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Konstantin der Große und das konstantinische Zeitalter in den Urteilen und Wegen der deutsch-italienischen Forschungsdiskussion

AutorTraudel Heinze
VerlagHerbert Utz Verlag
Erscheinungsjahr2005
Seitenanzahl382 Seiten
ISBN9783831604586
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis37,99 EUR

Die Gestalt Konstantins des Großen, des ersten christlichen Kaisers, hat in der neuzeitlichen wissenschaftlichen Forschung ein breites Spektrum an historischen Deutungen hervorgerufen. Das „konstantinische Zeitalter“ fordert unter tagespolitischen und zeitgeschichtlichen Aspekten immer wieder zu neuen Stellungnahmen heraus und verdeutlicht damit eindringlich die unaufhebbare Wechselwirkung von Gegenwartsbewußtsein und historischer Auffassung.

In der vorliegenden Arbeit werden in einer kritischen Bestandsaufnahme die Studien von siebzehn italienischen und deutschen Historikern des 19. und 20. Jahrhunderts genauer untersucht. Dabei werden einerseits die wechselnden Zeiterfahrungen und andererseits die jeweils unterschiedlichen Interpretationskonstanten innerhalb der deutschen und der italienischen Forschung herausgearbeitet und die konkret erzielten methodisch-sachlichen Fortschritte im Informationsstand ausgewertet.

Die Autorin

Traudel Heinze
, Jahrgang 1975, studierte in Göttingen und Rom die Fächer Geschichte, Latein, Deutsch und Pädagogik. Im Jahr 2001 schloß sie ihr Studium mit dem Ersten Staatsexamen ab. Es folgten ein zweijähriger Studienaufenthalt in Rom (2001-2003) und die Promotion im Jahr 2004 in Göttingen. Seit Oktober 2003 ist sie als Studienreferendarin in Frankfurt am Main tätig.

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Leseprobe

2. Die Wandlung des Konstantinbildes in der historischen Forschung (S. 303)

2.1. Das „konstantinische Zeitalter" und das Christentum

Der Beschreibung des konstantinischen Zeitalters wird in den skizzierten Darstellungen je nach Fragestellung des jeweiligen Historikers unterschiedlich viel Raum gewidmet. Ausführliche kulturgeschichtliche Analysen mit unterschiedlicher Gewichtung von religiösen, philosophischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen bilden insbesondere bei Manso, Burckhardt, Seeck, Harnack, Buonaiuti, Vogt, Momigliano und Mazzarino den Hintergrund für die Einschätzung Konstantins des Großen und seiner Politik.

Diesem weiten thematischen Ausgreifen entspricht eine besonders bei Burckhardt, Buonaiuti, Mazzarino und Momigliano spürbar breite Quellenauswahl, die häufig nur in sehr losem Zusammenhang mit den politischen Ereignissen um Konstantin steht und der allgemeinen Charakterisierung der spätantiken Geisteswelt dient.

Demgegenüber entspringt der Verzicht auf eine kulturgeschichtliche Darstellung, die bei Gibbon in Ansätzen bereits vorhanden ist, bei Spedalieri und Bianchi-Giovini aus der schlichten Annahme eines göttlichen Wirkens in der Geschichte, das keine historische Erklärung mehr erfordert. In den Untersuchungen von Salvatorelli und Calderone erklärt sich das Wirken Konstantins dagegen vorzugsweise aus dem institutionellen und spirituellen Dualismus von Staat und Kirche, bzw. von Heidentum und Christentum, der das gesamte Zeitalter entscheidend prägte.

Kulturgeschichtliche Beschreibungen treten auch bei Mommsen, Crivellucci, Bleicken und in weniger ausgeprägter Form bei Bleckmann und Marcone zugunsten einer Analyse der politischen und rechtlichen Grundlagen der konstantinischen Religionspolitik zurück. Die in den einzelnen Kapiteln referierten unterschiedlichen Wesensbestimmungen der Epoche sind dementsprechend weniger auf einen historischen Erkenntnisfortschritt zurückzuführen als vielmehr auf die Gewichtung der Faktoren und auf die historischen Deutungsansätze des jeweiligen Historikers.

Bedeutung erhält das vierte Jahrhundert bei Spedalieri und Bianchi-Giovini durch den Sieg des Christentums über das Heidentum. Ausgehend vom Nationalstaatsdenken des 19. Jahrhunderts tritt bei Bianchi-Giovini die Betonung der sittlichen Kraft des Christentums hinzu, die die Ausbildung einer zivilen Moral der entstehenden europäischen Nationen vorbereitete.

Eine positive Schaffenskraft erkennt auch Manso im Christentum des von geographischen, politischen und religiösen Umwandlungen geprägten konstantinischen Zeitalters, das er in einer auf den Historismus vorausweisenden individuellen Wertschätzung von jeder Verantwortung am Untergang des Römischen Reiches freispricht.

Im Gegensatz zu dieser Deutung seines Vorgängers gelangt Burckhardt in Ablehnung pietistischer Lehren einerseits und revolutionärer Umbrüche andererseits zu einer pessimistischen Einschätzung der gesellschaftlichen Veränderungen der christlich geprägten Spätantike, die er unter Anführung von Beispielen aus der zivilen Sittlichkeit, aus der Kunst, der Literatur und der Architektur als Lebenskrise der antiken Zivilisation charakterisiert, zu dessen Untergang das Christentum als Krisensymptom einen entscheidenden Beitrag leistete.

Die Problematik des diskutierten Zeitalters erscheint bei dem liberalen Politiker Mommsen ebenso wie bei dem italienischen Historiker Crivellucci eher in der politischen Gestalt der Entnationalisierung in Folge des sich selbst überwachsenden römischen Weltreiches, vor der das Christentum als Untergangsfaktor zurücktritt.

Eigenwillig und in gewisser Weise isoliert präsentiert sich die Darstellung von Seeck, der die für ihn feststehende gesellschaftliche Dekadenz der Spätantike unter Berufung auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse in einer charakterlichen und physischen Degeneration der römischen Bevölkerung begründet sieht, die in einer weltlichen Fragen ablehnend gegenüberstehenden Kirche ihre Entsprechung fand.

Der überzeugte Kulturprotestant Harnack erkennt dagegen das positive Handlungspotential des Christentums schon in seiner Frühphase3 und leitet damit zur Deutung Vogts über, der nach dem Zusammenbruch von 1945 zu einer hohen Wertschätzung christlicher Lehren gelangt.

Inhaltsverzeichnis
Vorwort6
Inhaltsverzeichnis8
Einleitung12
1. Das Bild Konstantins des Großen und des konstantinischen Zeitalters in der italienisch- und deutschsprachigen Forschung des 19. und 20. Jahrhunderts19
1.1. Nicola Spedalieri19
1.1.1. Geschichtswissenschaftliches Wirken und die Beschäftigung mit Konstantin dem Großen19
1.1.2. Wegbereiter, Literatur und Quellen25
1.1.3. Konstantin der Große und das „konstantinische Zeitalter“30
1.2. Johann Kaspar Friedrich Manso39
1.2.1. Geschichtswissenschaftliches Wirken und die Beschäftigung mit Konstantin dem Großen39
1.2.2. Wegbereiter, Literatur und Quellen45
1.2.3. Konstantin der Große und das konstantinische Zeitalter47
1.3. Aurelio Bianchi-Giovini58
1.3.1. Geschichtswissenschaftliches Wirken und die Beschäftigung mit Konstantin dem Großen58
1.3.2.Wegbereiter, Literatur und Quellen65
1.3.3. Konstantin der Große und das „konstantinische Zeitalter“68
1.4. Jakob Burckhardt76
1.4.1. Geschichtswissenschaftliches Wirken und die Beschäftigung mit Konstantin dem Großen76
1.4.2. Wegbereiter, Literatur und Quellen80
1.4.3. Konstantin der Große und das „konstantinische Zeitalter“85
1.5. Theodor Mommsen95
1.5.1. Geschichtswissenschaftliches Wirken und die Beschäftigung mit Konstantin dem Großen95
1.5.2. Wegbereiter, Literatur und Quellen103
1.5.3. Konstantin der Große und das „konstantinische Zeitalter“107
1.6. Amedeo Crivellucci113
1.6.1. Geschichtswissenschaftliches Wirken und die Beschäftigung mit Konstantin dem Großen113
1.6.2. Wegbereiter, Literatur und Quellen118
1.6.3. Konstantin der Große und das „konstantinische Zeitalter“123
1.7. Otto Seeck134
1.7.1. Geschichtswissenschaftliches Wirken und die Beschäftigung mit Konstantin dem Großen134
1.7.2. Wegbereiter, Literatur und Quellen140
1.7.3. Konstantin der Große und das konstantinische Zeitalter143
1.8. Adolf von Harnack158
1.8.1. Geschichtswissenschaftliches Wirken und die Beschäftigung mit Konstantin dem Großen158
1.8.2. Wegbereiter, Literatur und Quellen162
1.8.3. Konstantin der Große und das „konstantinische Zeitalter“166
1.9. Luigi Salvatorelli170
1.9.1. Geschichtswissenschaftliches Wirken und die Beschäftigung mit Konstantin dem Großen170
1.9.2. Wegbereiter, Literatur und Quellen175
1.9.3. Konstantin der Große und das „konstantinische Zeitalter“179
1.10. Ernesto Buonaiuti191
1.10.1. Geschichtswissenschaftliches Wirken und die Beschäftigung mit Konstantin dem Großen191
1.10.2. Wegbereiter, Literatur und Quellen200
1.10.3. Konstantin der Große und das „konstantinische Zeitalter“204
1.11. Joseph Vogt214
1.11.1. Geschichtswissenschaftliches Wirken und die Beschäftigung mit Konstantin dem Großen214
1.11.2. Wegbereiter, Literatur und Quellen218
1.11.3. Konstantin der Große und das „konstantinische Zeitalter“221
1.12. Arnaldo Momigliano228
1.12.1. Geschichtswissenschaftliches Wirken und die Beschäftigung mit Konstantin dem Großen228
1.12.2. Wegbereiter, Literatur und Quellen238
1.12.3. Konstantin der Große und das „konstantinische Zeitalter“242
1.13. Santo Mazzarino249
1.13.1. Geschichtswissenschaftliches Wirken und die Beschäftigung mit Konstantin dem Großen249
1.13.2. Wegbereiter, Literatur und Quellen253
1.13.3. Konstantin der Große und das „konstantinische Zeitalter“258
1.14. Salvatore Calderone265
1.14.1. Geschichtswissenschaftliches Wirken und die Beschäftigung mit Konstantin dem Großen265
1.14.2. Wegbereiter, Quellen und Literatur267
1.14.3. Konstantin der Große und das „konstantinische Zeitalter“268
1.15. Jochen Bleicken276
1.15.1. Geschichtswissenschaftliches Wirken und die Beschäftigung mit Konstantin dem Großen276
1.15.2. Wegbereiter, Literatur und Quellen278
1.15.3. Konstantin der Große und das „konstantinische Zeitalter“280
1.16. Bruno Bleckmann286
1.16.1. Geschichtswissenschaftliches Wirken und die Beschäftigung mit Konstantin dem Großen286
1.16.2. Wegbereiter, Literatur und Quellen287
1.16.3. Konstantin der Große und das „konstantinische Zeitalter“288
1.17. Arnaldo Marcone294
1.17.1. Geschichtswissenschaftliches Wirken und die Beschäftigung mit Konstantin dem Großen294
1.17.2. Wegbereiter, Quellen und Literatur296
1.17.3. Konstantin der Große und das „konstantinische Zeitalter“297
2. Die Wandlung des Konstantinbildes in der historischen Forschung306
2.1. Das „konstantinische Zeitalter“ und das Christentum306
2.2. Die Vorgänger: Diokletian, Galerius und Constantius Chlorus311
2.3. Der politische Aufstieg314
2.4. Die Finanz-, Militär- und Verwaltungspolitik316
2.5. Die Religionspolitik319
2.6. Die persönliche Einstellung Konstantins zum Christentum332
2.7. Nachfolge und Fortwirken335
3. Schlußbetrachtung339
4. Quellen- und Literaturverzeichnis347
1. Quellen347
2. Literatur349
2.1. Gesamtdarstellungen und Einzeluntersuchungen zu Konstantin dem Großen und seiner Religionspolitik349
2.2. Allgemeine wissenschaftsgeschichtliche Untersuchungen und Informationen359
2.3. Biographische und wissenschaftsgeschichtliche Untersuchungen und Informationen zu den analysierten Historikern363
3. Archivmaterial373
Stichwortverzeichnis374

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