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E-Book

Kleine Geschichte des deutschen Romans

AutorBenedikt Jeßing, Jost Schneider, Karin Kress
VerlagLambert Schneider
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl224 Seiten
ISBN9783650719003
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis10,99 EUR
Der Roman ist heute bei Lesern und Leserinnen jeden Alters die mit Abstand beliebteste Literaturgattung. Eine aktuelle, kurzgefasste Geschichte seiner Entwicklung von den Anfängen bis zur Gegenwart fehlte jedoch bisher. Die »Kleine Geschichte des deutschen Romans« schließt diese Lücke. Sie bietet eine konzentrierte Übersicht über die Meisterwerke der deutschen Romangeschichte, bezieht aber auch die vom breiten Publikum tatsächlich geschätzten Romane mit ein. Denn auch zu Goethes Zeit wurde nicht hauptsächlich Goethe gelesen, sondern Gespenstergeschichten, Liebesabenteuer und andere Schmöker, die von eifrigen Kanonwächtern späterhin aussortiert wurden. Dieser Band schildert den Roman in seiner ganzen Erscheinungsvielfalt vom spannenden Krimi über das farbige Gesellschaftsbild bis zum experimentellen Zeitroman, vom »Simplicissimus« über den »Wilhelm Meister« bis zu »Effi Briest« und der »Blechtrommel«. Allen Literaturfreunden sei er wärmstens empfohlen!

Karin Kress ist Dozentin am Querenburg-Institut und promoviert derzeit über den deutschsprachigen Roman des 20. Jahrhunderts.

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Leseprobe

 II. Das 19. Jahrhundert


von Jost Schneider

Die Erschließung größerer Leserkreise


In den Jahrzehnten um 1800 erfährt der deutsche Roman einen rasanten Aufschwung, der es rechtfertigt, von einer epochalen Wende in der Geschichte dieser Gattung zu sprechen. Nach dieser Wende liegt die durchschnittliche jährliche Anzahl von Roman-Neuerscheinungen wesentlich höher als in den Jahrhunderten zuvor. Es werden deutlich höhere Auflagen erzielt, und einige Romane erreichen den Status von Best- oder Longsellern. Zahlreiche Übersetzungen, vor allem aus dem Englischen und Französischen, kommen hinzu. Die Durchschnittspreise für einen gedruckten Roman sinken deutlich ab, und neue Vertriebsformen und Formate wie etwa der Fortsetzungs- oder der Kolportageroman machen die Gattung auch jenen vielen Lesern zugänglich, die bis dahin aus banalen ökonomischen Gründen de facto von der Romanlektüre ausgeschlossen geblieben waren.

Auch in Poetik, Ästhetik und Literaturkritik ist ein stärkeres Interesse für den Roman erkennbar, der nun deutlich aufgewertet und in manchen literaturtheoretischen Ansätzen in den Rang einer besonders zeitgemäßen und modernen Literaturgattung erhoben wird. Gleichzeitig kann sowohl in formal-stilistischer als auch in thematisch-inhaltlicher Hinsicht von einer Reifung und Ausdifferenzierung des Genres gesprochen werden: Vom populären Liebes- oder Abenteuerroman bis hin zum philosophischen Zeitroman entsteht ein breites Spektrum an Untergattungen, die für nahezu jede Zielgruppe ein passendes Angebot bereitstellen (Details bei Schneider 2004, S. 162–173).

Die wesentliche Ursache für diesen Roman-Boom war zunächst der Umstand, dass im 19. Jahrhundert wesentlich größere Anteile der Bevölkerung als jemals zuvor genügend Zeit, Geld und Bildung besaßen, um an schriftlicher literarischer Kommunikation teilzuhaben. Und dies hängt ganz unmittelbar mit bestimmten gesellschaftsgeschichtlichen Entwicklungen zusammen, von denen hier einführend kurz die Rede sein soll.

Eine erste wichtige Grundvoraussetzung für die Romanlektüre ist offensichtlich die Lesefähigkeit. Betrachten wir die Entwicklung der Alphabetisierung in Deutschland, so zeigt sich, dass im Verlauf des 19. Jahrhunderts in diesem Punkt die gewaltigsten, erstaunlichsten Fortschritte erzielt worden sind. Es ist wichtig, dabei zwischen verschiedenen Graden der Alphabetisierung zu unterscheiden. Denn von der mühsamen Entzifferung einzelner Wörter bis hin zur freiwilligen, regelmäßigen, fließenden Lektüre komplexer Sprachkunstwerke gibt es eine Vielzahl an Zwischenstufen der Lesefähigkeit. Hier in unserem Kontext interessiert uns nicht die Frage, wie viel Prozent der Bevölkerung lediglich bis zu dem Grad alphabetisiert waren, dass sie ihren Namen und einige weitere, ihnen geläufige Wörter schreiben und zur Not auch ein Ladenschild oder ein Flugblatt entziffern konnten. Der Anteil dieser Menschen an der Gesamtbevölkerung hatte sich bereits im Verlauf des 18. Jahrhunderts von etwa 13 auf ca. 25 Prozent erhöht (vgl. Wittmann 1991; Schön 1999; Schneider 2007, v.a. S. 10f.), doch von einer regelmäßigen Teilhabe an schriftlicher literarischer Kommunikation und von der Lektüre gedruckter Romane kann bei ihnen noch nicht die Rede sein.

Die größten Zuwächse gab es vielmehr erstens bei jenen Bevölkerungskreisen, die aufgrund ihrer Berufsausübung zur regelmäßigen Lektüre von Geschäftskorrespondenz, Ratgeberliteratur, Sach- und Fachbüchern oder Zeitungsartikeln (Wirtschaftsnachrichten usw.) gezwungen waren und die deshalb so flüssig lesen konnten, dass für sie auch das Lesen umfangreicher Romantexte keine beschwerliche Übung mehr war, sondern ein interessantes Freizeitvergnügen darstellen konnte. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung wird für das Jahr 1800 auf ungefähr 10 Prozent geschätzt und steigt dann im Verlauf des 19. Jahrhunderts auf etwa 40 Prozent an.

Daneben gab es dann zweitens die Gruppe jener besonders gut ausgebildeten Menschen, die nach Absolvierung der Realschule, des Gymnasiums oder gar der Universität superiore Positionen in Wirtschaft, Verwaltung, Kirche, Justiz, Bildungswesen usw. einnahmen und die deshalb neben einer hoch entwickelten Lektürefähigkeit auch jene Allgemeinbildung besaßen, die man benötigt, um anspruchsvolle literarische Werke mit ihren vielen Fremdwörtern, Fachbegriffen, literarischen Anspielungen usw. zu verstehen und mit Genuss zu lesen. Der Anteil dieser Menschen an der Gesamtbevölkerung war über Jahrhunderte hinweg weitgehend konstant geblieben, d.h. er war von 1 Prozent um 1500 auf nur etwa 3 Prozent um 1800 angestiegen. Im 19. Jahrhundert klettert er jedoch schnell und stetig an und erreicht um 1900 einen Wert von ca. 22 Prozent. Ein gutes Fünftel der Bevölkerung war also am Ende des 19. Jahrhunderts seinen Bildungsvoraussetzungen nach in der Lage, auch komplexere Texte wie Goethes Wahlverwandtschaften, Stifters Nachsommer oder Raabes Stopfkuchen mit Genuss zu lesen und zu verstehen. In der Geschichte Deutschlands war dies ein unerhörter, nie dagewesener Spitzenwert! Zählen wir beide genannten Gruppen zusammen, so kommen wir zu dem Resultat, dass der Anteil der potentiellen Romanleser an der Gesamtbevölkerung vom Beginn bis zum Ende des 19. Jahrhunderts von 13 auf 62 Prozent angestiegen war. Es steht außer Zweifel, dass hierin eine erste wichtige Grundlage für den beschriebenen Roman-Boom zu erblicken ist.

Doch die Alphabetisierung stellt nur eine notwendige und keine hinreichende Bedingung für diesen Boom dar. Um zu erklären, warum von ihr ausgerechnet der Roman und nicht irgendeine andere literarische Gattung in so besonderem Maße profitierte, müssen wir weitere Faktoren mit ins Kalkül ziehen.

Zunächst soll hierbei kurz auf den Faktor Buchpreis hingewiesen werden. Denn erst im 19. Jahrhundert gelingt es durch die Fortschritte in der Drucktechnik und in der Papierherstellung sowie durch die Verbreitung neuer Vertriebssysteme (Hausierhandel; Lieferung und Zahlung auf Raten), umfänglichere Bücher zu erschwinglichen Preisen herzustellen und zu verkaufen. Dazu kommt der banale, aber sehr wesentliche Faktor, dass im Zuge der Industrialisierung ein weitgehender Umstieg von der Naturalwirtschaft auf die Geldwirtschaft stattfand. Die Landarbeiter und Handwerksgesellen des 16., 17. oder 18. Jahrhunderts, die damals den weitaus größten Teil der Bevölkerung ausmachten, arbeiteten und lebten auf Bauernhöfen oder im Haus ihres Meisters. Ihre Entlohnung erfolgte größtenteils in Naturalien (Kleidung, Schuhe, Kost und Logis), und nur zu bestimmten Anlässen oder Terminen (Ostern, Weihnachten, Namenstage usw.) erhielten sie einen geringen Teil ihres Lohnes in Bargeld ausbezahlt. Die vielen Industriearbeiter und kleinen Angestellten des 19. Jahrhunderts lebten hingegen in kleinen Wohnungen oder Häuschen, die in einiger Entfernung von ihrem Arbeitsplatz lagen, und ihren Lohn erhielten sie mehr und mehr in Form von Bargeld. Sie konnten also selbständig darüber entscheiden, für welche Zwecke sie ihr Geld ausgeben wollten, d.h. sie nahmen am geldwirtschaftlich geregelten Güteraustausch teil und besaßen eine – wenn auch bescheidene – Barschaft, die im Buchhandel gegen Druckerzeugnisse eingetauscht werden konnte.

Hinzu kommt außerdem der Faktor Freizeit. Die wöchentliche Arbeitszeit der Industriearbeiter des 19. Jahrhunderts war zwar nicht geringer, sondern im Durchschnitt sogar noch etwas höher als die der Landarbeiter der vorherigen Jahrhunderte. Doch in den expandierenden Mittel- und Oberschichten verhielt es sich anders. Und durch die stärkere Trennung von Wohnung und Arbeitsort gab es in allen Bevölkerungsschichten mehr Rückzugsmöglichkeiten für den Einzelnen, dessen Freizeitgestaltung nun nicht mehr unter der ständigen Kontrolle seiner Vorgesetzten (Gutsbesitzer, Handwerksmeister) stand.

Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht wunder, dass die Lese(r)geschichte für die Zeit um 1800 einen signifikanten Wandel der Lesetechniken und allgemein des Mediennutzungsverhaltens feststellen konnte (s. Schön 1987). Bis zu diesem Zeitpunkt begegnet uns in der Praxis der literarischen Kommunikation aller Gesellschaftsschichten wesentlich seltener die uns heute geläufige und natürlich erscheinende Form der stillen einsamen Buchlektüre. Stattdessen wurde sehr häufig laut und in geselliger Runde gelesen, d.h. es gab (analphabetische) Zuhörer, denen der Lesende aus seinem Buch oder seiner Zeitung etwas vorlas. Erst im 19. Jahrhundert setzt sich dann auf breiter Front die heute gängige Lektürepraxis durch, bei der ein einzelner Buchleser sich in eine ruhige Ecke zurückzieht und in einem bequemen ‚Lesesessel‘ still für sich den Text durchschmökert.

Es versteht sich, dass dieser Wandel der Lektüretechnik jene Form der Mediennutzung besonders begünstigt, bei der ein Leser förmlich in die Welt der Fiktion hineingezogen wird, bei der er also für die Dauer der Lektüre den Alltag um sich herum vergisst, komplett ‚abschaltet‘ und sich ganz in die imaginären Welten versenkt, die der gelesene Text vor seinem...

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