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Katharina II. von Russland im Diskurs der Sexualität

AutorOliver Gajda
VerlagVerlag für Wissenschaft und Forschung
Erscheinungsjahr2002
Seitenanzahl131 Seiten
ISBN9783897003460
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis24,90 EUR
Die Zarin der Liebeslust?

"Katharina II von Russland war am Ende des 18. Jahrhunderts eine der bedeutensten Persöhnlichkeiten Europas. Heute, 200 Jahre später, sind ihre politischen und kulturellen Errungenschaften in einer Vielzahl von akademischen und biografischen Arbeiten ausführlich nachzulesen. Dennoch bleibt die populäre Darstellung der russischen Zarin von Obszönitäten geprägt. So berichtete das politische Wochenmagazin Der Spiegel von einem “Liebesnest der Zarinnen“ – „eine pornographische Rarität” – während die Tageszeitung The Wall Street Journal im Frühjahr 2002 behauptete, dass die “Pferdegeschichte” das wohl bekannteste Stück europäischer Geschichte sein müsse.

Die hier vorliegende Untersuchung analysiert die Verbreitung narrativer Fiktion auf Basis von Diskursanalyse und soziologischer Gestalttheorie. Das Ergebnis stellt die Bedeutung tradioneller und hermeneutischer Geschichtsschreibung in Frage. In welchem Verhältnis stehen akademische Geschichtsschreibung und fiktive Erzählung zueinander?"   

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Kapitelübersicht
  1. Inhalt
  2. John T. Alexander: Catherine the Great and Sex und Vorwort des Verfassers
  3. 1 Einleitung
  4. 2 Zarin Katharina II
  5. 3 Diskurs und narrative Fiktion
  6. 4 Diskurs der Sexualität
  7. 5 Gestalt als Instrument der Analyse
  8. 6 Analyse der narrativen Fiktion
  9. 7 Fazit und weiterführende Fragestellungen
  10. Quellen- und Literaturverzeichnis
Leseprobe
4.3 Der Wandel vom Sex zur Sexualität (S. 30-31)

Eine Frage, die hier vor der weiteren Betrachtung des Sachverhaltes beantwortet werden muss, lautet: War der Sex auch zu Zeiten Katharinas II. von einer angeblich derartig wichtigen Bedeutung? Am offensichtlichsten wird die Bedeutung des Sex vor dem 19. Jahrhundert, wenn die gesellschaftlichen und sexuellen Veränderungen betrachtet werden, die der Diskurs der Sexualität in den westeuropäischen Gesellschaften mit sich brachte.

Bei Foucault wurde bereits darauf hingewiesen, dass die Sexualmoral im 18. Jahrhundert noch vorwiegend vom kanonischen Recht beeinflusst wurde. Sexuelle Beziehungen fanden innerhalb der auf Produktion orientierten Haushalte statt. Der Sozialforscher Schmidt zeigt auf, dass die Produktions- oder Haushaltsfamilie, wie sie noch im 18. Jahrhundert mehrheitlich existierte, keine Fortpflanzungsgemeinschaft darstellte. Männer, Frauen und Kinder verschiedener Generationen waren durch ihre Produktivität bestimmt und austauschbar, Blutsverwandtschaft spielte keine Rolle. Beziehungen waren sachlich und durch die kurzfristigen Arbeitsverhältnisse geordnet.

Erst mit der aufkommenden Industrialisierung und den damit veränderten Lebensbedingungen traten auch Veränderungen in der Familienstruktur auf. Durch den Funktionsverlust der Hausgemeinschaft der Produktionsfamilie und die neuen Bedingungen des Zusammenlebens, kam es zu einer emotionalen Änderung des Familienlebens. Vier Symptome stellt Schmidt vor: die Häuslichkeit, die romantische Partnerwahl, die Gattenliebe und die Elternliebe.

So schreibt er, dass die Häuslichkeit durch das Entfernen der Produktion aus dem Haushalt entstand. Der Abend würde im Kreis der biologischen Familie verbracht und nicht mehr mit allen Mitgliedern der Produktionsfamilie. Die Frau sei am Produktionsprozess nicht mehr oder nur wenig beteiligt, dafür aber an der Kindererziehung um so stärker. Die Frau verliere damit ihre Gleichbeteiligung bei der Produktion.

Bei der romantischen Partnerwahl werde die Neigungsehe zum Ideal, obwohl ökonomische Einflüsse durchaus nicht ganz verschwänden. Die Partnerschaft werde zu einer hervorzuhebenden Beziehung zwischen zwei ganz bestimmten Menschen, zwischen diesem Mann und dieser Frau. Es stünde nicht mehr im Vordergrund, die ökonomischen Rahmenbedingungen der Produktionsstätte zu erfüllen.

Durch die Gattenliebe werde die durch romantische Partnerwahl geschlossene Ehe aufrechterhalten. Diese Liebe sei eine "vernünftige Liebe", die Austauschbarkeit eines Partners wird verneint und das Jenseits wird zum Ort der Wiedervereinigung nach dem Partnertod. Der Sex spiele hierbei die Rolle einer Pflicht und sei kein Ausdruck von Liebe. Der Zusammenhalt der Produktionsfamilie wäre bis dahin durch die ökonomischen Bedingungen geschaffen worden.

Das letzte Symptom sei die Elternliebe. Die Aufzucht werde zur Elternsache, vor allem zur Muttersache, und emotional. Die Erziehung orientierte sich an Schule und Beruf. Das gemeinsame Anleiten der Kinder durch alle Mitglieder der Produktionsfamilie verschwindet genauso wie das Weggeben an Ammen und Internate bei wohlhabenden Eltern.

Allgemein bekannt sind die weitläufigen Änderungen der Affekthandlungen, wie sie von Elias , Giedeion , Corbin und Ariès untersucht wurden, die sich im Zuge der industriellen Entwicklung in Europa ergeben haben. So wandelte sich beispielsweise das Ess- und Trinkverhalten zu einer Kultur mit vielfältigen Werkzeugen und vornehmer Ruhe. Solch ein Wechsel in der Wahrnehmung von Affekthandlungen gab es auch beim Empfinden von Geruch. Den groben und derben Gerüchen wie Jauche, Verwesung und Exkrementen wurde der Rücken zugekehrt und sich den feinen und erlesenen Gerüchen wie Blumen und zarten Parfüms gewidmet. Auch das Schlafen wurde von einer gemeinsamen zu einer persönlichen und verborgenen Sache mit getrennten Wohn- und Schlafräumen; das ungenierte nackt Ausziehen und gemeinsame Schlafen aller im gleichen Raum und von mehreren Mitgliedern der Produktionsfamilie in einem Bett entfiel.
Inhaltsverzeichnis
I. Inhalt6
II. John T. Alexander: Catherine the Great and Sex8
III. Vorwort des Verfassers12
1 Einleitung14
2 Zarin Katharina II.18
2.1 Biografieforschung zu Katharina II.18
2.2 Das Image von Katharina II. und Pornografie24
2.3 Zwischenfazit28
3 Diskurs und narrative Fiktion30
3.1 Geschichte und narrative Darstellung im 20. Jahrhundert30
3.2 Narrative Strukturen als historische Quelle32
3.3 Praktische Ansätze34
3.4 Zwischenfazit36
4 Diskurs der Sexualität38
4.1 Der Diskurs der Sexualität bei Foucault39
4.2 Der wissenschaftliche Anteil am Diskurs der Sexualität41
4.3 Der Wandel vom Sex zur Sexualität42
4.4 Der pornografische Teil des Diskurses der Sexualität45
4.5 Die Problematik Sex, Sexualität und Pornografie in Russland52
4.6 Zwischenfazit55
5 Gestalt als Instrument der Analyse57
5.1 Tönnies Soziologie als theoretische Basis59
5.2 Gestalt als soziales Bündnis61
5.3 Zwischenfazit66
6 Analyse der narrativen Fiktion67
6.1 Inhalt69
6.2 Distributionskanäle94
6.3 Die Symbolik98
6.4 Bündnisteilnehmer102
6.5 Zwischenfazit104
7 Fazit und weiterführende Fragestellungen112
8 Quellen- und Literaturverzeichnis117

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