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Kirche und Friedenspolitik nach dem 11. September 2001

Protestantische Stellungnahmen und Diskurse im diachronen und ökumenischen Vergleich - Kontexte, Neue Beiträge zur historischen und systematischen Theologie, Band 38

AutorBernd Kirchschläger
VerlagEdition Ruprecht
Erscheinungsjahr2007
Seitenanzahl304 Seiten
ISBN9783767570948
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis48,00 EUR
Die geopolitischen Veränderungen nach dem Ende des Kalten Krieges und durch den auf die Terroranschläge des 11. September 2001 folgenden »war on terror« bedeuteten auch für die Friedensethik der Kirchen eine Zäsur, denn die zu Zeiten der atomaren Abschreckung entwickelten Positionen erwiesen sich als revisionsbedürftig. Dieses Buch will die Veränderung in den Äußerungen der protestantischen Kirchen nachzeichnen und erklären. Dazu werden nach grundlegenden Abschnitten zum Verhältnis von Kirche und Politik Informationen zum theologischen Verständnis vom Frieden gegeben. Anschließend werden protestantische Stellungnahmen und Diskurse nach 2001 in breiter Rezeption nachvollzogen und einem diachronen und ökumenischen Vergleich unterzogen.

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Leseprobe

8 Die Irak-Krise (S. 175-176)

8.1 Politische Situation

In seiner Rede zur Lage der Nation am 29. Januar 2002 nennt US-Präsident George W. Bush neue Ziele für den war on terror: Nordkorea, Iran und Irak. Er prägt den Ausdruck der Achse des Bösen: „States like these, and their terrorist allies, constitute an axis of evil, arming to threaten the peace of the world.”1 Bei der Rede in der Militärakademie in West Point am 1. Juni 2002 macht Bush deutlich, dass er die Welt in Gut und Böse einteilt: „We are in a conflict between good and evil, and America will call evil by its name. By confronting evil and lawless regimes, we do not create a problem, we reveal a problem. And we will lead the world in opposing it.”

Bush macht auch klar, dass die USA künftig eine andere militärische Strategie verfolgen werden, nämlich die eines präemptiven Handelns3: „Yet the war on terror will not be won on the defensive. We must take the battle to the enemy, disrupt his plans, and confront the worst threats before they emerge. In the world we have entered, the only path to safety is the path of action. And this nation will act. (...) And our security will require all Americans to be forward-looking and resolute, to be ready for preemptive action when necessary to defend our liberty and to defend our lives.”

Der angedrohte Irak-Krieg wird in Deutschland zum Wahlkampfthema. Bundeskanzler Gerhard Schröder erklärt schon im August 2002, dass Deutschland sich an einem Krieg gegen den Irak nicht beteiligen werde. In einem ARD-Interview sagt er: „Ich denke, dass wir, wenn es jetzt über militärische Interventionen geht, zurückhaltend sein sollten. Das bedeutet, dass Deutschland sich daran nicht beteiligen wird.“5 Auch in seiner Haushaltsrede im Bundestag am 13. September 2002 wiederholt Schröder diese Einstellung: „Meine Argumente gegen eine militärische Intervention bleiben bestehen.

Es bleibt ebenfalls klar: Unter meiner Führung wird sich Deutschland an einer militärischen Intervention nicht beteiligen.“6 Obwohl der Irak am 17. September einwilligt, die UN-Waffeninspekteure wieder ins Land zu lassen, ermächtigen am 10. und 11. Oktober 2002 beide Kammern des Kongresses den US-Präsidenten dazu, militärische Gewalt gegen den Irak anzuwenden.7 Eine Abstimmung im Weltsicherheitsrat verzögert sich aufgrund von Differenzen zwischen den USA und Frankreich darüber, ob der Sicherheitsrat wegen einer Verletzung der neuen Resolution vor einem Militärschlag erneut einen Beschluss fassen muss. Am 8. November beschließt der UN-Sicherheitsrat in seiner Resolution 1441 einstimmig den erneuten Einsatz von Waffeninspektoren und warnt den Irak vor ernsthaften Konsequenzen, falls das Land nicht kooperiere: „The Security Council (...) recalls, in that context, that the Council has repeatedly warned Iraq that it will face serious consequences as a result of its continued violations of its obligations.“

Der irakische Außenminister Sabri erklärt am 13. November in einem Brief an UN-Generalsekretär Annan, Irak werde die Resolution 1441 bedingungslos akzeptieren und stellt fest, der Irak besitze gar keine Massenvernichtungswaffen. Die Rüstungskontrolleure nehmen am 27. November ihre Arbeit im Irak wieder auf. Dennoch stationieren die USA in der Golfregion immer mehr Soldaten.

Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis6
Vorwort10
0 Einleitung12
0.1 Eingrenzung des Themas13
0.2 Leitfragen14
0.3 Stand der Forschung15
0.4 Beitrag dieser Arbeit zur Forschung20
0.5 Arbeitsschritte21
0.6 Methodik23
1 Das Verhältnis zwischen Kirche und Politik24
1.1 Zum Begriff Politik24
1.2 Geschichtliche Erfahrungen der Kirche mit der Politik25
1.2.1 Altes Testament26
1.2.2 Neues Testament29
1.2.3 Frühes Christentum und Mittelalter33
1.2.4 Luthers Zwei-Reiche-Lehre34
1.2.5 Kritik an der Zwei-Reiche-Lehre Luthers37
1.2.6 Der moderne Staat38
1.3 Das Wächteramt der Kirche41
1.4 Ursachen der Spannungen im Verhältnis Kirche/Politik43
1.5 Überschneidung und Abgrenzung der Bereiche44
2 Kirchliche Äußerungen zu politischen Fragen46
2.1 Der Begriff kirchliche Äußerung46
2.2 Legitimation der politischen Äußerungen der Kirche46
2.2.1 Aus der Sicht des Staates47
2.2.2 Aus der Sicht der Kirche47
2.3 Der Öffentlichkeitsauftrag der Kirche48
2.3.1 Geschichte des Begriffs48
2.3.2 Kritik am Öffentlichkeitsanspruch der Kirche50
2.4 Absender und Empfänger kirchlicher Äußerungen52
2.5 Ziele kirchlicher Stellungnahmen55
2.6 Der richtige Zeitpunkt kirchlicher Äußerungen56
2.7 Medien und Methoden kirchlichen Redens58
2.8 Gefahren kirchlicher Äußerungen59
2.9 Die Denkschriften der EKD60
2.9.1 Geschichte und Begriff60
2.9.2 Themen und Stil der Denkschriften61
2.9.3 Wirkung der Denkschriften63
3 Die Kirche und der Frieden64
3.1 Zum Begriff Frieden64
3.2 Die Rede vom Frieden in der Bibel65
3.2.1 Altes Testament65
3.2.2 Neues Testament68
3.3 Spätantike und Mittelalter: Lehre vom gerechten Krieg71
3.3.1 Augustin72
3.3.2 Thomas von Aquin72
3.4 Reformation und frühe Neuzeit74
3.4.1 Luther: Verteidigungskrieg ist gerecht74
3.4.2 Calvin: Unbedingter Gewaltverzicht76
3.4.3 Frühe Neuzeit: ius ad bellum77
Causa iusta: Ein gerechter Grund kann nach der Theorie des gerechten78
Legitima potestas: Der Forderung, Gewalt an eine legitime bzw. kompe-tente78
Recta intentio: Schon vor Beginn eines militärischen Eingreifens muss79
Ultima ratio: Die Prämisse für eine legitime Militäraktion als äußerstes79
Debitus modus: Vor der Anwendung von Gewalt ist zu prüfen, ob diese79
Aussicht auf Erfolg: Der Einsatz militärischer Gewalt ist sinnlos, wenn79
4 Weltkriege, Nachkriegszeit und „Kalter Krieg“82
4.1 Die beiden Weltkriege82
4.2 Die deutsche Teilung85
4.3 Die Bedrohung durch Atomwaffen86
4.4 Die Heidelberger Thesen von 195987
4.5 Die EKD-Denkschrift von 198190
4.6 Die Erklärung des Reformierten Bundes von 198293
4.7 Der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR94
5 Nach der deutschen Wiedervereinigung98
5.1 Die „Orientierungspunkte“ von 1993/9498
5.2 Die Kundgebung der EKD-Synode von 1993101
5.3 Der Kosovo-Krieg von 1999102
5.4 Das römisch-katholische „Hirtenwort“ von 2000110
5.5 Die „Zwischenbilanz“ von 2001115
6 Die Anschläge des 11. September 2001118
6.1 Reaktionen aus der Politik118
6.2 Kirchliche Äußerungen im Protestantismus119
6.3 Stellungnahmen aus dem katholischen Bereich126
6.4 Stimmen aus der Theologie129
6.5 Spätere Bewertungen132
7 Der Krieg in Afghanistan138
7.1 Politische Situation138
7.2 Reaktionen von Kirchenführern139
7.3 Die EKD-Synode im November 2001148
7.4 Die bayerische Landessynode im November 2001153
7.5 Weitere Landessynoden159
7.6 Die römisch-katholische Kirche163
7.7 Stellungnahmen christlicher Organisationen166
7.7.1 Evangelische Arbeitskreise166
7.7.2 Katholische Verbände168
7.8 Spätere Bewertungen170
8 Die Irak-Krise176
8.1 Politische Situation176
8.2 Äußerungen des EKD-Ratsvorsitzenden Kock178
8.3 Stellungnahmen des Rates und der Synode der EKD182
8.4 Äußerungen der Gliedkirchen187
8.4.1 Westdeutsche Landeskirchen187
8.4.2 Die Kirchen in den neuen Bundesländern195
8.5 Die römisch-katholische Kirche201
8.5.1 Der Vatikan201
8.5.2 Bischofskonferenzen203
8.5.3 Katholische Organisationen206
8.5.4 Einzelne Diözesanbischöfe211
8.6 Internationale Zusammenschlüsse215
8.7 Andere kirchliche Stimmen217
8.8 Kritik und Unterstützung aus der Politik225
9 Der Irak-Krieg228
9.1 Gemeinsame Erklärungen führender Kirchenvertreter228
9.2 Äußerungen aus den Landeskirchen231
9.2.1 Landesbischöfe aus den neuen Bundesländern231
9.2.2 Landesbischöfe aus dem Westen Deutschlands234
9.2.3 Stellungnahmen von Landessynoden238
9.3 Äußerungen des Rates der EKD241
9.4 Aus der Ökumene244
9.4.1 Die römisch-katholische Kirche244
9.4.2 Internationale Zusammenschlüsse246
9.5 Weitere kirchliche Äußerungen248
9.6 Spätere Bewertungen252
10 Resümee256
10.1Äußerungen der Kirchen als Chance und Gefahr256
10.2Ergebnisse der Untersuchungen259
10.2.1 Protestantismus259
10.2.2 Katholizismus261
10.3Ausblick262
Abkürzungen266
Literaturverzeichnis268
Quellen268
Forschungsliteratur271
Stellungnahmen aus der Politik281
Kirchliche Stellungnahmen im 21. Jahrhundert282
Zeitungsartikel und Rundfunkinterviews299
Register304

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