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Lesereise Bretagne

Beim Leuchtturmwärter brennt noch Licht

AutorStefanie Bisping
VerlagPicus
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl132 Seiten
ISBN9783711752871
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Windgepeitschte Steilküsten, von der Brandung umtoste Inseln, geheimnisvolle Wälder - die Bretagne ist wildes Land, vom Meer geprägt. Vergeblich versuchten die Römer, diesen besonders sperrigen Kelten wenigstens eine anständige Sprache beizubringen. Zweitausend Jahre später haben die eigenwilligen Bretonen ihr Idiom noch immer nicht aufgegeben. Stefanie Bisping spürt den Mythen und Geschichten dieser alten europäischen Kulturlandschaft nach. Sie begibt sich auf die Spuren des Zauberers Merlin und der letzten Herzogin der Bretagne. Im Finistère, am Ende der Welt, das für die Bretonen nur ihr Anfang ist, begegnet sie dem letzten Leuchtturmwärter der Insel Ouessant und dem Wächter über die Qualität des berühmten bretonischen Kuchens 'kouign amann'.

Stefanie Bisping schreibt als Reisejournalistin für Tageszeitungen und Magazine und hat dabei die Welt von Spitzbergen bis nach Tasmanien vermessen. Ihr besonderes Interesse gilt Küsten und Inseln, ihre besondere Liebe gehört England. Im Picus Verlag erschienen ihre Lesereisen England, Estland, Malediven, Normandie, Bretagne, Emilia Romagna, Apulien und Australien. Stefanie Bisping war bereits 2019 unter den Top Ten 'Reisejournalisten des Jahres' und hat es 2020 auf Platz eins des Rankings geschafft.

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Leseprobe

Bei Sturm tanzen die Häuser


Achthundert ganz unterschiedliche Inseln besitzt die Bretagne


In weiten Schwüngen rollt die Fähre vom Hafen vor Brest durch tiefe Wellentäler in Richtung Ouessant. Wir stehen an Deck und versuchen, die Sache positiv zu sehen. Nicht jeder wird schließlich seekrank. Aber die süßen Waffeln, die wir in Pont-Aven gekauft haben, lassen wir doch lieber unangetastet. Immer schön den Horizont im Blick behalten und sich ganz auf die salzige Luft konzentrieren. Man spürt: Diese Wogen kommen aus den Tiefen des Atlantiks. Doch schließlich ist die Passage überstanden, das Schiff läuft im Hafen unter einer dieser Überfahrt angemessen dramatisch geformten Klippe ein.

Auf Ouessant leben achthundertachtzig Menschen. Es gibt eine Handvoll Hotels, zahlreiche Schafe und sehr grüne Hügel. Der Wind pfeift, als könnte er einen jederzeit wegtragen, wenn er nur wollte. Und im Grunde ist es auch so. Graue Häuser mit blauen Türen und Fensterläden ducken sich am Boden, von der Felsenküste wehen Tausende weißer Gischtflocken. Der westlichste Flecken der Bretagne ist so rau und wild wie das Meer, das ihn umgibt. An seinen Ufern endeten im Lauf der Jahrhunderte ungezählte Reederträume in den berstenden Planken kenternder Schiffe. »Qui voit Ouessant, voit son sang«, lautet ein Sprichwort. Wer diese Insel sieht, sieht sein Blut.

So unheimlich dies klingt, ist es doch tröstlich ferne Vergangenheit. Fünf Leuchttürme sind heute um die Insel und auf ihr verteilt und sorgen immerhin für Orientierung. Der Phare du Créac’h im Inselwesten ist einer der stärksten der Welt und das erste Leuchtfeuer, das Kapitäne nach Querung der Biskaya sehen. Wer es erst bis auf die Insel geschafft hat, dem kann der Wind ohnehin nichts mehr anhaben. Bei Kerzenlicht mit einem großen Humpen Rotwein in der Hand im tiefen Sessel sitzend, ist es schön, über das wütende Toben der Elemente draußen nachzudenken. »Erst ab hundert Stundenkilometern Windgeschwindigkeit bewegen sich die Häuser«, weiß Odile, die Besitzerin des Hotels. Das ist beruhigend. Bei solchen Stürmen knarren die Fenster, und es erschließt sich, warum die Insulaner ihre Heimat auch »Gespensterinsel« nennen. Wie überhaupt die Neigung der Bretonen zum Glauben an übersinnliche Erscheinungen eng mit der Hilflosigkeit des Menschen gegenüber einem Meer verbunden ist, das nicht nur Leben und Auskommen verspricht. Immer bleibt es auch ein Gegner, der sich nimmt, was ihm gefällt.

Doch das sind Herbstgeschichten. Anderntags signalisiert der hellblaue Himmel Waffenstillstand. Odile serviert zum Frühstück zwischen croissants und café crème Anekdoten aus dem Inselleben. »Bei uns haben seit jeher die Frauen das Sagen«, erklärt sie. Das liege daran, dass die Männer früher oft wochenlang auf See waren und sich die Frauen derweil um alles kümmern mussten – von Landwirtschaft über die Schafzucht bis zum Heiratsantrag beim Heimatbesuch des Herzallerliebsten. Dieser Antrag hatte einst die Form einer Initiativbewerbung seitens der Dame. So sah die Tradition vor, dass eine Frau ihren köstlichsten Kuchen backte, wenn ein Mann ihr Herz gewonnen hatte. Wie Rotkäppchen im Märchen machte sie sich zum Haus der Familie ihres Auserwählten auf, mit dem gâteau breton als Gastgeschenk im Korb. Dort angekommen, ging es recht umständlich zu: Der Kuchen wurde ausgepackt, die potenziellen Schwiegereltern deckten die Kaffeetafel, schließlich kam der heikle Moment, da die Werbende ihrem Erwählten ein Stück Kuchen anbot. Nahm er an, war auch die Heirat unter Dach und Fach, lehnte er ab, blieb nichts als recht verkrampfter Small Talk, bis die Brüskierte genug Kraft gesammelt hatte, um einen einigermaßen würdevollen Abgang hinzubekommen.

Noch immer diktieren die Frauen der Insel den Alltag, wiewohl das Verabreichen von Kuchen im Zusammenhang mit Eheversprechen ziemlich aus der Mode gekommen ist und Anträge seitens des Mannes heute als statthaft gelten. Dafür erlauben sich Frauen in anderen zentralen Fragen unverhandelbare Standpunkte. So vergibt die Friseurin in Lampaul, dem Hauptort der Insel, nur außerhalb der Sendezeiten ihrer Lieblingssoaps Termine.

Odile ist waschechte Bretonin und Insulanerin. Ihr Mann fuhr viele Jahre lang als Fischer aufs Meer, sie verkaufte auf dem Festland den Fang. Irgendwann war es dann genug. Das Paar tauschte das schöne, harte Leben gegen ein schönes, entspanntes. Ihr Mann trennte sich von seinem Fischerboot, die Tochter wechselte vom Festlandinternat auf die Inselschule. So wurde Stress für alle drei ein Fremdwort. Selbst wenn es voll wird auf Ouessant. Rummel ist auf einer Insel mit gerade zweihundert Gästebetten allerdings ein relativer Begriff. Man begegnet einander im Restaurant oder am westlichen Ende Frankreichs. Hoch schäumt dort die Gischt über schwarze Felsen, und es ist leicht, sich vorzustellen, dass da unten eine der stärksten Meeresströmungen der Welt zieht und zerrt.

Nicht umsonst heißt das südwestliche département der Bretagne Finistère. Von dieser Küste schaut man in die Unendlichkeit und kann sich dabei leicht fühlen, als befände man sich am Ende der Welt. Davor liegt Ouessant wie eine letzte Bastion, ausgesetzt dem Ozean und seinen Stürmen, die auch im Zeitalter von Radar und GPS, Hochleistungsmotoren und automatisierten Leuchttürmen nur wenig von ihrem Gefahrenpotenzial verloren haben.

Achthundert große und kleine Inseln schmücken die bretonische Küste; manche sind seit Jahrhunderten besiedelt, andere kaum mehr als Felsbrocken im Meer. Alle sind für Überraschungen gut, und das nicht nur für Seefahrer. Die »Sieben Inseln« vor der rosafarbenen Granitküste im Norden sind Naturschutzgebiet und Heimat von zwanzigtausend Vogelpaaren. Die gegenüber von Roscoff gelegene Insel Batz und ihre fünfhundert Einwohner profitieren von einem besonders mildem Mikroklima. Im Jardin Georges Delaselle gedeihen zweitausend Pflanzenarten. 1897 ließ Georges Delaselle, ein wohlsituierter Urlauber aus Paris, den subtropischen Botanischen Garten in Terrassen anlegen und entdeckte nebenbei eine Begräbnisstätte aus der Bronzezeit. 1918 siedelte er ganz nach Batz über und widmete sich nur noch Blumen und Palmen.

Kaum weniger lieblich als Batz wirkt die Inselwelt südlich der bretonischen Halbinsel. Wo der Ozean an Sonnentagen so türkisfarben und klar leuchtet, als wäre er mindestens das Mittelmeer, ist er indessen nicht weniger unberechenbar als im wilden Westen. Bester Beweis sind die kleinen Glénan-Inseln. An heiteren Tagen schön wie eine Fata Morgana aus der Südsee – was auch daran liegt, dass ihre Strände die einzigen in Europa sind, die aus blitzweißem Korallensand bestehen –, sind die Inseln und Inselchen des Archipels dafür bekannt, dass an ihren Ufern häufig Schiffbrüchige stranden (oder, im schlimmeren Fall, angeschwemmt werden).

Auch die drei mal sieben Kilometer kleine Insel Groix, gegenüber von Lorient gelegen und im 20. Jahrhundert größter Thunfisch-Hafen Frankreichs, sieht mit ihren hingewürfelten Häusern und der zerklüfteten Küste aus wie mit verliebtem Auge gemalt. Fenster und Türen sind bunt angestrichen, weil die Fischer seit jeher die Farbreste ihrer Boote an sie verschwendeten. »Qui voit Groix, voit sa joie«, reimt man das Sprichwort von Ouessant hier weiter. Wer Groix sieht, sieht sein Glück – das klingt gut. Mancher macht deswegen sogar einen Umweg.

Die Bar Ti Beudeff ist ein Ankerplatz mit magnetischer Wirkung; viele Segler gehen eigens im Hafen von Port-Tudy vor Anker, um in dieser Kneipe ein Bier zu trinken. So weht ein Hauch der weiten Welt durch die Bar, die von den Stammgästen am Tresen bis hin zur Patina Millionen gerauchter Zigaretten auf den arg strapazierten Möbeln alle Eigenheiten einer echten Spelunke aufweist. Im Sommer wird an fast jedem Tisch der Seefahrerkneipe eine andere Sprache gesprochen, und das auf einer Insel, auf der knapp zweitausendfünfhundert Menschen leben. Für die bretonische Inselwelt bedeutet eine solche Bevölkerungsdichte dennoch annähernd großstädtische Verhältnisse.

Um die von Schiefer glitzernden Felsen der Westküste führen alte Schmugglerpfade, die geschützten Buchten des Ostens und des Südens taugen für sommerliche Küstenfreuden: Planschen, faul im Sand liegen, Picknicken mit frischer baguette, köstlicher Pastete und einer Flasche leichten Rosés. Es ist fast zu schön, als dass man jemals weiterreisen wollte, und es wird begreiflich, dass unter den Insulanern viele Deutsche und Italiener sind, die dieses kleine Bilderbuchstück Bretagne zu ihrer Wahlheimat gemacht haben.

So friedlich wirkt Groix, dass die wilden Stürme um Ouessant wie eine Erinnerung aus einer anderen Welt erscheinen. Dass diese dennoch überaus real sind, stellten wir fest, als wir Ouessant wieder verlassen wollten. In der Nacht war der Wind stärker geworden. Zu stark, um aufs Festland zurückzufliegen,...

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