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Lebensmodelle in der Dienstleistungsgesellschaft

AutorFriederike Bahl
VerlagHamburger Edition HIS
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl376 Seiten
ISBN9783868546255
FormatPDF/ePUB
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis25,99 EUR
Am Anfang der Dienstleistungsgesellschaft stand eine Utopie: Dienstleistungsarbeit werde den Weg der Lohnarbeit von einer proletarischen Beschäftigung zum Garanten wirtschaftlichen Aufstiegs, sozialer Identität und politischer Stabilität weisen. Mit Blick auf die Gegenwart 'einfacher' Dienstleistungsarbeit zeigt sich zweifellos ein anderes Bild. Dienstleistungen wie Sorgen, Säubern und Service sind gekennzeichnet durch Niedriglohn und Grundsicherung, Minimalstandards wohlfahrtsstaatlicher Versorgung. Der Traum vom Aufstieg ist hier ausgeträumt. Das Profil von Dienstleistungsarbeit erschwert die Entstehung professioneller Identität. Und die sozialliberalistische Vorstellung, dass über Ökonomie und wohlfahrtsstaatliche Anrechte eine gesellschaftliche Ordnung erzeugt wird, die die Lebenschancen aller Gesellschaftsmitglieder mehrt, hat für die Beschäftigten 'einfacher' Dienste jede Überzeugungskraft verloren. Wie betrachten die Beschäftigten ihre Lage? Empfinden sie Solidarität, Berufsstolz, haben sie Erwartungen an die Zukunft? Auf der Basis von zahlreichen Interviews, Beobachtungen und Diskussionen wird deutlich, dass in den 'einfachen' Diensten Arbeits- und Lebensformen entstanden sind, die auf eine neue Form von 'Proletarität' ohne Proletariat verweisen. Friederike Bahl stellt den Menschen und seine Selbstverortung in den Mittelpunkt ihrer Studie und zeigt: Wo und wie wir uns im gedachten Ganzen situieren, beeinflusst immer auch die Formation einer Gesellschaft.

Friederike Bahl, Soziologin, Studium der Soziologie, Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Kassel; seit 2007 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hamburger Institut für Sozialforschung.

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Leseprobe

Einleitung


Der Weg in die Dienstleistungsgesellschaft ist bis heute ein Fluchtpunkt sozialer, wirtschaftlicher und politischer Hoffnungen, die die Konturen moderner Arbeitsgesellschaften neu definieren. Als Wissensgesellschaft setzt die Dienstleistungsgesellschaft anstelle des proletarischen Arbeiters den autonomen Angestellten, der selbstbestimmte Arbeit verrichtet, gut verdient und im sozialen Aufstieg mit den Kollektivkategorien der Arbeiterschaft nichts mehr anzufangen weiß.

In diese Debatte um Tertiarisierung hat der dänische Politikwissenschaftler und Soziologe Gøsta Esping-Andersen in den 1990er Jahren ein Konzept eingebracht, das für Zündstoff sorgt. Mit dem Begriff eines »Service-Proletariats«1 skizziert er in modernen Arbeitsgesellschaften eine mögliche sozialstrukturelle Spaltung, die im Bereich »einfacher« Dienstleistungsarbeit beginnt.2 Zündstoff bietet seine Überlegung vor allem, da sie eine Gruppe auf das Tableau sozialstruktureller Gliederung zurückkehren lässt, die die Tertiarisierung eigentlich hinter sich zu lassen glaubte: Das Dienstleistungsproletariat stellt die Frage nach der Rückkehr des Arbeiters in die Welt der Angestellten. Angefangen beim sogenannten Prinzip Schlecker über Günter Wallraff in der Brötchenfabrik und das Schwarzbuch Lidl bis hin zu tagesaktuellen Mindestlohndebatten kann der Begriff für diese Phänomene mit einer gewissen Spontanplausibilität aufwarten.3 Doch wer gehört zum Dienstleistungsproletariat, und was kann die Diagnose der Proletarität für eine Beschreibung der Gegenwart tatsächlich leisten?

Diesen Fragen ist die vorliegende Studie nachgegangen. Mit Proletarität wird eine alte Figur der Arbeitswelt revitalisiert. Auf den Industriearbeiter schaute seinerzeit die Industriegesellschaft als Ganzes. In ihm wurde die sozialpolitische Schlüsselfigur verortet, die die Trends für die Gesamtgesellschaft diktierte und Arbeit zur soziologischen Traditionsantwort machte, wenn es um die Frage geht, wo eigentlich der rechte Ort soziologischer Analyse ist.

Gesellschaftsanalyse ist zu dieser Zeit Arbeitsdiagnose. Als solche ist sie über Jahrzehnte fester Bestandteil im Anspruchskatalog einer deutschen Arbeits- und Industriesoziologie. Wie es dazu kam, ist nach einer Überlegung des Soziologen Hans Paul Bahrdt vor allem ihrem zeitdiagnostischen Potenzial geschuldet. Ihm zufolge hat sich die soziologische Analyse in ihrer Geschichte immer an den Problemen entzündet, die »bestimmte gesellschaftliche Situationen den Wissenschaftlern vor die Füße warfen«.4 Folgt man dieser disziplinären Prämisse, dann hat die junge Bundesrepublik der Nachkriegszeit der soziologischen Disziplin vor allem solche Probleme »vor die Füße« geworfen, die ihr diagnostisches Interesse auf das Feld der Arbeit lenkten. Der rasante Wirtschaftsaufbau, die Industrialisierung des Produktionsgewerbes, der Auftritt einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft in den Wirtschaftswunderjahren der 1950er und das Stocken gesellschaftlichen Fortschritts nur zwei Dekaden später forderten immer wieder aufs Neue eine auf Arbeit zentrierte Soziologie heraus.5 Sie forderten eine Disziplin, die in der Lage war, diesen Umbruch in seinen gesellschaftlichen Dimensionen zu begreifen, Fehlentwicklungen zu benennen und wissenschaftlich begründete Positionen in die Lösungsdebatte einzubringen. In einer Kritik der Arbeit postulierte soziologische Analyse nicht nur, etwas über die Bedingungen der Arbeitswelt zu sagen. Sie war getragen von der Überzeugung, dass eine Kritik der Arbeit immer auch etwas über das Ganze der Gesellschaft aussagt. Eingebettet in die Idee einer Theorie der »industriellen Gesellschaft« überhaupt, wurde industrielle Produktion zum Ort der Erzeugung gesellschaftlicher Wirklichkeit und der Industriearbeiter zur Paradefigur sozialpolitisch relevanter Diagnose.

Heute stellen allerdings zwei Herausforderungen die traditionsreichen Überzeugungen und mit ihnen die Diagnose eines Dienstleistungsproletariats auf den Prüfstand. Die erste betrifft den angesprochenen Ort soziologischer Analyse. Kann Arbeit heute überhaupt noch der rechte Ort für gesellschaftliche Gegenwartsdiagnosen sein? Gegen Ende der 1970er Jahre wird das Proletariat aus der Realität soziologischer Beschreibung in die geschichtsphilosophischen Bücher verbannt. Einerseits impliziert industrielle Arbeit zu dieser Zeit keine materielle Verelendung mehr. Ganz im Gegenteil: Steigende Löhne, Mitbestimmungsrechte im Rahmen einer Demokratisierung des Betriebes, Arbeitsschutzgesetzgebung, die korporatistische Regulierung des Konfliktes zwischen Kapital und Arbeit, später auch Arbeitszeitverkürzungen entbanden die Arbeiter vom Zwang, »von der Hand in den Mund«6 zu leben. Sie hatten nun nicht nur vergleichsweise mehr Freizeit und einen höheren Spielraum für individuellen Konsum. Der technische Wandel bedingte auch eine Veränderung typischer industrieller Arbeitsprofile, mit denen der Facharbeiter und der Ingenieur zu den paradigmatischen Figuren des fertigenden Gewerbes werden. Andererseits wird der Einspruch gegen eine aus der Arbeitswelt kommende Spaltungslinie umso größer, als Dienstleistungsarbeit in der internen Differenzierung abhängiger Beschäftigung zunehmend in den Mittelpunkt arbeitsgesellschaftlicher Wirklichkeit tritt. Beide zusammen markieren die Entstehung eines Typus des Wissensarbeiters, der sich, mit hohen Qualifikationen ausgestattet, nicht mehr täglich im blauen Overall die Hände schmutzig macht.

Stattdessen führt die Pluralisierung arbeitsgesellschaftlicher Wirklichkeit eher zu der Überlegung, dass die Figur des Arbeitnehmers in der Entwicklung der Produktion nicht mehr ohne Weiteres eine Figur der Vereinheitlichung zu sein scheint. Mehr noch: Arbeit scheint überhaupt nur noch bedingt zur Thematisierung sozialstruktureller Ungleichheit und normativer Deutungsheimat zu taugen. An ihre Stelle sind neue Arenen soziologischer Ungleichheitsanalyse getreten. Nicht mehr der Betrieb gilt als Verdichtungspunkt gesellschaftlichen Wandels, sondern die Zivilgesellschaft bildet zunehmend den Ort, an dem Vergesellschaftung paradigmatisch beobachtet werden kann. An die Stelle des Arbeiters tritt der Bürger ins Zentrum der Aufmerksamkeit, der sich, ungeachtet seines sozioökonomischen Status, an Assoziierungen beteiligen kann – oder eben nicht. Großgruppenkategorien ergeben sich nicht mehr organisch aus einer Situation gemeinsamer Betroffenheit. Kollektive werden zunehmend zu individuellen Assoziationen der Gleichheit.

Betrifft die erste Herausforderung den Ort, betrifft die zweite die Frage nach dem Subjekt soziologischer Analyse. Sie lenkt den Blick auf die Notwendigkeit einer Soziologie, die den Akteur ins Zentrum ihrer Überlegungen rückt. In der Betonung der Akteurskompetenz lässt sich soziale Ungleichheit nicht ohne Weiteres in der Großgruppenlogik eines Proletariats industrieller Moderne verstehen. Zwar bestimmt die objektive Lage die Handlungsfähigkeit der Leute wesentlich mit. Aber es gilt doch zu klären, wie Subjektivität, Ressourcenausstattung und Institutionen zusammenhängen. Kurz gesagt: Arbeit und Proletarität wurden aufs Abstellgleis soziologischer Gegenwartsbeschreibung manövriert.

Stattdessen haben Arbeitslosigkeits-, Exklusions-, und Prekaritätsforschung7 mit konzeptionell ebenso wie empirisch vielfältigen Studien auf neu entstehende Verwundbarkeiten und veränderte Muster sozialer Ungleichheiten unter den Bedingungen von Langzeitarbeitslosigkeit, atypischer Beschäftigung und dem Wandel sozialstaatlicher Sorgeleistungen hingewiesen. Wie das Konzept des Dienstleistungsproletariats gerade im Schatten dieser Diagnosen zur soziologischen Herausforderung wird, steht im Zentrum der folgenden Überlegungen.

Es gibt mehrere Möglichkeiten der Lektüre dieses Buches: Wer den direkten Problemeinstieg sucht, kann mit dem zweiten, phänomenorientierten Teil beginnen, um sich den im ersten Teil entwickelten Rekonstruktionsansatz sowie den Traditionsbezug nachträglich zu erschließen. Die Diskussion um das Be- oder Entstehen eines Dienstleistungsproletariats im Zuge ökonomischer Tertiarisierung beziehungsweise die Frage nach der Persistenz von Klassen und Proletarität8 rückt im ersten Teil einen Bereich der Sozialstruktur und Arbeitswelt ins Licht, mit dem die Dynamiken moderner Arbeitsmärkte unter dem Stichwort sozialer Spaltung herausgefordert sind. Gleichzeitig wird sich zeigen, dass die bisherigen Analysen zum Dienstleistungsproletariat allerdings um eine Dimension erweitert werden müssen, die die Verwendung eines Proletariatsbegriffs geradezu einfordert und die die Konzeptionen jedoch weitgehend außen vor lassen: Es ist die Dimension der Gesellschaftsbilder. Proletarität ist ein sozialer Sachverhalt, der mehr ist als ein Beschäftigungsverhältnis. Mit ihr wird immer auch nach der Spezifik von Lebensmodellen gefragt. Das heißt, wer sich dafür interessiert, durch welche Faktoren Dienstleistungsarbeit eine proletarische Qualität erhält, kann nicht nur nach der materiellen Ausstattung fragen, sondern muss sich auch die Frage nach dem Selbst- und Weltbezug der Beschäftigten stellen....

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