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Lesereise Rom

Die Köchin, die Pornodiva und der Papst

AutorKlaus Brill
VerlagPicus
Erscheinungsjahr2011
Seitenanzahl132 Seiten
ISBN9783711750471
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Wer weiß schon, dass es in Rom Zentauren gibt? Dabei ist ihnen jeder, der einmal versucht hat, im ewigen Stau der italienischen Hauptstadt vorwärtszukommen, mit Sicherheit schon begegnet: Es handelt sich nicht um Fabelwesen der Antike, sondern um Mopedfahrer, die mit ihrem lärmenden, wendigen Gefährt, dem motorino, gleichsam zu einer Einheit verschmelzen. Klaus Brill entwirft in seiner pointierten, liebevoll recherchierten Lesereise ein vielschichtiges Bild der ewigen Stadt, das selbst langjährigen Romliebhabern neue Aspekte erschließt. Da sind zum Beispiel die Wirtsleute der Trattoria Pommidoro oder die barmherzigen Samariter der Gemeinschaft von Sant' Egidio, die unentgeltlich den Obdachlosen und Armen der Stadt helfen, gleichzeitig aber auch als Friedensstifter in der ganzen Welt erfolgreich tätig sind. Oder die von den Medien hofierte Porno-Darstellerin Moana Pozzi, deren Medienpräsenz das in Italien stark verbreitete Klatsch- und Tratschbedürfnis befriedigte, das auch in Qualitätszeitungen seinen nicht zu geringen Platz findet. Klaus Brill zeigt in seinem kleinen giro der italienischen Metropole Zusammenhänge zwischen mediterraner Lebensfreude, Korruption, Sensationslust, Religion, Medien und Gesellschaft auf.

Klaus Brill, geboren in Alsweiler/Saar, war Reporter der Nachrichtenagentur Reuters und gehört seit 1983 der Redaktion der 'Süddeutschen Zeitung' an, für die er als Korrespondent in Frankfurt, Hamburg, Rom und Washington tätig war, ehe er für vier Jahre in München die Leitung der Reportage-Redaktion ('Seite Drei') übernahm. Seit 2005 lebt er in Prag und berichtet aus Mittel- und Osteuropa. Im Picus Verlag erschienen seine Lesereisen Rom, Italien, Vatikan, Prag und Tschechien.

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Leseprobe
Addio, Mamma Roma (S. 94-95)

Wie die Stadt um Fellini und Mastroianni trauerte

Es gibt Dinge, die man nur in Rom erleben kann. Dass der Bürgermeister den bekanntesten Brunnen der Stadt mit Trauerflor aushängen lässt, wenn ein beliebter Schauspieler stirbt. Oder dass siebzigtausend Menschen zusammenströmen, um einem toten Filmregisseur die letzte Ehre zu erweisen. Rom ist eine Stadt des Kinos und der großen Geste, und selten hat sie dies so hinreißend demonstriert wie beim Ableben zweier Titanen der italienischen Filmkunst: Federico Fellini und Marcello Mastroianni.

Die beiden waren der Stadt am Tiber durch ihr Leben und ihr Wirken vielfältig verbunden. Fellini, als junger Mann aus seinem Heimatort Rimini nach Rom verzogen, hat seither dort gewohnt und dort die entscheidenden Impulse seines künstlerischen Daseins empfangen. Sein Arbeitsplatz war das Teatro Cinque, jenes legendäre Studio Nummer 5 in der Filmstadt Cinecittà, das mit viertausendachthundert Quadratmetern die Ausmaße einer Fabrikhalle hat und als größtes Filmstudio Europas gilt. Hier hat Fellini die meisten seiner Filme gedreht, hat gigantische Kulissen errichten lassen und Szenen komponiert, die ihn zu einem der größten Künstler des Jahrhunderts machten. In einem Nebengebäude hatte er sein Büro, dort schrieb, skizzierte, aß und übernachtete er, dort empfing er Besucher und von dort rief er täglich mehrmals Giulietta Masina an, seine Ehefrau und Kollegin, die er 1943 in Rom geheiratet hatte.

Er lebte mit ihr mitten in der Altstadt, zuletzt im Haus Nr. 110 in der Via Margutta, unweit der spanischen Treppe gelegen und doch in einem stillen Winkel, den der Touristenstrom gewöhnlich verschont. Wie alle anderen Bewohner des Viertels ging der Maestro hier in die Kaffeebar, plauschte mit Händlern und Handwerkern, und spät abends, wenn alles still war, brachte er den Katzen etwas zum Fressen hinunter. Wer eine Zeit lang in Rom lebt und dann im Lichte eigener Erfahrungen Fellinis Film »Roma« betrachtet, der begreift, dass die Genialität dieses Künstlers eine genuin italienische ist: er hat nur gebündelt, verdichtet und mit ironischer Distanz zugespitzt, was seine Landsleute alltäglich leben.

Er hat sie obsessiv beobachtet und spöttisch widergespiegelt, und er hat auf diese Art ein paar Mythen der Neuzeit zu begründen geholfen, die dem Rom der fünfziger und sechziger Jahre für eine Zeit lang einen legendären Schwung verliehen. Es war dies das goldene Zeitalter von Cinecittà, der Filmstadt am östlichen Rand von Rom, die 1937 in Gegenwart des faschistischen Diktators Benito Mussolini begründet wurde und etwa von 1951 an für rund zwei Jahrzehnte das Hollywood Europas war. Kolossalwerke wie »Ben Hur«, »Quo vadis« oder »Cleopatra« wurden hier gedreht, Weltstars lebten zeitweise in Rom und zogen wie magisch jene wilden Fotografen an, die niemand anderer als der sympathisierend zuschauende Fellini mit dem Ausdruck paparazzi belegte. Fellinis Film »La dolce vita«, mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle, erhob die Fontana di Trevi und die Via Veneto in den Rang kultischer Orte, deren Bann freilich später in Banalität zerrann.
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