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E-Book

Leonora

Wie ich meine Tochter an den IS verlor - und um sie kämpfte

AutorGeorg Heil, Maik Messing, Volkmar Kabisch
VerlagUllstein
Erscheinungsjahr2019
Seitenanzahl352 Seiten
ISBN9783843722018
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis16,99 EUR
Leonora Messing war 15 Jahre alt, als sie aus ihrem Dorf in Sachsen-Anhalt verschwand und sich in Syrien dem Islamischen Staat anschloss, um Drittfrau eines deutschen IS-Terroristen zu werden. Wie konnte sich Leonora so schnell so stark radikalisieren? Wie sieht ihr Leben in den Kriegswirren aus und was bedeutet das für die verzweifelten Angehörigen? Der Vater kämpft darum, Leonora aus dem umkämpften Rakka zurückzuholen - und geht dafür gefährliche Risiken ein... 
Ein dramatisches Stück Zeitgeschichte, das die Verführungskraft des IS und dessen Terror erklärt.   
Mit einem Vorwort von Georg Mascolo

Maik Messing, * 1972,  lernte zunächst den Beruf des Maurers mit DDR-Facharbeiterbrief, bevor er in der Bundeswehr als Richtschütze auf dem Marder im Panzergrenadierbatallion 212 tätig war. Wenige Jahre später absolvierte er den Betriebswirt des Handwerks und arbeitet seither als Bäcker.

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Leseprobe

Kindheit im Grünen


Zehn Kilometer geht es durch den Wald. Fast den gesamten Weg über schlängelt sich die Straße bergan. Der Wald, links und rechts, ist dicht – so dicht, dass man ihn mit dem Gefühl durchfährt, er sei wie eine Art Schutzschild. Eine natürliche Grenze. Davor liegt dieses große Land mit seinen großen Problemen. Dahinter, so scheint es, hat sich die Ruhe ein Zuhause gesucht.

Jeden Tag ist Leonora hier entlanggefahren. Beinahe eine Dreiviertelstunde braucht der Schulbus von Sangerhausen hinauf nach Breitenbach. Der Wald entlässt den Bus auf lang gezogene Felder. Plötzlich Weite. In den Sommermonaten steht hier der Raps mit seinen strahlend gelben Blüten, die alle natürlichen Farben der Umgebung blass erscheinen lassen. Im Winter kann es gefährliche Schneeverwehungen geben, die die Straße unpassierbar machen. Nach einer kleinen Anhöhe erscheint das Dorf. Zuerst nur die Spitze des Kirchturms. Dann gleich die Bushaltestelle, aussteigen.

Aussteigen, auswandern, einfach raus. Schon seit Monaten hat sich Leonora mit dem Gedanken getragen, Breitenbach für immer zu verlassen. Und mit Breitenbach ihre Familie. Wann genau sie den letzten Entschluss gefasst hat, nach Syrien zu gehen, das weiß Maik nicht. Zwei bis drei Wochen lang habe sie alles genau geplant, schreibt sie später mal in einer Nachricht. Doch Leonora haderte mit sich und dieser Idee, war sich selbst unschlüssig, offenbar über Monate. Als sie dann tatsächlich weg ist, findet Maik ihr Tagebuch. Er sollte es finden. Genau wie den Laptop und das Tablet hatte sie es auf ihrem Bett drapiert. Maik hätte das Tagebuch andernfalls niemals in die Hand genommen. Doch nun liegt es da, bereit, die persönlichen Geheimnisse der Tochter zu enthüllen.

Leonora hat nicht sehr regelmäßig in das kleine bunte Buch geschrieben, fünf oder sechs Mal im Jahr vielleicht, wenn überhaupt. Und dennoch sind es Einblicke, die Maik in dieser ungeschminkten Klarheit, in dieser Offenheit, bedauerlicherweise, wie er nun merkt, nicht hatte.

Die Gedankenwelt seiner Tochter entspricht in den meisten Passagen der eines typischen Teenagers. Viele Episoden kennt Maik bruchstückhaft aus Leonoras Erzählungen. Auch wenn er nicht von allen Jungs gehört hatte, in die sie sich mal verguckt zu haben glaubte. Aber es gibt eben auch Gedanken, von denen Maik nicht die geringste Ahnung hatte, wohl auch keine Ahnung haben sollte.

Ein Eintrag beschäftigt Maik besonders. Und er könnte ein Teil der Erklärung sein, weshalb Leonora diesen unverständlichen Schritt ging, der wohl nur mit größter Mühe und unter Lebensgefahr wieder rückgängig gemacht werden kann. Wenn überhaupt. Es sind nur drei kurze Sätze, die Leonora am 3. Februar 2015 zu Papier bringt; also gerade einmal einen Monat bevor sie ihren Koffer packt, um sich den Horden des Islamischen Staates in Syrien anzuschließen:

In zwei Tagen heiratet mein Vati Kathleen. Ich weiß nicht so richtig, was ich davon halten soll. Naja, ich hoffe, dass ich sowas wie bei Corinna* (*Name geändert) nie wieder erleben muss!

Maiks Liebesleben war von jeher durch eine Vielzahl wechselnder Bekanntschaften geprägt, zuweilen ein wildes, verworrenes Durcheinander. Die uneheliche Beziehung zu Babette, Leonoras leiblicher Mutter, war schon früh in die Brüche gegangen. Da war Leonora gerade einmal viereinhalb Jahre. Zu dieser Zeit hatten sich Vater und Mutter entschlossen, die Kleine solle bei Babette wohnen und an den Wochenenden zu Maik fahren, nur ein paar Dörfer weiter. Auch weil Maik diese typischen Bäcker-Arbeitszeiten hatte.

Das war deutlich einfacher so. Ich hätte Leonora nie morgens wecken können oder Brote für die Schule schmieren. Da stehe ich ja immer noch in der Backstube oder fahre irgendwo Brötchen zu den Filialen. Das war schon gut so, vor allem für Leonora, zumal ich auch keine feste Beziehung hatte. Jedenfalls niemanden, der das hätte übernehmen können.

Erst 2011, Maik hatte inzwischen das erste Mal geheiratet, zieht Leonora wieder mit ihrem Vater unter ein gemeinsames Dach. Und das Dach ist ein neues. Denn Maik und seine neue Ehefrau Corinna hatten gerade dieses Haus mit weitläufigem Grundstück in Breitenbach gekauft. Es ist ein kleines Paradies im Grünen. Bei der ersten Besichtigung ist Leonora dabei. Die damals 11-Jährige inspiziert alles ganz genau und entscheidet mit. Anschließend, das ist für sie gleich sonnenklar, will sie auch direkt mit einziehen – wohl auch, weil Maik weniger streng ist und Leonora mehr Freiheiten einräumt, die sie bei Babette nicht bekommt. Von nun an ist es genau andersherum: Die Woche über bleibt sie bei Maik und nur an den Wochenenden wechselt sie zu Babette. Eine Umstellung, die ihr wenig auszumachen scheint.

Das neue Grundstück im Dorf hat endlich genug Platz für verschiedene Tiere: Hunde, Katzen, Ziegen, Hühner, Kaninchen, Meerschweine, Schafe und sogar ein paar Schweine. Später kommen noch zwei Pferde dazu. Leonora liebt die neuen Mitbewohner, besonders die Hunde. Dort, wo Leonora ist, finden sich auch die Hunde. Wenn sie in ihrem Zimmer im Dachgeschoss sitzt und das Internet durchstöbert, dann liegen die Hunde unter dem Himmelbett. Den Vierbeinern vertraut sie sich an, wohl mehr und kompromissloser als jedem Menschen. Doch die Tiere auf dem Hof machen auch jede Menge Arbeit, an der sie sich nur selten freiwillig beteiligt, wie Maik sich erinnert:

Der Hühnerstall, zum Beispiel, war für Leonora eine absolute No-go-Area. Dort brachten sie keine zehn Pferde hinein. Nicht wegen der Arbeit, das Füttern und Reinigen der Ställe ist ja schnell gemacht. Nein. Dort gibt es ja Mäuse, und vor denen fürchtete sie sich sehr. Das muss man sich mal vorstellen. Aber in den Krieg nach Syrien reist sie anscheinend, ohne mit der Wimper zu zucken.

2013, also zwei Jahre vor der Ausreise nach Syrien, wird die familiäre Situation erneut vollends auf den Kopf gestellt. Corinna verlässt Maik. Sie zieht mit einem anderen Mann zusammen – wenngleich sie im selben kleinen Dorf bleibt, nur einige Dutzend Meter entfernt. Auch für Leonora ändert sich die Situation dramatisch. Denn sie hatte eine enge und warmherzige Beziehung zu Corinna aufgebaut. Leonora vertraut ihr, die beiden verstehen sich gut. Selbst aus Syrien heraus wird sie gelegentlich Kontakt mit Corinna haben.

Es ist eine schwere Zeit für Leonora, die durch die Trennung und den Verlust der Vertrauensperson in ein tiefes emotionales Loch fällt. Vater Maik ist viel mit sich selbst beschäftigt. Er versucht zu verstehen, wie es zu der Trennung kommen konnte, was genau er falsch gemacht hat. Hinzu kommen wirtschaftliche Schwierigkeiten. Denn nun muss er die Hauskredite allein tilgen und steht dafür bei der Bank allein in der Kreide. Eine doppelte Last, die wenig Raum für anderes lässt, zumal Maik beinahe jede Nacht in die Backstube muss und die Arbeitszeiten mit dem Leben einer zwölfjährigen Schülerin nur wenige Überschneidungen haben. Es ist, ehrlich betrachtet, ein Nebeneinanderherleben, auch wenn Maik sich bemüht, für Leonora da zu sein und ihr Verhältnis eigentlich innig ist.

Die Teenagerin zieht sich in dieser Zeit viel in ihr Zimmer zurück. Dort ist sie für sich, die familiären Wirren bleiben so zumindest scheinbar vor der Tür. Ihr Leben findet jetzt häufiger im Virtuellen statt. Sie verbringt viel Zeit im Internet, bei Facebook und anderen sozialen Medien. Und es ist die Zeit Leonoras persönlicher Sinnsuche, nicht ungewöhnlich für einen Teenager ihres Alters.

Auch Maik war lange auf der Suche. Als junger Mann hatte er sich eine Zeit lang um den Fortbestand des deutschen Volkes gesorgt und als Neonazi eine kleine Kameradschaft mitbegründet. Wenn er heute an diese Zeit zurückdenkt, dann weiß er nicht so recht, was damals in ihn gefahren war. Kurz darauf, wohl auch weil er bemerkt, dass es in Sangerhausen gar keine Ausländer gibt, die es zu bekämpfen gilt, wird er Bassist einer Punkband. Ideologisch und auch optisch das komplette Gegenteil. Auch bei den Mädels kommt der schlaksige Punk mit den bunten langen Haaren nun besser an als vorher ohne Haare. Die jugendliche Sinnsuche findet bei Maik ein Ende mit dem Wehrdienst und der anschließenden Selbstverpflichtung. Für den Panzergrenadier werden andere Dinge wichtig, nur die Menge des Alkohols bleibt ungefähr gleich.

Leonora ist bei ihrer Sinnsuche nie so extrem wie Maik. Jedenfalls glaubt er das bis zu ihrem Verschwinden. Irgendwann, es muss zu Beginn des Jahres 2014 gewesen sein, entdeckt sie den Islam für sich. Wahrscheinlich hat sie irgendwo im Internet von dieser fremden Religion aus Tausendundeiner Nacht gelesen. Im stillen Kämmerlein, ganz für sich allein, konvertiert sie zu dem Glauben, von dem sie bis zu ihrer Abreise nach Syrien ein Jahr später doch so wenig weiß. Im April 2014 schreibt sie:

Liebes Tagebuch,

mittlerweile ist wirklich alles anders. Corinna wohnt nicht mehr hier und ist auch seit einem Jahr von Papa geschieden. Früher habe ich hier geschrieben, ich sei in der Pubertät, haha. Jetzt bin ich wirklich in der Pubertät. Was ich früher mit meinen kindischen Gefühlen getrieben habe, ist mir heute peinlich. Mmh, mittlerweile bin ich Muslima. Allahu Akbar [Allah ist groß]. Das gibt meinem Leben vollen Sinn! Bis zum nächsten Mal. Tschüß.

Maik kennt ihr Interesse für den fremden Glauben, auch wenn er wenig über diesen Islam und seinen Propheten weiß. Diese Religion spielt im Harz im Grunde keine Rolle. Eigentlich spielt hier gar keine Religion eine besondere Rolle, nach 40 Jahren DDR. Es gibt fast keine Berührungspunkte. Sangerhausen hat keine Moschee, keinen türkischen oder arabischen Kulturverein. In...

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