Sie sind hier
E-Book

Kernschmelze im Finanzsystem

AutorWolfgang Münchau
VerlagCarl Hanser Fachbuchverlag
Erscheinungsjahr2008
Seitenanzahl249 Seiten
ISBN9783446419506
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis17,99 EUR

Die schwerste Finanzkrise seit 80 Jahren hat die Welt in den Fugen erschüttert. Es droht eine Kernschmelze des globalen Finanzsystems mit unabsehbaren Folgen für Sparer, Unternehmen, ja sogar ganze Staaten. Milliardenschwere, hektisch geschnürte Rettungspakete zur Stützung des Finanzsektors und zur Beruhigung der Bürger können über eins nicht hinwegtäuschen: Selbst wenn sie greifen, wird die Krise die Wirtschaft auf Jahre lähmen und die Arbeitslosigkeit nach oben treiben. Und ein Ende ist nicht absehbar. 

Wolfgang Münchau hat als einer der Ersten die Finanzkrise präzise vorhergesehen und in seinem preisgekrönten Buch "Vorbeben" beschrieben, wie die hochkomplizierten Finanzinstrumente funktionieren, die in kürzester Zeit ganze Banken ausradiert und uns alle an den Rand der Katastrophe getrieben haben. 

"Kernschmelze im Finanzsystem" ist eine komplett überarbeitete und aktuelle Neuauflage des Buches "Vorbeben": Es liefert eine klare und für jeden verständliche Analyse der Krise, berücksichtigt den neuesten Stand der Ereignisse und zeigt, worauf wir uns in der Zukunft einstellen müssen.

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe
3 Die Wirtschaftspolitik (S. 155-157)

Im zweiten Kapitel versuchte ich zu erklären, wie der Kreditmarkt funktioniert und wie es dort technisch zu einer Blase kam. Hier geht es um die Wirtschaftspolitik, die ebenfalls eine herausragende Rolle in unserer Krise spielt, und zwar als Pendant zum Kreditmarkt. Die Krise auf das Verhalten gieriger Banker oder überforderter Ratingagentur zu reduzieren ist nicht seriös. Auch makroökonomische Faktoren spielten eine Rolle. Billige Zinsen haben den Kreditboom sicherlich erleichtert und waren möglicherweise eine seiner Ursachen. Aber auch dauerhafte Kapitalströme von Asien in die USA spielten eine entscheidende Rolle. Diese Krise ist zu einem großen Teil auch eine Krise der Makroökonomie.

Die Fachwelt hat lange über globale Ungleichgewichte gestritten. Ihr Abbau begann in der zweiten Hälfte des Jahres 2007. Auch hier besteht die Möglichkeit, dass es zu abrupten Anpassungsprozessen kommt, die die Kreditkrise wiederum verstärken würden. Es lohnt sich daher, dieses makroökonomische Thema in diesem Buch zumindest anzusprechen.

Unter internationalen Ökonomen war die Debatte über globale Ungleichgewichte eines der wichtigsten Themen in den Jahren von 2003 bis 2006. Danach wurde es etwas stiller, und das Interesse richtete sich verstärkt auf die Kreditmärkte. Die einkehrende Ruhe heißt allerdings nicht, dass das Problem gelöst war. Im Gegenteil.

Was sind globale Ungleichgewichte? Ein Ungleichgewicht tritt zum Beispiel dann auf, wenn sich in bestimmten Staaten Handelsdefizite beziehungsweise -überschüsse auf einem sehr hohen Niveau verfestigen, und wenn es keine Anpassung durch Wechselkurse gibt. Seit Antritt der Regierung von George W. Bush hat sich das Leistungsbilanzdefizit der USA auf sechs Prozent des Bruttoinlandsproduktes erhöht. Eine Leistungsbilanz besteht aus drei Teilen, der Handelsbilanz, der Dienstleistungsbilanz und der Übertragungsbilanz. Die ersten beiden sind in den meisten Industrieländern die wichtigsten Komponenten. In der Übertragungsbilanz werden zum Beispiel Überweisungen von im Inland lebenden Ausländern zurück in ihre Heimatländer berücksichtigt.

In einigen Schwellenländern sind diese Leistungsbilanzdefizite sogar noch höher, zum Beispiel in der Türkei, wo sie im Jahre 2007 neun Prozent ausmachten. Jetzt gibt es keine Regel, die besagt, dass ein Leistungsbilanzdefizit nicht eine bestimmte Größe überschreiten darf. Wie nachhaltig ein derartiges Defizit ist, hängt von verschie denen Faktoren ab. In der Türkei und anderen Schwellenländern ist der Grund für dieses Defizit ein hohes Maß an Direktinvestitionen von Ausländern. Insofern ist das Defizit eher ein Zeichen der Stärke eines Landes. In den USA ist das Defizit hauptsächlich auf den Konsum von ausländischen, vorwiegend asiatischen Importen zurückzuführen. Auch das muss nichts Unmoralisches sein. Es gibt sogar Leute, die sagen, die Amerikaner wären Konsumenten der letzten Instanz. Ohne den hungrigen amerikanischen Konsumenten hätten die Asiaten niemals ihr Wirtschaftswunder erlebt.

Wir sollten daher Leistungsbilanzdefizite nicht als moralisches, sondern rein als ökonomisches Fakt betrachten. Und hier gilt im Falle der USA: Ein Ungleichgewicht in der Größenordnung von sechs Prozent vom BIP, wie wir es bis zuletzt in den USA hatten, ist nicht nachhaltig. Irgendwann passen sich die Ungleichgewichte an, zum Bei spiel durch einen Verfall der Währung. Der starke Absturz des Dollars in den Jahren 2007 und 2008 war ein Zeichen dafür, dass sich die Ungleichgewichte reduzierten. Es gibt noch eine andere Art, das Leistungsbilanzdefi- zit zu betrachten. Wenn China Waren an die USA liefert, müssen die Amerikaner diese Waren mit Dollars bezahlen. Diese Dollars fließen von den USA nach China.
Inhaltsverzeichnis
Impressum5
Inhalt6
Prolog8
1 Die Ereignisse bislang12
1.1 Akt I des Dramas: Die Ruhe vor dem Sturm12
1.2 Akt II: Das Ende des Booms21
1.3 Akt III: Der Anfang der Krise28
1.4 Akt IV: Der Höhepunkt der Krise51
1.5 Akt V: Nach der Krise76
2 Der Kreditmarkt – eine moderne Massenvernichtungswaffe78
2.1 Finanzinstrumente88
2.1.1 Das festverzinsliche Wertpapier88
2.1.2 Der Swap90
2.1.3 Credit Default Swaps96
2.1.4 Verbriefte Wertpapiere105
2.1.5 Die besicherte Schuldverschreibung (Collateralized Debt Obligation)116
2.1.6 Besicherte Schuldverschreibung mitsynthetischer Struktur (Synthetic Collateralized Debt Obligation)118
2.2 Die Akteure123
2.3 Wie die Spekulation in den Kreditmärkten funktioniert141
2.4 Ein Fallbeispiel: General Motors146
2.5 Die unrühmliche Rolle der Mathematik149
3 Die Wirtschaftspolitik162
4 Wie es weitergeht172
5 Was jetzt zu tun ist188
6 Caveat emptor – oder was die Krise für Privatanleger bedeutet196
Epilog: Wenn die Krise vorbei ist ...210
Anhang: Einige Lehren aus der Geschichte214
Glossar und Abkürzungsverzeichnis228
Empfehlenswerte Literatur238
Anmerkungen239
Register242

Weitere E-Books zum Thema: Volkswirtschaftslehre - Marktwirtschaft

Kapitalmarktkommunikation

E-Book Kapitalmarktkommunikation
Format: PDF

Welche Informationen benötigt die professionelle Finanzgemeinde? Welche Informationsquellen und -medien nutzen Sell- und Buy-Side-Analysten, Fonds- und Portfoliomanager, Wirtschafts- und…

Praxishandbuch Treasury-Management

E-Book Praxishandbuch Treasury-Management
Leitfaden für die Praxis des Finanzmanagements Format: PDF

Über 30 Autoren aus Beratungspraxis und Wirtschaft arbeiten sowohl Standardthemen wie Liquiditätsmanagement, Risikomanagement und Finanzierung als auch Trends wie Hedge Accounting, IFRS und Working…

Eigenkapital von Banken als Regulierungsgegenstand

E-Book Eigenkapital von Banken als Regulierungsgegenstand
Auswirkungen von Eigenkapitalanforderungen auf das Investitionsverhalten bankfinanzierter Unternehmen Format: PDF

Achim Hauck geht der Frage nach, ob Investitionsentscheidungen von bankfinanzierten Unternehmen durch Fehlanreize gekennzeichnet sind. Er zeigt, dass unternehmerische Fehlanreize bei der Investition…

Wettbewerb im Bankensektor

E-Book Wettbewerb im Bankensektor
Eine Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung des Wettbewerbsverhaltens der Sparkassen Format: PDF

Mike Stiele setzt sich mit der Wettbewerbsmessung auf Bankenmärkten auseinander und untersucht anhand eines theoretisch-empirischen Testverfahrens das Wettbewerbsverhalten der Sparkassen.Dr. Mike…

Wertorientiertes Risikomanagement in Banken

E-Book Wertorientiertes Risikomanagement in Banken
Analyse der Wertrelevanz und Implikationen für Theorie und Praxis Format: PDF

Michael Strauß untersucht die Wertrelevanz des Risikomanagements von Banken aus einer Kapitalmarktperspektive. Er entwickelt eine neue Steuerungslogik und stellt konzeptionell dar, wie sich Insolvenz…

Weitere Zeitschriften

MENSCHEN. das magazin

MENSCHEN. das magazin

MENSCHEN. das magazin informiert über Themen, die das Zusammenleben von Menschen in der Gesellschaft bestimmen -und dies konsequent aus Perspektive der Betroffenen. Die Menschen, um die es geht, ...

aufstieg

aufstieg

Zeitschrift der NaturFreunde in Württemberg Die Natur ist unser Lebensraum: Ort für Erholung und Bewegung, zum Erleben und Forschen; sie ist ein schützenswertes Gut. Wir sind aktiv in der Natur ...

BEHINDERTEPÄDAGOGIK

BEHINDERTEPÄDAGOGIK

Für diese Fachzeitschrift arbeiten namhafte Persönlichkeiten aus den verschiedenen Fotschungs-, Lehr- und Praxisbereichen zusammen. Zu ihren Aufgaben gehören Prävention, Früherkennung, ...

Computerwoche

Computerwoche

Die COMPUTERWOCHE berichtet schnell und detailliert über alle Belange der Informations- und Kommunikationstechnik in Unternehmen – über Trends, neue Technologien, Produkte und Märkte. IT-Manager ...

Deutsche Tennis Zeitung

Deutsche Tennis Zeitung

Die DTZ – Deutsche Tennis Zeitung bietet Informationen aus allen Bereichen der deutschen Tennisszene –sie präsentiert sportliche Highlights, analysiert Entwicklungen und erläutert ...

e-commerce magazin

e-commerce magazin

PFLICHTLEKTÜRE – Seit zwei Jahrzehnten begleitet das e-commerce magazin das sich ständig ändernde Geschäftsfeld des Online- handels. Um den Durchblick zu behalten, teilen hier renommierte ...