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Lesereise Lappland

Nordlicht, Joik und Rentierschlitten

AutorBarbara Schaefer
VerlagPicus
Erscheinungsjahr2019
Seitenanzahl132 Seiten
ISBN9783711753953
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Im Winter ist es stockfinster und im Sommer regnet es. Welch ein Glück, dass sich diese Vorurteile hartnäckig halten, denn so können Lappland-Reisende die Weite des Landes ungetrübt von Massenandrang genießen. Die Landschaft reicht von den finnischen Seen über die schwedischen Ebenen bis über Norwegens Berge hin zum Meer mit seiner zerfransten Küste. Dieses Land dort oben im Norden habe 'ganz abscheulich' ausgesehen, schreibt Selma Lagerlöf in 'Nils Holgerssons wunderbare Reise': 'Es hatte nur kahle Berge und steile Hänge, man konnte dort unmöglich wohnen und leben.' Stimmt das? Barbara Schaefer reiste viele Wochen kreuz und quer durch Lappland, zumeist nördlich des Polarkreises. Sie nahm an einem dreihundert Kilometer langen Hundeschlittenrennen teil, zockelte mit Rentierschlitten durch die Winterwelt, um die Legenden der Samen und ihre Probleme in modernen Zeiten besser zu verstehen, und wanderte mutterseelenallein durch menschenleere Täler. Jede Stunde im weiten Norden Europas bestätigte alle Vorurteile: Ja - 'ganz abscheulich' dieses Lappland. Fahren Sie bloß nicht hin!

Barbara Schaefer, geboren 1961, schreibt re­gel­mäßig für Zeitschriften und Zeitungen. Im Picus Verlag erschienen ihre Lesereisen Lappland und Amalfi/Cilento sowie, gemeinsam mit Rasso Knoller, Inseln des Nordens und Südliches Afrika. Barbara Schaefer ist unter den Top Ten 'Reisejournalisten des Jahres' 2019.

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Leseprobe

Sei wie der Fluss


Fliegenfischen und Philosophieren am Stabburselven


Die drei Männer betraten den Flughafen von Lakselv in einer Wolke aus Duschbad und Rasierwasser. Es nützte jedoch nichts, durch diese parfümierte Oberfläche drang ein anderer Duft, einer von Wildnis, von wenig gewechselter Kleidung und von Fisch. Die drei Männer waren, wie seit Jahren, nach Nordnorwegen gekommen um zu angeln, hatten gemeinsam vier Wochen in einer Hütte verbracht. Genauer gesagt vier Wochen und einen Tag. Die Hostess am Regionalflughafen der Finnmark blickte irritiert auf die Tickets und teilte den Anglern mit, ihr Flug sei einen Tag zuvor gewesen. Im Rhythmus von essen, schlafen und fischen hatten sie das Zeitgefühl verloren. Betroffen stellten sie ihre schweren Taschen ab, von denen sie so taten, als wären sie leicht. Unkompliziert buchte die Hostess die drei Jungs um und bat sie, nun ihre Taschen aufs Band zu stellen. »Jetzt haben wir aber wirklich ein Problem«, grummelte sie, sechzig Kilo Übergepäck. Aber das ist doch alles nur Fisch, rechtfertigten sich die drei. »Nur Fisch?«, lachte die junge Frau. Dann sei es allerdings kein Problem, sagte sie und klebte die Gepäcketiketten auf. Für Lachs drücken Norweger schon mal beide Augen zu.

Ronnie Smitt amüsiert sich noch heute, wenn er diese Geschichte erzählt, und betont, sie sei typisch für die unkomplizierte Lebensart der Nordnorweger. Seine blauen Augen blitzen, der ganze Körper des hippeligen Kerls freut sich. Er lebt, wie seine beiden Freunde Roger und Thore, in Tønsberg in Südnorwegen, im Sommer flüchten die Mittvierziger vor den Touristen in den einsamen Norden, an die großen Lachsflüsse. Seit vielen Jahren kommen sie an den Stabburselven, den Stabbursfluss, der durch den nach ihm benannten Nationalpark fließt, den nördlichsten Nationalpark Norwegens. Über siebenhundert registrierte Flüsse gibt es in Norwegen, weiß Ronnie, zu viele auch für ein langes Anglerleben. Also fahre man halt durchs Land, einen Sommer hier, einen Sommer dort, »doch dann findest du plötzlich deinen Fluss, er trifft dich mitten ins Herz«. Für ihn war das der Stabbursfluss, er könne nicht genau erklären warum. Die weitläufige Landschaft der Finnmark verdichtet sich hier zu Dramatik, der Fluss zwängt sich durch ein wildes enges Tal, springt über Wasserfälle und Stromschnellen, um dann wieder ruhig wie ein endloser Sommertag des Nordens um eine Biegung zu trödeln.

Die Hütte Nr. 19 auf dem Campingplatz ist unschwer als die Behausung von Ronnie und den anderen zu identifizieren. Über der Tür klemmen die langen, extrem leichten Angeln, an Haken hängen die Gummihosen, die bis zu den Achseln hochgezogen werden. Drinnen sieht es so richtig nach Männerleben aus; auf dem Kühlschrank stehen Schnäpse und ein Karton mit Rotwein, es riecht nach scharf angebratenen Steaks. »Wir können keinen Fisch mehr sehen«, grinst Ronnie und meint damit Fisch als Nahrungsmittel. Denn bevor das schwere Abendessen sie gänzlich in Couchlähmung versenkt, raffen sie sich auf, steigen in die müffelnden Hosen, setzen sich ins Auto und fahren wieder an den Fluss.

Nachmittags um vier Uhr war im Nationalparkzentrum Verlosung. Für begehrte Angelplätze am Fluss werden nur zehn Erlaubsnisscheine pro Tag vergeben, man muss sich in eine Liste eintragen und auf Glück hoffen. Fast zwanzig Männer stehen herum, alle in Anglergrün gekleidet, auch wer kein Norwegisch versteht, kann dank der Handbewegungen den Gesprächen folgen. Was da gedeutet wird, kann nur die Größe von Fischen meinen.

Auch Pia, eine junge Frau aus Südnorwegen, fährt oft in den Norden zum Angeln. Ich lernte sie kennen, als ich bei ihr einen Kurs in Fliegenfischen belegte. Dass sie dies unterrichtet, wussten die Männer aber nicht, als sie wieder einmal nach Nordnorwegen kam und dort ihre Selbstgedrehten auswarf. Denn Pia bastelt alle ihre Fliegen selbst. Dazu packt sie abends ihr Handarbeitszeug aus, Schraubstock, Haken, Scheren und kistenweise Kitsch: bunte Federn, Hasenfell, Glitzergarn, Wollfusseln. Daraus fertigt sie Klassiker und eigene Kreationen. »Pias grønne ullgenser«, sagt sie zu einem neonquietschgrünen Hakenmonster. Als sie die an einem Fluss zum ersten Mal auswarf, hätten sich die Männer krumm gelacht und sie »Pias grünen Wollpulli« getauft. Sie hörten erst auf zu lachen, als sie damit Lachse fing, während die Männer weiter nur ihre Fliegen badeten. Überhaupt Männer: Pia erzählt hübsche Geschichten über Kollegen, die es nicht fassen können, dass Frauen angeln. »Die fängt unsere Fische«, habe sich einer entrüstet. Da verschweigt die Dreißigjährige dann, dass sie nicht nur fängt, sondern auch unterrichtet und zwei Anglerläden besitzt.

Wie Fliegenfischen funktioniert, zeigte der Film »Aus der Mitte entspringt ein Fluss«, in dem Brad Pitt mit nacktem Oberkörper und Waschbrettbauchmuskulatur seine Angel auswarf. Mit nacktem Oberkörper – das würde kein Fliegenfischer je tun, die Gefahr, der Haken könnte sich statt im Fisch im eigenen Fleisch verhaken, ist doch zu groß.

Ronnie und seine Freunde hatten kein Glück bei der Lotterie, was sie nicht weiter stört. Sie werden an einem anderen Abschnitt des Flusses angeln. Wer beim Wort Angeln an die deutsche Variante denkt, mit Campingstühlchen, Bier und schweigsamen Stoikern, macht sich ein falsches Bild vom Sportangeln im Norden. Ronnie und seine Freunde sind Fliegenfischer. Sie sind Künstler, Artisten des Angelns.

Beim Fliegenfischen werden keine echten Insekten an den Haken gefriemelt, sondern künstliche aus Draht, Schnur und Federn. Da dieses Fliegengewicht nicht ausreicht, um die Schnur abzurollen, braucht es Übung und Geschick, um die Leine auszuwerfen, weit raus, in die Mitte des Flusses. Waagerecht fliegt die Angelleine nach vorne, wieder zurück, über den Kopf des Fischers, wird bei jedem Ausholen länger, um schließlich auf genau die ausgewählte Stelle im Fluss zu sinken, im Idealfall. Damit sich die »Fliege« beim Ausholen nicht in Büschen verhakt, stehen die Fliegenfischer in ihren Gummihosen mitten im Fluss.

Saiblinge sind leichter zu angeln als Lachse. Vielleicht weil sie Hunger haben. »Lachse fressen nur im Meer«, erklärte Ronnie. Wenn sie in den Fluss ihrer Kindheit und Jugend zurückkehren, »denken sie nur noch an das Eine, die Vermehrung«. Jedenfalls nicht ans Fressen, und eigentlich versteht keiner, wieso sie dann überhaupt nach Fliegen schnappen. »Ein Beißreflex«, vermutet Ronnie, »oder Aggression.«

Ronnie Smitt sagt, er habe Fischen noch vor dem Laufen gekonnt, sein Vater setzte ihn neben sich ans Ufer und drückte ihm eine Angel in die Hand. Diese Geschichte erzählt jeder Angler. Beruflich kam er in die Karibik, er ging auch dort fischen, das hat ihm nicht gefallen. Das Hemingway-Ding, das sei nichts für ihn. Ein Mann, ein Boot, eine Angel und drumherum nur Wasser und Himmel und alles blau, langweilig, sagt Ronnie.

Wie groß Lachse werden, bestimmen die Gene. Lachse kommen im Süßwasser zur Welt, leben eine Zeit im Fluss, wandeln sich und schwimmen dann ins Offene. Wie lange sie im Meer bleiben, ist von Fisch zu Fisch, genauer gesagt von Fluss zu Fluss verschieden. Im Alta-Fluss schwimmen riesige Lachse, diese Tiere bleiben mehrere Jahre im Salzwasser, bevor sie zum Laichen in ihre Heimat zurückkehren. Im Stabburselven laichen keine spektakulären Riesenfische, aber Ronnie und seine Freunde erwecken nicht den Eindruck, als ob es darauf ankäme. Die Zeiten, als sie mit Übergepäck zum Flughafen kamen, sind vorbei, fast jeden Fisch befreien sie vom Haken und setzen ihn wieder in den Fluss. Mit Abscheu erzählen sie von gierigen Urlaubern, deren Wohnwagen so voll sind mit Gefriertruhen, dass die Leute im Zelt draußen schlafen.

Sei wie der Fluss, philosophiert Ronnie am Lagerfeuer auf der Kiesbank. Er habe aufgehört, zurückzublicken, aufgehört, sich mit dem Leben zu mühen. Du kannst nichts aufhalten, alles ist wie ein Fluss. Wenn das stimmt, dann ist Ronnie Smitt wie eine Stromschnelle im Fluss. Er geht nicht, er rennt fast durch den Wald, er spricht nicht, er redet wie ein Wasserfall. Alles rührt ihn, alles bewegt ihn. Schau nur, diese Disteln, wenn die blühen, das ist wie ein Feld in Lila und die Blüten sind so zart wie ein Fell, streich mal drüber. Wenn er etwas gefangen hat, grüßt und dankt er dem Fluss. »Ich weiß, dem Fluss ist es so was von egal«, sagt er, »aber mir nicht.«

Seine Freunde fischen anders. Thore verzieht sich an eine Stelle, an der ihn die anderen nicht sehen, schweigsam geht er, schweigsam kehrt er zurück. Roger sitzt meistens auf dem Klappstühlchen, das praktisch an den Rucksack montiert ist. Er schaut aufs Wasser, und wenn ein Fisch springt, steht er auf, nimmt die Angel, schreitet wuchtig zum Wasser, um dann seiner Schwerfälligkeit zum Trotz mit der Angelschnur die elegantesten Linien durch die Luft zu weben.

Mitternacht...

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