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E-Book

Kinderarmut und Kindergesundheit

AutorRaimund Geene / Carola Gold
VerlagHogrefe AG
Erscheinungsjahr2009
Seitenanzahl177 Seiten
ISBN9783456946351
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis21,99 EUR

Immer mehr Kinder in Deutschland wachsen in Armut auf.

Immer mehr Kinder in Deutschland wachsen in Armut auf. Das ist der Anfang eines Teufelskreises von schlechter Gesundheit, schlechten Bildungschancen und geringen Aussichten auf einen zukünftigen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. Die Diskriminierung sozial benachteiligter Kinder verstärkt diese Tendenz auch in der Selbstzuschreibung: Ein glückliches und gesundes Leben scheint ihnen oft gar nicht mehr denkbar. Gerade diese Verfestigung stellt die eigentliche Herausforderung dar: Wie kann Kindern und ihren Eltern ein hoffnungsvoller Start ins Leben ermöglicht werden? Dazu bedarf es zunächst eines differenzierten Verständnisses der verschiedenen benachteiligten Lebenslagen, in denen Kinder aufwachsen. In diesen Settings können die Lebensverhältnisse mit konkreten Hilfen verbessert werden, wenn mit den (statt gegen die) Familien gearbeitet wird. Die Bedürfnisse von Eltern und Kindern erkennen, ihnen bei eigenen Lösungswegen helfen – das sind die Leitsätze der Gesundheitsförderung.
Im vorliegenden Band werden die Schwierigkeiten und Belastungen dargestellt, aber auch die Konzeptionen aufgezeigt, die Eltern als Erziehungspartner für ein gesundes Aufwachsen respektieren. Ermutigende Erfahrungen von Hebammen, Kinderärzten, Frühförderern, Familienhelfern und frühen Hilfen zeigen, dass mit empathischen Ansätzen der Gesundheitsförderung der Armutsspirale entgegengewirkt werden kann.

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Kapitelübersicht
  1. Inhalt und Vorwort
  2. Teil I: Kinderarmut und Kindergesundheit – Gründe und Hintergründe
  3. Teil II: Gesundheitsförderung bei Kindern
  4. Teil III: Frühförderung und Frühe Hilfen
  5. Teil IV: Neue Ansätze durch Frühe Hilfen
  6. Anhang
Leseprobe

5 Bürgerlich geprägtes Versorgungssystem (Seite 23)

Welche Unterstützung liefert das Versorgungssystem in der Phase der frühen Kindheit? Die Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt werden zunächst von den Eltern aller sozialen Schichten wahrgenommen. Während Mittel- und Oberschichten die Ratschläge des Kinderarztes zumeist gut aufnehmen und umsetzen können, fühlen sich sozial Benachteiligte vielfach nicht verstanden und akzeptiert, die Tipps und Anweisungen sind mit ihrer Lebensrealität oft nicht vereinbar (Meurer &, Siegrist, 2005 sowie Wolf-Kühn &, Geene, in diesem Band).
Tatsächlich ist die Unterstützung junger Eltern anbieterseitig von einer vollkommen unüberschaubaren Flut von Botschaften und Informationsmaterial für junge Mütter gekennzeichnet. Die jeweiligen Hinweise betreffen Bewegung, Ernährung und Stillförderung, ergonomische Fragen, Sicherheitsfragen hinsichtlich Unfallprävention und plötzlichem Kindstod, Bekleidung, Impfen, Karies- und Vitamin D-Prophylaxe, Phänomene wie Schreibabys und Aufmerksamkeits-Defizit-Syndroms (ADHS) und vieles mehr. Auch die Absender der Botschaften sind schwer einzuschätzen, vermischen sich doch gesundheitliche oder medizinische mit eher gewerblichen Interessen, wie sich am Beispiel der gesponserten „Starterpakete“ bei Entlassung aus der Entbindung mit Schnuller und Zufütternahrung exemplarisch zeigt. Wie diametral dies mit den WHO-Konzepten der Stillförderung kollidiert, braucht an dieser Stelle wohl nicht ausgeführt zu werden. Wie ist es zu erklären, dass das Gesundheitswesen Schwangeren und jungen Eltern derart diffus begegnet? Fehlt es an wissenschaftlicher Evidenz, die Flut der Verhaltensbotschaften zu klassifizieren und zu priorisieren? Oder mangelt es der Wissenschaft an Einfluss, ihre Erkenntnisse gegen gewerbliche Interessen durchzusetzen? Oder fehlt es vielleicht der gynäkologischen und pädiatrischen Praxis grundsätzlich an Bewusstsein über die vermittelten Ambivalenzen? Es ist zu befürchten, dass alle drei Fragen bejaht werden müssen.
Auch in der weiteren kinderärztlichen Karriere ihrer Kinder erleben Eltern ähnliche Verunsicherungen, wie die enormen regionalen Unterschiede in der Diagnostik des ADHS zeigen: Während in Mecklenburg-Vorpommern nur 0,4 % der Kinder zwischen sechs und 14 Jahren entsprechende Medikamente verschrieben bekommen, liegt die Behandlungshäufigkeit in der Region Würzburg bei den neun- bis unter zwölfjährigen Jungen bei 9,5 %, bei den zwölf- bis unter 15-jährigen Jungen in der Region Koblenz sogar bei 11,8 % (Glaeske &, Janhsen, 2002). Bundesweit werden rund 30 % der verordneten Methylphenidatmenge (Arzneistoff mit anregender Wirkung auf das Nervensystem) von nur 66 Ärzten rezeptiert – die weiteren 70 % werden von 4.008 Ärzten verschrieben (ebd.). Auch hier mangelt es an Evidenzen, an Leitlinien und einer entsprechenden Überprüfung, und vor allem an Bewusstsein über die sozialen Implikationen gesundheitlicher Hilfen.

Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Inhalt6
Vorwort8
Teil I: Kinderarmut und Kindergesundheit – Gründe und Hintergründe12
Kinderarmut und Kindergesundheit in Deutschland14
1 Kindergesundheit als öffentliches Thema14
2 Gesundheitsgefahr Armut14
3 Soziale Belastung statt sozialer Unterstützung15
4 Kinderarmut in Ostdeutschland16
5 Bürgerlich geprägtes Versorgungssystem20
6 Vorsorgeuntersuchungen als Pflichtmaßnahme?21
7 Projekte der frühkindlichen und familiären Stärkung22
Literatur23
''Volle Kraft voraus.'' Geschwister als Ressource in Mehrkindfamilien25
1 Kinderreichtum25
2 Geschwisterdynamik25
3 Zeitmanagement26
4 Resilienz28
5 Sozialkompetenz29
6 Liebesfähigkeit31
7 Soziales Kapital32
8 Seelische Gesundheit33
9 Resümee34
Literatur34
Starke Kinder – Starke Eltern: Risiko und Resilienz in der Gesundheitsförderung36
1 Risiko und Resilienz36
2 Gesundheitsförderung und Stärkung der Ressourcen in riskanten Lebenslagen39
Literatur44
Teil II: Gesundheitsförderung bei Kindern46
Gesunde Schule, gesunde Kita, gesunder Stadtteil – Der Setting-Ansatz der Gesundheitsförderung48
1 Der Setting-Ansatz als strukturelle Prävention48
2 Primärprävention zum Abbau sozial ungleicher Gesundheitschancen48
3 Das Setting-Konzept zum Abbau ungleicher Gesundheitschancen51
4 Der Setting-Ansatz als Organisationsentwicklung53
5 Schule als Ort der Gesundheitsförderung56
6 Kita als Ort der Gesundheitsförderung60
7 Der Stadtteil als Ort der Gesundheitsförderung64
8 Zusammenfassung und Ausblick67
Literatur68
Gesundheitsförderung bei sozial benachteiligten Familien – die Vorteile des Setting-Ansatzes71
1 Ausgangslage71
2 Methodisches Vorgehen72
3 Erste Ergebnisse74
4 Vom Nutzen der qualitativen Methode77
Literatur79
Sozialraumerkundung als Zugang zur Bewegungsförderung80
1 Sozialraumerkundungen – ein Blick aus 120 cm Höhe80
2 Umsetzung im Marburger Projekt „mittendrin“82
3 Die Sozialraumerkundung ist abgeschlossen – und nun?84
4 Gesundheitsnetzwerk für Kinder „mittendrin“85
Literatur87
Entwicklungen in der soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung – Der Kooperationsverbund „Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten“88
1 Transparenz fördern89
2 Initiativen bündeln90
3 Praxis in der Primärprävention91
4 Schaffung gesunder Lebenswelten93
5 Qualitätsentwicklung durch Good Practice94
6 Perspektiven95
Literatur95
Teil III: Frühförderung und Frühe Hilfen98
Frühförderung für Kinder mit psychosozialen Risiken – Eine kritische Bilanz für Deutschland100
1 Wen erreicht die Frühförderung?100
2 Probleme und Möglichkeiten der Früherkennung103
3 Orientierungspunkte und Rahmenbedingungen105
4 Zusammenfassung107
Literatur107
Früherkennung und Frühe Hilfen109
1 Überblick109
2 Problembeschreibung, Fragestellung109
3 Zum Zusammenhang zwischen Früherkennung und Frühen Hilfen111
4 Ursachen von Entwicklungsstörungen112
5 Früherkennung durch Kinder-Vorsorgeuntersuchungen113
6 Kindervorsorge und Frühe Hilfen aus der Sichtweise der Mütter118
7 Schlussbetrachtungen124
Literatur125
Wer passt auf die Kinder auf? – Kindesvernachlässigung und Kooperationen: zwei Evaluationsstudien in Hamburg127
1 Hintergrund127
2 Rolle des ÖGD für die Kindergesundheit in Hamburg129
3 Evaluation der Projekte „Frühe Hilfen“ und „KibeG“131
4 Kooperation und Vernetzung zwischen Freiwilligkeit und Zwang – Ergebnisse132
5 Fazit134
Literatur135
Teil IV: Neue Ansätze durch Frühe Hilfen138
Kinderschutz durch Frühe Hilfen140
1 Einleitung140
2 Begriffsbestimmung140
3 Datenlage141
4 Bedeutung der Frühen Hilfen142
5 Aktionsprogramm des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend143
6 Das Nationale Zentrum Frühe Hilfen149
7 Ausblick152
Literatur152
Elternarbeit – Ein präventiver Ansatz gegen die Folgen von Kinderarmut154
1 Methodische Ansätze155
2 Eltern-AG – Was ist das?157
3 Theoretischer Hintergrund158
4 Grundzüge der Elternarbeit159
5 Aufbau der Eltern-AG160
6 Die drei Kernelemente der Eltern-AG161
7 Effekte des Programms162
8 Eltern-AG – Eine Zwischenbilanz162
Literatur163
Familiengesundheitspflege – Ein neues Angebot für vulnerable Gruppen165
1 Der Ansatz der Familiengesundheitspflege165
2 Die Umsetzung der Familiengesundheitspflege in Deutschland168
3 Ergebnisse der wissenschaftlichen Evaluation zum Modellprojekt170
4 Ausblick170
Literatur171
Anhang172
AutorInnen174

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