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E-Book

Kluge Gefühle

Warum Angst, Wut und Liebe rationaler sind, als wir denken

AutorEyal Winter
VerlagDUMONT Buchverlag
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl288 Seiten
ISBN9783832188573
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Warum wurden Bill Gates und Mark Zuckerberg aus Havard rausgeworfen? Weshalb pflegen wir die Illusion von Romantik? Wieso lieben wir Menschen, vor denen wir uns fürchten? Und warum machen Menschen Kunst? Eyal Winter zeigt anhand dieser und anderer Fragen, dass sich selbst hinter vermeintlich irrationalen Gefühlen wie Liebe und Hass vernünftige Überlebensstrategien verbergen. Dabei rehabilitiert der Humboldt-Preisträger auch negative Gefühle wie Neid und Angst, die produktiv sind, wenn wir sie nicht leugnen. Autoren wie Daniel Kahneman oder Dan Ariely haben viel über die Mängel des menschlichen Gehirns bei der Entscheidungsfindung geschrieben. Dabei führen uns Intuition und Leidenschaft meistens in die richtige Richtung. Eyal Winter, renommierter Professor für Ökonomie und Leiter des Zentrums für Rationalität an der Hebräischen Universität von Jerusalem, erklärt mit Erkenntnissen aus Evolution, Neurologie und Spieltheorie und anhand von zahlreichen Fallgeschichten, warum Gefühle uns meist schnell und zuverlässig das Richtige tun lassen.

Eyal Winter, geboren 1959, ist Professor für Ökonomie und Leiter des Zentrums für Rationalität an der Hebräischen Universität von Jerusalem, einer der weltweit führenden Institutionen, die über Entscheidungsfindung forschen. 2011 erhielt er den Humboldt-Preis. Er hat an über 130 Universitäten in 26 Ländern, darunter die Harvard University, Stanford University, Princeton University, University of California und an der University of Cambridge Vorträge gehalten. HARALD STADLER promovierte auf dem Gebiet der Medienwissenschaften. Er hat viele Sachbücher übersetzt, für DuMont 2015 >Kluge Gefühle< von Eyal Winter und 2016 >Der Narzissten-Test< von Craig Malkin.

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Leseprobe

Vorwort

Warum kann der Mensch nicht rationaler denken? Im Verhältnis zu dem idealisierten Bild vom »Denker« hat uns die Evolution anscheinend etliche Mängel vermacht. Wie ließe sich sonst erklären, dass wir so emotional sind? Welchen Nutzen bringt es einem Menschen, wenn er wütend wird? Warum werden wir in einer so sehr von Wettbewerb geprägten Welt wie der unseren gelegentlich von einem Gefühl der Bescheidenheit ergriffen? Warum werden wir genau dann, wenn wir aus tiefster Scham am liebsten unsichtbar wären, rot wie eine Tomate und fallen dadurch noch umso mehr auf? Und warum empfinden wir überhaupt so etwas wie Scham? Oder Reue? Warum sind wir von einem brennenden Verlangen nach Liebe erfüllt? Und warum sind wir bloß davon besessen, nur einem einzigen Menschen treu sein zu wollen? Oder uns freiwillig zu den gefährlichsten Militäreinsätzen zu melden? Unzähligen Handlungen würden wir uns schlicht verweigern, wenn wir auch nur einen Moment lang vernünftig darüber nachdenken, sorgfältig die Gefahren gegen die Chancen abwägen und uns nüchtern den reinen Nutzen ausrechnen würden. Versperrten wir uns solchen Handlungsweisen, würden wir indes aufhören, Mensch zu sein.

Mr Spock, eine Figur aus der Fernsehserie Raumschiff Enterprise (Star Trek), pflegt seine Kollegen im Raumschiff häufig mit einem Blick zu würdigen, in dem sich Verwunderung, Überheblichkeit und zugleich Nachsicht mischen. Der Bewohner des Planeten Vulcan mag Gefühle empfinden, aber seine Handlungen erfolgen, ganz anders als beim Menschen, aus emotionsfreien Erwägungen und sind allein von Logik und Vernunft geleitet. Ist das Minderwertigkeitsgefühl gerechtfertigt, das uns beschleicht, wenn wir sehen, wie ruhig und besonnen Mr Spock selbst die schwersten Krisen an Bord der Enterprise meistert? Die Wahrheit sieht indes so aus: Hätte sich die Menschheit ungefähr so entwickelt wie die emotionslosen Bewohner des Vulcan, würde sich unser Leben um einiges schwieriger gestalten – und höchstwahrscheinlich hätten wir gar nicht überlebt.

Viele von uns sehen in der Entscheidungsfindung einen Prozess, bei dem zwei entgegengesetzte innere Mechanismen miteinander ringen, wobei uns die emotionalen und impulsiven Kräfte dazu verleiten, das »Falsche« zu wählen, während die rationalen und intellektuellen Seiten, die wir ebenfalls in uns finden, langsam und schwerfällig versprechen, uns schließlich zu der »richtigen« Entscheidung zu führen. Diese Sichtweise, die auch viele Wissenschaftler noch bis vor einigen Jahrzehnten hegten, ist nicht nur grob vereinfachend, sondern auch falsch.

Unsere emotionalen und rationalen Mechanismen wirken Hand in Hand und unterstützen sich gegenseitig. Bisweilen lassen sie sich überhaupt nicht voneinander trennen. Sehr häufig ist eine auf Emotion oder Intuition beruhende Entscheidung viel effizienter – und im Grunde viel besser – als eine Entscheidung, die nach einer gründlichen und genauen Beurteilung aller denkbaren Ergebnisse und Folgerungen getroffen wurde. Bei einer Studie, die an der University of California in Santa Barbara durchgeführt wurde, zeigte sich, dass die Probanden in Situationen, in denen sie leicht aufgebracht waren, viel schärfer zwischen relevanten und irrelevanten Aussagen zu strittigen Themen unterscheiden konnten. Eine weitere Studie, an der ich mitwirkte, hat ergeben, dass wir uns schneller ärgern, wenn wir von der Verärgerung profitieren können. Anders gesagt: Emotion birgt Logik, und auch der Logik wohnt häufig Emotion inne.

Wie beeinflussen Gefühle unsere Entscheidungsfindung? Behindern oder unterstützen sie uns? Welche Rolle spielen sie in sozialen Situationen? Wie bilden sich kollektive Emotionen heraus? Welche Evolutionsmechanismen machten uns sowohl zu denkenden als auch zu fühlenden Wesen? In diesem Buch versuche ich, diese Fragen zu beantworten, indem ich mich auf neuere Forschungsarbeiten über die »Nahtstelle« zwischen Emotionen und Rationalität stütze.

Die neuen Erkenntnisse, die über die Rolle der Gefühle gewonnen wurden, entsprangen einer stillen Revolution, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten in drei wichtigen Fachgebieten stattgefunden hat: Hirnforschung, Verhaltensökonomie und Spieltheorie. Diese drei Felder erweiterten in den letzten Jahren unser Verständnis all dessen, was mit menschlichem Verhalten zusammenhängt. Waren die Emotionen in der Vergangenheit hauptsächlich Forschungsgegenstand von Psychologie, Soziologie sowie Philosophie und die Rationalität die Domäne von Ökonomie und Spieltheorie, befassen sich heute Vertreter all dieser Gebiete sowohl mit der Rationalität als auch mit den Emotionen.

Spieltheorie und Verhaltensökonomie – also jene akademischen Fächer, auf die ich mich spezialisiert habe – sind rasch expandierende Felder innerhalb der Ökonomie. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden zwölf Nobelpreise für Ökonomie an Forscher aus diesen beiden Gebieten vergeben. Ihr Einfluss ist weit außerhalb der akademischen Welt zu spüren. So leitet beispielsweise der verhaltensökonomisch ausgerichtete Rechtswissenschaftler Cass R. Sunstein derzeit im Weißen Haus unter Präsident Barack Obama das Office of Information and Regulatory Affairs. Sein Kollege Richard H. Thaler hingegen gehört dem sogenannten Behavioral Insight Team an, das der britische Premier David Cameron in seinem Kabinettbüro als internes Beratungsgremium zusammengestellt hat.

Dieses Buch stützt sich zwar keineswegs auf eine einzelne Lehrmeinung, doch es birgt eine persönliche und immer wiederkehrende Aussage. Diese lässt sich mit der scheinbar paradoxen Begriffsverbindung »kluge Gefühle« auf eine Formel bringen. Die Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Verhaltensökonomie und die populäre Literatur, die daraus hervorgegangen ist, darunter Bücher der mit mir befreundeten Autoren Dan Ariely1 und Daniel Kahneman2, konzentrieren sich meist auf mentale Abweichungen, die uns von rationaler Entscheidungsfindung wegführen und uns in bestimmten Fällen schaden können. Meines Erachtens ist dies eine allzu pessimistische Sicht. Im Gegensatz dazu möchte ich aufzeigen, wie uns Emotionen dienen und unseren unmittelbarsten Interessen zugutekommen.

Über dieses Thema lässt sich unmöglich diskutieren, ohne auf zwei wichtige Forschungsgebiete zurückzugreifen: Spieltheorie und Evolutionstheorie.

Die Spieltheorie, die sich im Wesentlichen mit interaktiven Entscheidungen befasst, ist unerlässlich, weil die Menschen soziale Wesen sind, die mit ihren Umgebungen interagieren. Der spieltheoretische Ansatz erhellt, welche Rollen Gefühle und andere Verhaltensmerkmale im Kontext sozialer Interaktionen spielen. Ohne diesen Ansatz würden wir bloß eine Seite der Medaille sehen und unsere eigenen Verhaltensweisen nur teilweise verstehen.

Die Evolutionstheorie ist ebenso grundlegend für das Verständnis menschlichen Verhaltens. Sie erklärt, wie ein Verhaltensmerkmal zum Überleben der Gattung Mensch beiträgt (bzw. in der Vergangenheit beigetragen hat). Ähnlich wie physiologische Entwicklungen beim Menschen und anderen Lebewesen, resultieren auch verhaltensbezogene Entwicklungen beim Menschen aus einer Art »Kopplungsgeschäft«: Ein Verhaltensmuster, das in einem bestimmten Entscheidungskontext hinderlich zu sein scheint, erweist sich in anderen Zusammenhängen vielfach als ausgesprochen nützlich.

Besonders hervorheben werde ich natürlich jene wissenschaftlichen Arbeiten, die ich selbst und meine Forschungspartner durchgeführt haben, doch ich stelle auch Ergebnisse vor, die viele meiner Kollegen und Studenten am Center for the Study of Rationality (Zentrum für das Studium der Rationalität) an der Hebrew University in Jerusalem gewonnen haben, das zu leiten ich in den vergangenen Jahren die Ehre hatte. Zudem beziehe ich mich auf die Arbeiten zahlreicher weiterer Fachleute in aller Welt. Diese Beiträge beruhen sowohl auf theoretischen Erkenntnissen als auch auf praktischen Laborversuchen, die in den letzten Jahrzehnten die Erhebungen und Befragungen ersetzten, derer sich die Sozialwissenschaftler zuvor als primäre empirische Analyseinstrumente bedienten.

Den Begriff »Emotionen« verwende ich in einem Sinn, der weiter gefasst ist als im allgemeinen Sprachgebrauch. Zu den Emotionen zähle ich nicht nur Phänomene wie Wut und Angst, die allseits als Emotionen gelten, sondern auch Begriffe, die üblicherweise als soziale Normen angesehen werden, wie etwa Fairness, Gleichbehandlung und Großzügigkeit. Damit soll nicht versucht werden zu definieren, was Emotion ist – dies vermeide ich absichtlich. Dahinter steht vielmehr der Wunsch, eine weite Bandbreite von Erscheinungen zu untersuchen, die sich möglicherweise auf ansonsten vollkommen rationales Denken auswirken. Die Erkenntnisse, die in diesem Buch dargestellt werden, beschränken sich nicht bloß auf ökonomische Entscheidungen; sie beziehen sich auf ein breites Spektrum von Themenfeldern, die Folgerungen über Politik, Religion, Familie, Sexualität und Kunst einschließen.

Durch die Lektüre dieses Buches sollen auch Leser, die nicht unbedingt mit der neuesten sozialwissenschaftlichen Forschung vertraut sind, an der faszinierenden Diskussion teilhaben können, die derzeit über das Verhältnis zwischen Emotionen und rationalem Verhalten geführt wird.

Besonders verpflichtet bin ich meinen Forschungspartnern, meinen Lehrern sowie meinen Kollegen und Studenten am Center for the Study of Rationality an der Hebrew University in Jerusalem; der geistige Austausch, den ich mit ihnen pflegen durfte, sowie meine Forschungsarbeiten bildeten den Ausgangsstoff für dieses Buch. Dieser Gedankenaustausch, der zwar auf intellektueller und rationaler Ebene geführt...

Blick ins Buch

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