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E-Book

Kupferberg

Der verschwundene Ort

AutorFilip Springer
VerlagPaul Zsolnay Verlag
Erscheinungsjahr2019
Seitenanzahl336 Seiten
ISBN9783552059696
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis18,99 EUR
'Wie kann ein Dorf einfach verschwinden?' - mit archäologischer Präzision ergründet Filip Springer die Geheimnisse der ehemaligen Bergbau-Stadt Kupferberg in Niederschlesien.
1311 wird der Ort in Polen erstmals erwähnt. Heute existiert Kupferberg nicht mehr. Nur eine Flasche Bier und ein Porzellanverschluss sind übrig, als sich Filip Springer mit archäologischer Präzision daranmacht, die Geheimisse der verschwundenen Stadt zu ergründen. Der Bergbau lässt das Dorf in idyllischer Lage wachsen. Keiner der vielen Kriege bis zum Zweiten Weltkrieg kann ihm etwas anhaben. Danach wird aus Kupferberg Miedzianka, eine Stadt, die wiederaufgebaut und zu einem Zentrum des Abbaus von Uran wird. Bis der Untergrund durchlöchert ist und man dort nicht mehr leben kann ... Filip Springer zeichnet die Geschichte eines langsamen Untergangs nach. Eine Chronik spannend wie ein Roman.

 Filip Springer, geboren 1982, arbeitet seit 2006 als Journalist und Fotograf. Kupferberg war auf der Shortlist für den Ryszard-Kapuscinski-Preis für literarische Reportage 2011 und war 2012 auch für den Nike-Preis nominiert.

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Leseprobe

Alle Auferstehungen


Zum ersten Mal sackt der Erdboden unter Preuß’ Schmiede und Reimanns Kaufladen ab. Ein Krater entsteht, so groß, dass ein ganzes Pferdefuhrwerk Platz darin fände. Auch quer über die Häuserzeile — vom Bäcker Flade bis zum Friseur Friebe — hat sich ein Riss im Mauerwerk gebildet, weil Stollen eingebrochen sind.

Eines Tages stecken die Pferde, die den Pflug über Franzkys Feld ziehen, plötzlich bis zur Brust in der Erde und stoßen ein so schrilles Quieken aus, dass alle in der Umgebung ihr Arbeitszeug hinwerfen und mit bleichen Gesichtern zum Acker rennen. Nur wenige haben Mut genug, den Pferden zu Hilfe zu kommen; die anderen starren von weitem auf die Pferdeköpfe, die aus der Erde ragen, und das merkwürdige trichterförmige Loch um sie herum.

*

Alles Unglück, sagen die Abergläubischen, komme daher, dass in Kupferberg vor vielen Jahren ein Mann seinen eigenen Bruder getötet hat. Weil damals Blut vergossen wurde, liege nun ein Fluch auf der Stadt. An den Brudermord erinnern zwei steinerne Kreuze, die der Mörder selbst, wie es die schlesische Sitte will, gleich neben der Straße nach Johannesdorf1 aufstellte. Das »Memento« auf einem der beiden Kreuze ließ kein Vergessen zu. Mahnend ragte die Inschrift aus dem hohen Gras, wann immer jemand hinübersah. So lernten die Menschen, nicht hinzusehen. »Memento« — »Gedenke« — als wären alle Unglücksfälle, die das grüne Kupferberg im Laufe der Jahrhunderte heimsuchten, nur die Vorboten schlimmerer Dinge gewesen, die sich noch hier ereignen sollten. »Memento« — wie eine Warnung, dass für manche Fehler jahrhundertelang bezahlt werden muss. Und die Rechnung doch niemals beglichen werden kann.

Die Geschichte kehrte hier nie richtig ein, eher streifte sie die Umgebung. Für die Menschen oben in ihren Häuschen, die sie waghalsig auf dem Gipfel aufgestellt hatten, wirkte sie wie ein alles zerstörendes Ungeheuer, das sich zu ihnen jedoch niemals verirren würde.

Ein mutiger Menschenschlag. Ängstliche hätten an diesem Ort niemals eine Stadt gegründet. Sie hätten die Natur nicht so kühn herausgefordert, hätten keine Maulwurfsgänge in den steinigen Berghang gegraben und in deren Dunkel nach kostbaren Rohstoffen geforscht. Vorreiter der Mutigen war angeblich Laurentius Angelus — ein halblegendärer schlesischer Bergbaumeister, ursprünglich aus der fernen Wallonie stammend, der im 12. Jahrhundert wertvolle Flöze entdeckt haben soll. Viel mehr weiß man nicht über ihn, vielleicht ist er auch nur eine Fantasiefigur, dem Bergmannsgarn an langen Winterabenden entsprungen. Solche Geschichten, die die Fantasie befeuerten, gab es im Übrigen mehrere, zum Beispiel die vom Srebrny Kusznik, vom silbernen Armbrustschützen, von den Deutschen wohl der Blutige genannt [Anm. d. Übers.], der Angst und Schrecken unter deutschen Siedlern verbreitete, die den Polen nicht wohlgesonnen waren.

Das, was man sicher weiß, steht in den Chroniken. Anfang des 14. Jahrhunderts gehören die Berge und das umliegende Land einem Herrn namens Albert der Baier de Cuprifodina in montanis, kurz: Albert Bavarus. Vielleicht ist es ihm zu verdanken, dass die Gegend schon bald für ihren Silberabbau berühmt wird. Im Jahr 1370 verkauft ein Nachfahre Alberts — Heinrich Bavarus, Ritter am Hof der Herzöge von Schweidnitz-Jauer — die Ansiedlung an den Adligen Clericus Bolze [auch Boltze oder Bolcze; Anm. d. Übers.]. Der wiederum errichtet in den nahegelegenen Wäldern ein Schloss, das bei den Polen später Bolczów und bei den Deutschen Bolzenstein heißen wird.

Danach wandern Besitztümer und Siedlung von Hand zu Hand. Herren sind der Reihe nach, vom Jahr 1375 an, Puta z Častolovic (von Tschastolowitz) und Hannos Wiltberg, ab 1397 dann die Brüder von Ylenburg, ab 1398 die Brüder Konrad und Reinhard von Boralowicz (Borawecz, Borrwitz). Für 1433 verzeichnen die Chroniken Hermann von Czettritz, für 1434 die Gebrüder von Liebenthal. Während der Hussitenkriege kommt der Bergbau zum Erliegen und erholt sich erst im 16. Jahrhundert wieder.

1512 erwirbt Dippold von Burghaus die Ländereien, der erste wirkliche Bergbaukenner in der Region. Solch hohen Ertrag erwirtschaften seine Goldbergwerke und Hütten im nahen Reichenstein, dass nun die mächtigsten Bergbau- und Hütten-Gesellschaften die Finger nach diesem Leckerbissen ausstrecken. In seiner besten Phase sind 145 Bergwerke in Betrieb; dennoch sieht Dippold sich nach einer neuen Herausforderung um und verkauft die Abbaurechte für Bodenschätze, die der Herzog ihm verliehen hat, an die Familien Fugger und Turzon. Bald darauf entdeckt er Kupferberg und ahnt, dass sein Erfolg sich hier wiederholen könnte. Bei einer nur flüchtigen Besichtigung schätzt er, dass sich im Berginneren vor allem Kupfer in Form von reinem Erz, Kupferpecherz und Pechblende verbirgt, aber auch Silber und Zinkblende. Damit Dippold an all diese Reichtümer gelangen kann, ist jedoch eine Bedingung zu erfüllen: Die Siedlung muss den Status einer Freien Bergbaustadt erhalten — und darum bemüht sich Dippold drei Jahre lang beim jungen tschechischen König Ludwig II., bis er 1519 tatsächlich sein Ziel erreicht. Dank des eingeräumten Privilegs verfügt der Besitzer Kupferbergs nicht nur über die vollen Rechte zu jeglichen Bergbauarbeiten auf seinen Ländereien, sondern ist auch von der Urbar befreit — der Abgabe des zehnten Teils aus dem Abbau von Kupfer, Blei, Eisen und Zinn. Ludwigs Großzügigkeit — oder auch Kurzsicht — sollte später noch zum Anlass für zahlreiche Streitigkeiten zwischen den weiteren Herren von Kupferberg und der Königskammer werden.

Dippold hat somit freie Bahn: Im Laufe von mehr als zwanzig Jahren legt er an den Berghängen fast 160 Schächte und Stollen an. Die dort gewonnenen Rohstoffe werden gleich vor Ort in den Hüttenwerken eingeschmolzen, und das verdiente Geld investiert Dippold, indem er unter anderem das in den Hussitenkriegen zerstörte Schloss Bolzenstein wiedererrichten lässt.

Dennoch wecken der heftig vorangetriebene Rohstoffabbau und Dippolds rasch wachsender Reichtum den Unmut der Bergleute und Bürger. Sie wissen, dass sie größeren Anteil am Erfolg ihres Landesherrn haben könnten, und fordern immer nachdrücklicher Beteiligung. Dippold wiederum merkt, woher der Wind weht, und kommt ihnen entgegen. Besser weniger Geld einnehmen und keinen Aufstand von Bergleuten und murrenden Kaufleuten riskieren, als alles aufs Spiel zu setzen. Er hält sie noch ein paar Jahre hin, doch als er sieht, dass ihm Widerstand nichts nützt, überlässt er ihnen eine der Hütten und ein paar Anteile am Bergbau. Für diese Nachgiebigkeit werden sämtliche nachfolgenden Herren von Kupferberg ihn verfluchen.

Einer dieser Herren ist Jost Ludwig Dietz (Jodocus Ludovicus Decius)2, Sekretär von König Sigismund I. (dem Alten), gebürtiger Elsässer, der in Krakau besonderen Einfluss und hohes Ansehen genießt. Er ist Gelehrter, Diplomat, erstklassiger Humanist, aber auch Finanzier. Dank seiner Bekanntschaft mit dem in Krakau sehr mächtigen Jakub Boner, dem Errichter und Verwalter der Salzbergwerke in Wieliczka und Bochnia, wird Dietz auf die großen finanziellen Möglichkeiten aufmerksam, die der Abbau von Rohstoffen birgt. Außerdem träumt er sicherlich davon, auch auf eigene Rechnung zu wirtschaften; daher nutzt er bei der Suche nach einer gewinnbringenden Investition seine Beziehungen zu den Familien Fugger und Turzon, die ihr Vermögen unter anderem mit der Förderung von Rohstoffen erworben haben, und stößt so auf den Ort Kupferberg. Dippold will die Ländereien ohnehin abstoßen, die Sache sieht mehr als vielversprechend aus.

Zum Geschäftsabschluss kommt es 1538. Dietz rechnet damit, die Konflikte mit Bürgern und Bergleuten, über die so viele Herren Kupferbergs klagen, besänftigen und als Ausgleich dafür die von Dippold bislang unangetasteten Flöze abbauen zu können. Er ist schließlich kein Laie und kauft nicht die Katze im Sack. Die Sachverständigen, die das Gelände begutachteten, haben allesamt positive Nachrichten überbracht. Was Dietz nicht ahnt, ist, dass er soeben in eine Falle tappt, die in der Zukunft noch für zahlreiche Dramen in und um Kupferberg sorgen wird: Die hiesigen Flöze weisen nämlich die Besonderheit auf, dass ihre oberflächlichen Schichten geradezu erstaunliche Mengen an Kupfer und sogar Silber enthalten. Wer sie untersucht, verfällt in fieberhafte Erregung, die einem Goldrausch nahekommt. Doch liefert die Analyse der Proben etwas zu optimistische Ergebnisse, sodass die Prognose, der zufolge sich in Kupferbergs Erde große Reichtümer verbergen, als trügerisch gelten muss.

Tatsächlich erweisen sich...

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