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E-Book

Lebensrad und Windpferd

Wege in Nepal

AutorHermann Warth
VerlagUnionsverlag
Erscheinungsjahr2019
Seitenanzahl418 Seiten
ISBN9783293308831
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis19,99 EUR
Zwölf Jahre in Nepal - für Hermann Warth eine Schlüsselerfahrung in seinem Leben. Als Landesbeauftragter des Deutschen Entwicklungsdienstes und als Gutachter für verschiedene Organisationen lernte er das Land in den 1970er- und 1980er-Jahren kennen. Mehr als 14000 Kilometer ist er auf Nepals unzähligen Pfaden durch die wilde Natur gewandert. In diesem Band erinnert er sich an Erkundungen und Bergexpeditionen, an flüchtige Begegnungen und Weggefährten, die seinen Blick auf die Welt verändert haben.

Hermann Warth, geboren 1940 in Berlin, war als Landesbeauftragter des Deutschen Entwicklungsdienstes in den 1970er- und 1980er-Jahren insgesamt zwölf Jahre in Nepal tätig. In dieser Zeit lernte er sowohl die Menschen als auch die Natur des Landes lieben und kehrt als Tourist immer wieder dorthin zurück. Er lebt in Landsberg am Lech.

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Leseprobe

Ngawang Tenzing unterwegs


1974, 1975, 1978, 1983

»… bis wir gelernt haben, Leben und Tod mit jenem Mut zu begegnen, der einzig aus dem Mitgefühl für alle lebenden und leidenden Wesen und der tiefen Einsicht in die wahre Natur aller Erscheinungsformen entspringen kann.«

Lama Anagarika Govinda, Der Weg der weissen Wolken

Nur ein einziges Mal hatte ich bei Ngawang Tenzing eine menschliche Schwäche erlebt. Mit ihm, Norbu Sherpa und Thimphu Sherpa wanderten meine Frau und ich im Herbst 1975 durch das Khumbu-Gebiet zu Füßen des Everest. Unser erster Urlaub in Nepal. Wir hatten die größeren Sherpa-Orte besucht und zwei Fünftausender und zwei Sechstausender bestiegen. Ein wenig beherrschten wir schon das Nepali, aber die Unterhaltung unserer Begleiter fand in der Sprache der Sherpa statt. So erfuhren wir erst später, als Ngawang sich unter Tränen bei uns entschuldigte, was der Grund für seinen Wutausbruch war. Die drei hatten sich offensichtlich lange Zeit geneckt, bis aus Spiel Ernst wurde. Der kleine Ngawang riss plötzlich faustgroße Steine aus der Mauer, die einen Kartoffelacker umgab, und warf sie Norbu und Timphu hinterher. Er schimpfte lauthals und sie rannten davon, die Köpfe hinter Rucksack und Ausrüstungskorb eingezogen, hoffend, dass sie nicht getroffen würden. Ngawang traf niemanden. Doch er war außer sich und konnte sich nur durch die Entschuldigung und sein Weinen wieder beruhigen. – Einige Jahre später erlebte ich, diesmal am Everest selbst, wieder einen in Tränen aufgelösten Ngawang. Doch sie flossen aus anderem Grund. Es waren Tränen der Trauer und totalen Erschöpfung …

Der Tibeter Ngawang Tenzing war von der »anderen Seite des Everest« über den eisbedeckten Nangpa Pass als Flüchtling nach Nepal gekommen und hatte sich in Namche Bazar niedergelassen. Er war beliebt bei den Sherpa wegen seiner Tüchtigkeit und seines Humors. Und er konnte mit Yaks, diesen schönen, nützlichen aber nie ganz ungefährlichen Tieren (s. Kap »Dolpo – Vom ‚Yakland’ nach Dagarjun«), umgehen wie kaum jemand sonst im Khumbu-Gebiet. Aber er war eben kein Sherpa. Auch anderswo dauert es seine Zeit bis Flüchtlinge ganz von der Gemeinschaft akzeptiert werden, oftmals besonders lange, wenn sie sehr tüchtig und erfolgreich sind. Vielleicht hatte der Streit mit Norbu und Timphu darin seine Ursache. Ngawangs Problem war, dass er nicht auffallen wollte, aber eben wegen seiner Tüchtigkeit doch auffiel. Und so wollte er 1974 mit Kurt Diemberger und mir nicht zum Gipfel des Shartse steigen, sondern in einem Hochlager auf dem scharfen Südgrat vier Tage lang auf wenigen ebenen Quadratmetern, umgeben vom Abgrund, auf unsere Rückkehr warten. Der mit der Erstbesteigung eines Siebentausenders verbundene Gipfelruhm erschien ihm gefährlich, das Klettern am gefährlichen Shartse dagegen ganz und gar nicht. Dasselbe wiederholte sich vier Jahre später. Ngawang war ganz offiziell bei der Regierung als Mitglied unserer Expedition registriert. Dennoch scheute er sich lange, mit Kurt Diemberger auf den Achttausender Makalu zu klettern. Er wollte sich auf keinen Fall exponieren und Neidgefühle aufkommen lassen.

Das Zelt unseres vierten Hochlagers am Shartse, diesem wilden östlichen Eckpfeiler des Everest-Lhotse-Massivs, stand unter einer riesigen, weit überhängenden Wechte, die uns vor dem so häufigen Weststurm mit seinen eisigen Schrotgeschossen schützte. Ich hatte dieser Wechte nicht getraut und deshalb vor einer Woche das Zelt etwas weiter oben auf einer blank gefegten, sicheren, doch dem Sturm ausgesetzten Stelle errichtet. Einem Kollegen war dieser Platz aber zu ungemütlich. Er trug das Zelt wieder hinunter und stellte es an die alte Stelle in den Schutz der weit überhängenden Schneemauer. Doch mein Instinkt sollte mir Recht geben. Einige Tage später brach die Wechte auf ihrer ganzen Länge ab und begrub alles unter sich. Der Druck des Eises hatte die Kochtöpfe zu Metallknäueln geformt. Zum Glück befand sich niemand im Lager, als es geschah.

Jetzt, noch vor dem Zusammenbruch des Wulstes war ich mit Ngawang hier. Wir hatten wieder einmal das schwierigste Gratstück unter uns bewältigt. Hinter uns lagen die Passagen, die jedes Mal den Adrenalinspiegel hochjagten: der »schwarze Turm«, ein fast senkrechter Grataufschwung, die »Klosterschwester«, eine weit ausladende Eishaube, der »Götterquergang«, eine schräg aufwärts verlaufende, sehr ausgesetzte Eispassage und der »Büßer«, ein in demütiger Haltung verharrender Eisüberhang. Dank der Wechte, in deren »Schutz« nun das Hochlager stand, vernahmen wir vom Weststurm nur ein dumpfes Brausen, das sich mit dem einschläfernden Summen des Kochers mischte. Von der Welt um uns herum sahen wir nichts, denn in die große Mulde zwischen Shartse, Pethangste und Makalu östlich von uns, legte der Sturm seine Fracht ab: Milliarden von Eiskristallen, welche die Leeseite des Grates in eine einzige milchige Wand verwandelten.

Es war warm und gemütlich im Zelt. Doch wir widerstanden der Versuchung, uns einen Nachmittagsschlaf zu genehmigen. Die bevorstehende elfstündige Nacht wollten wir nicht durch lange Wachphasen und ruheloses Wälzen in den Schlafsäcken noch unbequemer werden lassen. So war es uns recht, als wir auf ein Thema kamen, das uns beide interessierte, ja, das Ngawangs Hiersein erklärte: die Flucht vieler Tibeter nach Nepal und in andere Länder.

Ngawang wurde 1949, im Jahr des hölzernen Drachen, geboren. 1950 fiel die chinesische Armee in Osttibet ein. Einige Monate später befanden sich bereits tausende Soldaten in Lhasa, der Hauptstadt Tibets. Den disziplinierten Soldaten dieser Wochen und Monate folgten Verwaltungsbeamte, Ingenieure, Naturwissenschaftler, Geologen, Anthropologen, Ärzte, Krankenschwestern. Sie bauten Straßen, Staudämme, Wasserwerke, Schulen und gut ausgestattete Krankenhäuser. Doch bald gingen diese Flitterwochen der chinesischen Besatzer mit Tibet zu Ende. Die Regierung wurde entmachtet, das tibetische Militär der chinesischen Armee einverleibt und in den Dörfern folgte der alten harten tibetischen Rechtsprechung die neue der Besatzer: Bessergestellte wurden öffentlich zu Selbstkritik und Selbstbeschuldigung gezwungen. Viele wurden durchs Dorf geschleift, gefoltert und getötet.

Als 1956 die stolzen Khampa Osttibets ihre Waffen abliefern sollten, kam es zum Aufstand. Die Chinesen bombardierten daraufhin Klöster, Dörfer, Bauernhöfe. Alte Leute, Männer und Frauen, Mönche und Nonnen hatten Unmenschliches zu erdulden. Auch die Khampa verübten Gräueltaten an Chinesen und tibetischen Sympathisanten.

1959 breitete sich in Lhasa das Gerücht aus, der junge Dalai Lama wäre von den Chinesen zu einer Theatervorführung eingeladen worden, um entführt zu werden. Zunächst akzeptierte der Dalai Lama die Einladung. Als er aber von den Bedingungen der Chinesen erfuhr, musste er annehmen, es handele sich um mehr als ein Gerücht. Er sollte nämlich ohne seine offizielle Begleitung erscheinen und der Besuch sollte absolut geheim stattfinden. Es kam zu Massendemonstrationen in Lhasa mit dem Ziel, das Oberhaupt der Tibeter zu schützen und seine Entführung unter allen Umständen zu verhindern. Für fast zwei Wochen blockierten tausende Tibeter den Weg zwischen Sommerpalast, in dem der Dalai Lama wohnte, und dem militärischen Hauptquartier der Chinesen, in das er zu der Theatervorführung eingeladen worden war. 5000 tibetische Soldaten legten ihre chinesischen Uniformen ab und brachten sich in Position, um den Sommerpalast zu schützen. Auch das chinesische Militär bereitete sich auf eine gewaltsame Auseinandersetzung vor und feuerte Warnschüsse in den Garten des Palasts. Im Schutze der Nacht und eines starken Sandsturms begann die Flucht des Dalai Lama. Drei Tage später beschossen die Chinesen den Sommerpalast. Es kam zum Aufstand in Lhasa. In drei blutigen Tagen waren 10.000–15.000 Tibeter getötet worden. Die Opferzahl auf chinesischer Seite ist nicht bekannt. Es folgte eine erste Massenflucht in den Süden, der noch von den Khampas kontrolliert wurde und über die Grenze nach Indien. Bis Mitte 1960 waren ca. 60.000 Tibeter nach Indien geflohen. Während der folgenden Jahre, als die Zwangkollektivierung Hunger, Widerstand und Unterdrückung brachte, stieg die Zahl weiter an. Und Ungezählte starben in den Arbeitslagern.

1966 hetzte Mao seine Roten Garden in die Kulturrevolution. Die Vergangenheit sollte ausgelöscht werden durch die Zerstörung der alten Bräuche, Gewohnheiten und Denkweisen. Innerhalb von 10 Jahren wurden über 6000 Klöster zerstört, die heiligen Schriften verbrannt, Statuen verstümmelt bzw. nach China verschleppt; viele Mönche wurden umgebracht oder starben bei der Zwangsarbeit.7

1969 hielten sich ca. 10.000 Flüchtlinge in Nepal auf. Einer von ihnen war Ngawang. Sein Heimatdorf liegt nicht weit entfernt von der nepalischen Grenze, an der Nordseite des Everest. Ngawangs Eltern waren wohlhabend, sie besaßen über dreihundert Schafe und einige Yaks, die ihnen von den chinesischen Eroberern weggenommen worden waren. Der Vater wurde in einem Schauprozess als »Kapitalist« und »Ausbeuter« verurteilt und dann erschossen. Bald darauf starb die Mutter.

Zusammen mit seinem Bruder und zwei Freunden wagte der zwanzigjährige Ngawang den beschwerlichen Weg über den 5716 Meter hohen Nangpa La, einen vergletscherten Pass neben dem Achttausender Cho Oyu. Sie kamen mit ihren Rucksäcken auf der Südseite des Everest, in Namche Bazar an und wurden dort offiziell als Flüchtlinge...

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