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Katholisches Medienhandbuch

Fakten - Praxis - Perspektiven

AutorAndreas Busch, Dieter Anschlag, Ingo Brüggenjürgen, Jens Albers, Klaus, Martin Choroba, Thomas Belke
VerlagButzon & Bercker GmbH
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl256 Seiten
ISBN9783766642097
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis19,99 EUR
Der rasante Medienwandel stellt die katholische Kirche und ihren Kommunikationsauftrag vor enorme Herausforderungen. Wie kann sich Kirche in einer durch Medien bestimmten Gesellschaft noch Gehör verschaffen? Sind Kirche und Medien überhaupt kompatibel? Und wie gelingt ihr der Spagat zwischen ihrer Aufgabe authentisch zu verkündigen und sich zugleich an die Eigenlogik der Medien anpassen zu müssen? Kirche wird sich den Veränderungen stellen müssen, auch weil traditionell kirchliche Medien ihre Adressaten und so ihre Bedeutung zunehmend verlieren werden. Im vorliegenden Handbuch geben über vierzig Autoren, alles renommierte Fachleute, einen umfassenden Überblick über den "Medien-Player" Katholische Kirche und diskutieren theologische und inhaltliche Herausforderungen einer säkularisierten Mediengesellschaft. Herausgeber ist der Vorsitzende der Medienkommission der Deutschen Bischofskonferenz und Bischof von Rottenburg - Stuttgart, Gebhard Fürst. Inhaltlich wurde das Medienhandbuch von zwei ausgewiesenen Kennern der katholischen Medienarbeit, David Hober und Jürgen Holtkamp zusammengestellt.

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Leseprobe

2. Religion, Kommunikation und Medien

 

Michael N. Ebertz, Professor an der Katholischen Hochschule Freiburg und Privat­dozent an der Universität Konstanz

 

Kommunikation und Medialität gehören zur Religion, das ist „ihr Normalfall“26. Allerdings geht es bei der Thematisierung von medialer „Kommunikation“ im Zusammenhang mit Religion nicht um Banales, denn zum einen steht fest: „Nur als Kommunikation hat Religion ... eine gesellschaftliche Existenz. Was in den Köpfen der zahllosen Einzelmenschen stattfindet, könnte niemals zur Religion zusammenfinden – es sei denn durch Kommunikation.“27 Dies gilt für die aktuelle Präsenz von Religion ebenso wie im Blick auf ihren jeweiligen Ursprung, ihre Tradierung und den in ihr gepflegten Dia­log zwischen dem Göttlichen und Menschlichen, in monotheistischen Religionen also Gebet, Verehrung und Offenbarung als Selbstmitteilung Gottes. Darin gibt Gott aus der Sicht der Gläubigen den Menschen etwas zu verstehen, wie umgekehrt ihm – etwa im Lob-, Dank- oder Klagegebet – etwas zu verstehen gegeben wird. Und auch die missionarische Sendung, die zum Selbstverständnis vieler Religionen gehört, ist ohne Kommunikation nicht realisierbar.

 

Zum anderen hat religiöse Kommunikation ein „besonderes Verhältnis zur Wahrnehmung“28, geht es doch um Mitteilungen, Verstehen und Glauben von Unglaublichem („Gott ist Mensch geworden“) und von Sachverhalten, welche die Wahrnehmung übersteigen – „kein Auge hat es gesehen, kein Ohr gehört“. Gott ist empirisch nicht verfügbar und bedarf des – kommunikativen – „Amen“ – nicht nur in der Kirche.

 

Noch ein weiterer Aspekt zeigt die hohe Bedeutung des Zusammenhangs von Kommunikation und Religion. Wie ein Blick auf die Geschichte des Christentums zeigt, ist trotz oder sogar wegen dieses speziellen Verhältnisses der religiösen Kommunikation zur Wahrnehmung die Wahl des Kommunikationsmediums nicht gleichgültig, sondern hochgradig normativ besetzt und somit ein Konfliktthema.

 

  • Welche Kommunikationsmittel (Tanz, Bild, Ritus, Schrift, Predigt) sind für die Gottesverehrung zugelassen und welche nicht?
  • Mit welchen Kommunikationsmitteln ist die Treue zum Ursprung (Ritus oder Schrift oder Lebensnachahmung) zu sichern?
  • Mit welchen Kommunikationsmitteln ist die religiöse Verbundenheit untereinander, also zwischen den „Gläubigen“, zu gewährleisten?
  • Mit welchen Kommunikationsmitteln sind die religiösen Heilswahrheiten auszulegen, die Heilsmittel zu spenden und zu verkündigen?

 

In diesem Zusammenhang muss die Reformation in ihrer Eigenschaft als Kampf um das rechte Medium der Glaubenskommunikation29 als Medienrevolution gesehen werden, die schließlich – über die Druckerpresse – auch zu einer wachsenden Marktorientierung und Demokratisierung bzw. Popularisierung der Religion beigetragen hat30. Damit wird auch Gott bzw. werden bestimmte Gottesbilder wählbar und abwählbar 31. Kaum weniger bedeutend ist deshalb die Frage, wer über die jeweiligen Kommunikationsmittel verfügen darf („Schriftgelehrte“) und wie die Bedingungen der religiösen Kommunikation beschaffen sind.

 

 

Kommunikationsbedingungen und -medien in der Geschichte des Christentums

 

Kann einer Religion jede Kommunikationsbedingung recht sein? Die Kommunikationsbedingungen und Kommunikationsmittel waren zu frühchristlichen Zeiten völlig andere als im Christentum der voll durchmedialisierten Gegenwartsgesellschaft. Seine Frühgeschichte war primär durch orale Kommunikation unter Anwesenden bestimmt. Predigend, bezeugend, bekennend und diskutierend kommunizierte Jesus, „der Aussteiger, der seinen Beruf aufgab und sich von der Verwandtschaft trennte“, in direkter Interaktion auch seine prophetisch-charismatische Kritik am Tempel und seinem Kultbetrieb, die „ihm am Ende das Leben gekostet hat“32.

 

Danach wurde der „Wortverkündiger“33 selbst – vermittelt auch über eine mündlich und schriftlich tradierte Sammlung seiner Sprüche, die Logienquelle – zum „gepredigten Jesus“, also zum Kommunikationsobjekt in der frühchristlichen Bewegung. Nicht zuletzt zur kommunikativen Bestätigung der von ihr verkündigten „Unerhörtheiten“ (der Botschaft vom Mensch gewordenen, gekreuzigten und auferstandenen Gott), sondern auch zur Vernetzung der neu gegründeten, räumlich voneinander unabhängigen christlichen Gemeinden, bediente sie sich – unter Rückgriff auf die jüdische Praxis der sogenannten Synagogenbriefe, welche das jüdische Zen­trum in Jerusalem mit den Diasporagemeinden kommunikativ überspannten – der Form des Briefes, der „als ein nachgehendes, bewegliches, die persönliche Anrede suchendes und so auch verbindliches Medium“ erscheint34. Zusammen mit den Evangelien wurden 22 Briefe (einschließlich der Johannesapokalypse) nicht nur „zum Grundstock für die Schriftensammlung des Neuen Testaments“, sondern auch „prägend für die theologische Kommuni­kation“35 des Christentums als „Buchreligion“. Briefe und Evangelien wurden aber auch Bestandteile ritueller Kommunikation36, die allen Gläubigen ein Schema auferlegte, mit dem Ergebnis, dass Elemente des Ritus wie des Bildes die religiöse Kommunikation vervielfältigten und somit die mündliche und schriftliche Kommunikation ergänzten, diese schließlich aber auch überlagern und verdrängen konnten. Die Reformation schließlich kann als eine „Phase der Neuordnung und Hierarchisierung der religiösen Medienkonstellation“37 betrachtet werden, die das Mediendreieck aus „Sprache“, „Bild“ und „Ritus“ zusammen mit dem Buchdruck zugunsten der Sprache, also der Bibel, des Katechismus und der diesen vorangestellten Predigt, umschichtete.

 

Infolgedessen wurde der Status anderer Kommunikationsmodi – auch das allein „innere Wort“ – abgewertet. Nicht die rituelle Kommunikation verbinde Himmel und Erde, Gegenwart und religiöses Ursprungsgeschehen, den einen mit dem anderen Gläubigen, sondern die Predigt, welche die „Verbalpräsenz Gottes“38 garantiert. Nicht aus dem Lesen der Bibel komme der Glaube, sondern aus dem Hören der Predigt, hatten doch auch Jesus wie seine Jünger keinen Schreibauftrag.

Die voll durchmedialisierte Gegenwartsgesellschaft, in der fast alle Menschen „publizistisch“ erfasst werden und sich eine Vermehrung und Vervielfältigung der Kommunikationsmedien in historisch unvergleichlichem Ausmaß abzeichnet, ermöglicht den christlichen Konfessionen wie den anderen Religionen nicht nur Vis-à-vis-Kommunikation in Form von Ritus und Predigt, sondern stellt als diese überschreitende Verbreitungsmedien Schrift und Bild, Buchdruck, Massen- und elektronische Medien gleichzeitig zur Verfügung.  

 

Nur diese „Rückkehr zum oral-verbalen Originalmodus der ‚Glaubenskommunikation‘, wie ihn die Evangelien für die schriftlosen Anfänge der Christenheit so sicher (und schriftlich) bezeugen“39, sichere aus protestantischer Perspektive kommunikativ die Ursprungstreue und damit auch den rechten Verkehr mit Gott und der Gläubigen untereinander. Die Schriftform der Bibel, notwendig zwar, um das Evangelium zu bewahren und vor Fehldeutungen zu schützen, gilt als „toter Buchstabe“, der den Geist tötet und insofern als „ein defizitärer Modus der Kommunikation, ... die immer erst der Überführung in zumindest irgendeines Menschen Gegenwart bedarf, um zum ‚kommunikativen Leben’ zu erwachen“40.

 

 

Kommunikationsbedingungen gegenwärtiger Religion

 

Wir leben in einer Zeit, in der sich – ähnlich wie zu Zeiten der Reformation – die Kommunikationsbedingungen im Allgemeinen und die Kommunikationsbedingungen der Religion im Besonderen nachhaltig verändert haben.

 

Die voll durchmedialisierte Gegenwartsgesellschaft, in der fast alle Menschen „publizistisch“ erfasst werden und sich eine Vermehrung und Vervielfältigung der Kommunikationsmedien in historisch unvergleichlichem Ausmaß abzeichnet, ermöglicht den christlichen Konfessionen wie den anderen Religionen nicht nur Vis-à-vis-Kommunikation in Form von Ritus und Predigt, sondern stellt als diese überschreitende Verbreitungsmedien Schrift und Bild, Buchdruck, Massen- und elektronische Medien gleichzeitig zur Verfügung.

 

Im Unterschied zur gestischen, mimischen oder mündlichen Kommunikation entkoppelt bereits die schriftliche Kommunikation „die Einheit der kommunikativen Grundoperation von Information, Mitteilung und Verstehen raum-zeitlich in dem Sinne, dass das Verstehen interaktionsfrei erfolgt und in Bezug auf den Zeitpunkt, den Ort und den Adressaten unterbestimmt...

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