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E-Book

Licht ins Dunkel

Zwanzig schicksalhafte Geheimdienstaktionen aus Ost und West

AutorKlaus Behling
VerlagBerlin Story Verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl240 Seiten
ISBN9783957237019
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis12,99 EUR
Fesselnde Geschichten zwischen Ehre und Verrat: Von DDR-Bürgern, die für die Briten spionierten und heraus­fanden, wie kleine SED-Funktionäre die DDR ruinierten. Für Geld? Nein. »Ich will erleben, wie dieser Staat zusammenbricht.« Sie wurden von der Stasi nie enttarnt ... Von Klaus Traube, Atomphysiker, der eine Rechtsanwältin kannte, die Hans-Joachim Klein kannte - ohne zu ahnen, dass dieser RAF-Terrorist war. Der Verfassungsschutz nahm Traube ins Visier, er verlor seine Stelle und wurde Kronzeuge der Anti-Atom-Bewegung ... Von einer westdeutschen Diamantenhändlerin, die in einem Hotel in Conakry auf einen Mann stößt, der Diamanten erst testweise für 50 000 Dollar kaufen und dann alle vier Wochen für 100 000 Euro haben will. Das Geld stamme aus dem DDR-Parteivermögen ... Klaus Behling hat Spuren gesucht und Zeitzeugen befragt. Wie gerieten sie ins Netz der Geheimdienste, wo liefen die Fäden, die Täter und Opfer oftmals un­sichtbar miteinander verknüpften?

Klaus Behling (*1949) studierte an der HU Berlin Asienwissenschaften mit Schwerpunkt kambodschanische Sprache und Kultur. Von 1972 bis 1977 war er als Diplomat in Laos und Kambodscha, von 1981 - 1987 Kulturattaché in Rumänien. In der Wendezeit arbeitete Behling als Oberassistent am Institut für Internationale Beziehungen in Potsdam als Experte für Indochina-Fragen. Von 1991 bis zu seiner Pensionierung war er als Journalist für den Springerverlag tätig. Behling publizierte u.a. zum Thema DDR-Spionage, Nachrichtendienst der NVA und zu den Alliierten Militärmissionen in Deutschland.

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Leseprobe

»DAS MACHT UNS REINER NACH«


Wenn sich die Tachonadel langsam der Lampe für den Blinker näherte, wurden die Fahrgeräusche infernalisch. »Im Prinzip sollte jeder Fahrer während der Fahrt die Ohren ständig gespitzt halten und auf nicht fahrtypische Geräusche achten«, riet das Handbuch »Du und Dein Trabant«. Ein guter Rat, doch die beiden Männer im Auto befolgen ihn nicht.

Nach Verlassen des »Parken und Reisen«-Parkplatzes am Ost-Berliner S-Bahnhof Altglienicke schnurrte der kleine Wagen Richtung Autobahn. Der vor ein paar Minuten gebückt in den Trabant geschlüpfte Mitfahrer richtet sich aus seiner unbequemen, kauernden Haltung auf. Freudig begrüßt er den Mann am Steuer: »Mensch, dass wir uns so wiedersehen!« Die beiden kennen sich seit Jahren. Sie arbeiten als DDR-Bürger für den britischen Geheimdienst, Albert, der Kurier und Jan Weiß (Name geändert), der Informationssammler.

Dass es im Gebälk der DDR immer lauter kracht, wissen sie aus der tagtäglichen Praxis. Doch wohin das alles mal führen wird, ahnen sie nicht. Noch funktioniert die Stasi. Und sie ist den Männern auf den Fersen. Bei der Beerdigung der Chefin ihrer Gruppe waren drei unbekannte »Trauergäste« dabei, eine Kontaktfrau auf einem Berliner S-Bahnhof wurde schon eine Weile beschattet.

»Das Schiff hat Schlagseite, es dauert nicht mehr lange, und es beginnt zu sinken«, sagt Albert. »So kurz vor dem Ziel noch geschnappt zu werden, das wäre die größte Katastrophe.« Er hat seine Erfahrungen. Kurz vor dem Kriegsende 1945 erschoss die Gestapo Alberts Vater. Trotzdem fühlt er sich vom immer wieder betonten Antifaschismus der DDR nicht angenommen. Albert trug zu viele Erfahrungen mit deren Ungerechtigkeit und Despotismus mit sich herum. »Sowie die mit dem Rücken zur Wand stehen, ist ihnen alles zuzutrauen«, sagt er in das Dröhnen des Motors.

Auch Jan Weiß ist nicht ohne Angst: »Ja, es wird brenzlig. Überall Mobilmachungsübungen, die Alarmpläne werden vervollständigt und neuerdings bekommt sogar die Kampfgruppe Schlagstöcke.«

Trotzdem denken die Männer nicht daran, ihre Arbeit für die Engländer aufzugeben. Sie sind sogar stolz darauf. »Das macht uns keiner nach, glaub mir das, Jan«, sagt Albert. Die Männer schwiegen und hängen ihren Gedanken nach, während der Trabant über die Autobahn Richtung Magdeburg holpert.

Warum haben sie sich auf das jahrelange gefährliche Spiel überhaupt eingelassen? Da die Gruppe niemals von der Stasi enttarnt wurde, gibt es keine Akten, die darüber Auskunft geben könnten. Und die früheren Stasi-Offiziere sind nach dem Ende der DDR mit einer Erklärung schnell bei der Hand. Westspione? – Die haben doch alle nur für Geld gearbeitet. Charakterlos, ohne jedes politische Motiv. Mit unseren Kundschaftern für den Frieden nicht zu vergleichen.

Stimmt das? Auf der Suche nach Spuren.

Sie beginnt bei einer älteren Dame in Potsdam. Luise Walter (Name geändert) wohnt im Obergeschoss eines alten Hauses in der Nähe des Parks Sanssouci und ist seit Mitte der 50er-Jahre Witwe. Die mütterlich wirkende Frau bessert ihre karge Rente mit Putzen und gelegentlicher Zimmervermietung auf und hat wenig Bekannte. Einer von ihnen, Werner Buschmann (Name geändert), der auch Jan Weiß in Kontakt zu den Briten gebracht hatte, erzählt dem nach ihrem Tod 1987, dass Luise die Gruppe von den Informationsbeschaffern über die Kuriere bis hin zu einer konspirativen Wohnung in Ost-Berlin für ein »britisches Institut« aufgebaut habe: »Sie war ein Profi. Im Krieg war Luise Nachrichtenhelferin bei der Wehrmacht. Sie sprach fließend englisch, französisch und schwedisch. Abwehrchef Canaris holte sie in seinen Apparat und setzte sie zunächst in Schweden, dann in Großbritannien ein. Dort lief sie zum britischen Geheimdienst über.«

Hier enden zunächst die gesicherten Informationen.

Die Militärattachés im Ausland, damals »Waffenattaché« genannt, wurden ab 1. Juli 1938 der militärischen Abwehr unter Leitung von Wilhelm Canaris unterstellt. Bereits Anfang 1935 hatte Hitler dem Admiral sein Bild der Truppe erläutert: »Was ich mir vorstelle, ist etwas ähnliches wie der britische Geheimdienst – ein Orden, der seine Aufgaben hingebungsvoll erfüllt.«

Das bestimmte die Auswahl der militärischen und zivilen Mitarbeiter, zu denen auch Luise Walter gehörte. Da die junge Frau vorher in Schweden arbeitete, dürfte sie im Frühjahr oder Sommer 1939 erstmals an die Botschaft des Dritten Reiches nach London gekommen sein. Damals war sie Anfang Zwanzig.

Von 1936 bis 1938 residierte der spätere Nazi-Außenminister Joachim von Ribbentrop als Botschafter Hitlers in Großbritannien. Er reiste am 12. März 1938, dem Tag der Besetzung des Sudetenlandes, ab. Diesen Rechtsbruch akzeptierten die Briten gemeinsam mit den anderen Westmächten am 30. September 1938 mit dem Münchner Abkommen. Premier Neville Chamberlain ließ sich in London als »Friedensretter« feiern. Sein Kontaktmann zu Hitler war nach Ribbentrop nun Herbert von Dirksen. Der Gutsbesitzer, Jurist und Beamte im preußischen Staatsdienst hatte ab 1918 Karriere im Auswärtigen Amt gemacht und war ab 1933 Botschafter in Tokio. Dort spürte er, dass Hitler seinen Diplomaten wenig vertraute. Von den Verhandlungen zur »Achse Berlin – Tokio« blieb er ausgeschlossen und in die NSDAP trat von Dirksen erst 1936 ein. Bis zum Abbruch der Beziehungen am 1. September 1939 dürfte er die Vertretung ohne großes NS-Pathos geführt haben.

Das politische Klima im Apparat des Militärattachés, in dem Luise Walter tätig war, hatte Leo Freiherr Geyr von Schweppenburg geprägt. Der 1886 in Potsdam geborene Militär versah den Posten von 1933 bis 1937. Obwohl ihn Hitler am 1. September 1935 zum Generalmajor und am 1. Oktober 1937 zum Generalleutnant beförderte, sah der Militärattaché den »Führer« skeptisch. Bereits in der Rheinlandkrise 1936 hatte er davor gewarnt, die Engländer zu unterschätzen und Hitlers Politik als »abenteuerlich« bezeichnet. Das brachte ihm nicht nur eine Rüge des Kriegsministers Werner von Blomberg, sondern auch das Misstrauen der Reichskanzlei ein. Er übernahm 1937 das Kommando über die 3. Panzer-Division Berlin.

Vom 1. April 1936 bis zum 3. September 1939 arbeitete Generalmajor Ralph Wenninger, 1890 geboren, als Luftwaffenattaché in London. Der mit 97 versenkten Handelsschiffen im Ersten Weltkrieg gefeierte U-Boot-Held war inzwischen im Reichsluftfahrtministerium gelandet und machte später eine steile Karriere, zuletzt im Generalstab der Luftflotte 3. Ein Militär durch und durch, der meinte, die Politik rede ohnehin nur in die Angelegenheiten der Wehrmacht hinein.

In diesem Umfeld musste sich die junge Luise Walter, die ihren Berufsweg einmal mit einem Volontariat bei einer Berliner Zeitung begonnen hatte, ihre politische Meinung bilden. Dabei dürfte das militärische Milieu einen stärkeren Einfluss als das national-sozialistische gehabt haben. Die Widersprüche zwischen den altgedienten Militärs und den Nazi-Emporkömmlingen werden ihr kaum verborgen geblieben sein. Das Aufkommen eigener Fragen ist wahrscheinlich, die Suche nach einem Ausweg liegt nahe. Die Frau soll sie im Kontakt zum britischen Geheimdienst realisiert haben.

Sogenannten Selbstanbietern stehen Geheimdienste in aller Welt skeptisch gegenüber. Dennoch haben sich die Briten offenbar darauf eingelassen. Ihnen dürfte nicht entgangen sein, dass sich Abwehrchef Wilhelm Canaris, Jahrgang 1887, etwa ab 1937 vom begeisterten Gefolgsmann Hitlers wandelte und nun zu widerständischen Gruppen im Militär hingezogen fühlte. Auslöser war die international stark beachtete »Blomberg-Fritsch-Krise«, bei der Reichskriegsminister Werner von Blomberg und der Oberbefehlshaber des Heeres, Werner von Fritsch, von Hitler kaltgestellt wurden.

Doch es gab auch konkrete Signale für die Briten. Die deutschen Abwehroffiziere Josef Müller und Wilhelm Schmidthuber nahmen im Auftrag von Canaris Kontakt zu Papst Pius XII. über dessen Privatsekretär, den Jesuitenpater Robert Leiber auf. So sollte ein Kanal zu den Westmächten eröffnet werden. Nach London lief er über den britischen Gesandten Sir Francis d’Arcy Osborne in Rom. Bei der Regierung des Vereinigten Königreichs blieb das Echo reserviert. Dennoch flossen Informationen. So gelangten zum Beispiel Notizen von Canaris zu einer Hitler-Rede im kleinsten Kreis am 22. August 1939 auf dem Berghof über dessen Stabsoffizier Hans Oster bereits drei Tage später an die britische Botschaft.

Es gab also durchaus ein begründetes britisches Interesse, eigene Informationsquellen zu erschließen. Die daraus resultierende Vermutung der Engländer, innerhalb der Nazi-Abwehr gebe es Widerstand gegen das Regime, bestätigte sich viel später noch einmal, als Wilhelm Canaris und Hans Oster am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg...

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