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Lesereise Bhutan

Einlass in das Reich des Donnerdrachens

AutorMartin Uitz
VerlagPicus
Erscheinungsjahr2011
Seitenanzahl132 Seiten
ISBN9783711750389
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Vieles in dem rätselhaften Staat am Fuße des Himalaya ist noch unerforscht: Erst Mitte der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde eine erste Straße von Indien in das Reich des Donnerdrachens gebaut, seit 1974 darf jährlich eine handverlesene Anzahl von Touristen Bhutan besuchen. Der Alltag der knapp siebenhunderttausend Bhutaner wird nach wie vor vom Buddhismus sowie von der Verehrung für ihren König, den Druk Gyalpo, bestimmt. 2007 feierten die Monarchie und die Dynastie ihr hundertjähriges Bestehen. Mit vorsichtigen Schritten führte König Jigme Singye Wangchuk, dem 2006 sein Sohn Jigme Khesar Namgyel auf dem Thron folgte, sein Volk in eine moderne Zukunft mit Verfassung und Demokratie, nachdem er das Staatsprinzip der 'Gross National Happiness', des Bruttosozialglücks, nachhaltig mit Leben erfüllt hat. Der versierte Bhutan-Kenner Martin Uitz erklärt, warum die einzige Verkehrsampel dieses versteckten Königreichs wieder abmontiert wurde, weshalb sechs Männer gemeinsam nicht auf Reisen gehen dürfen und was es mit der subtilen Erotik eines traditionellen Hot-Stone-Baths auf sich hat. Als gebürtiger Salzburger verrät er schließlich auch, wo man die schönsten Edelweißwiesen der Welt findet.

Martin Uitz, 1952 in Salzburg geboren, studierte Rechts- und Politikwissenschaften. Seit den frühen siebziger Jahren reiste er in die entlegensten Gebiete des Himalayas, am liebsten mit dem Auto über Land. Nach zwei Jahrzehnten als Reiseveranstalter und Tourismusberater der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit in Bhutan lebte er als freier Schriftsteller im Königreich Bhutan. Martin Uitz ist 2007 verstorben. Im Picus Verlag erschien seine Lesereise Bhutan.

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Leseprobe
Gross National Happiness (S. 95-96)

Bhutans Staatsphilosophie auf dem Prüfstand


»Tu weniger, iss weniger, schränke deinen Stress ein, strebe weniger nach Besitz – und sei glücklicher!« So definiert Karma Ura auf meine Frage sein Verständnis von Gross National Happiness. Bhutans bemerkenswerte Staatsphilosophie leitet sich zwar aus dem Widerspruch von »Bruttonationalglück« und Bruttonationalprodukt ab, hat aber bei näherer Betrachtung nur wenig mit dem aus der Wirtschaft stammenden Terminus gemein. Karma Ura ist Bhutans bekanntester Schriftsteller, sein historischer Roman »The Hero with a Thousand Eyes« so etwas wie ein modernes Nationalepos.

Heute steht er dem Centre for Bhutan Studies vor, dessen Aufgabe es ist, wissenschaftliche Arbeiten über Bhutan auf internationaler Ebene zu initiieren, zu publizieren und zu sammeln. Dort werden mittlerweile Dutzende Aufsätze und Forschungsberichte zur Gross National Happiness archiviert. Doch wie sieht es tatsächlich mit dem Glücksgefühl der Bhutaner aus? Eines der statistischen Ergebnisse der großen Volkszählung von 2005 ist die scheinbare Bestätigung des nationalen Glücksgefühls: Nur drei Prozent der Bevölkerung beantworten die Frage nach ihrem persönlichen Glücklichsein negativ, siebenundneunzig Prozent bezeichnen sich als »glücklich« oder »sehr glücklich«. Aber sogar Bhutans Sonntagszeitung Bhutan Times hinterfragt kritisch, ob das denn tatsächlich so sei.

Schließlich werde den Menschen seit Jahrzehnten [117]eingeredet, sie lebten im einzigen Land der Welt, in dem Gross National Happiness als oberstes Staatsziel durchgesetzt sei. Ross McDonald, Soziologe aus Neuseeland, befasst sich ausführlich mit der Frage, ob das nationale Glück und die individuelle Zufriedenheit überhaupt von wirtschaftlichen Verhältnissen und Erfolgen abhängen. Seine Schlussfolgerung: Dies sei nicht der Fall, die Bhutaner würden Gross National Happiness wohl anders verstehen denn einfach als das Gefühl, sich über erreichten Wohlstand zu freuen. Denn der buddhistische Hintergrund schließe aus, dass man Glück allein über rücksichtsloses Durchsetzen der eigenen materiellen Ziele erreichen kann.

Der König selbst definiert die vier Säulen des Konzepts der Gross National Happiness mit Respekt vor Kultur und Religion, guter politischer Verwaltung (good governance), wirtschaftlichem Wohlergehen und Bewahrung einer intakten Umwelt. Damit wird klar, dass Wohlstand zwar ein Faktor ist, das eigentliche Glück aber nicht in materiellen Gütern, sondern in einer Balance aller vier Komponenten besteht. Angesichts einer Armada von sündteuren Toyota Landcruisern, mit denen Thimphus Oberschicht die kurzen Wegstrecken in der Hauptstadt zurücklegt, sind Zweifel angebracht, ob die materielle Bescheidenheit tatsächlich eine weit verbreitete Tugend des buddhistischen Drachenvolks ist.

Gerade die letzten Jahre mit ihrem rasanten wirtschaftlichen Aufschwung in Bhutan haben wohl eher mehr Unzufriedenheit, Geschäftsneid und Missgunst in die Gesellschaft eingeschleust. Karma Ura bezeichnet diesen Wechsel prägnant als »change from feudalism to bureaucracy«, obwohl Bhutan eigentlich kein Feudalsystem im europäischen Sinne hatte. Den Herrschenden habe es zu jeder [118]Zeit an materiellem Reichtum gefehlt, ihre Macht war nur hierarchisch oder religiös begründet, äußerte sich jedoch nicht in einem deutlichen Mehr an Besitz oder Luxus.

»Herrscher und Sklave aßen vom gleichen Teller«, umschreibt der Schriftsteller dieses einzigartige System, in dem die Mächtigen mehr als religiöse Führer und philosophische Ratgeber zu interpretieren seien denn als Feudalherren. Die historisch gewachsenen Eliten Bhutans waren seit Jahrhunderten zum einen die Mönchsorden, in die Knaben unabhängig von ihrer sozialen Herkunft bereits in ganz jungen Jahren aufgenommen wurden. Andererseits war es der Beamtenstand, wobei Staatsdiener wie Mönche bereits in früher Jugend aus ihrem Familienverband ausschieden und einer speziellen Ausbildung unterzogen wurden – während die verbliebene Bevölkerung auf dem Land ohne Bildung blieb. Auch wenn das heute nicht mehr so ist, das Selbstverständnis der bhutanischen Beamtenklasse ist noch immer von dieser Eliteposition bestimmt.
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