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Krafttraining bei Kindern und Jugendlichen

Hintergründe, Trainingspläne, Übungen

AutorAndreas Strack, Jürgen Gießing, Michael Fröhlich
VerlagTectum Wissenschaftsverlag
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl224 Seiten
ISBN9783828853782
FormatePUB/PDF
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis14,99 EUR
Wie lässt sich ein altersgerechtes Krafttraining anleiten und ausüben? Welche positiven Effekte kann Krafttraining bei Therapie und Übergewicht haben? Und sollten Kinder und Jugendliche überhaupt schon Krafttraining durchführen? Während Befürworter positive Effekte wie körperliche Kräftigung, eine Verbesserung der Leistungsfähigkeit und eine Steigerung des Wohlbefindens anführen, zweifeln Kritiker daran, dass Kinder den besonderen Anforderungen von Krafttraining überhaupt gewachsen sind. Das Problem: Die verschiedenen Aspekte des Krafttrainings werden oftmals nur pauschalisiert wiedergegeben. Michael Fröhlich, Jürgen Gießing und Andreas Strack wollen hier Abhilfe schaffen! Das Autorenteam geht differenziert auf Verletzungen und Schädigungen durch Trainingsfehler, wie beispielweise Überbeanspruchung, ein und fragt nach den Effekten von Krafttraining in der Therapie und bei Übergewicht. Pädagogische Hinweise, Trainingsempfehlungen und Übungspläne, sowie zahlreiche bebilderte Übungsbeispiele machen Krafttraining bei Kindern und Jugendlichen zu einem unverzichtbaren Fachbuch für an der Thematik interessierte Trainer, Sportstudenten und Eltern kraftsportbegeisterter Kinder.

PD Dr. Michael Fröhlich ist seit 2009 als Privatdozent an der Universität des Saarlandes tätig. Prof. Dr. Dr. Jürgen Gießing ist seit 2007 Professor an der Universität Landau mit dem Schwerpunkt Trainingswissenschaft und Sportmedizin. Andreas Strack ist seit 2002 als Pädagogischer Leiter bei der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement beschäftigt.

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Leseprobe

Kapitel 4

Frühe Publikationen negierten Krafttrainingseffekte vor der Pubertät sowie im höheren Lebensalter per se. Anhand der aktuellen Forschungslage, kann inzwischen dezidiert konstatiert werden, dass der menschliche Organismus und damit auch die Skelettmuskulatur über die gesamte Lebensspanne trainierbar ist. Zur Abschätzung aller Aspekte möglicher Adaptationsprozesse im Rahmen der allgemeinen Ontogenese und speziellen motorischen Entwicklung ist zunächst die abgrenzende Beschreibung unterschiedlicher Entwicklungsabschnitte bis hin zur Geschlechtsreife notwendig. Die einzelnen Entwicklungsabschnitte werden allgemein in das Vorschulalter, das frühe Schulkindalter, das späte Schulkindalter, die erste und zweite puberale Phase sowie in das frühe Erwachsenenalter unterschieden. In den einzelnen Phasen bzw. Lebensabschnitten reagiert der Organismus u. a. geschlechtsspezifisch unterschiedlich stark auf Krafttrainingsreize. Dies sollte unbedingt im Rahmen entsprechender Trainingsinterventionen hinreichend berücksichtigt werden.

Hinzu kommt, dass individuelle Entwicklungsverläufe zu beachten sind, wobei einerseits die Aspekte der Akzeleration („Frühentwickler“) und der Retardation („Spätentwickler“) und andererseits die Phänomene des biologischen, kalendarischen und trainingsbedingten Alters zu berücksichtigen sind.

Ontogenese und motorische Entwicklung

Während insbesondere ältere Publikationen die Trainierbarkeit der Kraft vor der Pubertät und nach dem 70. Lebensjahr hinsichtlich morphologischer Anpassungen per se negierten bzw. noch immer negieren, kann inzwischen konstatiert werden, dass der menschliche Organismus und somit auch die Skelettmuskulatur über die gesamte Lebensspanne trainierbar ist (Conzelmann, 1997, 2009; Perrig-Chiello et al., 1998; Schmidtbleicher, 1994; Whitehurst et al., 2005; Winter, 1998), auch wenn die Trainierbarkeit konditioneller sowie koordinativer Fähigkeiten und Fertigkeiten in Abhängigkeit von der jeweiligen individuellen Entwicklungsphase bisweilen starken Schwankungen unterliegt (Israel, 1992; Mellerowicz et al., 2000; Roth & Roth, 2009a, 2009b; Voeckler-Rehage & Willimczik, 2006).

Zur differenzierten Betrachtung und Abschätzung aller Aspekte möglicher Adaptationsprozesse im Rahmen der allgemeinen Ontogenese und speziellen motorischen Entwicklung ist zunächst die abgrenzende Beschreibung unterschiedlicher Entwicklungsabschnitte bis hin zur Maturation notwendig (Mellerowicz et al., 2000; Winter, 1998; Wollny, 2002; 2007). Während im „Handbuch Kinder- und Jugendtraining“ die Kindheit formal von der Geburt bis hin zum 14. Lebensjahr übergreifend beschrieben wird (Martin et al., 1999, S. 13f.), differenziert Winter (1998) hier, angelehnt an entwicklungspsychologische Phasen- oder Stadienmodelle, das Vorschulalter (4-7 Jahre) sowie das frühe (7-10 Jahre) und das späte Schulkindalter (Mädchen: 10-12 Jahre; Jungen: 10-13 Jahre).

Phasen- und Stadienmodelle basieren jedoch i. d. R. auf statistischen Durchschnittswerten. Somit werden interindividuelle und intraindividuelle Entwicklungsunterschiede und Entwicklungsverläufe nur partiell berücksichtigt. Des Weiteren liefert das chronologische Alter nur allgemeine Informationen im Sinne einer numerischen Skala, welche die Zeitdauer nach der Geburt, in der psychologische und biologische Entwicklungsdeterminanten wirken, bedingt (Wollny, 2007, S. 216f.).

Weiterhin werden innerhalb der Phase der Pubertät zwei weitere Reifungsphasen unterschieden, wobei innerhalb der ersten Phase – Pubeszenz – sowie der zweiten Phase – Adoleszenz – verstärkt geschlechtsspezifische Differenzen zu berücksichtigen sind (vgl. Ehlenz et al., 1998, S. 76; Grosser et al., 2008, 189f.; Mellerowicz et al., 2000, S. 78f.; Weineck, 2003, S. 111). Gerade in der Pubeszenz (Mädchen: 11-13 Jahre; Jungen: 12-15 Jahre) und der Adoleszenz (Mädchen: 13-17 Jahre; Jungen: 14-19 Jahre) werden bis hin zum frühen Erwachsenenalter nochmals verschiedene Perioden unterschieden (vgl. Wollny, 2007, S. 217f.). Dies ist insofern zu berücksichtigen, als biologische Rahmenbedingungen die Trainierbarkeit direkt oder indirekt beeinflussen. Wollny (2007, S. 215) hebt in diesem Zusammenhang hervor, dass für die verschiedenen Kraftfähigkeiten (Kraftausdauer, Maximalkraft und Schnellkraft) keine einheitlichen Entwicklungsverläufe auszumachen sind. Weiterhin wird betont, dass spätestens ab dem Kindesalter das kalendarische Alter zunehmend an Erklärungswert verliert und in der Realität für das einzelne Individuum nur eine eingeschränkte Gültigkeit besitzt (Wollny, 2002, S. 79).

Darüber hinaus sind, folgt man Martin und Kollegen (1999), weiterhin die Differenzen zwischen biologischem und chronologischem Alter und die Differenzen zwischen retadierten oder akzelerierten Körperbaumerkmalen zu berücksichtigen (vgl. Tittel & Wutscherk, 1992). In der nachfolgenden Auflistung ist die Beziehung zwischen dem chronologischen Ist-Verhalten (IV) und dem Soll-Verhalten (SV) in Bezug auf verschiedene Entwicklungsverläufe dargestellt (vgl. Bös, 2001, S. 145):

1) Normentwicklung: SV = IV

2) Akzeleriert: IV > SV

3) Retardiert: SV < IV

So sind zwischen akzelerierten und retardierten Kindern und Jugendlichen Abweichungen von mehreren Jahren von biologischem zu tatsächlichem Alter möglich, wobei insbesondere große Entwicklungsunterschiede vom Beginn des späten Schulkindalters bis zum Ende des späten Jugendalters auftreten (Crasselt, 1994; Winter, 1998; Wollny, 2007). Wollny (2002, S. 79) betont außerdem die Tatsache, dass dasselbe Lebensalter nicht zwangsläufig die Gültigkeit einer bestimmten Merkmalsausprägung bedeutet und individuelle Unterschiede in den Entwicklungsverläufen hinsichtlich des Eintrittszeitpunktes, der Geschwindigkeit und des Ausgangsniveaus zu berücksichtigen sind. Ungeklärt ist bis dato weiterhin die Frage, ob es im Bereich des Krafttrainings im Kindesalter auch sensible Phasen oder Perioden zu berücksichtigen gilt. Insgesamt sei hierzu angemerkt, dass sensible Phasen- und Periodenmodelle im Rahmen sportmotorischer Entwicklung zunehmend kritisch diskutiert und in Teilen in Frage gestellt werden (vgl. Baur, 1989; Baur, 2009; Voelcker-Rehage & Willimczik, 2006; Willimczik et al., 1999). Während bezüglich der definitorischen Abgrenzung von Kindheit und Jugendalter noch weitgehend Einigkeit erzielt werden kann, herrscht innerhalb der Gegenstandsbereiche kindlicher und jugendlicher Leistungsfähigkeit und Trainierbarkeit, dem langfristigen Leistungsaufbau und den Förderkonzepten und Organisationsstrukturen des Nachwuchstrainings im Allgemeinen und im Bereich des Krafttrainings im Besonderen, erheblicher wissenschaftlicher und sportpraktischer Handlungsbedarf (Daugs, Emrich & Igel, 1998; Hollmann & Hettinger, 1990; Weineck, 2003). Erschwerend kommt hinzu, dass Leistungsentwicklungen – und dies nicht nur im Nachwuchsleistungssport – sowohl aus der spezifischen Sicht allgemeiner Leistungsanforderungen und des einzelnen Anforderungsprofils in verschiedenen Sportarten und -disziplinen die inhaltliche Systematik und Steuerung des Trainings leiten sollten. Auf die Einordnung trainingspraktisch relevanter Grundlagen der biologischen Entwicklung soll im Folgenden näher eingegangen werden.

Die motorische Entwicklung im frühen Schulkindalter (6/7-10 Jahre)

Neben einer wachstumsbedingten Veränderung der Körperformen und Körperproportionen wird die Phase des frühen Schulkindalters von weiteren weitreichenden somatischen aber auch psychischen und kognitiven Veränderungen begleitet (Crasselt, 1994; Scheid, 1994). Mellerowicz und Kollegen (2000) berichten von jährlichen Zunahmen des Körpergewichts um durchschnittlich 2,5 bis 3,5 kg sowie von hohen Funktionsleistungen des zentralen Nervensystems (ZNS), was mit hohen motorischen Lernfähigkeiten bei Kindern assoziiert scheint.

Im Zusammenhang mit dem Bewegungsverhalten ist dieser Zeitraum gekennzeichnet durch eine „ausgeprägte Lebendigkeit oder Mobilität“ (Winter, 1998), was sich unter anderem im ausgeprägten Spielverhalten von Kindern in dieser Entwicklungsphase äußert (vgl. Oerter & Montada, 2002), wobei die Bewegungen weniger flüssig, sondern vielmehr unrund und eckig erscheinen (Scheid, 1994). Die beschriebene „Lebendigkeit“ sowie damit einhergehende psychophysische Voraussetzungen für den Erwerb motorischer Fähigkeiten (Weineck, 2003), können durch eine polysportive, d. h. vielseitige Ausbildung zu einer weitgehend konstanten Trainierbarkeit sowie einer steten Zunahme von Kraft- und Schnelligkeitsverhalten führen (Weineck, 2003), wobei die Entwicklung von Kraftfähigkeiten noch relativ langsam verläuft, sofern diese nicht besonders trainiert werden (Winter, 1998, S. 276).

Fröhner und Tronick (2007, S. 12) weisen z. B. verschiedenen durchschnittlichen Altersbereichen unterschiedliche Sportartengruppen mit entsprechenden physiologischen Bedingungen als Einstiegsalter zu: Im Altersbereich bis 7 Jahre sollen eher technische Sportarten, im Alter von 7 bis 9 Jahren eher koordinativ-konditionelle Sportarten wie Schwimmen, leichtathletischer Mehrkampf, Badminton und Volleyball usw., von 9 bis 11 Jahren eher konditionell-koordinative Sportarten wie Laufen, Radsport, Triathlon, Fechten und Handball etc. und im Altersbereich von 11 bis 13 Jahren sollen eher Kraft-Kraftausdauersportarten wie Rudern, Wurf-Stoß etc. trainiert werden.

Faigenbaum et al. (1999) berichten von Trainingseffekten bei 5 bis 12-jährigen Mädchen und Jungen von 5 bis über 40 % bei achtwöchigen Trainingsinterventionen bezogen auf die Veränderung des 1-RM, bei Übungen wie „chest press“ und „leg extension“. Geschlechtsspezifische Leistungsunterschiede sind noch relativ gering ausgeprägt, wobei Jungen i. d. R....

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