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Kinder brauchen starke Eltern

Das Mutmach-Buch für eine selbstbewußte Erziehung

AutorRegine Schwarzhoff
VerlagBastei Lübbe AG
Erscheinungsjahr2009
Seitenanzahl285 Seiten
ISBN9783838700878
Altersgruppe16 – 99
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis7,99 EUR
Sind Sie immer der beste Freund ihres Kindes, oder sagen Sie auch nein? Erfüllen Sie jeden Wunsch Ihres Sohnes sofort, oder stellen Sie manchmal Bedingungen? Fällt Ihnen zu jeder Frage Ihrer Tochter sofort eine Antwort ein, oder sind Sie manchmal ratlos? Und erleben Sie die Lehrer Ihrer Kinder als gute Erziehungspartner?

Bei der Erziehung ihrer Kinder stehen Eltern ständig vor neuen Herausforderungen. Das war eigentlich schon immer so - doch immer mehr sind verunsichert, wie man es 'richtig' macht. Und ihre Kinder erst recht. Nur wenn Eltern das vorleben, was sie von ihren Kindern verlangen, kann Erziehung gelingen. Und deshalb brauchen Kinder starke Eltern.

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Leseprobe

Eltern sind wichtig


Für ein Kind sind Eltern sogar die wichtigsten Menschen in seinem Leben. Sie sind sein Ursprung und sein Ziel. Sie sind eine Erklärung für seine individuelle Konstitution, seine Veranlagungen, seine Prägung, seine komplette Auseinandersetzung mit seiner Welt. Sie sind ein Spiegel, in den es täglich blickt und sich täglich in ihm kontrolliert. Und: Sie sind seine Existenzgrundlage und seine Existenzberechtigung. Es stammt von ihnen ab und ist auf ihre Akzeptanz als eigenes menschliches Wesen und auf ihre Anerkennung und Liebe angewiesen. Ohne Liebe, das haben wissenschaftliche Experimente der reinen Versorgung mit Nahrung, Kleidung und Wärme, aber unter Entzug jeglicher emotionalen Zuwendung eindeutig gezeigt, verödet nicht nur die Seele, sondern auch der Verstand eines Menschen, und zwar in kürzester Zeit. Er wird stumpfsinnig im wahrsten Sinn des Wortes.

So ist es auch zu erklären, daß angenommene Kinder eines Tages nach ihrer Mutter und ihrem Vater suchen und in ihren »natürlichen« Spiegel blicken wollen. Die Frage nach ihrem Ursprung treibt beinahe alle Menschen ein Leben lang um, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufgewachsen sind, bis zu dem Zeitpunkt, wo sie diese Herkunftsfrage geklärt haben und auch verstanden haben, welche Hintergründe zu der Trennung und Fremdbetreuung geführt haben. Dabei ist für sie von existentieller Bedeutung, ob sie einfach »nur« abgelehntes Kind waren, oder ob eine äußere Notsituation vor allem die Mutter dazu gezwungen hat, das Kind in »bessere« Hände zu geben. Abgelehntes, abgeschobenes Kind zu sein, ist für einen Menschen eine unvorstellbar harte Belastung und verfolgt ihn meistens sein ganzes Leben lang. Wenn aber eine Erklärung zu finden ist, warum die Mutter sich überfordert gefühlt hat, der Vater nicht in der Lage war, Familie und Kind zu akzeptieren, ist es leichter, zu vergeben. Wenn das abgegebene Kind Verständnis für die Situation aufbringen kann, kann es seinen Frieden mit seiner Geschichte finden, indem es den leiblichen Eltern vergibt. Entscheidende Grundlage dafür ist aber, daß die Lebenslage, in die die leiblichen Eltern das Kind abgegeben haben, eine wirklich bessere war.

Corinna war Adoptivkind eines Akademikerehepaares in einer Kleinstadt. Die Eltern hatten viele Jahre lang versucht, eigene Kinder zu bekommen, und sich schließlich an eine Adoptionsbehörde gewandt. Damals mußten beide Eltern über vierzig sein, um ein Kind adoptieren zu dürfen. Corinna hatte gute Voraussetzungen – sie war schon als Säugling direkt nach der Geburt zu ihrer neuen Mutter gekommen, hatte also die Entbindung als endgültige Ent-Bindung von ihrer leiblichen Mutter erlebt. Dieser »saubere Schnitt« gab ihr somit beste Chancen, alles gut zu verkraften.

Viele Jahre lang war das Geschehen für sie bedeutungslos, aber schon von klein an hatten ihre Eltern ihr nicht verschwiegen, daß sie adoptiert war. Während der Pubertät und der Selbsterforschungsphase, wo alle Menschen sich die Frage stellen: »Wer bin ich? Welchen Sinn hat mein Leben?«, wendete sich die Situation vollkommen. Auf einmal stand Corinna vor dem Nichts. Ihren Eltern vertraute sie sich nicht an, denn sie empfand sich selber als undankbar – sie hatte ja immer alles gehabt. Aber trotzdem war sie ratlos und fand keine Antwort auf ihre Frage. Während eines Praktikums im elterlichen Betrieb trat auch noch eine ältere Person auf sie zu und rieb ihr abschätzig unter die Nase, sie sei ja »nur« adoptiert und deswegen keine »echte« Tochter. Da war Corinna fünfzehn.

Nach dem Abitur trat sie ein Studium in einer Großstadt an, weit weg von allem Klatsch und Tratsch der Kleinstadt, der sie stets belastet hatte, und begann gleichzeitig, nach ihren leiblichen Eltern zu suchen. Daß sie sie nicht beieinander finden würde, war ihr klar. Den Schlüssel zu ihrer Herkunft hatte mit Sicherheit eher die Mutter als der Vater, und tatsächlich gelang es ihr, ihre leibliche Mutter ausfindig zu machen. Vor der ersten Begegnung hatte Corinna große Angst.

Die stellte sich schnell als unbegründet heraus. Der überwältigende Ansturm der Gefühle blieb aus. Corinna fand ihre leibliche Mutter ungebildet, oberflächlich und dumm. Ihre eigenen Werte waren ganz andere, und sie war dankbar dafür. Den Vater hat sie nur noch von ferne angesehen und auf eine direkte Begegnung verzichtet. Die leibliche Mutter hatte ihr von seinem gewalttätigen, rücksichtslosen Verhalten erzählt, und daß sie deswegen fürchtete, das Kind, das sie erwartete, nicht genug lieben zu können.

Als Corinnas Adoptiveltern davon erfuhren, brach für sie eine Welt zusammen. Es fiel ihnen sehr schwer, Verständnis für diese Suche nach den Wurzeln aufzubringen. Das Ergebnis vieler folgender Gespräche war jedoch ein noch festerer Zusammenhalt der Familie, als er vorher schon bestanden hatte. Corinna konnte den Eltern ihre Dankbarkeit für die behütete Kindheit und das warme Nest ausdrücken, die sie sonst nicht gehabt hätte.

Sandra war abgeschobenes Kind. Sie wurde vom Säuglingsalter an fremdbetreut, es gab »Personal« im Haus, das das Kind erzog. Die Eltern waren beide berufstätig in bedeutenden akademischen Stellungen, die keinem von ihnen eine Babypause erlaubten. Nur wenn die Eltern in Ferien fuhren und das Personal auch Urlaub hatte, lebte die Familie intensiver zusammen. Dann wurde Sandra in der Schule des Urlaubsortes angemeldet und erfüllte ihre Schulpflicht dort; die Eltern richteten sich nicht nach Schulferien. Sandras Grundschulzeit wurde von diesem Nomadenleben geprägt.

Ein darauffolgender Internatsaufenthalt ist ihr als schauerlich in Erinnerung – sie war damals gerade zehn Jahre alt, und mit fünfzehn erreichte sie von den Eltern die Entlassung in die vollkommene Selbständigkeit. Sie hatte einen der früheren Urlaubsorte, an dem sie sich immer wohlgefühlt hatte und ihre Einsamkeit vergessen konnte, für sich als optimalen Standort erwählt. Von nun an lebte sie dort, ging dort zur Schule, einer wahrhaftigen »Zwergschule« mit nur vier Schülern in der Klasse, machte ihre mittlere Reife. Später besuchte sie die Oberstufe eines Gymnasiums und machte Abitur.

Sandra hat ihre eigenen Kinder mit hingebungsvoller Liebe verwöhnt und nennt sich selbst eine »Glucke«, die ihre Kinder nur sehr schwer abgeben und gehen lassen kann. Bis heute – sie bewegt sich schon deutlich auf das Großmutteralter zu – hat Sandra ihren Eltern nicht ganz vergeben können. Ihre Haltung, ihre Bewegungen, ihr Auftreten, ihre Sprache enthalten eine kraftvoll gebändigte Wut, die ihr Leben wesentlich bestimmt. Sie wirkt stolz und unnahbar, beinah jungenhaft männlich in ihrer herben Ausstrahlung, und sie redet mit starker Ablehnung von Menschen, die ihre Erziehungsaufgabe nicht erfüllen, sondern mit anvertrauten Kindern lieblos und achtlos umgehen.

Und schließlich Sarah: Sie wurde von ihrer Mutter abgelehnt. Ihre Oma, Kriegswitwe und Mutter des leiblichen Vaters, mit dem die Mutter nicht verheiratet war, nahm Sarah zu sich. Sie war noch recht jung und zog das Kind wie ein eigenes mit Liebe und Konsequenz auf. Sarah sagt heute, das waren die schönsten Jahre ihres Lebens. Als die Großmutter krank wurde, konnte das gerade achtjährige Kind schon viel erledigen und pflegte die Großmutter, machte ihr Frühstück, ehe es zur Schule ging, kochte mittags, räumte auf, putzte und führte den kompletten kleinen Haushalt. Aber die Großmutter starb.

Sarah kam auf Betreiben des Jugendamtes in ein Waisenhaus und schon kurz danach in das Kinderheim eines Nonnenordens weit weg von zu Hause. Hier lernte sie im wahrsten Sinne des Wortes das Fürchten. Die schwarzen Schwestern wandten »im Namen des Herrn« alle Facetten schwarzer Pädagogik an, die ihnen zu Gebote standen, ob das unberechtigte Bezichtigungen der Unehrlichkeit und Lüge waren, Zwang zur Beichte nicht begangener Vergehen, Verdächtigung der Selbstbefriedigung unter der Bettdecke in einem Alter, in dem Sarah noch überhaupt nicht begriff, um was es ging – alles zog drakonische Prügelstrafen nach sich. Sämtliche Farbtöne der Palette lernte Sarah am eigenen Leib kennen und fürchten.

Statt das neunjährige Mädchen im Lesen, Schreiben und Rechnen zu unterrichten, wurde es, wie alle anderen, an eine Nähmaschine gesetzt und mußte für seinen Lebensunterhalt arbeiten, sechs wichtige Jahre lang. Mit fünfzehn wurden die Mädchen entlassen, ohne daß ein weiterer Verbleib geklärt war. Die eine oder andere wurde in eine Berufsausbildung vermittelt, die meisten jedoch meinte man mit ihren Nähkünsten sich selbst überlassen zu können. Sarah ging putzen und lernte einen Mann kennen, der sie heiratete. Innerhalb weniger Jahre bekam sie zwei Töchter, die sie mit aller Liebe und Hingabe verzog. Sie bekamen alles, was sie selbst hatte entbehren müssen, und waren die kleinen Prinzessinnen der Familie. Der Vater wurde arbeitslos, begann zu trinken und zu schlagen. Sarah ging wieder putzen, um die Familie über Wasser zu halten. Als sie den Vater bei Übergriffen auf eine der Töchter erwischte, schmiß sie ihn hinaus und ließ sich scheiden.

Bald geriet sie an den nächsten Mann, von dem sie schwanger wurde. Kurz nach der Heirat brachte sie einen Sohn zur Welt, der nun zum Mittelpunkt der Familie wurde. Alle drei Kinder verwöhnte Sarah bis zur Selbstaufgabe. Der zweite Vater hatte keine Arbeit, Sarah war einzige Verdienerin mit einer Festanstellung als Reinigungskraft in einem großen Unternehmen. Aber immer öfter war alles Geld weg, noch ehe die Miete bezahlt war. Der Vater spielte und war nur zum Schlafen zu Hause. Sarah ließ sich wieder scheiden.

Den gut bezahlten Job hatte sie kurz davor...

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