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Kein Tag ohne Erleichterung

Ein heiteres Buch über das Menschlich-Allzumenschliche für alle Liebhaber der Weisheit

AutorPeter Strasser
VerlagResidenz Verlag
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl120 Seiten
ISBN9783701743261
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis7,99 EUR
Alle Philosophie beginnt damit, dass man sich ungesunde Gedanken macht. Dabei ist unser Philosoph kein freischaffender Irrwisch. Nein, er ist Beamter und lebt in einer bescheidenen Beamtenwohnung, im bereits historischen Status der Pragmatisierung. Als solcher wird er nicht müde, den jungen Menschen das Wesen seines Faches zu vermitteln: 'Philosophieren heißt, sich erleichtern lernen!' Mit seinen Wegbegleitern, dem Vollmops Paul, den Meerschweinchen Fritzi & Fratzi und seinem Freund, dem Trottel, stolpert unser Liebhaber der Weisheit durch das Leben, verzittert, aber fest entschlossen, den täglichen Weltuntergängen die Stirn zu bieten.

Peter Strasser ist Professor für Philosophie und Rechtsphilosophie an der Karl-Franzens-Universität Graz und Gastprofessor an der Universität Klagenfurt. Seit 2003 Verfasser der Mittwochkolumne 'Die vorletzten Dinge' in Die Presse. Zahlreiche Publikationen, u.a. 'Die einfachen Dinge des Lebens' (2009), 'Sehnsucht' (2010), 'Was ist Glück?' (2011).

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Leseprobe

Mein Leben aus den Löchern


Frage ich ihn, wer er sei, dann sagt er, er sei Erinnerungslochstopfer. Ich brauche ihn nur zu rufen, dann komme er. Er sei einer, auf den man sich verlassen könne. Immer habe er Nadel und Zwirn bereit, sozusagen. Sozusagen, das soll wohl heißen, bildlich gesprochen, oder? Frage ich ihn, was das sei, wofür er sozusagen Nadel und Zwirn benötige, dann antwortet er ohne Umschweife kryptisch: »Sie wissen es, rufen Sie mich bloß!«

Nun, eigentlich bestehe ich aus Löchern, Erinnerungslöchern, zwischen denen sich, kunterbunt durcheinander gewürfelt, selten schön zusammengefügt nach Vorher und Nachher, Ursache und Wirkung, kleine Ansammlungen von Erinnerungshäufchen finden. Manchmal schwebt da auch, mitten in einem riesigen Erinnerungsloch, wie ein schwaches Irrlicht im Dunkel der Nacht, eine insulare Reminiszenz. Ich habe keine Ahnung, woher sie kommt. Ich zermartere mir mein Gehirn, in welchem verflixten Zusammenhang ich sie mir eingefangen haben könnte: nichts, nur das Schweigen des Loches rundum.

Das kennen Sie doch, oder? Sie denken über Ihre Vergangenheit nach. Sind Sie etwa, in Ihren wilden jungen Jahren, für Väterchen Stalin gewesen? War Ihr Pferd beim BSA? Haben Sie den Schuh, den Sie seit Jahrzehnten vermissen, in einem Sumpf bei Hainburg verloren, als Sie das Mao-Lied Den Djinggangschan wieder hinauf intonierten? Fragen über Fragen und ein schier endloses Patchwork an Erinnerungslöchern, in die Sie hinein- und herausfallen. Das erinnert Sie, zack, an den Nowhere Man. Spielte den nicht Jürgen Prochnow in dem Film Das Hausboot? Oder war’s doch Yellow Submarine, die Serie über Japans U-Boot-Krieg? Während Sie so hin und her grübeln – ist jener Fluss damals wirklich der Djinggangschan gewesen? –, kommt Ihnen vor, Ihr verlorener Schuh sei irgendwann irgendwie irgendwo aufgetaucht.

Wo war das gleich? Jetzt kramen Sie in Ihren Erinnerungshäufchen, Schulzeit, Beruf, Ehe, Karriere, Kinder, Karriere, Freundin, Scheidung, Alimente, andere Freundin, andere Kinder, Lebensabend. Ach, wie die Zeit verfliegt! Und da ist er wieder, dieser verflixte Schuh. Er heißt jetzt, schenken Sie einer verlöschenden Erinnerungsspur am Rande eines superschwarzen Gedächtnisloches Glauben, der Schuh des Manitu. Ach, der gute alte Apachenhäuptling Abahachi! Sie wissen gar nicht, woher Sie den kennen. Das macht Sie stutzig, aber auch glücklich …

So ist es immer, sage ich mir und sage ich jetzt Ihnen. Am Ende kommt uns unser Leben so unglaublich, ja geradezu kosmisch einmalig vor, so überraschend, als ob wir’s gleich noch einmal angehen sollten. Wie herrlich alles kreuz und quer liegt. Nichts passt zusammen, und das, dieses Verquere, ergibt den hintergründigen Vorschein eines unvorstellbar abgründigen Sinns, der uns in allem, woran wir uns nicht erinnern, zauberhaft umstrickt. Und eben das ist der Grund, weshalb ich ihn nicht rufe, den Erinnerungslochstopfer. Seine Nadel und sein Zwirn, sie wären das Ende meiner Hoffnung, dass jemals etwas tiefer ging in meinem Leben als die kürzeste Naht von A nach B – sozusagen.

(6. September 2006)

Meine akuten Nobelpreissorgen


Andere lieben ihre Bibliothek, ich liebe meinen Medikamentenschrank. Das ist doch krank, oder? Deshalb würden mich meine verständnisvollsten Freunde, wenn sie mich heute sehen könnten – was sie hoffentlich nicht können –, dabei ertappen, wie ich in meinem Medikamentenschrank wühle, um meine Tabletten gegen meine akute Bibliotheksallergie zu finden. Meine Bibliothek ist ja eine meiner alten Lieben. Aber da ich nicht anders kann, als mir alle Bücher aller Nobelpreisträger zu kaufen, quillt meine Bibliothek seit Jahren mit Büchern über, die ich alle noch lesen muss.

Und dabei bin ich dauernd schrecklich im Verzug, ohne dass ich im Augenblick meine Tabletten gegen meine Nervosität wegen des dauernden Schrecklich-im-Verzug-Seins finde. Ich bin erst bei Jelineks Lust, ich bitte Sie, auch so eine Marotte, weil ich die Nobelpreisträger von vorne nach hinten lese, ich meine, zeitlich gesehen. Während alle ihren Grass schon seit Jahren durchhaben, weiß ich nur, dass er, nach einer ganz, ganz kurzen, fast vollständig bewusstlosen Zeit bei der Waffen-SS, das geniale Buch Die Rohrtrommel, nein Die Blechbommel – oder heißt es Die Rohrdommel? – geschrieben hat.

Egal, ich habe auch Tabletten gegen das Nobelpreisbüchertitelvergessen, nur finde ich sie gerade nicht. Stattdessen habe ich eben zwei Salben gegen die Vogelgrippe gefunden. Wo ist die übrigens geblieben? Die Salben sollen völlig wirkungslos sein, sagte mir erst neulich mein Lieblingssalbenarzt, weil ihr Ablaufdatum angeblich schneller ablief, als sie die Post befördern konnte. Ich habe keine Muße, das jetzt nachzuprüfen, denn alle Ablaufdaten sind auf allen Medikamenten so winzig aufgedruckt, dass ich sie nur mit meiner Medikamentenablaufdatumslupe, die mir irgendwo zwischen meine Nobelpreisbücher gerutscht ist, lesen kann.

Da ich im Moment außerstande bin, irgendwelche Tabletten, die zu meinen Leiden passen – ich bin mir ohnehin unsicher, um welche es sich zurzeit genau handelt –, in meinem Medikamentenschrank aufzustöbern, reibe ich mich prophylaktisch (Prophylaxe schadet nie, sagt mein Lieblingsprophylaxearzt) mehrfach abwechselnd mit der einen und der anderen Salbe gegen die Vogelgrippe ein, vor allem am Kopf. Aber ich verstehe noch immer nicht, wie die Heldin in Jelineks Lust, die von einem Lustgebirge an Mann über dem Badewannenrand immerfort aufs Lebensgefährlichste misshandelt wird, die ersten fünfzig Seiten des Buches überlebt.

Ich bin jetzt auf Seite 51. Wenn es gegen diese männlichen Lustgebirgsmisshandlungen nicht irgendwelche Medikamente gibt, wird die Heldin auf Seite 52 tot sein. Das ist eine meiner fixen Ideen, ach, so kann man doch nicht Jelinek lesen, oder? Ich habe noch 200 Seiten Heldinnenleid vor mir, das halte ich nicht aus, mein Entschluss steht fest: Ich lasse mir in meine bescheidene Beamtenwohnung einen begehbaren Medikamentenschrank einbauen, auch wenn ich dann, aus Platzgründen, meine Nobelpreisträgerbibliothek verschenken müsste!

(18. Oktober 2006)

Was vor der Endzeit kommt


November 2006, ich stehe am Fenster. Am Himmel das Abendrot, was hat das zu bedeuten? »Das bedeutet, Gott ist im Kommen«, sagt ohne hinzuschauen Walter Wittmann, der, obwohl schwer kurzsichtig, sich bei mir eingenistet hat, ich weiß gar nicht, wie. Wahrscheinlich so, dass er, seitdem er mit den Worten »Grüß Gott, ich bin Walter Wittmann, der Gottseher« durch meine Tür getreten ist, pausenlos meine Nahrungsvorräte dezimiert, während er in allem, was er verzehrt, angeblich mühelos Gott sieht, zuerst in meinem Frühstückskipferl samt Häferlkaffee, dann in meiner Mittagsvollkornpizza mit Diätmilch und jetzt in meinen Haferkeksen zum Nachmittagspfefferminztee.

Keine Frage, ich hätte ihn längst vor meine dreifach verriegelte Tür gesetzt, wäre nicht in dem Moment, in dem ich sie weit aufriss – eine unbedachte Handlung –, Fritz Nitschke grußlos schreiend über meine Schwelle geeilt, und zwar mit den Worten: »Ich bin Fritz Nitschke, der Antichrist!« Ja lebe ich denn im Irrenhaus? Seither sitzen der immerfort schreiende Nitschke, der zweifellos taub ist wie eine Nuss, und Wittmann, der maulwurfsblinde Gottseher, kauend und schluckend an meinem Tisch, vorausgesetzt, sie plündern nicht gerade meinen Kühlschrank. Und während Nitschke, der Antichrist, in den mir noch verbleibenden Lebensmittelreserven nichts weiter sieht als die ewige Wiederkehr des Immergleichen, das schreiend zu verzehren er sich keineswegs ziert, sieht Wittmann im Immergleichen die Fülle der Realpräsenz Gottes. »Mühelos«, sagt er.

Na schön, denke ich, herinnen das Irrenhaus und draußen das Abendrot. Was hat das zu bedeuten? »Das Kommen Gottes«? »Die Wiederkehr des Heiligen«? So lauten die Endzeittitel der Endzeitsymposien, auf denen ich demnächst referieren soll. Wird der Messias, zur letzten Schlacht gegürtet, aus den letzten Sonnenstrahlen brechen, um das Große Mahl Gottes zu vollziehen – ehrlich gesagt, mit reichen schon Wittmann und Nitschke –, oder ist der Endzeithimmel da draußen nur eine Mischung aus Smog und Föhn?

Zum Glück brauche ich diese Frage nicht zu beantworten. Denn während Paul, mein bewegungsarmer Vollmops, sich auf seinem Samtpolster schlafend stellt (er will zum Äußerlngehen nicht vor die Tür gehoben werden) und meine Meerschweinchen Fritzi & Fratzi in Erwartung ihres Abendhäppchens (frische Petersilie, in lauwarmem Wasser geschwenkt) aus ihrem vollen Futternapf heraus freudig quieken, sehe ich die samtweißen Blütenblätter meiner Orchidee am Fensterbrett im Gegenlicht rosa schimmern. Das ist schön, punktum.

Und als ich mich dann umdrehe, sind Wittmann und Nitschke verschwunden. Spurlos. Hell glänzt die Teekanne auf dem Tisch, meine Haferkekse ruhen still in...

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