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E-Book

Licht und Schatten der Öffentlichkeit

Zu Voraussetzungen und Folgen der digitalen Innovation

AutorVolker Gerhardt
VerlagPicus
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl88 Seiten
ISBN9783711752246
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis7,99 EUR
Öffentlichkeit ist keine Erfindung der Moderne, sondern eine Elementarbedingung der menschlichen Zivilisation. Sie ist auf das Engste mit dem Aufbau von Institutionen, vor allem mit der Entfaltung des Rechts sowie mit dem Siegeszug der Künste und der Wissenschaften verbunden. Dass sie neben ihren großen Vorzügen auch Gefahren in sich birgt, zeigt allein die Unverzichtbarkeit des Privaten, das unter Bedingungen der digital verstärkten Öffentlichkeit gänzlich neuen Gefährdungen ausgesetzt ist.

Volker Gerhardt, geboren 1944, ist seit 1992 Professor für Philosophie an der HU Berlin. Seit 1998 Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Zahlreiche Herausgeberschaften und Aufsätze zur Ethik, Politik und Ästhetik sowie zur Philosophie Nietzsches, Kants und Platons. Zum Thema erschien 2012: 'Öffentlichkeit. Die politische Form des Bewusstseins', München (C.H. Beck). Im Picus Verlag erschien seine Wiener Vorlesung 'Licht und Schatten der Öffentlichkeit. Zu Voraussetzungen und Folgen der digitalen Innovation'.

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Leseprobe

Licht und Schatten der Öffentlichkeit1 Voraussetzungen und Folgen der digitalen Innovation


I.


1. Vorbemerkung zum Begriff und seiner Bewertung

Öffentlichkeit besteht aus dem, was sich jetzt gerade vollzieht: eine öffentliche Rede in der Reihe der öffentlichen Wiener Vorträge im Wiener Rathaus – ausdrücklich für die städtische Öffentlichkeit. Was sollte daran nachteilig sein, wenn es nicht der Vortrag selber ist? Mit dieser Frage, die vorab die Aufmerksamkeit auf den mutmaßlichen Schatten der Öffentlichkeit lenken soll, sind beiläufig bereits drei dominante Bedeutungen von Öffentlichkeit berührt.

Erstens: Öffentlichkeit als das Publikum, an das sich der Vortrag richtet. Daran kann, wenn ich das Publikum so vor mir sehe, nichts Schlechtes sein.

Zweitens: die den Staat und die Stadt tragende Öffentlichkeit einer politischen Körperschaft, die einen Bürgermeister mit seiner Ratsversammlung in seinem Rathaus legitimiert und in deren Interesse es ist, dass in ihrem Rahmen über Themen verhandelt wird, die von öffentlichem, sprich von politischem Interesse sind. Daran könnte selbst ein Anarchist nichts auszusetzen haben, denn er möchte ja die politische Macht voll und ganz den öffentlichen Diskursen überantworten.

Drittens: die Sphäre allgemeiner Verständigung überhaupt, die uns das Sprechen, das Erkennen und das Wissen auch über soziale und kulturelle Unterschiede hinweg ermöglicht. Wer etwas dagegen hat, möge sich melden, und ich garantiere ihm, dass er sich schon mit dem ersten Satz in einen Widerspruch verwickelt; denn es gibt kein Wissen und keine Kritik, die nicht selbst von einem mindestens impliziten Anspruch auf öffentliche Geltung getragen werden.

Folglich kann man festhalten, dass keine dieser drei Bedeutungen von Öffentlichkeit Gründe nahelegt, die eine öffentliche Erwägung über die Öffentlichkeit fragwürdig erscheinen lassen und schon gar keine, die vermuten lassen, die Öffentlichkeit selbst könne etwas Zweifelhaftes an sich haben.

Man müsste schon ein Eremit mit einem Hang zur Feindseligkeit gegen alle anderen sein, wollte man das Publikum bereits in seinem Dasein als ein Übel ansehen. Oder man müsste (natürlich mit dem Stillschweigen des Verschwörers) dem Ideal der Tyrannis anhängen, um die politische Öffentlichkeit einer politischen Körperschaft als unerheblich, als störend oder als ein die Politik erschwerendes Hindernis abzulehnen – was man wiederum nur kann, solange man nicht weiß, dass gerade die politischen Tyrannen auf nichts mehr angewiesen sind als auf den Beifall der von ihnen gesteuerten Öffentlichkeit. Nur suchen sie, wenn sie erst die Macht in Händen haben, das freie Urteil der öffentlichen Meinung mit allen Mitteln zu verhindern. Sie nutzen die Öffentlichkeit, um sie in ihre Gewalt zu bekommen; und das gelingt ihnen nur mithilfe der gewaltsam gleichgeschalteten Öffentlichkeit. Sie entkommen ihr also nicht; aber sie missbrauchen sie und verkehren ihre ins Freie und Offene gerichtete Wirksamkeit ins Gegenteil.

Und wer die dritte Bedeutung der Öffentlichkeit, die Sphäre des Erkennens und Verstehens, problematisch findet, weiß offenbar nicht, was er da in Zweifel zieht: Denn jede Erkenntnis, jedes Wissen, vornehmlich jeder kritische Einwand (auch der gegen die Öffentlichkeit) ist nicht nur selbst auf öffentliche Mitteilung gerichtet, sondern immer schon durch öffentliche Mitteilung bedingt. Jede Kritik bewegt sich bereits in ihrem Selbstverständnis in einem Raum allgemeiner Verständigung und setzt – selbst noch in der Polemik gegen die Öffentlichkeit – eben diese Öffentlichkeit voraus.

2. Denken und Sprechen sind öffentlich

Insbesondere die als neu und problematisch geltende dritte Bedeutung von Öffentlichkeit muss einem Wiener Publikum, das weiß, was es an seinen Kaffeehäusern hat, gewiss nicht erst erläutert werden. Der nicht von ungefähr aus Wien stammende Ludwig Wittgenstein hat ihr mit einer schlechterdings unbestreitbaren Einsicht inzwischen zu weltweitem Ansehen verholfen: Eine Privatsprache könne es schon deshalb nicht geben, weil sie nicht als Sprache gelten könnte.2 Wer spricht, teilt sich mit, und er kann dies nur in Worten tun, die eine allgemeine Bedeutung haben. Also ist jedes Sprechen – allein aufgrund des Geltungsanspruchs der in ihm gemachten Aussagen – öffentlich. Wenn das aber richtig ist, muss alles, was ebenfalls unter diesem Geltungsanspruch steht, ebenfalls öffentlich sein. Das aber gilt für alles, was in der Form von Begriffen und Aussagen zum Bewusstsein kommt. Es gilt auch für das in sachlicher Einstellung Gedachte! Also muss man die schier unglaubliche Schlussfolgerung ziehen, dass nicht nur das Sprechen, sondern auch das Denken die bloße Privatgültigkeit hinter sich lässt und somit, seinem Anspruch nach, öffentlich ist.

Was einer zu sich selber spricht, hat nur Bedeutung, wenn es in allgemeinen Begriffen geschieht. Auch das, was sich die verschworenen Mitglieder einer kleinen Gemeinschaft heimlich zuspielen oder was einer seiner Geliebten ins Ohr flüstert, erfüllt seinen Sinn nur so lange, als es Teil eines Sprachspiels ist, das als solches immer öffentlichen Charakter hat. Alles Sprechen (und, wie gesagt, mit ihm auch alles Denken), selbst wenn wir es privatissime im kleinsten Familienkreis lernen, lernen wir nicht nur für die Verständigung überhaupt, sondern auch in einer in allem Sprechen stets schon vorausgesetzten Öffentlichkeit. Erst sie erlaubt uns den zeitweiligen Rückzug ins Private und in die Subjektivität unserer persönlichen Vorlieben und Vorbehalte.

Also gilt: Nur unter der Kondition einer Atmosphäre allgemeiner Bedeutung ziehen wir uns in den Schatten der Öffentlichkeit zurück, in einen Schatten, der gar nichts Nachteiliges haben muss, sondern vom Einzelnen und seinen Nächsten als Glück, Versicherung oder Schutz verstanden werden kann. Wie schrecklich, wenn wir immer alles sagen müssten, was wir denken. Gleichwohl ist das Gedachte von der Art, dass es verstanden werden könnte, wenn jemand es verraten würde. Wäre es anders, brauchten wir uns um Geheimhaltung keine Sorgen zu machen. Diese Vorbedingung des Allgemeinen, so viel sei vorausgeschickt, gilt auch für die Kommunikation im Netz.

Bekanntlich erschöpft es uns, ständig dem Licht ausgesetzt zu sein. Und genauso würde es uns zermürben, unentwegt öffentlich zu leben. Wenn ich daher vom Schatten der Öffentlichkeit spreche, habe ich keineswegs nur das Schlechte, das Gemeine, Gehässige, Oberflächliche und anonym Diffuse von Gerede und Gerücht im Sinn, sondern denke auch an das Wohltuende, Entspannende und Befreiende des Rückzugs aus der Öffentlichkeit. Wir können es nur erleben, wenn wir einmal nicht der öffentlichen Beobachtung ausgesetzt sind und dem Anspruch auf öffentliche Wirksamkeit entkommen. Damit habe ich der These meines Vortrags eine Pointe gegeben, die mitgedacht werden muss, wenn von Licht und Schatten der Öffentlichkeit die Rede ist.

Das Licht der Öffentlichkeit ist die Grundbedingung eines sich nur in Gemeinschaft mit seinesgleichen entfaltenden menschlichen Lebens. Es ist nicht nur der Träger jeder Verständigung zwischen den auf Mitteilung angewiesenen Menschen. Es reicht auch nicht, in ihm die Bedingung jeder nachprüfbaren, auf rechtliche Verbindlichkeit angelegten politischen Organisation zu ermitteln: Die Öffentlichkeit ermöglicht selbst noch das individuelle, auf Begreifen und Erkennen, auf Wissen und Verstehen angelegte Bewusstsein des Einzelnen, der ohne sie nicht nur nichts von der gemeinsamen Welt zu sagen wüsste, sondern noch nicht einmal in der Lage wäre, sich selbst zu erkennen.

Denn um sich in sich selber einzurichten, um ein persönliches Verhältnis zu sich selbst zu finden, braucht auch das ganz auf sich selbst zurückgezogene, das private Individuum nichts dringlicher als die Möglichkeit, ganz bei sich selbst zu sein. Die aber hat es nur unter den Konditionen einer ausgebildeten, von ihm selbst in Erkennen und Handeln mitgetragenen Öffentlichkeit, die es freilich nur schätzen kann, wenn sie ihm die Chance bietet, sich aus ihr in seinen eigenen privaten Lebensbezirk zurückzuziehen.

In philosophischer Terminologie führt das zu der Einsicht, dass wir uns im Sprechen und Denken zwar stets eines Mittels bedienen, das an sich selbst einen allgemeinen und damit auf öffentliche Verständigung angelegten Charakter hat, dessen Gebrauch aber höchst unterschiedlich sein kann: Solange wir uns sprechend, erkennend und nachdenkend auf die gemeinsame Welt beziehen, bewegen wir uns im öffentlichen Raum des Wissens,...

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