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E-Book

Leitfaden für Faule Eltern

AutorTom Hodgkinson
VerlagRogner & Bernhard
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl318 Seiten
ISBN9783954030422
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis6,99 EUR
Kindererziehung gilt als mühselig, kompliziert und teuer. Straffe Stundenpläne, Leistungstests, teure Freizeitaktivitäten und jede Menge Kommerz bringen schon früh eine ungesunde Dosis Stress und Arbeitsethos in das Leben unserer Kinder. Zugleich haben die angestrengten Eltern paradoxerweise das Gefühl, dass sie noch mehr leisten müssten, um die Last der Elternschaft schultern und ihren Kindern etwas bieten zu können. Aber wo sind Kreativität, Spiel und Selbstvertrauen geblieben? In seinem Erziehungsratgeber der anderen Art zeigt Tom Hodgkinson neue Wege zu einer lustvollen Erziehung auf. Unabhängige Kinder und glückliche Eltern, darauf kommt es ihm an. Er fordert uns auf, den Kindern Verantwortung zu übertragen und den Dingen Ihren Lauf zu lassen, anstatt Freizeitspaß teuer einzukaufen. Hodgkinson ignoriert alle modernen Erziehungsratgeber, er lernt stattdessen aus eigenen Fehlern und befragt die großen Denker aus geistvolleren Zeiten, unter ihnen Rousseau, Locke und Lawrence. Und so ist »Leitfaden für faule Eltern« keine Bedienungsanleitung, sondern eine inspirierende Sammlung von Reflexionen über die Frage, wie wir gemeinsam mit unseren Kindern das Leben genießen können.

Tom Hodgkinson, geboren 1968, hat englische Literatur studiert. Er arbeitete für eine bekannte Boulevardzeitung, wurde gekündigt und gründete daraufhin 1993 die Zeitschrift »The Idler«. 2004 erschien sein Bestseller »Anleitung zum Müßiggang«, 2007 »Die Kunst, frei zu sein« und 2009 »Leitfaden für faule Eltern«. Seine Beiträge sind in zahlreichen Zeitschriften und Magazinen erschienen, und er ist ein gern gesehener Gast in Funk und Fernsehen. Hodgkinson lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern auf einer Farm in Devon.

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Leseprobe

Vorwort

Lasst das Kind in Ruhe.
D. H. Lawrence, »Education of the People«, 1918

Eine ungesunde Dosis Arbeitsethos droht die Kindheit zu zerstören. Jene Jahre, die eigentlich dem Spiel und dem freudvollen Lernen gewidmet sein sollten, werden von tyrannischen, arbeitsbesessenen Regierungen unter Zielvorgaben und Tests und langen Schultagen erstickt. Wirtschaftliche Interessen in Form von Spaßangeboten und Computerspielen bemächtigen sich der Freizeit unserer Kinder. Ehrgeizige Eltern tragen ihren Teil dazu bei, indem sie Kindheit in eine stressgeprägte Zeit angestrengten Strebens und Wetteiferns verwandeln. Die Tage unserer Kinder sind bis oben hin mit von Erwachsenen organisierten Aktivitäten verplant: Ballet, Judo, Tennis, Klavier, sportliche Wettkämpfe, Kunstprojekte. Zu Hause lassen sie sich von Riesenbildschirmen und Computern unterhalten. Zwischendrin werden sie in Blechkarossen festgeschnallt und müssen sich Lernkassetten anhören. Ambitionierte Mütter zwingen ihren völlig irregemachten Zehnjährigen stundenlange Hausaufgaben auf, immer mit der abstrakten Angst vor »zukünftigen Arbeitgebern« im Hinterkopf. Dann kaufen sie ihnen einen Nintendo Wii, jenes absurde und überteuerte Gerät, welches Computerspiel und körperliche Bewegung vereinen soll. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die ersten viel beschäftigten Kinder ihren eigenen BlackBerry bekommen.

Warum wird nicht mehr gespielt? Mir fällt ein Cartoon im New Yorker ein: zwei Kinder auf dem Spielplatz, beide starren in ihre Kalender. Eins sagt zum anderen: »Nächsten Donnerstag um vier hätte ich noch ein Zeitfenster für außerplanmäßiges Spielen frei.«

All diese Aktivitäten bedeuten eine gewaltige zeitliche und finanzielle Belastung für die ohnehin schon arg gebeutelten Eltern. Es bleibt keine Zeit für simples Herumalbern, für freies Spiel. Und sie haben noch den zweiten unerwünschten Nebeneffekt, dass Kinder verlernen, sich selbst zu beschäftigen. Wenn Kinder ständig von äußeren Instanzen stimuliert werden, sei es vom Kursleiter, vom Computer oder Fernseher, dann verlieren sie die Fähigkeit, sich eigene Spiele auszudenken. Sie vergessen, wie spielen geht. Ich erinnere mich noch gut, wie unser Ältester, ein Opfer chronischer Überstimulation durch seine ängstlich bemühten Eltern, in einem Moment der Langeweile brüllte: »Ich … brauche … Unterhaltung!« Ein ernüchternder Kommentar, insbesondere von einem Fünfjährigen. Was kommt jetzt? Was als Nächstes? Das sind die Fragen, die unsere hyperstimulierten Kinder stellen. Was ist aus ihrer eigenen Fantasie geworden, ihrem Einfallsreichtum?

Es gibt einen Ausweg aus dieser Falle der übereifrigen Elternschaft. Es gibt eine einfache Lösung, die Ihnen das Leben leichter und billiger und das Ihrer Kinder freudvoller machen wird. Sie wird dazu beitragen, glückliche, selbständige Kinder hervorzubringen, die in der Lage sind, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, ohne auf einen Mama-Ersatz angewiesen zu sein. Ich nenne sie faule Elternschaft, und das simple Mantra ihrer Anhänger lautet: »Lasst sie in Ruhe.« Die überaus willkommene Erkenntnis, dass faule Eltern gute Eltern sind, habe ich folgender Passage aus einem Essay von D. H. Lawrence zu verdanken, der im Jahre 1918 unter dem Titel »Education of the People« erschien: »Wie erziehe ich mein Kind. Regel Nummer eins: Lass es in Ruhe. Regel Nummer zwei: Lass es in Ruhe. Regel Nummer drei: Lass es in Ruhe. Für den Anfang ist das genug.«

Geschäftigen modernen Eltern mag diese Idee zunächst abwegig erscheinen. Werden wir nicht ständig dazu angehalten, mehr zu tun statt weniger? Wir Eltern laufen alle mit dem quälenden Gefühl durch die Welt, irgendwie alles falsch zu machen und uns mehr anstrengen zu müssen. Nun, nein. Das Problem ist, dass wir viel zu viel Anstrengung in unser Elternsein stecken, nicht zu wenig. Indem wir uns ständig einmischen, nehmen wir dem Kind die Möglichkeit, selbst erwachsen zu werden und selbst zu lernen. Ein Kind, das ständig beschäftigt wurde, hat irgendwann verlernt, sich selbst zu beschäftigen. Wir müssen uns zurückziehen. Lassen Sie sie leben. Willkommen in der Schule für inaktive Elternschaft. Eine Win-win-Situation: Weniger Arbeit für Sie und besser für Ihr Kind, es wird mehr Spaß am Leben haben und selbständiger und unabhängiger werden.

Selbstverständlich plädiere ich hier nicht für schludrige Vernachlässigung. Möglicherweise bin ich mit meiner faulen Elternschaft ein wenig zu weit gegangen, als ich, während ich »für die Kinderbetreuung«, wie es heute so hässlich heißt, verantwortlich war, vor dem brennenden Holzofen auf dem Sofa einschlummerte, um vom Geheul eines Kleinkindes geweckt zu werden, das seine Hände zielsicher aufs heiße Metall gepresst und sich die Fingerspitzen verbrannt hatte. Natürlich lassen wir unsere Kinder nicht aus dem Fenster springen oder mit dreckigen Windeln durch die Gegend laufen. Man kann sorglos sein oder achtlos, und das ist nicht dasselbe.

Und einen Haushalt zu schaffen, der frei wäre von Sorgen, das wäre doch etwas Wundervolles. Ich habe meine drei Kinder beobachtet und eindeutig festgestellt: Je mehr sie ignoriert wurden, umso besser. Dem Ältesten ist noch ein Übermaß an elterlicher Aufsicht zuteilgeworden, und er ist noch immer der Schwierigste. Die Zweite hatte schon ein klein wenig weniger Aufmerksamkeit und ist viel genügsamer. Der Dritte schließlich kam auf dem Badezimmerfußboden zur Welt und musste sich im Leben selbst zurechtfinden. Von allen dreien ist vermutlich er derjenige, der am besten spielen kann. Und ohne Zweifel ist er der Witzigste.

Das Großartige an Kindern ist, dass sie gern Sachen machen. Und da Eltern gern faul sind, liegt es doch nahe, dass die Kinder die Arbeit tun. Diese Idee wurde bereits im 19. Jahrhundert ansatzweise erforscht, als Kinder schon im zarten Alter von fünf Jahren in die Manufakturen geschickt wurden. Der Umstand, dass lästige Liberale seither ein Verbot der Kinderarbeit erwirkt haben, sollte faule Eltern nicht davon abhalten, ihre eigene Nachkommenschaft auszubeuten.

Ich erinnere mich noch, wie mein Freund John eines sonnigen Nachmittags bei uns im Garten in der Hängematte lag. Ohne sich aus seiner Liegeposition zu erheben, schaffte er es, seine vierjährige Tochter dazu zu bewegen, ihm ein Bier und Zigaretten zu bringen. Ja, es ist eine weitgehend unbekannte Tatsache, dass sich durch bloßes Liegenbleiben vieles bewirken lässt. Durch simples Nichtstun kann man die Kleinen dazu bringen, nützliche Dinge zu erlernen. Während der letzten Schulferien lagen meine Frau und ich plötzlich bis zehn oder elf im Bett. Mein Bruder hat es noch besser gemacht: Eines Morgens kam sein achtjähriger Sohn herein, als Papa und Mama noch in den Federn lagen. »Glückwunsch«, sagte der Kleine. »Das ist euer Rekord. Es ist zwölf.« Wenn Kinder auf sich allein gestellt sind, lernen sie ganz von selbst, aufzustehen, sich Frühstück zu machen und zu spielen.

Paradoxerweise ist faule Elternschaft verantwortungsbewusste Elternschaft, denn im Herzen fauler Elternschaft steht der Respekt vor dem Kinde, Vertrauen in ein anderes menschliches Wesen. Es sind die verantwortungslosen Eltern, die ihr Kind zum Zwecke der Erziehung und Beaufsichtigung an verschiedene Autoritäten abgeben, seien es Tagesmütter und -väter, Schulen, Nachmittagsclubs, Sportvereine, das Kleinkinderprogramm der BBC, Habbo, Club Penguin oder wen oder was auch immer. Oder sie versuchen, den Kindern ihre eigenen Wunschvorstellungen aufzudrücken, statt sie einfach in Ruhe zu lassen.

Ein weiterer großer Vorteil fauler Elternschaft liegt darin, dass sie die Stimulation von Bitterkeit bei Vater und Mutter zu vermeiden hilft. Nichts ist zersetzender und abscheulicher als leise in der Brust schwelender Groll. Man stelle sich vor: all diese Opfer, die wir für unsere Kleinen bringen, wie wir uns ein Bein ausreißen, die Entbehrungen, die wir auf uns nehmen – und dann drehen sie sich um und stürzen sich auf die schiefe Bahn und hinein in die Rauschmittelsucht. Ein Albtraum à la Amy Winehouse/Pete Doherty. Nein, in der Welt fauler Eltern ist kein Platz für Märtyrer. Unser Glück steht an erster Stelle. Und genau so soll es sein – wie mir schon der Taxifahrer neulich über seine Kinder erzählte: »Sie sind glücklich, weil wir glücklich sind.« Leiden Sie nicht. Genießen Sie Ihr Leben.

Faule Eltern sind häusliche Eltern. Teure Freizeitwochenendaktivitäten sind nichts für uns. Den kostspieligen Kitzel keimfreier Plastikvergnügungsstätten lehnen wir ab. Zoos, Freizeitparks und ganz allgemein Familienausflüge. Wir sitzen auf dem Sofa, lassen die...

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