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Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung

Die Krise der heutigen Ökonomie oder Was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können

AutorUlrike Herrmann
VerlagWestend Verlag
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl288 Seiten
ISBN9783864896439
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
' Die herrschende ökonomische Lehre bildet nicht die Realität ab. Bereits bei Smith, Marx und Keynes hingegen findet sich fast alles, um unser Wirtschaftssystemzu verstehen.' Warum kommt es zu Finanzkrisen? Warum sind die Reichen reich und die Armen arm? Wie funktioniert Geld? Woher kommt das Wachstum? Schon Kinder stellen diese Fragen - aber die Ökonomen können sie nicht beantworten. Viele basteln an theoretischen Modellen, die mit der Realität nichts zu tun haben. Leider kosten die Irrtümer der Ökonomen nicht nur Milliarden, sondern sogar Menschenleben. Wer verstehen will, was falsch läuft, muss die Klassiker kennen: Adam Smith, Karl Marx und John Maynard Keynes. Sie werden an den Universitäten kaum, falsch oder gar nicht mehr gelehrt. Dabei haben diese drei Theoretiker die besten Antworten gegeben. Man muss sie neu entdecken.

Ulrike Herrmann arbeitet als Wirtschaftskorrespondentin bei der 'tageszeitung' (taz). Zudem ist sie regelmäßiger Gast im Radio und im Fernsehen. Herrmann ist ausgebildete Bankkauffrau und hat an der FU Berlin Geschichte und Philosophie studiert. Zuletzt erschienen im Westend Verlag ihre Bestseller 'Hurra, wir dürfen zahlen' (2010), 'Der Sieg des Kapitals' (2013) sowie 'Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung' (2016).

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Leseprobe

3 Vom Bäcker bis zum Freihandel: Der Wohlstand der Nationen (1776)


Von Adam Smith stammt die vielleicht berühmteste Metapher der Ökonomie: »die unsichtbare Hand des Marktes«. Selbst wer noch nie von Smith gehört hat, kennt oft dieses eine Schlagwort, das sein Werk angeblich zusammenfassen soll. Es suggeriert, dass Smith behauptet hätte, dass der Staat nur stört und der freie Markt alles richtet, weil dieser wie durch Zauberhand automatisch Reichtum hervorbringe.1

Doch diese Interpretation wäre ein Missverständnis. Die »unsichtbare Hand« kommt in dem ganzen Buch nur ein einziges Mal vor – und zwar weit hinten. Auch der »Markt« ist bei Smith keineswegs so wichtig, wie von heutigen Neoliberalen gern unterstellt wird. In der Einleitung erläutert Smith den Aufbau seines Werks – doch der Begriff »Markt« fällt dort nicht.2

Smith wollte erklären, wie es zu Wohlstand und Wachstum kommt. Dabei spielte der Markt zwar auch eine Rolle – aber für Smith hatte er nur eine dienende Funktion. Es ist kein Zufall, dass Smith sein Buch Wohlstand der Nationen genannt hat, und nicht etwa Freiheit der Märkte.3

Smith wollte zeigen, dass die Arbeit die Quelle allen Reichtums ist – und nicht das Anhäufen von Gold- und Silbermünzen, wie es die Merkantilisten bis dahin postuliert hatten. Um sein Werk angemessen beurteilen zu können, muss man wissen, welche Doktrinen er überwinden wollte. Daher ist ein kurzer Exkurs über die Merkantilisten unumgänglich.

Der Irrtum der Merkantilisten: Gold macht nicht reich


Europa ist ein besonderer Kontinent, auch wenn dies vielen Europäern nicht bewusst ist. Nirgendwo sonst auf der Welt ballen sich so viele Staaten auf so engem Raum. Seit dem Zerfall des Römischen Reichs sind unzählige Kriege geführt worden, und überlebt haben stets nur jene Staatsgebilde, die große Söldnerheere finanzieren konnten. Also benötigten die Kriegsherren Silber und Gold, um ihre Soldaten zu entlohnen.

Früh befassten sich die Fürsten mit der Frage, wie sich die Edelmetalle in ihren Schatzkammern vermehren ließen. Dabei stießen sie auf eine Idee, die sich im modernen Ökonomendeutsch »Leistungsbilanzüberschuss« nennt. Man musste mehr exportieren als importieren, um Gold und Silber ins Land zu spülen.

Die Fürsten machten sich also daran, heimische Manufakturen und Monopolbetriebe zu fördern, damit diese Exportprodukte herstellten. Umgekehrt wurden Importe verboten und mit hohen Zöllen belegt. Dieses Vorgehen wurde später »Merkantilismus« genannt.4

Die Merkantilisten waren keine Theoretiker, sondern Praktiker: Sie entstammten der königlichen Verwaltung oder waren Kaufleute. Sie haben daher kein einheitliches »System« entwickelt, sondern eine Vielzahl von Einzelvorschlägen gemacht, wie sich der Gold- und Silberschatz des Staats mehren ließe. In jedem europäischen Land sah der Merkantilismus etwas anders aus.

Der erste Merkantilist war vermutlich der englische König Edward III., der von 1327 bis 1377 regierte. Er trug nur noch englische Wollstoffe, um auch seine Untertanen zu animieren, heimische Produkte zu kaufen – und nicht etwa flämische Tuche, die damals der letzte Schrei waren. Gleichzeitig holte Edward flämische Weber ins Land, damit sie die englischen Kaufleute in die neuesten Techniken einwiesen. Das Prinzip Plagiat war also bereits im Mittelalter bekannt.

So naheliegend es für den einzelnen Fürsten gewesen sein mag, seine Exportindustrie zu fördern – so hatte der Merkantilismus doch entscheidende Mängel, die bereits den Zeitgenossen auffielen.

Erstens: Es ist logisch unmöglich, dass alle Staaten nur exportieren und niemand importiert. Der Handel würde zum Erliegen kommen.

Zweitens: Der Merkantilismus diente zwar den Fürsten – nicht aber den Konsumenten. Die Bürger fanden die hohen Importzölle lästig, die eine Art Sondersteuer des Königs waren. Zudem nutzten es viele Manufakturbesitzer aus, dass sie gegen die ausländische Konkurrenz geschützt waren. Sie verlangten überhöhte Preise für minderwertige Waren, kassierten also eine Art Monopolgewinn.

Drittens: Der Merkantilismus destabilisierte Europa, weil er immer wieder Handelskriege auslöste. Es setzte ein globaler Kampf um Territorien ein, denn die Fürsten glaubten irrtümlich, dass der Außenhandel ein Nullsummenspiel sei: Was ein Land gewinnt, müsse ein anderes notwendig verlieren. Erst Smith würde zeigen, dass es Unsinn ist, den eigenen Handelspartner als Feind zu betrachten, und dass Kolonien überflüssig sind.

Viertens: Vor allem aber schien die merkantilistische Grundannahme falsch zu sein, dass jene Staaten am reichsten sind, die über besonders viel Gold und Silber verfügen. Das Schicksal Spaniens hat die Zeitgenossen nachhaltig verstört. Nach der merkantilistischen Logik hätte das Land unermesslich wohlhabend sein müssen, weil es in seinen südamerikanischen Kolonien auf immense Gold- und vor allem Silbervorkommen gestoßen war. Stattdessen verarmte Spanien ab dem 16. Jahrhundert rasant, während die Niederlande und Großbritannien zu mächtigen Handelsnationen aufstiegen, obwohl sie keine Edelmetalle fördern konnten. Der gewaltige Zustrom an Gold und Silber erwies sich als Fluch – aber warum?

Wohlstand der Nationen wandte sich also gezielt gegen den Merkantilismus. Smith selbst hat sein Buch später als einen »sehr heftigen Angriff« beschrieben, mit dem er »das gesamte kommerzielle System von Großbritannien« einreißen wollte. Doch war der Text mehr als nur eine gewaltige Abrechnung; Smith wollte auch eine neue Erklärung liefern, wie Wohlstand entsteht.

Diese Frage konnte sich nur stellen, weil das britische Volkseinkommen erstmals stetig zunahm. Ab dem 18. Jahrhundert begann die Wirtschaft spürbar zu wachsen, und die Briten nahmen staunend wahr, dass sie reicher wurden. Selbst einfache Arbeiter lebten jetzt deutlich besser als ihre Vorfahren, wie Smith gleich zu Beginn seines Buchs festhielt. Akribisch zählte er auf, was in England sogar ein Tagelöhner zu besitzen pflegte: Er hatte einen wollenen Mantel, ein Leinenhemd, ein Bett, Messer und Gabeln, Töpferwaren, Zinnteller sowie Glasfenster.

Selbst im abgelegenen Schottland stieg der Wohlstand und erreichte auch die Ärmsten: Es gab keine Hungersnöte mehr, was völlig neu war. Zwischen 1695 und 1699 war es noch zu einem Massensterben gekommen, als in fünf Jahren vier Ernten ausfielen. Etwa 15 Prozent der Schotten überlebten diese Katastrophe nicht. 1740/41 ereignete sich zwar erneut eine verheerende Missernte, doch diese forderte keine Todesopfer mehr. Das Verkehrsnetz war jetzt so gut ausgebaut, dass Getreide aus anderen Gegenden Großbritanniens herbeigeschafft werden konnte.5 Auch in normalen Jahren ging es den unteren Schichten besser als früher: Sie konnten sich Butter, Käse und Fisch leisten – und befeuerten ihren Herd mit Kohle statt mit Torf.6

Obwohl nun auch die Ärmsten besser aßen und nicht mehr hungern mussten, kam der neue Wohlstand vor allem einer schmalen Mittel- und Oberschicht zugute, deren Komfort deutlich stieg. Ein Indiz ist, dass sich die schottische Papierproduktion vervierfachte, weil sich mehr Menschen mehr Bücher leisten konnten. Auch andere Konsumgüter waren zunehmend gefragt – ob Kutschen, Parfüm oder Übernachtungen in Gasthäusern.7

Doch woher kam dieser neue Reichtum, wenn er sich nicht Gold- und Silbervorräten verdankte, wie die Merkantilisten angenommen hatten? Smith’ Antwort lautete: Es ist die menschliche Arbeit, die den Wohlstand erzeugt; sie produziert die Waren und Dienstleistungen, die dann konsumiert werden können.

Heute erscheint es uns selbstverständlich, dass es ohne Arbeit keinen Wohlstand geben kann. Aber hinter dieser Einsicht verbirgt sich eine theoretische Revolution, die die Ökonomie für immer verändert hat: Gold und Silber sind Vermögenswerte, im Wirtschaftsdeutsch auch »Bestandsgrößen« genannt. Man hat Goldmünzen – oder man hat sie eben nicht. Indem Smith jedoch die Arbeit in den Mittelpunkt rückte, lenkte er den Blick auf das Einkommen, also eine »Strömungsgröße«. Reichtum wurde neu definiert: Er ist kein Besitz, den man in Tresoren lagern kann, sondern wird erst durch den Produktionsprozess erschaffen.

Arbeit allein konnte allerdings nicht erklären, warum es plötzlich zu einem Aufschwung kam. Denn die Menschen hatten ja immer schon schuften müssen. Bereits die Bibel thematisiert, wie lästig die ewige Plackerei ist, indem sie ausführlich die Vertreibung aus dem Paradies schildert. Wenn aber Arbeit seit jeher zum menschlichen Dasein gehörte – warum machte sie die Briten im 18. Jahrhundert reicher als vorher? Smith glaubte eine Erklärung zu haben: das Prinzip der Arbeitsteilung. Mit ihr beginnt sein Buch, und sie durchzieht den gesamten Text.

Das zentrale Prinzip: Die Arbeitsteilung erklärt (fast) alles


Das Wort »Arbeitsteilung« fällt schon im allerersten Satz des Buchs und wird anhand einer Stecknadelfabrik illustriert. »Ein Mann schmiedet den Draht, ein anderer streckt ihn, ein Dritter schneidet ihn, ein Vierter spitzt ihn zu, ein Fünfter schleift ihn.« Insgesamt seien achtzehn verschiedene Arbeitsschritte nötig, um eine Stecknadel herzustellen, meldet Smith statistisch genau. Exakt wird vorgerechnet, dass dank dieser Arbeitsteilung zehn Personen 48 000 Stecknadeln pro Tag...

Blick ins Buch

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