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E-Book

Latein - da geht noch was!

Rückenwind für Caesar & Co

AutorKarl-Wilhelm Weeber
Verlagwbg Theiss
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl352 Seiten
ISBN9783806234312
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis22,99 EUR
Wem nützt es, was bringt das? - Das ist immer die Frage, wenn es um Latein geht. Doch allen Unken zum Trotz erfreut sich Latein großer Nachfrage. Dass die 'regina linguarum' von großem Nutzen ist und dazu noch Spaß macht, steht außer Frage, findet Karl-Wilhelm Weeber, prominenter Autor zahlreicher Bücher zur römischen Kulturgeschichte. In seinem neuen Buch stellt er die Allgegenwart des Lateinischen und unseres römischen ?Erbes? eindrucksvoll unter Beweis. Selbst im Supermarkt und beim Fußball stolpert man über lateinische Wurzeln. Doch es geht nicht nur um Latein, sondern auch um die alten Römer und wie sie so leibten und lebten. Tauchen Sie ein in ein unterhaltsames Kompendium über Latein in der Welt der Römer und in unserer Welt. Eine bunte Mischung aus Wissenswertem und Kuriosem, kurz: ein Buch zum Schmökern und Staunen - keineswegs nur für Latin lovers!

Karl-Wilhelm Weeber, geb. 1950, ehem. Direktor des Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasiums Wuppertal, ist Honorarprofessor für Alte Geschichte an der Universität Wuppertal sowie Lehrbeauftragter für die Didaktik der Alten Sprachen an der Ruhr-Universität Bochum. Er hat zahlreiche Bücher zur römischen Kulturgeschichte verfasst.

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Leseprobe

ZUM LACHEN IN DEN KELLER? „HUMORIST EIN LATEINISCHES WORT


Manche Leute haben den Eindruck, die Römer seien zum Lachen in den Keller gegangen. Jedenfalls bringen sie Römer und lateinische Literatur nicht mit Humor in Zusammenhang. Das Einzige, das an diesem Klischee tatsächlich lateinisch daherkommt, ist der „Keller“. Das ist nämlich ein Lehnwort zu lateinisch cella, „Kammer“, „Zelle“. Ansonsten ist die Vorstellung vom Lateinunterricht als humorfreier Zone grober Unfug – allenfalls dort mit einem Körnchen Wahrheit, wo Vermittler des Lateinischen die Mundwinkel dauerhaft hängen lassen. Das ist aber weder typisch für die Spezies Lateinlehrer noch ist es im Einzelfall auf Altphilologen beschränkt. Es soll auch Mathematik- und Deutsch-Lehrkräfte geben, die noch kein Mensch hat lachen sehen. Oder auch Unterrichtende anderer Fächer, fügen wir vorsichtshalber hinzu, damit sich bloß keine verbeamtete Spaßbremse diskriminiert fühlt.

Latein eine humorfreie Zone? Dagegen spricht schon rein oberflächlich, dass (h)umor ein lateinisches Wort ist. Es bedeutet „Flüssigkeit“ und wird in der mittelalterlichen Medizin verwendet, um die gelungene Mischung der Körpersäfte im Sinne ausgeglichener Heiterkeit zu bezeichnen. Schon ein bisschen weniger vordergründig ist der sprachliche Rezeptionsbefund: Das Deutsche verdankt dem Lateinischen eine Reihe von Begriffen, die den Humor bzw. die humorvolle Stimmung zum Ausdruck bringen. „Spaß“ gehört dazu, wenngleich es auf etwas verschlungenen Wegen ins Deutsche gelangt ist. Ausgangswort ist expandere, „ausweiten“. Daraus entwickelte sich italienisch spassare, „sich die Zeit vergnüglich vertreiben“, und daraus wiederum der deutsche „Spaß“.

Erheblich kürzer ist der Rezeptionsweg bei der bayerischen „Gaudi“. Die verleugnet ihre Abstammung von lateinisch gaudium nicht, und das heißt „Freude“. Schließlich ist auch der „Jux“ ohne lateinische Wurzeln nicht denkbar. Das Ursprungswort ist iocus, der „Witz“. Wer es lieber zeitgemäß denglisch mag, spricht vom „Joke“. Vom Lateinischen kommt er damit nicht los, denn selbstverständlich ist der lateinische iocus auch der Vater des englischen joke.

Zugegeben, eine schlüssige Beweisführung gegen die anfangs referierte These von den vermeintlich humorfreien Römern ist das noch nicht. Aber es ergibt sich doch eine Indizienkette, die zur Vorsicht gegenüber dem Vorurteil mahnt.

Lachlust als Teil des römischen Alltags


Stichhaltiger ist da sicher die breite Palette an humorvoller Literatur, die das Alte Rom hervorgebracht hat. Schon bevor sich römische Dichter am Vorbild der „neuen“ griechischen Komödie orientierten, gab es Lustspiele und Possen, an denen sich das römische Publikum ergötzte. Von ihnen hat sich allerdings bis auf wenige Fragmente nichts erhalten, wohl aber rund zwei Dutzend Komödien aus der Feder des Plautus und des Terenz (3./2. Jahrhundert v. Chr.), die von hoher literarischer Qualität sind – und über die man „trotzdem“ lachen kann. Gerade Terenz war lange Zeit über im Altertum wie in der Neuzeit ein beliebter Schulautor. Lateinische Komödien sind also durchweg Gegenstand des Lateinunterrichts gewesen; dass sie heutzutage eher eine Randexistenz im lateinischen Lektüreunterricht führen, liegt nicht an einer etwaigen progredienten Humorlosigkeit der Lateinlehrer, sondern an den gekürzten Stundenvolumina, die eine Ganzschriftlektüre von Werken mit rund tausend Versen erheblich erschweren. Umso erfreulicher ist es, dass es manchen Unterrichtenden und ihren Schülerinnen und Schülern trotzdem gelingt, die Tradition der Komödienlektüre im Unterricht aufrechtzuerhalten und mancherorts sogar eine Schulaufführung in lateinischer Sprache zu „stemmen“.

In der römischen Kaiserzeit berauschte sich das Theaterpublikum am Mimus. Das war eine ziemlich derbe Komödien-Spielart mit volksnaher Handlung und Sprache. Wer über die Sex-and-Crime-Neigung des römischen Mimus die Nase rümpft, sollte heute bestimmte TV-Kanäle erst gar nicht einschalten – das Niveau ist auf weite Strecken vergleichbar. Im Übrigen sind die Mimen spätestens mit der ausgehenden Antike untergegangen. Es gibt außer isolierten Fragmenten kaum literarische Spuren dieser Gattung – was auch mit der geringen literarischen Qualität der Textbücher zu tun hat. Aber eines beweist die Popularität des Mimus immerhin: Wenn sie lachen wollten, gingen die Römer nicht in den Keller, sondern ins Theater. Und die Stars unter den Mimenschauspielern und Mimendichtern haben an dieser – sagen wir ruhig: tendenziell plebejischen – Lachlust prächtig verdient.

Clowns (übrigens abgeleitet von colonus, „Landbewohner“, „Bauer“), Straßenentertainer und professionelle Spaßmacher (scurrae; daher das deutsche „skurril“) lebten ebenfalls von humorvollen Darbietungen, mochte deren Niveau auch nicht jedermann gefallen. Auf den Partys der Reichen unterhielten scurrae und andere Humor-„Produzenten“ die Gäste mit ihren Witzen, scharfzüngigen Bemerkungen und Sketchen. Auch da fühlte sich nicht jeder wohl, dem manche Vorstellung zu wenig geistreich erschien. Aber auch bei römischen Tafelgesellschaften (convivia) und den sich anschließenden Trinkerrunden (comissationes) wurde viel und laut gelacht. Es ist ja fast peinlich, diese Selbstverständlichkeit aufschreiben zu müssen. Aber wir wollen dem reichlich ahnungslosen Humorlos-Image, das die Römer bei nicht wenigen Zeitgenossen haben, jetzt ein für alle Mal den Garaus machen. Für diesen guten Zweck nehmen wir auch Peinlichkeiten in Kauf.

Cicero als Spaßbremse? – Eine verzerrte Wahrnehmung


An einem anderen Ort würde man Humor nicht unbedingt erwarten. Und gerade dort hatte er bei den Römern ein festes Zuhause: vor Gericht. Das ridiculum, „Scherzhafte“, war im Rhetorikunterricht Teil des Lernstoffes für angehende Anwälte; der künftige Gerichtsredner sollte nach Möglichkeit Schlagfertigkeit und Witz erlernen, zumindest aber sich mit einem Repertoire an amüsanten historischen Beispielen vertraut machen. Kein rhetorisches Handbuch des Altertums verzichtet auf eine ausführliche Behandlung des ridiculum und seiner Psychologie bei den Zuhörern.

Alle bedeutenden Redner haben sich an die entsprechenden Empfehlungen der Theoretiker gehalten. Satirische Seitenhiebe, ironische Anspielungen und humorvolle Pointen finden sich in allen Cicero-Reden, und zwar in großer Zahl. Sie sind allerdings häufig so voraussetzungsreich und in eine bestimmte Situation eingebunden, dass der moderne Leser leicht darüber hinwegliest. Das sal, „Salz“, „humorvolle Würze“, des ciceronischen ridiculum droht fade zu werden, wenn der Kontext unklar bleibt, zumal rhetorischer Witz meistens espritvoll und sophisticated daherkommt. So besagt es auch die Theorie der Redekunst: Der Anwalt soll ebenso wenig wie der Politiker, der vor einer Volksmenge spricht, den Spaßvogel oder den Comedian geben, sondern urbanitas unter Beweis stellen, „städtische Kultiviertheit mit Sinn für den eher feinen Humor“ – was nicht heißt, dass nicht auch Cicero und andere prominente Redner ab und zu das Florett des feinsinnig-ironischen Humors gegen den derben Säbel des polternden oder sogar pöbelnden Humors eingetauscht hätten.

Selbstverständlich kannten auch die Römer Witze-Sammlungen. Aus der Spätantike ist ein solches Witzbuch aus der Feder eines Philogelos, „Lachfreundes“, überliefert, allerdings auf Griechisch. Man könnte diese Witze indes auch ins Lateinische übersetzen und hätte damit ein Dokument des römischen Humors der Kaiserzeit rekonstruiert. Neben solchen ausgesprochenen Witzbüchern waren auch Sammlungen witziger Aussprüche und Anekdoten berühmter Gestalten der griechischen und römischen Geschichte ausgesprochen populär. Ihrer bedienten sich Gerichtsredner gerne, um ihre Plädoyers aufzulockern, mit sal zu würzen und die Geschworenen und Zuhörer für sich einzunehmen. In römischen Gerichtssälen ging es ausgesprochen lebhaft und laut zu. Und es wurde ordentlich gelacht – sicher mehr und lauter als in den deutschen Gerichten unserer Tage.

Bei vielen hat Cicero eher das Image einer Spaßbremse. Das hat er sich zum Teil selbst zuzuschreiben durch die manchmal unerträgliche Selbstbeweihräucherung, mit der er Leser vor den Kopf stößt. Und mit dem Mangel an Selbstironie, wenn er auf seine eigenen Verdienste um den Staat zu sprechen kommt. Aber es gibt tatsächlich auch den anderen Cicero, der locker und spaßig sein kann, der Witze erzählt – und das bezeichnenderweise auch in seiner bekanntesten Abhandlung über die Rhetorik, den drei Büchern de oratore („Der Redner“).

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