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Leben und Gesinnungen

Vollständige Ausgabe

AutorChristian Friedrich Schubart
VerlagJazzybee Verlag
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl305 Seiten
ISBN9783849635770
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis0,99 EUR
Christian Friedrich Schubart war ein deutscher Dichter, Organist, Komponist und Journalist. Als er 1777 in den Kerker der Festung Asperg musste entstand dieses autobiografische Werk.

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Leseprobe

Zehnter Period.


 

Und nun war' ich in allem Ernst auf meine Beförderung bedacht. Einige Versuche waren mir bereits fehlgeschlagen; ich grif also nach der Leier, um mir bei dem Fürsten von Ellwang, der nicht nur die Pfarreien in Aalen, sondern noch verschiedener ungemein einträgliche lutherische Predigerdienste zu vergeben hatte, den Weg zu meiner Versorgung zu eröfnen. Ich macht' ein Gedicht auf ihn, ließ es druken, und überreicht' es ihm mit sehr schmeichelhaftem Erfolge. Ein deutsches Gedicht von gutem Tone, war damals, wie vielleicht noch jezt, in Ellwang eine große Seltenheit. Die Gelehrten versprizten ihren Wiz in schaalen lateinischen Kronodistichen, und wenn zuweilen deutsch geschrieben wurde; so war es barbarisches Deutsch. Der damalige Fürst, aus dem Hause Fugger, der wohlthätigste Herr und eifrigste Freund und Beschüzer von jeder Art der Gelehrsamkeit. – Er ist nun heimgegangen der gottselige Fürst, den großen Lohn zu empfahen – beschenkte mich nicht nur großmüthig, sondern versprach mir auch Beförderung bei der nächsten Gelegenheit. Aber Gott, der mein Leben auch im Sturme lenkte, hatte es anders beschlossen. Ich war kaum zu Hauße angelangt, als ich den Ruf zum Präzeptorate und Organisten in Geißlingen erhielt. So wenig mir Ort und Stelle anfangs gefallen wollten, und so klein und nothdürftig der mir ausgemachte Gehalt war: so nahm ich doch die Stelle an, um meinen Eltern vom Brode zu kommen. Ich nahm also meinen Abschied in Aalen, wurd' allgemein beklagt, und reißte mit dem schwersten Herzen nach Geißlingen – denn ich hinterließ nebst so vielen theuren Freunden, auch ein Mädchen, das mich aufs zärtlichste liebte, und welche ihre Eltern, die sehr wohlhabend waren, nicht aus den Augen lassen wollten. Sie ist hernach durch eine sonderbare Schikung die Gattin meines Bruders geworden, und kürzlich in ihrem Blüthenalter gestorben. Ein Roßmarinstengel auf dein Grab, Katharine, von deinem dir so lieben Schubart – und dann gute Nacht bis aufs Wiedersehen! Nach ausgestandener Prüfung in Ulm trat' ich also mein Amt an, voll Widerwillen, und mehr als einmal entschlossen, mich in die weite Welt hineinzuwerfen, und von ihr die Entscheidung meines Glüks zu erwarten. So wenig wußt' ich damals, daß unter allen Geschäften des Lebens kaum eines edler und verdienstvoller ist, als das Geschäft eines würdigen Schulmannes; – die Welt mag ihm einen noch so niedrigen Rang und schlechten Gehalt anweisen. – Fühlt er nur die Würde seines Amtes vor Gott; so ist er geehrt und belohnt genug. Oft hab' ich schon gedacht: ihr guten Schulleute habt schlechten Weltsold, damit euch Gott im Himmel an seinem großen Lohne nichts abrechnen darf. Aber ich wilder Mensch war damals nicht fähig, eine so ruhige Betrachtung anzustellen.

 

Elfter Period.


 

Geißlingen liegt in einem fruchtbaren Thale, von felsichten Bergen gegürtet, hat Gesundbäder, herrliche Gegenden, Wiesen, Gärten, wohlfeile Lebensmittel, und beinah alles, womit der genügsame Weltbürger seine Pilgerhütte schmüken kann. Das erste Ansehen dieser Stadt fällt dem fühlenden Wanderer sonderbar auf. Die Berge und Felsen, die auf die Häuser zu stürzen drohen; die Trümmer der alten gräflich Geisselsteinischen Burg; der Heidenthurm, ernst und feierlich an der Bergspize stehend; – alles diß ist so romantisch, daß der Sänger eines Ariost-Wielandischen Gedicht, eine der mahlerischesten und poetischesten Szenen hieher verlegen könnte. Die Bewohner dieses Städtchens haben für den, der eben aus der weiten Welt dahin kommt, ein verdrüßlich steifes Ansehen. Sie gleichen beinahe den verzeichneten elfenbeinernen Figuren, die ihre Drechsler auf Kästen und Toiletten machen. So wie man auch dem großen Albrecht Dürer nachsagt, daß er seine Figuren von den alten, ehrwürdigen steifen Nürnberger Bürgern geborgt habe. Doch bei genauer Untersuchung, entdekt man bald eine Gruppe biederer, redseliger Menschen, von altschwäbischem Zuschnitte, die aus den heroischen Zeiten der Grafen von Helfenstein und Geisselstein, die beede hier weiland ihr Felsennest hatten, noch manche Miene erhalten haben. Auch findet man hier Fleiß und erfindrischen Geist, wovon der Leztere nur zu sehr mit Kleinigkeiten spielt. Indessen werden sie gewiß aufhören, Kirschenkerne zu bevölkern und Flohkutschen zu machen, so bald sie der kindische Fremde nicht mehr kauft. Der Ulmische Obervogt, damals ein Herr von Baldinger, war ein Mann von Lebensart, reicher Erfahrung, schönen Kenntnissen, und dem edelsten Herzen, der hier nicht als Bassa haußte, sondern wie ein zärtlicher Vater unter seinen Kindern lebte. Meine Schule, der ich vorgesezt wurde, sah einem Stalle ähnlicher, als einem Erziehungshause für Christenkinder.1 Ueber hundert Schüler, roh und wild, wie unbändige Stiere, wurden mir auf die Seele gebunden. Ich erschrak mehr über das Unangenehme meines Amts als über die Schwere meiner Pflicht. Bökh, mein treuer Schwager gab mir manche Lehre des weisen Unterrichts, die ich auch anfangs mit augenscheinlichen Nuzen, troz aller Hindernisse des grauen Vorurtheils, befolgte. Baldinger unterstüzte jeden guten Entwurf, den ich machte, mit seinem Ansehen, und ich erzog in kurzer Zeit einige sehr fähige Schüler, die theils auf die oberste Klasse des Ulmischen Gymnasiums kamen, theils aber auch zu andern bürgerlichen Geschäften bestimmt wurden, noch leben, und mich durch ihren Dank für meinen Eifer belohnen. Ich trieb die Erdbeschreibung, Geschichte, Naturlehre, – versteht sich alles in seinen ersten Anfängen – nebst der griechischen und lateinischen Sprache, sonderlich Kalligrafie, Rechtschreibkunst und Wissenschaft des Briefstellens mit meinen Schulern unter dem schönsten Erfolge. Ich hielt kleine Rednerübungen, Gespräche in dramatischer Form, gieng mit einigen meiner ältesten Schüler öfters ins Feld hinaus, sah ihren gymnastischen Uebungen zu, und gewann gar bald ihr und ihrer Eltern Zutrauen. Nur beklag' ich es erst jezo, daß mir mehr daran gelegen war, geschikte Bürger für diese Welt, als Genossen der künftigen zu erziehen. Daher war mein Unterricht in der Religion kalt und unvollständig. – O wann wird sich einmal nach dem Wunsche eines frommen Lehrers, statt so vieler Athene, Akademien, Filantropine, ein christliches Zion erheben! Wann werden es die Regenten, die Pädagogarchen bedenken, daß sie nicht Heiden, sondern Christen zu erziehen haben! – Mein Musikchor, dem ich vorgesezt wurde, bestand aus einigen zwar nicht unbrauchbaren alten Bürgern, aber zu meinem Stil waren sie nicht mehr zu gewöhnen.2 Ich behalf mich daher mit einigen von mir gebildeten Schülern, so gut als ich konnte, die daselbst die Musik fortpflanzten; wiewohl der kümmerliche Lohn die Musik daselbst nie recht gedeihen lassen wird. Neben meinem beschwerlichen Amte – denn ich hatte täglich neun Stunden Unterricht zu geben – übt' ich mich auch im Predigen, so wol in Geißlingen, als auf den benachbarten. Dörfern. Sonderlich mußt' ich in Kuchen, eine Stunde von Geißlingen, zwei Jahre beinahe beständig des dasigen kranken Pfarrers Stelle vertretten, welches ich, wie ich hoffe, nicht ohne Segen gethan habe. In Eibach, wo ich auch einigemal predigte, lernt' ich an dem Grafen von Degenfeld einen wahrhaftig edlen Mann, und an seiner Gemahlin, einer Baronessin von Riedesel eine Dame von vielem Geschmak, ausgezeitigtem Urtheile, und einer Geisteshoheit kennen, wovon ich noch kein lebendes Beispiel sah. – Meine Pflicht erfordert' es auf den Gottesäkern, bei Leichen der Kinder und Erwachsenen öfters zu parentiren, welches mir meist so gut gelang, daß ich mir den allgemeinsten und lautesten Beifall zuzog. Und gewiß, keine Kanzel, kein Rednerstuhl, kein Altar ist so geschikt den Zuhörern die höchstwichtigsten Wahrheiten mit Nachdruk ins Herz zu sprechen, als ein Grab. Nie stund ich auf einem Todtenhügel, ohne im Innersten das traurige Loos der Sterblichkeit zu fühlen; und mit solchen Empfindungen gelang es mir meistens, meine Zuhörer zu rühren. Nur Schade, daß man dis wichtige Geschäft im Ulmischen nicht selten unwissenden und gabenlosen Schulmeistern überläßt, die aus einem abgeschmakten Buche ihre Grabreden stehlen, oder die von ihren Vorfahren geerbten elenden Sermonen mit einem Zusaze eignen Unsinns auftischen, und sie ohne Gefuhl, zum Ekel ihrer Zuhörer monotonisch vom Pappier lesen. – Alle diese Geschäfte entfremdeter mich doch so wenig von den Wissenschaften, daß ich in meinem Leben nie fleißiger studierte, als in Geißlingen. Wo ich gieng, und stand und saß, und wandelte; da begleitete mich ein gutes Buch. Ich fieng nun an die Wissenschaften sistemmässig zu studieren, und las deswegen das Gute der alten und jüngern Welt. Der Lesegeist bemeisterte sich meiner Seele so, daß ich alles ohne Wahl und Ordnung verschlang, wie mirs unter die Hände fiel. – Nur Leibnize sind fähig, so tumultuarisch zu lesen, ohne sich zu verwirren; aber Leuten von gemeinem Schlage ist nichts schädlicher als diese stürmische Methode. Die Seele wird mit allen ihren Fähigkeiten so lange im Kreiße herumgejagt, bis sie betäubt und schwindlend niederstürzt und entsschlummert. Dann nichts zeugt grössern Schlummer, als Uebertreibung und Unordnung. Meine Lieblinge, die ich fast niemals weglegte, waren Klopstok, Bodmer, Ossian, Shakespear, Geßner, Young, Gerstenberg, Gleim als Grenadier, Uz und Karschin; die übrigen Dichter las ich wohl alle, aber sie würkten nicht so allgewaltig auf mich, wie die genannten. Unter den Alten las ich Homer, Virgil, Lukan und Horaz am fleissigsten – aber je vertrauter ich mit den Griechen wurde, je mehr schien es mir, daß die Anhänger an Laziums Muse, nach...

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