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Lesereise New York

Uptown Blues in der funkelnden Metropole

AutorSebastian Moll
VerlagPicus
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl132 Seiten
ISBN9783711751676
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Das New York des 20. Jahrhunderts war eine Stadt, die keine Grenzen akzeptierte. Eine Metropole, deren Aggregatzustand der Rausch war. Nichts war zu verrückt für New York, nichts war zu groß und alles konnte immer noch schneller gehen. Doch seit der Jahrtausendwende ahnen die Menschen, dass es so nicht weitergeht. Der 11.?September und die Wirtschaftskrise von 2008 haben die Welthauptstadt der Moderne ausgebremst. Das einst unerschütterliche Selbstbewusstsein der New Yorker hat einen herben Dämpfer erfahren. Die einst dauererregte Metropole schaut zaghaft in den Spiegel. Sie sieht ein New York auf der Suche nach einer neuen Identität. Sebastian Moll führt uns in die Straßen von Harlem, wo Gospel mit Hip-Hop und Drogenbanden mit Edelrestaurants um ihr Daseinsrecht kämpfen. Er fährt über den East River nach Brooklyn, wo eine junge Boheme mit Spekulanten und Großinvestoren darum streitet, ob der coolste Stadtteil der USA ein Gegenentwurf zu Manhattan oder das neue Manhattan werden soll. Er nimmt uns mit auf die Straßenbasketball-Courts im Greenwich Village, wo Kids den verzweifelten Traum vom großen Wurf träumen. Und er besucht die letzten Künstler des Chelsea Hotel, wo nicht nur Bob Dylan Inspiration gefunden hat.

Sebastian Moll, 1964 in Frankfurt geboren, kam erstmals Ende der achtziger Jahre als Stipendiat der Amerikanistik nach New York. 2002 kehrte er nach beinahe zehn Jahren Abwesenheit zurück. Seither lebt er als Korrespondent für deutsche Medien, darunter die 'Frankfurter Rundschau', die 'Berliner Zeitung', 'Spiegel Online', die 'Welt' und die 'taz', in Manhattan. Im Picus Verlag erschien seine Lesereise New York.

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Leseprobe

Rückkehr nach New York


Ein Blick durch das falsche Ende des Teleskops


Es hat lange gedauert, bis ich es über mich gebracht habe, einen Blick in die Nummer 315 Bowery zu wagen. Sechs Jahre genau.

Im Jahr 2006 hatte Hilly Kristal hier zum letzten Mal die Rollgitter vor seinem legendären Punk-Club CBGB heruntergelassen, jenem modrigen, düsteren Gewölbe, in dem die Karrieren der Ramones, von Blondie, Television, den Talking Heads und Patti Smith begonnen hatten.

Doch 2006 war es Zeit geworden für das CBGB, es war hier auf der Bowery schon lange ein Fremdkörper. Das »Flop House« im zweiten Stock, ironischerweise »Palace Hotel« genannt, wo obdachlose Männer weiland für ein paar Dollar auf einer Matratze ihren Rausch ausschlafen konnten, war schon lange den Büros einer städtischen Behörde gewichen. Die Bowery, einst ein Symbol urbaner Verelendung, hatte sich in einen schicken Amüsier- und Shopping-Bezirk verwandelt. Statt von Pennern war die Straße von überschminkten jungen Damen bevölkert, die zu viel »Sex and the City« gesehen hatten. Sie flanierten after work die Bowery auf und ab, stets auf der Suche nach neuen Schuhen und der Begegnung mit Mr. Big.

Nun also, an einem schwülen Hochsommertag im Juli 2012, traute ich mich, nachzuschauen, was aus dem CBGB geworden war. Es war eine überaus verwirrende Erfahrung, der dunkle Raum konnte sich nicht so recht entscheiden, was er sein wollte. Im vorderen Teil wurden in einem breiten Regal Schallplatten aus gutem alten Vinyl angeboten, die blanke Ziegelwand war mit Konzertpostern aus den siebziger und achtziger Jahren übersät – Iggy Pop, The Police, Tom Petty and the Heartbreakers. In der Mitte stand rechter Hand eine kleine Konzertbühne, komplett mit spielbereiten Instrumenten. Man konnte meinen, gleich komme Joey Ramone in seiner Lederjacke aus der Kulisse und schreie noch einmal »I don’t want to go to the basement« ins Mikrofon. Sogar der alte Flipperautomat stand noch in der Ecke. Doch wenn man tiefer in das Dunkel des Raumes eindrang, wich das Musikinventar Kleiderständern mit hochpreisiger Herrenmode – Ledersakkos zu zweitausendfünfhundert Dollar, Punkstiefel mit Nietenbesatz zu dreihundertvierundachtzig, Designerjeans ab hundertfünfundachtzig.

Nach dem Tod von Hilly Kristal im Jahr 2007 hatte der Designer John Varvatos die Nummer 315 Bowery übernommen, nicht freilich, ohne seinem Vormieter Tribut zu zollen. Sogar eine Originalwand des CBGB mit einer Fünffachschicht an Aushangzetteln von Konzertankündigungen bis zu Untermietgeboten hatte Varvatos hinter einer Plexiglasscheibe erhalten. Warum sollte er schließlich nicht vom Ruhm dieser Stätte profitieren, deren wildes Image bestens zu seinem Stil passt.

Die Erfahrung stimmte mich schwermütig, schockiert war ich jedoch nicht. Denn die Varvatos Boutique an der Bowery war die perfekte Metapher für das, was in New York passiert ist, seit ich Ende der achtziger Jahre erstmals als Student hierherkam.

Damals, in den Semesterferien 1990, absolvierte ich ein Praktikum bei einem Buchverlag im brandneuen Bertelsmann-Wolkenkratzer am Times Square. Der Glasturm war seinerzeit ein Unikum an der berühmten Kreuzung von Broadway und Seventh Avenue – das erste Gebäude dessen, was heute als der neue Times Square gilt.

Den Weg von der U-Bahn ins Büro legte man damals am besten hastigen Schrittes zurück, den Blick starr nach vorne gerichtet. Die 42nd Street war selbst am frühen Morgen ein eher unangenehmes Pflaster. Junkies und Bettler saßen auf dem Bordstein, Prostituierte buhlten rund um die Uhr um Kundschaft. Pornokinos wechselten sich mit Peepshows ab, im U-Bahn-Schacht roch es nach Urin und Schlimmerem. Das geografische Zentrum der wichtigsten Metropole des 20. Jahrhunderts war ein Sumpf von Elend und Schmuddel.

Es gab damals sicher niemanden in New York, der nicht wollte, dass hier etwas passiert. Mit dem, was aus dem Times Square inzwischen geworden ist, ist allerdings auch kaum ein New Yorker glücklich. Wer nicht dort arbeiten muss oder eine Karte für eine Vorstellung im umliegenden Theaterdistrikt hat, sucht die Gegend unter allen Umständen zu meiden.

Der Times Square ist heute ein Themenpark für die rund zweiundfünfzig Millionen Touristen, die jährlich die Stadt überfluten. Er erfüllt willig ihre Erwartungen an das pulsierende Herz New Yorks. Die blinkenden, funkelnden Neonreklamen an den Fassaden der neuen glänzenden Wolkenkratzer versprechen das, was sich jeder Besucher von New York erhofft – Aufregung, Unterhaltung, Stimulation. Die Dauerverstopfung der verkehrsreichsten Kreuzung Amerikas mit ihren verzweifelten Taxifahrern, suizidalen Fahrradkurieren und Hunderttausenden flanierenden Besuchern aus aller Welt bietet auf Straßenebene die »typische« Manhattan-Erfahrung der berauschenden Dichte.

Wenn man dann aber genau hinschaut, was es am Times Square zu erleben gibt, ist die Enttäuschung groß. Die Geschäfte sind Niederlassungen globaler Ketten – man kann im Disney Store ein Micky-Mouse-Kostüm für die kids kaufen, in Toys’R’Us die neueste Barbiekollektion oder sich in Forever 21 mit der neuesten Teenie-Mode eindecken. Es gibt nichts hier, was eine Familie aus dem Mittleren Westen nicht auch in der shopping mall vor ihrer Haustür findet. Um die Gastronomie ist es nicht besser bestellt – man hat die Wahl zwischen Massenabfertigung im überteuerten Planet Hollywood oder im ebenso überteuerten Hard Rock Cafe, die jeweils identisch auch in Los Angeles, London oder Hongkong zu finden sind. Das Beste am neuen Times Square ist noch die große erdbeerrote Freitreppe mitten auf dem Father Duffy Place, wo man sich niederlassen und all das Blinken und Wuseln so lange auf sich wirken lassen kann, bis das Kopfweh einsetzt.

Das digitale Dauerflimmern des Times Square ist Kernbestandteil der »Marke« Times Square. Die Public-Private Partnership Times Square Alliance, die die Neubebauung des Platzes geplant und durchgeführt hat, hat die Montage von Neon- oder Plasma-Anzeigen an den Fassaden zur Auflage gemacht. Es ist Zweck und Wiedererkennungsmerkmal des Times Square, zu funkeln.

Die Identität des Platzes als glitzerndes Zentrum New Yorks stammt aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, als er genau das war. Kein Platz der Welt machte damals einen derart verschwenderischen Gebrauch von der noch neuartigen elektrischen Leuchtschrift. Die zahllosen Theater, Kabaretts, Jazz- und Tanzclubs versuchten sich im Kampf um das elegante New Yorker Publikum mit größeren, bunteren Neon-Schriftzügen gegenseitig auszustechen.

Anders als heute steckte damals hinter den Lichtern der Großstadt allerdings tatsächlich jene Aufregung und Dekadenz, die heute am Times Square nur noch eine vage Erinnerung sind, eine Sehnsucht, die kaum ein Besucher mehr genau verorten kann. Es ist, wie der Städtetheoretiker Rem Koolhaas, Verfasser des Manhattan-Manifests »Delirious New York« schreibt, die »Erinnerung an eine Erinnerung«. Die Vergangenheit, die hier vorgeblich erhalten wird, ist unendlich weit entfernt, schreibt Koolhaas weiter, es ist, als sähe man sie durch das falsche Ende eines Teleskops.

Was uns zurück in die John-Varvatos-Boutique im East Village bringt. Zu der Zeit, in der ich am Times Square Lektoratspraktikant war, lebte ich im East Village. Das CBGB war damals noch in vollem Betrieb, Nacht für Nacht kreischten schrille Gitarrenklänge aus dem grottigen Barraum auf die Bowery, wo die Punks und die, die es sein wollten, gemeinsam mit den Pennern der Bowery standen und sich mit billigem Fusel zudröhnten.

Das East Village war damals Zentrum einer authentisch gewachsenen Gegenkultur. Seit den fünfziger Jahren waren Künstler, Dichter, Hippies und Aussteiger aus dem immer teurer werdenden Greenwich Village in das bis dahin vernachlässigte Viertel polnischer, ukrainischer und puertorikanischer Einwanderer geströmt. Sie hatten sich in den vernachlässigten Mietshäusern eingenistet, wo man praktisch umsonst leben konnte, und eine einzigartig fruchtbare kreative Umgebung geschaffen. Charlie Parker lebte und spielte hier ebenso wie Lou Reed. Jean-Michel Basquiat und Keith Haring malten im East Village, und wenn man im ukrainischen Diner Odessa am Tompkins Square für zwei Dollar gebratene Eier frühstückte, traf man nicht selten den Beat-Dichter Allen Ginsberg an.

Im Tompkins Square Park selbst stand damals eine Zeltstadt, in der Obdachlose unbehelligt leben konnten, unterstützt und versorgt von den Anarchisten und Punks, die umliegende Häuser besetzt hatten. Es wurden Essensreste von den Restaurants im Viertel gesammelt, Altkleider, ja sogar Duschen wurden aufgestellt. Es war ein aggressiver Akt der Aneignung öffentlichen Raumes und der Weigerung, die von der Obrigkeit verordneten Nutzungsbeschränkungen zu akzeptieren – ein Akt, der die »Occupy«-Bewegung um mehr als dreißig Jahre vorwegnahm.

Anfang der neunziger Jahre wurde der Tompkins Square dann gewaltsam geräumt. Die Punks und Anarchos gaben sich nach einer mehrtägigen Straßenschlacht geschlagen. Ich kann mich noch an die Feuer erinnern, die in diesen Tagen auf der Avenue B brannten und an die Trommeln im Park, die ich in meiner Wohnung an der 11th Street hörte und die dann über Nacht plötzlich verstummten. Mit dem letzten Paukenschlag am Tompkins Square begann die Gentrifizierung des East Village und in dessen Folge ganz Manhattans – jener Prozess, der im heutigen Times Square und in der John-Varvatos-Boutique mündete.

Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass sich kaum etwas geändert hatte, als ich 2002 nach beinahe zehn Jahren erstmals wieder durch die Straßen des East Village lief....

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