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Leben in der Nachfolge

Texte von Dietrich Bonhoeffer

AutorDietrich Bonhoeffer
VerlagSCM Hänssler im SCM-Verlag
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl256 Seiten
ISBN9783775173179
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis5,49 EUR
Dietrich Bonhoffer gilt als einer der bedeutendsten Theologen des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine gefühlvollen und tiefgründigen Texte berühren und inspirieren uns bis heute. Seine scharfsinnig formulierten Gedanken über die Grundlagen des Glaubens, seine mutigen Einsichten über Antisemitismus und Fremdenhass: In diesen Tagen gewinnen sie ganz neu an Aktualität. Bonhoeffer-Experte und Bestsellerautor Eric Metaxas hat eine Auswahl von Bonhoeffers zentralen Texten zusammengestellt. Erleben Sie Bonhoeffers Sprachkraft neu und erhalten Sie einen Einblick in sein umfangreiches Werk.

Eric Metaxas studierte an der Yale University und ist in Deutschland vor allem für seine Biografie über Bonhoeffer bekannt, die auf Deutsch in der siebten Auflage vorliegt. Seine Beiträge als Journalist erschienen u.a. in der New York Times, auf CNN und im Wall Street Journal.

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Leseprobe

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2. Zur Bibel kommen


Brief an Rüdiger Schleicher (8. April 1936)

Lieber Rüdiger!
Eben kommt Dein Brief. Und weil ich mich so darüber gefreut habe, möchte ich gleich wieder schreiben. Daß ich es mit der Maschine tue, ist ein Akt der Nächstenliebe gegen Dich! – Ich habe es nicht gewußt, daß Du wieder hast liegen müssen.3 Jetzt wo man wieder so viel und so leichtsinnig vom Krieg reden hört, trifft einen das ganz besonders. Nur gut, daß Du Ostern wieder für die Kinder da sein kannst! Ich wäre gern Ostern bei Euch. […]

Ich will da zunächst ganz einfach bekennen: ich glaube, daß die Bibel allein die Antwort auf alle unsere Fragen ist, und daß wir nur anhaltend und etwas demütig zu fragen brauchen, um – die Antwort von ihr zu bekommen. Die Bibel kann man nicht einfach lesen wie andere Bücher. Man muß bereit sein, sie wirklich zu fragen. Nur so erschließt sie sich. Nur wenn wir letzte Antwort von ihr erwarten, gibt sie sie uns. Das liegt eben daran, daß in der Bibel Gott zu uns redet. Und über Gott kann man eben nicht so einfach von sich aus nachdenken, sondern man muß ihn fragen. Nur wenn wir ihn suchen, antwortet er. Natürlich kann man die Bibel auch lesen wie jedes andere Buch, also unter dem Gesichtspunkt der Textkritik etc. Dagegen ist garnichts zu sagen. Nur daß das nicht der Gebrauch ist, der das Wesen der Bibel erschließt, sondern nur ihre Oberfläche. Wie wir das Wort eines Menschen, den wir lieb haben, nicht erfassen, indem wir es zuerst zergliedern, sondern wie ein solches Wort einfach von uns hingenommen wird und wie es dann Tage lang in uns nachklingt, einfach als das Wort dieses Menschen, den wir lieben, und wie sich uns in diesem Wort dann immer mehr, je mehr wir es »im Herzen bewegen« wie Maria, derjenige erschließt, der es uns gesagt hat, so sollen wir mit dem Wort der Bibel umgehen. Nur wenn wir es einmal wagen, uns so auf die Bibel einzulassen, als redete hier wirklich der Gott zu uns, der uns liebt und uns mit unsern Fragen nicht allein lassen will, werden wir an der Bibel froh. […]

Die ganze Bibel will also das Wort sein, in dem Gott sich von uns finden lassen will. Kein Ort, der uns angenehm oder a priori einsichtig wäre, sondern ein uns in jeder Weise fremder Ort, der uns ganz und gar zuwider ist. Aber eben der Ort, an dem Gott erwählt hat, uns zu begegnen.

So lese ich nun die Bibel. Ich frage jede Stelle: was sagt Gott hier zu uns? und ich bitte Gott, daß er uns zeigt, was er sagen will. Also, wir dürfen garnicht mehr nach allgemeinen, ewigen Wahrheiten suchen, die unserm eignen »ewigen« Wesen entsprächen und als solche evident zu machen wären. Sondern wir suchen den Willen Gottes, der uns ganz fremd und zuwider ist, dessen Wege nicht unsere Wege und dessen Gedanken nicht unsere Gedanken sind, der sich uns verbirgt unter dem Zeichen des Kreuzes, an dem alle unsere Wege und Gedanken ein Ende haben. Gott ist etwas ganz anderes als die sogenannte ewige Wahrheit. Das ist immer noch unsere selbsterdachte und gewünschte Ewigkeit. Gottes Wort aber fängt damit an, daß er uns am Kreuz Jesu zeigt, wohin alle unsere Wege und Gedanken – auch die sogenannten ewigen – führen, nämlich in den Tod und in das Gericht vor Gott.

Ist es Dir nun von dort aus irgendwie verständlich, wenn ich die Bibel als dieses fremde Wort Gottes an keinem Punkt preisgeben will, daß ich vielmehr mit allen Kräften danach frage, was Gott hier zu uns sagen will. Jeder andere Ort außer der Bibel ist mir zu ungewiß geworden. Ich fürchte dort nur auf einen göttlichen Doppelgänger von mir selbst zu stoßen. Ist es Dir dann auch irgendwie begreiflich, daß ich lieber bereit bin zu einem sacrificium intellectus4 – eben in diesen Dingen und nur in diesen Dingen, das heißt im Blick auf den wahrhaftigen Gott! und wer brächte da eigentlich nicht an irgendeiner Stelle auch sein sacrificium intellectus?? – das heißt also zu dem Eingeständnis, diese oder jene Stelle der Schrift noch nicht zu verstehen, in der Gewißheit, daß auch sie sich eines Tages als Gottes eigenes Wort offenbaren wird, daß ich das lieber tue, als nun nach eignem Gutdünken zu sagen: das ist göttlich, das ist menschlich!?

Und ich will Dir nun auch noch ganz persönlich sagen: seit ich gelernt habe die Bibel so zu lesen und das ist noch garnicht so lange her – wird sie mir täglich wunderbarer. Ich lese morgens und abends darin, oft auch noch über Tag, und jeden Tag nehme ich mir einen Text, den ich für die ganze Woche habe, vor und versuche mich ganz in ihn zu versenken, um ihn wirklich zu hören. Ich weiß, daß ich ohne das nicht mehr richtig leben könnte. Auch erst recht nicht glauben. Es gehen mir auch täglich mehr Rätsel auf; es ist eben immer noch ganz die Oberfläche, an der wir kleben. Als ich jetzt in Hildesheim wieder etwas mittelalterliche Kunst gesehen habe, ging mir auf, wieviel mehr die damals von der Bibel verstanden haben. Und daß unsere Väter in ihren Glaubenskämpfen nichts gehabt haben und haben wollten als die Bibel, und daß sie durch sie unabhängig und fest geworden sind zu einem wirklichen Leben im Glauben, das ist doch auch etwas, das zu denken gibt. Es wäre glaube ich sehr oberflächlich, wenn man sagte, es sei seither eben alles ganz anders geworden. Die Menschen und ihre Nöte sind gewiß die gleichen geblieben. Und die Bibel antwortet auf sie heute nicht weniger als damals. Es mag sein, daß das eine sehr primitive Sache ist. Aber Du glaubst garnicht wie froh man ist, wenn man von den Holzwegen so mancher Theologie wieder zurückgefunden hat zu diesen primitiven Sachen. Und ich glaube, in Sachen des Glaubens sind wir allezeit gleich primitiv. […]

Es bleibt also nichts als die Entscheidung, ob wir dem Wort der Bibel trauen wollen oder nicht, ob wir uns von ihm halten lassen wollen, wie von keinem andern Wort im Leben und im Sterben. Und ich glaube, wir werden erst dann recht froh und ruhig werden können, wenn wir diese Entscheidung getroffen haben.

So, verzeih, das ist eine sehr lange Epistel geworden. Und ich weiß nicht, ob ich so schreiben sollte. Aber ich glaube doch. Und ich freue mich so, daß wir einmal einen solchen Brief gewechselt haben.

Es bleibt uns ja hier nichts anders als daß wir uns immer wieder fragen und sagen, was wir gefunden zu haben meinen. Ob wir ein Recht haben so zu reden, wie ich jetzt zu Dir geredet habe, wird sich erst bei der Probe aufs Exempel zeigen. Und ich glaube, daß wir die noch hier werden ablegen müssen.

Mit allen guten Wünschen und treuen Grüßen Euch Allen Dein

Dietrich.

DBW 14, Illegale Theologenausbildung, S. 144-148

Brief an Elisabeth Zinn (27. Januar 1936)

[…] Ich stürzte mich in die Arbeit in sehr unchristlicher und undemütiger Weise. Ein wahnsinniger Ehrgeiz, den manche an mir gemerkt haben, machte mir das Leben schwer und entzog mir die Liebe und das Vertrauen meiner Mitmenschen. Damals war ich furchtbar allein und mir selbst überlassen. Das war sehr schlimm. Dann kam etwas anderes, etwas, was mein Leben bis heute verändert hat und herumgeworfen hat. Ich kam zum ersten Mal zur Bibel. Das ist auch wieder sehr schlimm zu sagen. Ich hatte schon oft gepredigt, ich hatte schon viel von der Kirche gesehen, darüber geredet und geschrieben – und ich war noch kein Christ geworden, sondern ganz wild und ungebändigt mein eigener Herr. Ich weiß, ich habe damals aus der Sache Jesu Christi einen Vorteil für mich selbst, für eine wahnsinnige Eitelkeit gemacht. Ich bitte Gott, daß das nie wieder so kommt. Ich hatte auch nie, oder doch sehr wenig gebetet. Ich war bei aller Verlassenheit ganz froh an mir selbst. Daraus hat mich die Bibel befreit und insbesondere die Bergpredigt. Seitdem ist alles anders geworden. Das habe ich deutlich gespürt und sogar andere Menschen um mich herum. Das war eine große Befreiung. Da wurde es mir klar, daß das Leben eines Dieners Jesu Christi der Kirche gehören muß und Schritt für Schritt wurde es deutlicher, wie weit das so sein muß. Dann kam die Not von 1933. Das hat mich darin bestärkt. Ich fand nun auch Menschen, die dieses Ziel mit mir ins Auge faßten. Es lag mir nun alles an der Erneuerung der Kirche und des Pfarrerstandes […] Der christliche Pazifismus, den ich noch kurz vorher – bei der Disputation, auf der auch Gerhard war! – leidenschaftlich bekämpft hatte, ging mir auf einmal als Selbstverständlichkeit auf. Und so ging es weiter, Schritt für Schritt. Ich sah und dachte gar nichts anderes mehr.

Vor mir steht der Beruf. Was Gott daraus machen will, weiß ich nicht. Es ist bei mir immer noch viel Ungehorsam und Unlauterkeit im Beruf. Ich ertappe mich täglich dabei. Aber der Weg muß durchgegangen werden. Vielleicht dauert er gar nicht mehr so lang. Manchmal wünschen wir es uns wohl so. (Phil 1,23) Aber es ist doch schön, diesen Beruf zu haben. […] Ich glaube, die Herrlichkeit dieses Berufes wird uns erst in den kommenden Zeiten und Ereignissen aufgehen. Wenn wir doch durchhalten könnten!

DBW 14, Illegale Theologenausbildung, S. 112-114
(Abschrift der Briefausschnitte, die von Elisabeth Bornkamm,
geborene Zinn, zur Veröffentlichung freigegeben wurden)

»Ich berge deinen Spruch in meinem Herzen«

Meditation über Psalm 119 (1939/40)

[…] Vers 11. Ich berge deinen Spruch in meinem Herzen, damit ich mich nicht gegen dich verfehle.

Wenn Gottes Wort zu uns kommt, so will es in fruchtbarem Acker geborgen sein. Es will nicht am Wege liegen bleiben, daß »der Teufel kommt und das Wort von ihrem Herzen nimmt, damit sie nicht glauben und selig...

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