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E-Book

Leitbild Menschenwürde

Wie Selbsthilfeinitiativen den Gesundheits- und Sozialbereich demokratisieren

AutorHans Dietrich Engelhardt
VerlagCampus Verlag
Erscheinungsjahr2011
Seitenanzahl277 Seiten
ISBN9783593412290
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis27,99 EUR
Vor 40 Jahren haben Selbsthilfeinitiativen die menschenunwürdigen Zustände in Erziehungsheimen und psychiatrischen Krankenhäusern angeprangert und mit neuen Konzepten und Handlungsmodellen zu einem Perspektivenwechsel beigetragen: Menschenwürde kann im Gesundheits- und Sozialbereich nur bestehen, wenn Patienten und Nutzer in Beratung, Behandlung und Betreuung als selbstständig handelnde Personen anerkannt werden. Hans Dietrich Engelhardt zeigt die Entwicklung der Selbsthilfeinitiativen und zeichnet nach, wie die alternativen Leitbilder Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Mitwirkung schließlich zu grundlegenden Säulen des Sozialgesetzbuches wurden.

Hans Dietrich Engelhardt war von 1975 bis 2003 Professor für Soziologie und soziale Arbeit an der Hochschule München.

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Leseprobe
7. Demokratisierung und Modernisierung des Gesundheits- und Sozialbereichs: Wie alternative Leitbilder und Handlungsmodelle in die Gesellschaftsstruktur eingegangen sind (S. 191-192)

7.1 Vorbemerkung

Selbsthilfegruppen und Selbsthilfeorganisationen im weitesten Sinn sind uralte mit dem Menschsein verbundene, selbstverständliche Formen der Lebensgestaltung, der Daseinsvorsorge, der Nothilfe und der Existenzsicherung; sie sind eigentlich selbst erklärend. Entsprechende Belege sind in vielen verstreuten Dokumenten und Veröffentlichungen zu finden (zum Beispiel Der Ständige Ausschuss für Selbsthilfe 1956; Moeller 1978: 45–53).

Wenn man in den siebziger und achtziger Jahren in Verbindung mit der Zunahme von Selbsthilfegruppen von »neuer« Selbsthilfebewegung spricht, bezieht man sich üblicherweise zunächst weitgehend auf einen kleinen Ausschnitt aus der Vielfalt von Selbstorganisationsformen, nämlich die aus unterschiedlichen Krisen- und Notsituationen entstandenen Gruppen und Projekte, die sich zu Problemen im Umwelt-, Bildungs-, Kultur- und insbesondere im Sozial- und Gesundheitsbereich bilden.

Mit »neu« meint man zweierlei: Einerseits hebt man damit ins Bewusstsein, dass Selbsthilfegruppen und Selbsthilfeorganisation trotz der Vielfalt institutioneller Hilfe- und Mammutorganisationen als normale und vor allem schnelle Reaktionen auf aktuelle Probleme und Bedrohungen nach wie vor neu entstehen und unentbehrlich sind, nichts Außergewöhnliches sind und bleiben. Andererseits wird deutlich, dass diese Formen der Problembewältigung – gemessen an der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg – eine quantitative und qualitative Wiederbelebung mit neuen Akzenten erfahren, die den strukturellen Gegebenheiten und Herausforderungen der gegenwärtigen Gesellschaft entsprechen.

Schriftliche Darlegungen über Selbsthilfezusammenschlüsse als Erfahrungsberichte von einzelnen Personen, Selbstdarstellungen von Gruppen und Projekten sowie systematische Erörterungen und empirische Untersuchungen nehmen seit Beginn der 70er Jahre deutlich zu, erreichen einen ersten Höhepunkt in den 80er Jahren und zwar für Selbsthilfeinitiativen des Sozial- und Gesundheitsbereichs. Seit etwa Mitte der 90er Jahre nehmen sowohl die innovativen Selbsthilfezusammenschlüsse als auch auf sie bezogene Untersuchungen sehr stark ab, worauf ich später ausführlicher zurückkomme.

Die neuere Fixierung der Forschung auf Gesundheitsselbsthilfezusammenschlüsse bringt eine Art Tunnelblick auf die Selbsthilfeinitiativen insgesamt mit sich, der sich als Engführung der sozialpolitischen Diskussion und der Forschung erweist. Diese Engführung lässt die vielfältigen Facetten der Selbstorganisationslandschaft auch durch Übergehen der selbst organisierten und alternativen Projekte nur selektiv wahrnehmen und wichtige Komponenten zum Beispiel das Innovationspotenzial der sozialen Selbsthilfezusammenschlüsse sowie die gesamtgesellschaftliche Verortung der Selbsthilfebewegung insgesamt weitgehend aus dem Blick verlieren.
Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Inhalt6
Einführung10
1.Lehre, Praxis und Forschung mit und für Selbsthilfeinitiativen – wie ich dazu gekommen und warum ich dabei geblieben bin22
1.1Zur Ausgangslage22
1.2Leistungspotenziale von Selbsthilfeinitiativen und Selbstorganisation29
1.3Wie kann man Selbsthilfegruppenarbeit den Studenten nahe bringen?30
1.4Zur Faszination von Selbsthilfeinitiativen31
1.5Erfahrungsfelder32
1.6Impulse aus der Auseinandersetzung mit Selbsthilfegruppen und Selbstorganisation37
2.Zur »Selbsthilfelandschaft«: Selbsthilfeinitiativen – Vielfalt als Tatsache, Aufgabe und Chance38
2.1Vorbemerkungen38
2.2Selbsthilfeinitiativen – Feld und Begriffe39
2.3Einige Perspektiven zur Komplexität von Selbsthilfezusammenschlüssen42
2.4Kriterien für die Systematisierung von Selbsthilfezusammenschlüssen51
2.5Was leisten diese Systematisierungen?52
2.6Zusammenfassung77
3.Zur Arbeitsweise von Selbsthilfeinitiativen: Learning by Doing – Selbsthilfeinitiativen als Konsumenten und Produzenten von Wissen80
3.1Ausgangslage: Warum entstehen Selbsthilfeinitiativen?80
3.2Bedeutung und Stellenwert von Wissen in Selbsthilfeinitiativen83
3.3Zum Ungang der Selbsthilfeinitiativen mit Wissen85
3.4Selbsthilfeinitiativen als Konsumenten von Wissen88
3.5Selbsthilfeinitiativen als Produzenten von Wissen96
3.6Die Verbreitung von Handlungsmodellen in der Selbsthilfe- bzw. Alternativszene103
3.7Zusammenfassung und Folgerungen104
4.Von der Verbesserung der emotionalen Befindlichkeit bis zu professionellen Innovationen – Leistungen von Selbsthilfezusammenschlüssen im Überblick108
4.1Zugang zum Thema108
4.2Tabellarische Beschreibung der Leistungen von Gesprächs-und Kontaktgruppen im Spiegel der Fachliteratur115
4.3Leistungen von Aktionsgruppen, selbst organisierten und alternativen Projekten127
4.4Zusammenfassung: Die Leistungen der Selbsthilfeinitiativen auf einen Blick147
5.Die Betroffenenperspektive als Bereicherung und Qualifizierung sozialer Arbeit: Selbsthilfeinitiativen in der Ausbildung zum Sozialpädagogen/Sozialarbeiter150
5.1Ausgangspunkte für Lehrveranstaltungen über Selbsthilfeinitiativen in der Ausbildung von Sozialarbeitern/Sozialpädagogen150
5.2Selbsthilfe und Selbstorganisation als Ausbildungsinhalt für Sozialpädagogen und Sozialarbeiter154
5.3Probleme: Verpuffen von erworbenen Kenntnissen und Qualifikationen156
5.4Kooperationsformen zwischen Selbsthilfeinitiativen und Professionellen158
5.5Leistungen von Selbsthilfeinitiativen: Anregungs- und Lernpotenziale für soziale Berufe165
6.Kooperation zwischen Fachkräften und Selbsthilfegruppen. Zur Dynamik zwischen Selbsthilfegruppen und Profis. Das Beispiel Münchner Angstselbsthilfe170
6.1Ausgangspunkte170
6.2Die Befragung der Gruppenleiter der Angstselbsthilfegruppen173
6.3Ergebnisse der Experteninterviews180
6.4Übereinstimmungen und Differenzen186
6.5Ausblick189
7.Demokratisierung und Modernisierung des Gesundheits- und Sozialbereichs: Wie alternative Leitbilder und Handlungsmodelle in die Gesellschaftsstruktur eingegangen sind192
7.1Vorbemerkung192
7.2Entwicklungsstränge in der neuen Selbsthilfebewegung194
7.3Beiträge der Selbsthilfeinitiativen zur Demokratisierung und Modernisierung des Gesundheits- und Sozialbereichs206
7.4Transformation alternativer Leitbilder, Konzepte und Handlungsmodelle in die Gesellschaft210
7.5Zum gegenwärtigen Schattendasein der sozialen Selbsthilfeinitiativen224
7.6Die »neue« Selbsthilfebewegung – eine soziale Bewegung?228
7.7Veränderungen im Feld Selbsthilfe und Selbstorganisation232
7.8Zur gesellschaftlichen Funktion der Selbsthilfebewegung238
7.9Profile von Selbsthilfeinitiativen im Gesundheits- und Sozialbereich243
8.Menschenwürde als gelebtes Leitbild – ein Rückblick244
8.1Veränderungen des gesundheits- und sozialpolitischen Systems durch Selbsthilfeinitiativen244
8.2Resümee248
Abbildungen254
Literatur256

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