ist nie zu spät für Schutz

Ab welchem Alter Kinder ein Smartphone haben und welche allgemeinen und erzieherischen Überlegungen diesem Schritt vorausgehen sollten

Schlagartig 13

Ich will ehrlich sein: Aus Gründen der Prävention waren meine Frau und ich uns total darüber einig, den Besitz eines eigenen Smartphones bei unserer jüngsten Tochter (damals 11) so weit wie möglich hinauszuzögern. Auch auf die Frage, wann sie den Zugang zu unserem WLAN erhält, hatte ich eine Antwort parat: »Wenn du 13 Jahre alt bist«, erklärte ich.

Bestimmt hätte mein entschlossener Tonfall darauf schließen lassen, dass meine konkrete Altersangabe auf einer umfassenden Durchforstung neuester Forschungsergebnissen beruhte. Auch hätte ich damit argumentieren können, dass Facebook, Instagram, WhatsApp und Snapchat ohnehin erst ab 13 Jahren offiziell erlaubt sind. Der wahre Beweggrund sah allerdings viel trivialer aus. Mein Diktum ging vielmehr von der völlig irrationalen väterlichen Vorstellung aus, dass es noch eine Ewigkeit dauern würde, bis das Mädchen 13 Jahre alt würde. Das gab uns, dachte ich seinerzeit jedenfalls, noch mal zwei Jahre Aufschub. Und dann schenkten ihr gute Freunde von uns ein aussortiertes iPhone. Einfach so.

Natürlich hätten wir diese Überrumplungsaktion in aller Ruhe aussitzen und warten können, bis sie das 13. Lebensjahr erreichte, um an unserem Plan festzuhalten. Doch wusste ich genau, wann ich mich geschlagen geben musste.

Drei Gründe, warum Prävention so wichtig ist

1. Schutz: Prävention bedeutet in erster Linie, die Weichen in der Medienerziehung so zu stellen, dass Kinder einerseits vor Gefahren geschützt sind. Dazu zählen unter anderem exzessiver Konsum, Suchtgefahr, bedenkliche Inhalte, Abzock- und Abofallen bis hin zu Kontaktaufnahmen in App-Spielen durch pädophil veranlagte Menschen und noch eine Menge Übles mehr.

2. Stark machen: Prävention ist anderseits aber auch das Starkmachen von Kindern, indem wir ihre Kompetenzen, ihre Kreativität im Umgang mit Medien und ihre Fähigkeit zur Selbstregulierung fördern. Es liegt an uns, Kindern früh zu zeigen, ob Tablets und Smartphones zur Unterhaltung und somit dem reinen Konsumverhalten dienen, oder ob wir ihnen damit eher ein mächtiges Werkzeug an die Hand geben wollen, das der Schraubenschlüssel zum Internet als freies und demokratisches Gestaltungsmedium ist. Wer als Kind einmal diesen Unterschied und die Macht des Gestaltens begriffen hat und praktiziert, wird sich mit der bloßen Berieselung nicht mehr zufriedengeben.

3. Je früher, desto besser: Prävention ist aber noch aus einem anderen Grund unglaublich wichtig: Ein Kind, das von klein auf weitgehend regelfrei mit Smartphone und Tablet herumhantieren durfte, lässt sich später im Teenager-Alter nur wenig bis gar nichts mehr sagen. Was dann bleibt, sind genervte Eltern, genervte Kinder und ein bisschen Türenknallen.

Darum gilt die Maxime: Je früher Prävention, desto besser.

Sind Smartphones überhaupt gut für Kinder?

Das ist die vollkommen falsche Frage. Denn Kinder kommen mit Smartphones schon deutlich früher in Berührung als mit anderen Medien. Bereits bei der Geburt werden Neugeborene damit fotografiert, damit das Bild im Familien- und Freundeskreis die Runde macht. Manche Verwandte begnügen sich auch nicht damit, dem Säugling eine Rassel oder ein Stofftier zu kaufen, sondern bringen als Präsent ein Spielzeug-Smartphone von Fisher-Price mit.

Hin und wieder dürfen Kleinkinder auch mal an Mamas oder Papas Apparat und sie mit »Hallo, hallo«-Rufen imitieren. Manche Einjährige spielen auf dem Autorücksitz erste Apps. Ältere Kinder haben entweder schon ein eigenes Gerät oder bekommen irgendwann eins.

Darum lautet die richtige Frage eher: Wie wollen wir damit umgehen?

Nur ist diese Auseinandersetzung gar nicht so einfach. Denn obwohl heutzutage fast jeder Erwachsene ein eigenes Smartphone benutzt, driften die Meinungen dazu stark auseinander. Schlimmer noch: Diese Problematik lenkt geradezu mitten in ein ideologisches Minenfeld hinein.

Bloß nicht: Die blinden Ablehner

Auf der einen Seite stehen die blinden Ablehner, die alles gnadenlos verteufeln. Gerade bei kleinen Kindern, so ihre Sorge, würde sich die Entwicklung des Gehirns verzögern. Und wenn sich Kinder wegen ihres Umgangs mit diesen Geräten weniger bewegen, hätte dies zudem später negative Folgen für das Lesen und Lernen. Zu den weiteren Problemen zählen entweder Schwierigkeiten mit dem Einschlafen oder reiner Schlafmangel. Bei der Beschäftigung mit für ihr Alter unangemessenen Inhalten kommen auch noch Ängste und Alpträume vermehrt hinzu. Sogar Psychosen, behaupten manche Experten, können auf diese Weise ausgelöst werden.

Auch Kinderärzte schlagen Alarm. In der BLIKK-Studie 2017 wurden Eltern und Kinder befragt. In ihr gehen die Mediziner davon aus, dass Kinder bis 12 Monate an Fütter- und Einschlafstörungen leiden können, wenn die Mutter sich um ihr Kind kümmert und gleichzeitig etwa das Smartphone nutzt. Weiterhin stellen die Kinder- und Jugendärzte in ihrer Studie fest, dass Kinder zwischen zwei und fünf Jahren schon bei 30 Minuten täglicher Nutzung des Smartphones zu deutlich höherer motorischer Hyperaktivität, Konzentrations-, Sprach- und Entwicklungsstörung leiden können. Bei den acht- bis 13-Jährigen sieht es ganz ähnlich aus, nur dass sich neben der Mediennutzung noch ein erhöhter Genuss für Süßigkeiten und damit einem Hang zu Übergewicht hinzugesellt. In beiden Altersgruppen bahne sich zudem Unruhe und Ablenkbarkeit ihren Weg. Darüber hinaus weist die Studie darauf hin, dass Jugendliche auch merken, wie ihnen selbst die Kontrolle über die Nutzung mehr und mehr entgleite. An all diesen durch medizinische Studien und wissenschaftliche Untersuchungen belegten Thesen ist durchaus etwas dran. Darum sind ja so beunruhigend.

Zum Beispiel warnt der bekannte Ulmer Hirnforscher Prof. Dr. Manfred Spitzer eindringlich davor, dass Smartphones bei Kindern zu schlechteren Noten, extremem Suchtverhalten und »digitaler Demenz« führe. Wenn ein Wissenschaftler seines Kalibers solche Thesen wortstark in Büchern und Talkshows vertritt, dann hat das Gewicht und macht Angst. Aber auch ratlos. Wer Spitzers Studien und Bücher kennt, weiß, dass der Mann ein äußerst kluger Gelehrter ist. Nur die recht schroffen Schlüsse, die der Hirnforscher als Mahner und Warner für eine ganze Gesellschaft und speziell im Zusammenhang mit Kindern aus seinen Forschungsergebnissen zieht, sind nicht immer nachvollziehbar. »Es gibt viele Leute«, erklärt Spitzer in seinem Buch Digitale Demenz, »die mit den digitalen Produkten sehr viel Geld verdienen und denen das Schicksal von Menschen, insbesondere von Kindern, egal ist. Man kann zum Vergleich durchaus die Waffenproduzenten und -händler anführen, deren Geschäft bekanntermaßen der Tod anderer Menschen ist.«

Ganz schön krass! Aber vielleicht sind solche Provokationen gar nicht so schlecht, um uns generell zum Nachdenken anzuregen.

Prof. Spitzers Argumente haben allerdings auf seine Klientel leider eine ganz und gar ineffektive Wirkung: Statt sich vom renommierten Hirnforscher aufgerüttelt mit dem Thema ernsthaft auseinanderzusetzen und sich auch inhaltlich auf den Weg zu machen, lehnt sich ein Teil seiner Leser lieber mit verschränkten Armen zurück, da er ja schon immer gewusst hat, wie schlecht und gefährlich die Internet- und Computerwelt ist.

Nur nützen Spitzers Aussagen Eltern in ihrer alltäglichen Erziehungsarbeit sehr wenig, und ihnen hat er auch keine praktikablen Lösungen anzubieten. Das ist schade. Meiner Meinung nach sieht das grundsätzliche Problem mit Spitzers Thesen so aus: Sobald es um Kinder geht, verweigert der Hirnforscher den Neuen Medien ihren Status als Kulturtechnik.

Was sollen wir denn jetzt tun? Sicher, eine Kindheit ohne Smartphone, Internet und Fernseher ist möglich – nur eben verdammt unrealistisch.

Alles überhaupt kein Problem: Die blinden Befürworter

Auf der anderen Seite stehen die blinden Befürworter, die in Smartphones und Tablets überhaupt keine Probleme sehen. Zwar erkennen sie die neue Kulturtechnik ohne großes Wenn und Aber an, wedeln aber dafür wie religiöse Eiferer mit der Flagge der Medienkompetenz herum. Ginge es nach so manchen Technikbegeisterten, Medienpädagogen und Mama-Bloggerinnen, könnten Kinder gar nicht früh genug an diesen Geräten tätig werden. Überall schießen zudem Pilotprojekte mit Tablet-Kindergärten und Tablet-Schulklassen aus dem Boden. Die technische Ausstattung wird dabei häufig mit dem Füllhorn ausgeschüttet, nur an entsprechenden Konzepten herrscht oft eklatanter Mangel. Und wenn Manfred Spitzer hinter diesen Aktionen den langen Arm der Industrie wittert, die mit Bildungshäusern ihre Geschäfte abschließen wollen, mag er damit auch nicht ganz Unrecht haben.

Das war übrigens schon damals bei der Einführung der Lernsoftware so. Plötzlich erhielten Schulen über Nacht nagelneue Computerräume mit nagelneuen Netzwerk-Betriebssystemen. Dummerweise kannte sich kaum jemand im Lehrerzimmer damit aus; zudem liefen 90 Prozent der auf dem Lernsoftware-Markt befindlichen Titel nicht darauf, weil die Produkte der Schulbuchverlage mehr auf den Lernnachmittag und die Eltern als Käuferzielgruppe abzielte. Und Konzepte? Fehlanzeige. Dafür bekamen Lehrkräfte bei zahlreichen von Technologieriesen veranstalteten Fortbildungen Office-Pakete geschenkt.

Auch die blinden Befürworter arbeiten übrigens gerne mit den...

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