Sie sind hier
E-Book

Lesereise Friaul/Triest

Großes Welttheater auf kleiner Bühne

AutorSusanne Schaber
VerlagPicus
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl132 Seiten
ISBN9783711750945
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Triest und Friaul, das ist ein Stück Welttheater auf kleiner Bühne: spektakuläre Ausblicke auf die Julischen Alpen und den Karnischen Kamm, auf den Karst und auf Hügel mit Weingärten, auf fruchtbare Ebenen mit eigenwilligen Städten, auf die Lagune und auf das Meer. Ganz selbstverständlich treffen hier mehrere Sprachen, Kulturen und Traditionen zusammen, gespiegelt in Kunst, Küche und Keller, in der Lebensfreude und dem Eigensinn der Menschen, die hier leben. Mediterranes verbindet sich mit dem Alpinen, Romanisches mit dem Slawischen und dem Germanischen. Susanne Schaber spürt die Grandezza Triests auf, sie folgt Rilke und Pasolini auf deren Streifzügen entlang der Flüsse und Küsten, sie lässt sich an den Tischen von Udine, Cividale und Cormòns nieder und steigt schließlich hinauf bis nach Sauris, einer Sprachinsel hoch oben in den Bergen, weit weg von der übrigen Welt. Es ist ein wenig bekannter, lustvoll zu erkundender Landstrich, den Susanne Schaber präsentiert.

Susanne Schaber, 1961 in Innsbruck geboren, studierte Germanistik und Anglistik und lebt heute als Literaturkritikerin und Reiseschriftstellerin in Wien. Im Picus Verlag erschienen ihre Lesereisen Engadin, Tirol, Venetien, Friaul, Pyrenäen und Island.

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe

Augen zu, Löffel in den Mund


Lebensgenüsse in Cividale: eine Zeitreise


Löffelchen, kleine Blechlöffelchen, gut zwanzig Stück. Ohne die geht für Moreno Scubla einfach gar nichts. Sie lagern unterm Ladentisch und warten auf Ausgang. Moreno Scubla lässt sie häufig raus. Jedes Mal, wenn ein Kunde sein Geschäft ansteuert, um Öl zu kaufen und dies auch ernst nimmt, kommen die cucchiaini zum Einsatz. Dick und träg fließt das Öl aus den Flaschen in die Löffel: extra vergine von der ligurischen Küste, vom Gardasee und aus dem Friaul, biologisches Olivenöl aus den Marken und der Toskana, Öl per cucinare e mangiare, günstiges Öl und teures. Gut sind sie alle. Jedes schmeckt anders: scharf und kräftig das eine, fruchtig das andere, etwas milder, weil länger gelagert, das dritte. Und jedes von ihnen öffnet die Sinne für eine andere Landschaft, für einen anderen Baum. Eine Expedition, Schluck für Schluck.

Cividale, Corso Mazzini, die Hauptstraße durch die Altstadt. Auf Nummer 33 ein Geschäft. »Scubla – Antica Drogheria«, durchsichtige Lettern auf Milchglas. Und darüber noch ein Hinweis: »Torrefazione del Caffè«, Kaffeerösterei. Hinter einer Tür aus Holz liegt ein altmodisch anmutender Laden, weiß lackierte Einbaukästen und Regale, spätes Art déco, ein grauer Kachelboden. Seit 1921 gibt es die drogheria, seit bald vierzig Jahren ist sie im Besitz der Familie Scubla. Moreno und Ermes haben das Geschäft von ihrem Vater übernommen, und der hatte es seinem Vorgänger abgekauft. Ursprünglich seien hier Kolonialwaren und Putzmittel verkauft worden, erzählt Moreno. Aber ihm habe die Bezeichnung drogheria so gut gefallen, dass er sie beibehalten habe, obwohl man inzwischen nichts mehr am Hut habe mit Kernseife, Bienenwachs und Möbelpolitur.

Die Scublas bieten keine ausgesucht teuren Delikatessen an, ihr Geschäft ist ein Feinkostladen im eigentlichen Sinn des Wortes, mit pasta, Reis und polenta, grappa und Wein, Käse und mortadella. Dazu sughi und Konfitüren, Dosen mit eingelegtem Gemüse und Fisch, feinste Schokolade, Mandelcreme und kandierte Früchte. Daneben Alltägliches: Puddingpulver, Ramazzotti, Joghurt. Ein Laden für alle, die dem Supermarkt nicht trauen. Einkaufen, verkosten, schwatzen. Wer sich dafür nicht Zeit nimmt, der versäumt das Leben.

Cividale ist eine langsame Stadt. Der Natisone, der sich vom Gran Monte kommend durch die Colli Orientali gen Meer wälzt, gibt den Rhythmus vor. In Cividale hat er sich tief in das Tal gegraben und eine Schlucht hinterlassen, mit felsigen Ufern und versteckten Buchten. Hier baden die Vögel. Große Steine liegen im Wasser wie kleine Inseln. Gröbere Brocken stauen den Fluss zu einem See, tiefblau. In ihm spiegelt sich der Himmel. Wo der Strom wieder freikommt, bilden sich Wirbel und Wellen. Sie glätten sich schnell, das Wasser treibt friedlich weiter. Eine fast schon meditative Landschaft. Hier hat es niemand eilig.

Der Natisone ist die Lebensader der Stadt. Steile Mauern steigen vom Flusslauf nach oben, darauf Häuser, Kirchen und Tempel, eine keltische Nekropole. Die mittelalterliche Teufelsbrücke verbindet die Ufer. Cividale zählt zu den ältesten Städten des Friaul. Schon die Kelten haben hier gesiedelt. Ein Hypogäum, eine unterirdische Kulthöhle, duster und geheimnisvoll, erinnert daran. Seltsame, aus dem Stein gehauene Köpfe lassen den Besucher nicht aus den Augen. Eine Grabanlage? Man weiß es nicht genau. Später, als die Römer die Siedlung okkupierten und zum Forum Iulii befestigten – aus jener Zeit rühren die Namen der Julischen Alpen und des Friaul –, wurde der Raum als Gefängnis benutzt.

Mit der Völkerwanderung wird Cividale von allen Seiten bedrängt. Zuerst fallen die Ostgoten ein, dann die Byzantiner, zuletzt die Langobarden, die hier um 568 nach Christus ihr erstes Herzogtum in Italien errichteten und die Region zu befrieden und gegen Slawen und Awaren zu verteidigen suchten. Cividale erfährt in jener Zeit eine wirtschaftliche, aber auch kulturelle Blüte. Als kriegerisches Nomadenvolk hatten die Langobarden die Metallverarbeitung kultiviert. In den Nekropolen von San Giovanni, Cella und San Gallo wurden prächtige Schwerter, Dolche und Armbrüste gefunden. Sie sind heute in der Sammlung des Museo Archeologico Nazionale von Cividale zu bestaunen, im Palazzo dei Provveditori, den Andrea Palladio entworfen hat. Dort liegen die Kämme der Frauen, ihre Gürtelschnallen und Haarnadeln, aber auch Amulette und Ketten aus Bernstein und Tierzähnen, eng am Körper zu tragen, um Unheil abzuwehren.

In jenen Jahren, da die Langobarden den Norden Italiens erobern und unterjochen, hüten sie die Traditionen ihrer germanischen Heimat. Gleichzeitig öffnen sie sich dem mediterranen Kulturraum und holen Künstler aus verschiedensten Mittelmeerländern an ihren Hof. Ein neuer Stil bildet sich aus. In ihm spiegelt sich das Formenrepertoire der späten Antike und des frühen Christentums, das sich mit Elementen der byzantinischen, persischen und auch arabischen Welt zusammenschließt. Formen, Figuren und Symbole durchdringen einander, dekorative, zoomorphe und florale Motive gehen eigenwillige Verbindungen ein.

Das oktogonale Taufbecken des Callixtus aus griechischem Marmor ist eines dieser eigensinnigen Kunstwerke: ein marmorner Sockel, der das Becken umschließt, darauf acht Säulen mit korinthischen Kapitellen. Die Rundbögen und Reliefplatten sind reich dekoriert, mit Blütenranken, Weinblättern und Palmwedeln, mit Greifen und Schlangen, mit geflügelten Stieren und Ungeheuern aus dem Meer. Eine friedlich-naive, aber auch beunruhigende Welt, magisch beseelt. Den Horror Vacui gilt es zu bannen und einen fantastischen Kosmos zu beschwören. Geheime Zeichen verweisen in die Moscheen von Konstantinopel und Isfahan, in die Koranschulen von Marrakesch und Granada, in die Kulthöhlen der Alpen. Norden, Süden und Osten verbinden sich in ihrer Angst vor der Leere, vor dem Schrecken der Nacht und den Geißelungen der Fantasie.

Der gegenüberliegende Ratchis-Altar scheint jeden Spuk zu brechen. Ein monumentaler Block, mit dem Taufbecken des Callixtus in ein lautloses Zwiegespräch verstrickt. In seinem Zentrum thront Jesus, umgeben von Cherubinen und Engeln. Ihr aller Blick ist unergründlich. Die Edelsteine, die einst ihre Augen zum Strahlen gebracht haben, sind längst herausgeschlagen. Geblieben sind leere Gesichter voll naiver Expressivität, auf Körpern mit wilden und zugleich rührend ungelenken Proportionen: riesige Hände, winzige Füße, gedrungene Leiber, von mächtigen Gewändern umhüllt. Über allem eine Hand, die aus dem Nichts auftaucht und sich schützend über Christus’ Haupt legt. Sie birgt die Welt.

Den Altar datiert man in die Jahre zwischen 737 und 744. Er ist nach Ratchis benannt, Herzog des Friaul und König der Langobarden, verheiratet mit einer Römerin. Ein fortschrittlicher, toleranter Herrscher. Germanischer Götterglaube und Arianismus verschwinden, das Christentum erobert immer mehr Terrain. Im nahe gelegenen Castelmonte entsteht ein Marienheiligtum, in Cividale errichtet man neue Kirchen und Kapellen. Darunter der Tempietto Longobardo, eines der faszinierendsten und rätselhaftesten Bauwerke jener Zeit und weit übers Friaul und Italien hinaus berühmt. Das kleine Oratorium thront auf einem Felsen hoch über dem Natisone. Steht es auf einem früheren Kultplatz? Und wer hat es bauen lassen, welche Künstler wurden beauftragt? Die Dekorationen aus Stuck führen nach Syrien und Palästina, die Säulen ins antike Griechenland und Rom, die Figuren erinnern an die Mosaike von Ravenna und Byzanz. Entstanden ist der Tempel im späten 8. oder frühen 9. Jahrhundert. Das immerhin scheint man zu wissen. Anderes – und sehr viel mehr – liegt immer noch im Dunkeln.

Auch die sechs Frauen im Inneren des Tempels schweigen. Unergründliche Gestalten, aus hellem Kalkstuck, majestätisch groß, mit klaren Gesichtern und dem Anflug eines Lächelns um den Mund. Vier von ihnen tragen kostbare Gewänder und Kronen, zwei sind in einfache Pallas gehüllt. Wer waren diese Frauen – Fürstinnen, Priesterinnen oder Heilige? Vielleicht die Märtyrerinnen Chiona, Irene, Agape und Sofia. Generationen von Forschern haben sich mit ihnen getroffen, doch niemand ist ihnen wirklich nahegekommen. Man kann vergleichen, spekulieren, fabulieren: Die Damen, Wesen aus einer fernen Welt, entziehen sich. Strengen Auges überblicken sie den Raum. Er wird zur Zelle, in der die Seele ihre Runden zieht. Einer jener rätselhaften Orte, wie man sie in Cividale immer wieder findet: Plätze, die für ein paar Momente den Herzschlag der Geschichte hören lassen, stärker als anderswo.

Die Cividalesi leben ganz selbstverständlich mit der Vergangenheit, in mittelalterlichen Fachwerkhäusern, venezianischen palazzi und bodenständigen, fast schon alpin wirkenden Häusern. Die Grenzen zu Slowenien und Österreich sind nah, und auch Hochgebirge und Meer nicht weit. In Cividale finden viele Straßen zusammen. Vielleicht ist das der Grund, hier Jahr für Jahr das sommerliche Mittelfest zu feiern. So hat man es getauft, es trägt einen deutschen Namen. Künstler aus allen Ländern Mitteleuropas reisen hierfür an, zu Konzerten, Lesungen, Theaterabenden. Es ist heute nicht viel anders als früher: Kulturen und Sprachen durchdringen einander, einer nimmt sich vom anderen, was er brauchen kann. Man fürchtet sich nicht mehr vor dem Fremden. Herrscher und Geschlechter sind gekommen und auch wieder abgezogen: Kelten, Römer, Goten, Langobarden, später die Venezianer und die Österreicher, schließlich Franzosen und Italiener. Das öffnet den Blick, macht...

Blick ins Buch

Weitere E-Books zum Thema: Europa - Tourismus und Reiseführer

Jura für Kids

E-Book Jura für Kids
Eine etwas andere Einführung in das Recht Format: PDF/ePUB

Warum muss man zur Schule gehen? Muss doch jeder selber wissen, ob erw as lernen will. Warum darf man nicht bei Rot über die Straße gehen? Kommt doch eh kein Auto. Bei solchen Fragen lautet die…

Wer bin ich ohne dich?

E-Book Wer bin ich ohne dich?
Warum Frauen depressiv werden - und wie sie zu sich selbst finden Format: ePUB

Frauen erkranken doppelt so häufig an Depressionen wie Männer. Aktuell sind es etwa fünf Millionen Frauen in Deutschland. Die Ursache: Frauen haben eine viel höhere Beziehungsbedürftigkeit als Männer…

Solo

E-Book Solo
Der Alleingänger Ueli Steck - Eine Erinnerung Format: ePUB/PDF

Dort, wo anderen schon vom bloßen Zuschauen elend wird, fühlte sich Ueli Steck zu Hause. Dort, wo es für Nichtalpinisten nur ein Abwärts gibt, zog es ihn nach oben. Und dies am liebsten ohne Seil, im…

Böse Jahre, gute Jahre

E-Book Böse Jahre, gute Jahre
Ein Leben 1931 ff. Format: PDF/ePUB

Hans Maier, der im Juni dieses Jahres achtzig wird, hat ein wunderbares, vornehm schönes Buch der Erinnerungen geschrieben. Es enthält nicht nur treffsichere, subtil geschliffene Portraits…

Eingefangene Schatten

E-Book Eingefangene Schatten
Mein jüdisches Familienbuch Format: ePUB/PDF

Eine unheimliche Stimmung grundiert diese Familiensaga, die mit Flüchtlingen beginnt und mit Verfolgten endet: Die Dichterin Dagmar Nick erzählt die wechselvolle Geschichte ihrer jüdischen Vorfahren…

Solo

E-Book Solo
Der Alleingänger Ueli Steck - Eine Erinnerung Format: ePUB/PDF

Dort, wo anderen schon vom bloßen Zuschauen elend wird, fühlte sich Ueli Steck zu Hause. Dort, wo es für Nichtalpinisten nur ein Abwärts gibt, zog es ihn nach oben. Und dies am liebsten ohne Seil, im…

Böse Jahre, gute Jahre

E-Book Böse Jahre, gute Jahre
Ein Leben 1931 ff. Format: PDF/ePUB

Hans Maier, der im Juni dieses Jahres achtzig wird, hat ein wunderbares, vornehm schönes Buch der Erinnerungen geschrieben. Es enthält nicht nur treffsichere, subtil geschliffene Portraits…

In meinem kleinen Land

E-Book In meinem kleinen Land
Format: ePUB

«Erst seit es Navigationssysteme gibt, ist Voerde überhaupt auffindbar. Man muss gefühlte sechzehnmal die Autobahn wechseln. Und das auf einer Strecke von vielleicht vierzig Kilometern. Noch vor…

Draußen nur Kännchen

E-Book Draußen nur Kännchen
Meine deutschen Fundstücke Format: ePUB

Wie ein äthiopischer Prinz lernte, sich mit deutschem Filterkaffee zu arrangieren Asfa-Wossen Asserate zeichnet ein Porträt seiner deutschen Wahlheimat, ihrer Bewohner und ihrer Eigenheiten - ganz…

Weitere Zeitschriften

BEHINDERTEPÄDAGOGIK

BEHINDERTEPÄDAGOGIK

Für diese Fachzeitschrift arbeiten namhafte Persönlichkeiten aus den verschiedenen Fotschungs-, Lehr- und Praxisbereichen zusammen. Zu ihren Aufgaben gehören Prävention, Früherkennung, ...

Bibel für heute

Bibel für heute

BIBEL FÜR HEUTE ist die Bibellese für alle, die die tägliche Routine durchbrechen wollen: Um sich intensiver mit einem Bibeltext zu beschäftigen. Um beim Bibel lesen Einblicke in Gottes ...

BONSAI ART

BONSAI ART

Auflagenstärkste deutschsprachige Bonsai-Zeitschrift, basierend auf den renommiertesten Bonsai-Zeitschriften Japans mit vielen Beiträgen europäischer Gestalter. Wertvolle Informationen für ...

Computerwoche

Computerwoche

Die COMPUTERWOCHE berichtet schnell und detailliert über alle Belange der Informations- und Kommunikationstechnik in Unternehmen – über Trends, neue Technologien, Produkte und Märkte. IT-Manager ...

Das Hauseigentum

Das Hauseigentum

Das Hauseigentum. Organ des Landesverbandes Haus & Grund Brandenburg. Speziell für die neuen Bundesländer, mit regionalem Schwerpunkt Brandenburg. Systematische Grundlagenvermittlung, viele ...

SPORT in BW (Württemberg)

SPORT in BW (Württemberg)

SPORT in BW (Württemberg) ist das offizielle Verbandsorgan des Württembergischen Landessportbund e.V. (WLSB) und Informationsmagazin für alle im Sport organisierten Mitglieder in Württemberg. ...

e-commerce magazin

e-commerce magazin

PFLICHTLEKTÜRE – Seit zwei Jahrzehnten begleitet das e-commerce magazin das sich ständig ändernde Geschäftsfeld des Online- handels. Um den Durchblick zu behalten, teilen hier renommierte ...