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E-Book

Lesen als Medizin

Die wundersame Wirkung der Literatur

AutorAndrea Gerk
VerlagRogner & Bernhard
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl352 Seiten
ISBN9783954030859
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis16,99 EUR
Bücher entfalten mitunter eine magische Kraft, die uns im Innersten berührt. Jeder Leser hat das selbst erfahren: in der von Weltschmerz geschwängerten Pubertät oder in jenen Augenblicken, in denen zwei Buchdeckel Schutz vor dem bedrohlichen Alltag bieten. Bei Liebeskummer, Melancholie und Einsamkeit. Aber wie funktioniert diese rezeptfreie Medizin, die schon Erich Kästner in seiner »Lyrischen Hausapotheke« gegen die kleinen und großen Schwierigkeiten der Existenz verordnete?

Andrea Gerk wurde 1967 in Essen geboren. Nach einem Studium der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen ist sie seit 1995 als Literatur- und Theaterkritikerin sowie als Moderatorin für öffentlich-rechtliche Radiosender tätig. Sie lebt in Berlin.

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Leseprobe

THEORIEN UND TOLLE TYPEN

Es tut wohl, den eignen Kummer von einem anderen Menschen formulieren zu lassen. Formulieren ist heilsam«, schreibt Erich Kästner im Vorwort zu seinen Erste-Hilfe-Gedichten und bringt wunderbar beiläufig eine psychologische Grunderkenntnis auf den Punkt. Der amerikanische Philosoph und Psychologe William James – er war der ältere Bruder des Schriftstellers Henry James und gilt als Begründer der amerikanischen Psychologie – vertrat die Ansicht, es gebe nur zwei Arten zu denken: argumentieren und erzählen. Erzählen scheint die wesentlichere zu sein. So entwickelt sich beispielsweise in der Psychoanalyse eine Geschichte zwischen Analytiker und Patient, bei der es nicht um literarische Wahrhaftigkeit geht, sondern darum, eine emotionale Wahrheit aus dem Leben des Patienten zu verdeutlichen. Gelingt es dem Patienten, das, was Freud »unbewusste neurotische Wiederholung« nannte, zu artikulieren und in eine Geschichte zu verwandeln, dann scheint das eine heilsame Wirkung zu haben. In dem Moment, wo das eigene Erleben Teil eines gemeinsamen bewussten Diskurses wird, eröffnet dieses Bewusstsein die Möglichkeit, sich selbst aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen und sich dadurch besser zu fühlen.

Kann dieser Prozess auch in der Auseinandersetzung mit Kunst und Literatur eintreten? Der österreichische Schriftsteller Robert Musil notiert um 1920 in seinen Tagebüchern: »Ein Buch ergreift oder fesselt mich. Es ist ein liebes Buch, ein geistvolles, ein langweiliges, ein gemütvolles usw. Ist es das wirklich oder nur für schlechte Beobachter? Ist es Verlegenheit oder Gesetz, dass wir in der Praxis solche Aussagen von einem Buch machen und dass es die gleichen sind wie von einem Menschen?« Aber nicht nur literarische Figuren wie Raskolnikow und Madame Bovary oder auch deren Schöpfer ergreifen den Leser, vielmehr kann das auch, wie bei den mysteriösen Anti- und Sympathien, die man in der Begegnung mit anderen erlebt, ein »unkonkretes Drittes« sein. Was sich dahinter verbirgt, bleibt für Musil aber vorerst »noch ungelöst«.6

Womöglich wusste sein Zeitgenosse und Landsmann Sigmund Freud, den der Dichter ebenso bewunderte wie kritisierte, des Rätsels Lösung. Erinnert doch das »unkonkrete Dritte« an einen Interaktionsraum, den Freud »Tummelplatz« nannte: jenes weite, wilde Feld, auf dem die sogenannte Übertragung zwischen Patient und Analytiker stattfindet. Ein mentaler Spielplatz, »auf dem ihm [dem Patienten] gestattet wird, sich in fast völliger Freiheit zu entfalten, und auferlegt ist, uns alles vorzuführen, was sich an pathogenen Trieben im Seelenleben des Analysierten verborgen hat«.7

Offenbar können auch Kunst und Literatur solch einen Tummelplatz eröffnen, indem sie verborgene Regionen unseres Gefühlslebens berühren und verdrängte Emotionen ins Bewusstsein treten lassen. Darauf bauen schließlich die meisten Kreativtherapien. Die Auseinandersetzung mit Kunst kann helfen, ungeordneten Gefühlen, die einen zu überwältigen scheinen, eine Form zu geben und sie damit überschaubar zu machen. Und: Kunst kann schlicht davon erzählen, dass man nicht allein ist mit seinen Empfindungen und Erfahrungen. Mit Erich Kästner gesagt, kann es »bekömmlich« sein »zu erfahren, dass es anderen nicht anders und nicht besser geht als uns selbst. Es beruhigt auch zuweilen, das gerade Gegenteil dessen, was man empfindet, nachzufühlen.«

Was Kästner mit eleganter Ironie in seiner Lyrischen Hausapotheke verpackte, die Idee, Literatur könne als poetisch fundierte Seelenkur durchaus praktischen Nutzen haben, ist nicht etwa die abwegige Phantasie eines einzelnen Herrn. Durch alle Epochen hinweg haben Dichter davon geträumt, nicht nur Diener von Bildung und Erbauung zu sein, sondern tief in die Gefühlswelt ihrer Leser vorzudringen und deren Wahrnehmung gründlich durcheinanderzuwirbeln.

Schon Miguel de Cervantes’ Don Quijote, der 1605 mit seiner Rosinante auf die literarische Bühne galoppierte und seither als Urgestein des modernen Romans gilt, ist eine ausufernde Phantasie über die ebenso abenteuerlichen wie fatalen Folgen der Lesesucht. Weil er der Lektüre von Ritterbüchern verfällt, vergisst der Junker Alonso Quijano seine Pflichten, lässt Haus und Hof verkommen und verkauft sein letztes Hemd, »um Ritterbücher zum Lesen anzuschaffen«. Die Folge dieser exzessiven Lesefreuden ist das Gegenteil einer gelungenen Bibliotherapie: Der Hidalgo verfällt der Bücherdroge, macht die Nacht zum Tag, »und so, vom wenigen Schlafen und vom vielen Lesen, trocknete ihm das Hirn so aus, dass er zuletzt den Verstand verlor«. Als er sich schließlich einen neuen Namen verpasst und loszieht, um als fahrender Ritter Don Quijote all das zu erleben, was er bislang nur aus Büchern kennt, zeigt sich, dass er keinen Unterschied mehr zwischen Realität und Fiktion erkennt: Er ist längst, was er liest.

Erst auf dem Totenbett, als all die surrealen Abenteuer überstanden sind und auch der letzte Kampf verloren ist, findet »der Ritter von trauriger Gestalt« aus seiner literarischen Phantasie heraus. Er verlässt die irdische Welt als geheilt, wobei offenbleibt, ob er damit wirklich besser dran ist. So steht am Anfang der Kunst des Romans die so großartige wie größenwahnsinnige Phantasie eines Autors über die existenzielle Macht des Erzählens.

Die Erfahrung, dass Lektüre einen in regelrechte Wahnzustände versetzen kann, wird jeder leidenschaftliche Leser schon mal gemacht haben. Immer wieder entdecke ich Texte, die mich so bewegen, dass ich mich fassungslos frage, wie ich sie so lange übersehen konnte. Dann muss ich sofort all das Versäumte nachholen, gerate in einen regelrechten Leserausch, verschlinge ein Buch nach dem anderen, werte parallel dazu akribisch Rezensionen, Interviews und biographische Texte aus und spiele nach, was ich darin finde. Einen meiner intensivsten literarischen Liebesräusche verdanke ich Hanns-Josef Ortheil, dem ich bereits nach vier Seiten komplett verfallen war. Ob der Mann womöglich etwas zu alt für mich wäre oder seit Jahrzehnten mit derselben Frau verheiratet ist, all diese profanen Parameter spielen zum Glück überhaupt keine Rolle, wenn man sich in Schriftsteller verliebt. Oder besser gesagt in die Person, die man sich zu den Büchern eines Schriftstellers zusammenphantasiert. Ortheil ist in dieser Hinsicht ein dankbares Liebesobjekt. In einem seiner Bücher lernt man seine Kinder kennen (gut, dass meine bereits Namen hatten, sonst hätte ich sie sofort Lo und Lu genannt). In einem anderen nimmt er einen sogar mit in sein Haus in Stuttgarter Hanglage. Dort wird man bekocht und mit Ortheils Lieblingschampagner bewirtet: Ruinart Rosé – das ist auch mein Lieblingschampagner! Ich wusste es, Hanns-Josef Ortheil und ich sind Seelenverwandte! Meine Kinder müssen in den nächsten Tagen Nudelgerichte essen, die Herr Ortheil in diesem Buch zubereitet (schmecken ihnen nicht), und meine Tochter muss sich schon morgens auf dem Weg zum Kindergarten meine Begeisterungselogen über den erst elfjährigen Hanns-Josef anhören und wie schön er Die Moselreise mit seinem Vater beschrieben hat.

Mama hat sich in einen elfjährigen Schriftsteller verliebt, sagt sie beim Abendessen zu meinem Mann, der matt erwidert, Männer in senfgelben Hosen seien für ihn nicht satisfaktionsfähig. Du hast ja keine Ahnung, keife ich los. In Italien, wo Ortheil viele Jahre gelebt hat, sind diese Hosen geradezu ein Distinktionsmerkmal, das hat mir Tobias erzählt, und der weiß alles! Mann und Kind stehen auf und räumen wortlos ihre Teller in die Spülmaschine.

Ich ziehe mich mit Hanns-Josef zurück. Inzwischen lese ich bestimmt schon das zwölfte Buch in Folge. Während also meine Kulturbanausenfamilie mit Playmobil-Männchen spielt, schlendere ich mit Hanns-Josefs Alter Ego, einem Pianisten, durch Zürich, und plötzlich nervt mich etwas, nur eine Nuance, ein einzelner Satz. Und dann geht es nicht mehr. Ich kann Hanns-Josef Ortheil nicht mehr ertragen. So war es jedes Mal, wenn ich in einen Schriftsteller verliebt war. Irgendwann ist es wie in jeder Beziehung, und genau das, was einen am Anfang so entzückt hat, die kleinen Macken und Ticks, gehen einem urplötzlich total auf die Nerven. Dann wird es Zeit, etwas Abstand zu gewinnen und den anderen in neuem, kühlerem Lichte zu betrachten. Und – den Kindern endlich mal wieder etwas zu kochen, was ihnen auch schmeckt.

»Bücher, in denen ich immer wieder gelesen habe«
Hanns-Josef Ortheil

Die Idee, dass Dichtung und Heilkunst etwas Wesentliches verbindet, existierte schon lange, bevor Cervantes sich mit seinem Ritterabenteuer aus dem finsteren Kerker herausphantasierte. Ende des 16. Jahrhunderts saß er mehrfach im Gefängnis, und womöglich tröstete oder therapierte er sich kraft seiner Phantasie auch ein wenig. In der Vorrede seines Jahrhundertwerks nennt er seinen Text einen Sohn, »der im...

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