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Lesereise Abu Dhabi

Mona Lisa im Meer aus Sand

AutorFabian von Poser, Helge Sobik
VerlagPicus
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl132 Seiten
ISBN9783711751171
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Abu Dhabi will Dubai überholen und aller Welt zeigen, welche der beiden Metropolen am Golf in Wirklichkeit die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate ist: jeden Tag aufs Neue beweisen, dass Abu Dhabi größer, reicher, mächtiger ist, sich mit Leichtigkeit einen Hotelpalast mit bis zu 680 Quadratmeter großen Suiten für gut drei Milliarden Euro Baukosten leisten kann. Zeigen, dass die Leute hier alles kaufen, alles wahr machen, mit ihrem Geld jeden übertrumpfen könnten, so sie es nur wollten. Vom Besten sein muss alles sowieso, denn nirgendwo schwört man so sehr auf große Namen wie am Golf. Das gilt auch für die Architekten des neuen Abu Dhabi auf der Insel Saadiyat. Keine Geringeren als Jean Nouvel, Frank O. Gehry, Zaha Hadid und Norman Foster hat Scheich Khalifa dafür verpflichten lassen. Jener Mann, der das Dorf von einst aus dem Sand auf die Landkarte katapultierte und zur Weltstadt wachsen ließ, erlebt den neuen Boom nicht mehr mit. 2004 starb Abu Dhabis weltoffener Herrscher Scheich Zayed hochbetagt, vier Jahre später beendeten Bauarbeiter sein elfenbeinfarbenes Denkmal im Sand: Die neue Scheich-Zayed-Moschee ist das drittgrößte islamische Gotteshaus der Welt.

Helge Sobik, 1967 in Lübeck geboren, schreibt Reportagen aus aller Welt und publiziert in zahlreichen Medien. Im Picus Verlag erschienen seine Reportage Persischer Golf sowie die Lesereisen Kanada, Kanadas Norden, Kanadas Westen, Finnland, Mallorca, Côte d'Azur, Dubai, Portugal und, gemeinsam mit Fabian von Poser, Abu Dhabi. Helge Sobik war 'Reisejournalist des Jahres' 2019 und hat es 2020 auf Platz zwei des Rankings geschafft. Fabian von Poser, geboren 1969 in Hamburg, wuchs in München auf. Während des Studiums der Geschichte und der spanischen Sprachwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität jobbte er beim Lokalteil der 'Süddeutschen Zeitung'. Seit 1997 arbeitet er als freier Autor für zahlreiche Tageszeitungen und Magazine. Im Picus Verlag erschienen die Reportagen Argentinien und Namibia. Gemeinsam mit Helge Sobik entstand die Lesereise Abu Dhabi.

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Leseprobe

Happy Birthday, Wüsten-Wunderland


Von der Kunst, Sand auf die Reise-Weltkarte zu heben: Im Dezember 2011 feierten die Vereinigten Arabischen Emirate vierzigsten Geburtstag – und starteten in ihr fünftes Jahrzehnt


Aus den Straßen war er verschwunden. Sie haben ihn unter dem Teer versteckt, zehnspurige Autobahnen darüberplaniert, ein Stück abseits sogar Pools hineingegraben und deren Wände mit türkisblauen Kacheln gefliest. Sie haben ihm die Fundamente immer neuer Villen, immer mehr Shoppingzentren und Hoteltürme aufgepfropft. Sie taten es in Rekordgeschwindigkeit. Und sogar Wasserleitungen haben sie vergraben, Mutterboden herangekarrt, Blümchen gepflanzt. Und jetzt ist er doch wieder da, in den Straßen, auf den Terrassen, den Autokarosserien, sogar in den Pools – als ungebetener Gast und nur für ein paar Stunden: Diesen Nachmittag kam der Sand zurück nach Abu Dhabi und nach Dubai, ein wenig später nach Sharjah und Fujairah. Alles hüllt er in einen leichten rostroten Schleier ein.

Ein Sturm hatte ihn gebracht, hatte die Dünen der Rub-al-Khali-Wüste im Hinterland neu sortiert und den Menschen in den Metropolen an der Küste wieder mal vor Augen geführt, wo sie gebaut haben – und wo sie leben. Oder zumindest wo sie hingereist sind, um ihre Ferien zu verbringen: auf die arabische Halbinsel, in eine Gegend aus Sand – da mag der Persische Golf noch so nah sein.

Und noch etwas hat der Sandsturm aufs Neue bewiesen: Was für eine enorme Leistung es gewesen ist, in nur etwas mehr als einer Generation Großstädte dieser Klasse aus dem Nichts zu stampfen. Denn die Metropolen hier sind, anders als manche Stadt Chinas oder Afrikas, nicht einfach nur unversehens in die Fläche gewachsen, zu improvisierten und kaum noch funktionsfähigen Molochen geworden – und plötzlich den bisherigen eigenen Maßstäben enteilt, was die Bevölkerungszahlen angeht. Hier war das anders, denn diese Städte haben ganz nebenbei Klasse entwickelt, Skylines bekommen, Gebäude mit Wow-Effekt. Hier wurden Visionen verwirklicht, und die bedeutendsten Architekten unserer Zeit haben daran mitgewirkt.

Es lag daran, dass Geld keine Rolle gespielt hat. Es war schlicht vorhanden. Die meiste Zeit sogar im Übermaß. Das Öl hat es möglich gemacht und bewiesen: Alles kann man sich kaufen, binnen vierzig Jahren sogar die Verwandlung kleiner Handelsposten aus kaum mehr als ein paar Lehmfestungen, ein paar Kontorhäusern, wenigen Betonbauten und vielen Hütten mit Dächern und Zäunen aus Barasti-Stroh und getrockneten Palmwedeln. Wer genügend Geld investiert, kauft sich hier die Metamorphose von Dünen in Stadtparks, von Wüstenland in Grünstreifen und Parkanlagen. Es ist ein Winkel, wo das Aussehen ganzer Gegenden nur eine Frage des Preises ist.

Denn an derselben Stelle, wo nichts als Sand war, tummeln sich heute einige der besten und luxuriösesten Hotels der Welt, arbeiten Küchenchefs von globalem Rang, unterhalten die namhaftesten Modedesigner exklusive Filialen, treten internationale Stars wie zuletzt Britney Spears und Paul McCartney auf ihren Tourneen auf. Fast nebenbei entstehen Kunstmuseen, die mit dem Louvre in Paris und dem Guggenheim-Museum in New York kooperieren – und, gegen entsprechendes Lizenzentgelt, sogar deren Namen tragen dürfen.

Es hat sich viel getan in den ursprünglich sechs, später sieben Scheichtümern an der Südostspitze der Arabischen Halbinsel, die sich am zweiten Dezember 1971 nach dem Ende der britischen Vorherrschaft zu den Vereinigten Arabischen Emiraten zusammengeschlossen haben und nun vierzigsten Geburtstag feierten: Abu Dhabi ist nicht nur das ölreichste, sondern auch das gebietsmäßig größte dieser Fürstentümer – und mit seinem Vermögen freiwillig seit Jahrzehnten Zahlmeister der wirtschaftlich Schwächeren. Fast neunzig Prozent der gemeinsamen Fläche hat es damals in den Zusammenschluss eingebracht. Die Vorherrschaft ist nicht nur deshalb sicher. Des Weiteren gehören Dubai, Sharjah, Ajman, Umm al-Qaiwain und Fujairah von Anfang an dazu – und nach gewissem Zögern trat 1972 auch Ras al-Khaimah bei, das an die omanische Exklave Musandam grenzt und über die fruchtbarsten Böden der Region verfügt.

Entscheidend für die Staatsgründung war der Handschlag zweier Männer, die darüber in einem Zelt beraten und schließlich alte Sentimentalitäten und Animositäten vergangener Jahre im Interesse der gemeinsamen Sache beigelegt hatten. Sie saßen zusammen an einem Ort, den beide gut kannten. Beide kamen von dort, hatten den Großteil ihres Lebens dort im Sand verbracht: in der Wüste. Scheich Zayed bin Sultan al-Nahyan, Herrscher von Abu Dhabi, und Scheich Rashid bin Saeed al-Maktoum, Herrscher von Dubai, sind die Väter dieser Föderation. Sie legten fest, dass der jeweilige Herrscher Abu Dhabis immer Präsident des neues Staates sein und der Premierminister immer derjenige aus Dubai sein werde. Das System funktioniert zuverlässig.

Und trotzdem stellt sich die Schneewittchenfrage am Golf täglich neu: Wessen Emirat ist das schönste, das beliebteste, welches strahlt am goldensten? Wer hat das beste Hotel, den meisten Pomp, die schlagzeilenträchtigste Attraktion? Für Urlauber aus aller Welt ist die gewisse Eitelkeit der Herrscherclans nur von Vorteil. Sie beschert ihnen vor allem in den beiden Vorzeige-Emiraten Abu Dhabi und Dubai ständig neue Attraktionen, während die anderen nur in kleinen Schritten aufholen und sich von denen bisher lediglich Sharjah und Ras al-Khaimah offensiv auf die große Bühne des internationalen Tourismus gewagt haben. Ersteres setzt dabei vor allem auf Kultur, will mit Museen und arabischer Tradition punkten – und indirekt auch mit der Nähe zu Dubai, zumal Sharjah ebenso wie Ajman baulich längst mit dem weit berühmteren Nachbarn zusammengewachsen ist und man sich seit Jahren die Rush-hour-Staus teilt. Das liegt vor allem daran, dass beide kleinere Nachbarn Wohn- und Schlafstädte für jene geworden sind, die in Dubai arbeiten und täglich mit Bus oder Auto pendeln. Ras al-Khaimah unterdessen, das grünste und zugleich wegen der Lage am Hajjar-Gebirge landschaftlich vielseitigste der Emirate, setzt neuerdings auch auf Luxus-Lodge-Tourismus im Hinterland. Bis dato ging es auch hier – und das mit ganz gutem Erfolg – vor allem um Badetourismus entlang der Strände. Angeboten werden die Hotels zumeist von Pauschalveranstaltern zu Übernachtungspreisen deutlich unterhalb der in Dubai üblichen Raten: Weil der eigene Hotel-Shuttlebus ins rund hundert Kilometer entfernte Dubai nicht wirklich ein Pluspunkt ist, sondern vor allem den Standortnachteil unterstreicht.

In Ajman und Fujairah scheint all das noch keine nennenswerte Rolle zu spielen, und das vergleichsweise arme und ländliche Umm al-Qaiwain ist sowieso aus der Zeit gefallen. Gerade dadurch wird es interessant, solange es sich nicht verändert. Denn wie jetzt in Umm al-Qaiwain mit seinen sandigen Straßen ohne wirkliches Geschäftszentrum, eher wie zufällig zusammengewürfelt – so oder ähnlich hat es auch in den anderen Emiraten vor einem halben Jahrhundert und weniger ausgesehen. Der Boom steht hier erst noch bevor. Er wird noch auf sich warten lassen müssen. Gleichwohl, auf dem Reißbrett der Stadtplaner sind bereits Entwürfe für das neue Umm al-Qaiwain entstanden: mit Wolkenkratzer-Skyline aus Stahl, Glas und Beton. Zweierlei behindert das Vorhaben derzeit. Es mangelt an Geld – und die konservative örtliche Herrscherfamilie ist nicht sonderlich glücklich mit der von außen angeregten Verwandlung ihres Zuhauses.

Die Großen in der Föderation haben Handel und Dienstleistung, darunter vor allem den Tourismus, längst als Wirtschaftsfaktor für die Zeit nach dem Öl ausgemacht. Die Entwicklung ist daher kein Zufall, sondern folgt einem Masterplan – zuerst in Dubai, weil die dortigen Ölvorräte schon länger nahezu ausgeschöpft sind, dann in Abu Dhabi, wo das Öl noch lange reicht, aber die Position im Schatten des kleineren Nachbarn nicht mehr mit dem eigenen Selbstverständnis vereinbar war.

Deswegen gibt es dort das goldstrotzende Luxushotel Emirates Palace, in dessen Lobby Gäste mit der Kreditkarte an einem Automaten Goldbarren ziehen können wie anderswo Zigaretten. Deswegen gibt es in Abu Dhabi eine Formel-Eins-Rennstrecke, die auf ein paar Metern unter einem Hotel hindurchführt, deshalb haben die Scheichs ihre »Ferrari World« als größten Indoor-Freizeitpark der Welt gebaut. Und aus demselben Grund folgen ab 2015 nach und nach die spektakulären Museen auf der Kulturinsel Saadiyat. Wirklich eilig ist in Abu Dhabi gleichwohl nichts, und der große Wurf ist den hiesigen Verantwortlichen lieber als der schnelle Teilerfolg.

Dubai unterdessen, zwischenzeitlich zu unrecht totgesagt, ist besser durch die Wirtschaftskrise gelangt als weithin angenommen – und eine pulsierende Metropole geblieben: eine, die zur Stunde nicht mehr vorrangig an schlagzeilenträchtigen Projekten arbeitet, sondern deren Fundament quasi nachgerüstet wird. So hat die Maktoum-Stadt eine Metro bekommen, um dem latenten Verkehrsinfarkt entgegenzuwirken.

Und eher im Stillen wird dort am weltgrößten Flughafen mit sieben parallelen Bahnen und einer Kapazität für hundertzwanzig Millionen Passagiere pro Jahr gebaut. Eine Bahn ist schon für Frachtflüge in Betrieb, und eines nicht allzu fernen Tages werden auch die Urlauberflieger hier landen. Der Name passt nicht ganz zur neuen Bescheidenheit in Dubai – aber ganz übertrieben ist er auch nicht: Dubai World Central heißt das Gesamtprojekt mit Freihandelszone und Seehafenanschluss, Al-Maktoum International Airport der Flughafen als Herzstück des Milliardenprojekts – gelegen unmittelbar an der Grenze zu Abu Dhabi und nur eine dreiviertel Autostunde vom...

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