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E-Book

Kosmetik und Hygiene

von Kopf bis Fuß

VerlagWiley-VCH
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl591 Seiten
ISBN9783527663507
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis59,99 EUR

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Leseprobe

1


Historische Entwicklung der Kosmetik


1.1 Kulturelle und religiöse Einflüsse auf die Kosmetik


Kosmetik ist mehr, als nur das Körperäußere zu pflegen und zu verschönern. Kosmetik bedeutete auch immer, auf sichtbare, riechbare und fühlbare Weise der Welt und den Mitmenschen zu begegnen. Diese Art der Begegnung hat mit dem jeweiligen Weltverständnis und dem daraus abgeleiteten Menschenbild zu tun. Damit ist Kosmetik unauflösbar mit Religionen und Kulturkreisen verwoben, mehr noch, sie spiegelt die Grundbefindlichkeiten wie auch die technischen Möglichkeiten des Menschen wider.

Im „Darüber hinaus“ der Religion weigert sich der Mensch, seine biologische Begrenztheit anzuerkennen. Wo wird das deutlicher sichtbar als in den Totenkulten der einzelnen Völker, besonders eindrucksvoll dort, wo das Weiterleben nach dem Tod mit der Unversehrtheit der Körperhülle in Zusammenhang gebracht wird? Die Ägypter der Pharaonenzeit entwickelten aus dieser Vorstellung eine ausgefeilte Nekrokosmetik (Abb. 1.1-1) mit Balsamierungstechniken, die heute noch Bewunderung hervorrufen.

Die Religion gab über die Jahrtausende hinweg maßgebliche Impulse für die kosmetische Gestaltung. Bei einer Reihe von afrikanischen Völkern werden bei Initiationsriten Mädchen und Jungen im Gesicht oder am ganzen Körper weiß bemalt, um damit das Absterben – den Tod der Kindheit – und daran anschließend die Wiedergeburt zu symbolisieren. In Indien kennzeichnet ein kleiner kreisförmiger weißer Fleck über der Nasenwurzel die Zugehörigkeit zur Brahmanenkaste.

Die gegenseitige Beeinflussung griechisch-idealistischer Philosophie und christlicher Religion erzeugte vielfach Kosmetikfeindlichkeit. Da der Mensch aber gar nicht anders kann, als sich mit seinem Äußeren zu zeigen, also immer auch ein „anthropos kosmetikos“ ist, kam es aus dieser geistigen Konstellation heraus zu charakteristischen Kosmetikhandlungen: Die Tonsur der Mönche galt als Zeichen ihrer Öffnung für das Göttliche; im 11. Kapitel des 1. Korintherbriefes legte Paulus frommen Frauen und Mädchen das Tragen langer Haartrachten nahe. Kreuzritter ließen sich oftmals ein Kruzifix eintätowieren, um sich dadurch im Todesfall ein christliches Begräbnis zu sichern.

Obwohl Kosmetik zweifellos das Ergebnis eines menschlichen Grundgefühls ist, steht sie seit jeher im Kreuzfeuer der Kritik. Warum? Zum einen: Kosmetik hat mit der Herausstellung der Person zu tun. Persönliche Motive oder persönlicher Geschmack aber sind anfechtbar. Eine Veränderung des Körperäußeren kann als narzisstisch, eitel, wenig anmutend oder sogar hässlich beurteilt werden. In den 1960er-Jahren wurden die „Pilzfrisuren“ der Beatles abgelehnt; heute wundert man sich über das irokesenhafte Aussehen der „Punks“ oder fürchtet sich vor gewalttätigen glatzköpfigen Rechtsradikalen. Zum anderen: Kosmetik folgt nicht nur großen, über Jahrzehnte beständigen Bewusstseinsströmungen, sondern spiegelt ebenso kurze Modewechsel wider und wird daher gern mit dem Attribut „oberflächlich“ gekennzeichnet. Aus alledem leitet sich das Schillernde und zum Widerspruch Reizende der Kosmetik ab. Das Wort „Kosmetik“ selbst zeigt diese Ambivalenz. „Ho kosmos“ ist im Griechischen die Schönheit, die aus der Ordnung kommt. War im alten Sparta der „kosmetes“ noch der hoch angesehene Ordner, der, mit erheblichen Rechten ausgestattet, über die gegenseitige Rücksichtnahme zu wachen hatte, so war schon kurze Zeit später derselbe Wortstamm negativ belegt: „He kosmeter“ ist die eitle, oberflächliche Putzjungfrau. Diesem Auf und Ab kosmetischer Wertschätzung begegnen wir über die Jahrtausende. Das Mittelalter legt Wert auf die unsterbliche Seele des Menschen und verdammt folgerichtig die Eitelkeit menschlicher Schönheitspflege. Von der Renaissance an beginnt der Mensch, sich von geistlichklerikaler Vorherrschaft zu befreien, und wird sich selbst zum Maßstab aller Dinge. Dementsprechend legt er größten Wert auf seine äußere Erscheinung. Selbst in unserer rational bestimmten Zeit erleben wir die ambivalente Haltung zur Kosmetik auf Schritt und Tritt. Von jeder Litfaßsäule lachen uns kosmetikgepflegte Menschen an. Wenn es aber darum geht, Sündenböcke für gesellschaftliche Malaisen zu finden, dann steht die Kosmetik an vorderster Front. Tierversuche für die Kosmetik, für menschlichen Luxus also, wer kann das verantworten?!

Abbildung 1.1-1 Grab des Neb-Amun, Theben: Klagende Witwen vor Mumien (aus Hawkes, J., 1977)

1.2 Die Kosmetik in den einzelnen Kulturepochen


1.2.1 Kosmetische Praktiken in sehrfrühen Kulturen


Aus Funden in Alicante und Lascaux wissen wir, dass schon in prähistorischer Zeit Frauen ihre Gesichter mit roter Farbe bemalten. Ähnliche Praktiken haben sich bei Naturvölkern in Reservaten bis in unsere Tage erhalten; z. B. bemalen sich die Jivaro-Indianer im Amazonasgebiet mit eigenartigen Mustern; die Papuas bemalen ihre Gesichter und schmücken sich mit schillernden Federn von Paradiesvögeln, um ihre Schönheit und männliche Stärke zur Geltung zu bringen.

Mit dem Auftreten der Völker in Indien und im Vorderen Orient nimmt unser Wissen auf dem Gebiet der Kosmetik schlagartig zu. Assyrer, Chaldäer und Babylonier verbrannten in öffentlichen Tempeln oder in Hausschreinen aromatische Substanzen, Harze, spezielle Hölzer oder Riechgummen. Sie legten damit die Anfänge der Parfümerie. Das alte Ägypten könnte man als die Wiege der Kosmetik bezeichnen. Beide Geschlechter dieses alten Kulturvolkes schminkten Lippen und Wangen in verschiedenen Rottönen, zogen die Brauen mit Stibium (Antimon) nach und färbten die unteren Augenlider mit pulverisiertem Malachit. Zur Färbung der Haare waren Henna und Indigo weit verbreitet (Abb. 1.2-1). Auch das jüdische Nachbarvolk besaß hohes kosmetisches Wissen. Im Buch Esther wird beschrieben, wie eine atemberaubend schöne junge Jüdin zwölf Monate lang für die Brautschau am persischen Hof in Susa vorbereitet wurde: Sechs Monate wurde sie jeden Tag mit Myrrhenöl eingerieben, sechs Monate mit Spezereien und anderen Schönheitsmitteln.

1.2.2 Zusammenhang zwischen Pharmazie und Kosmetik in der hellenistischen Periode


Die Unterscheidung zwischen Innerem und Äußerem des Menschen, wie es für die Moderne typisch ist, zwischen nur Ästhetischem und Körperlich-Funktionalem war der Antike fremd. Dementsprechend gab es zu dieser Zeit auch keine strikte Trennung zwischen Medizin und Kosmetik. Hippokrates von Kos (4. Jh. v. Chr.) – der „Vater der Medizin“ – überliefert in seinem 2. Buch der Abhandlungen über Frauenkrankheiten eine umfangreiche Sammlung kosmetischer Rezepturen, z. B.: Um dem Gesicht ein schönes Aussehen zu verleihen, verreibe man die Leber einer Eidechse mit Olivenöl und streiche sie mit unverdünntem Wein auf. Zur Glättung von Runzeln verreibe man Molybdän in einem steinernen Mörser, gieße abgestandenes Wasser darüber, forme Kügelchen daraus, trockne sie und lasse sie vor dem Gebrauch in Olivenöl zergehen. Bei Haarausfall verreibe man Labdanum zusammen mit Rosen- und Liliensalbe und behandle damit die Kopfhaut.

Abbildung 1.2-1 Letzte Handreichung der Königin Anchsen-Amun bei der Toilette des Königs (aus Desroches-Noblecourt, C., 1963)

Athen war Modezentrum und Hochburg der griechischen Kosmetik. Man bezog aus Ägypten und Phönizien Spiegel, Schminktöpfchen, Hautsalben und parfümierte Seifen. Die vornehme Griechin schmückte sich in ausgesuchter Weise für den Gatten. Sie zog sich die Augenbrauen mit Schwärze nach und bemalte die Lippen. Zum blonden Haar wünschte sie sich eine möglichst schneeweiße Haut. Diesem Ziel wurde mit kräftigem Auftrag von Bleiweiß-Schminke nachgeholfen. Sie wusste um die Begrenztheit ihres Tuns; ihre Vorbilder waren die Göttinnen, und so wünschte sie sich, schön zu sein wie Aphrodite, klug wie Athene und tüchtig wie Hera, die Gemahlin des Zeus.

1.2.3 Kosmetik bei den Romern


Im Laufe ihrer Geschichte veränderte sich die Lebensweise der Römer vom Asketisch-Einfachen hin zum Angenehmen, wenn nicht gar zum Luxuriösen. Senat und Kaiser schenkten dem Volk nicht nur Sportplätze zur körperlichen Ertüchtigung, sondern auch großartig ausgestattete Bäder. In diesen Caldarien, „Heißbädern“, trafen sich Clubs von Müßiggängern, Geschäftsfreunden und Sportlern, um sich der Unterhaltung und Körperpflege gleichermaßen zu widmen.

Kosmetik war noch ein fester Bestandteil der Medizin. Plinius der Ältere (24–79 n. Chr.) schrieb eine Enzyklopädie, die nicht nur das chemische, botanische und pharmazeutische Wissen der damaligen Zeit zusammenfasste, sondern auch...

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