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E-Book

Liebe auf Japanisch

Von ewigen Singles, Love Hotels und dünnen Wänden

AutorAndreas Fels, Kerstin Fels
VerlagConbook Verlag
Erscheinungsjahr2019
Seitenanzahl256 Seiten
ISBN9783958892101
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
In Japan ist vieles ein bisschen anders. Zum Beispiel spielt die Blutgruppe eine entscheidende Rolle bei der Partnerwahl. Am Valentinstag beschenken Frauen die Männer. Junge Verliebte verabreden sich extra in Love Hotels, um ein bisschen Privatsphäre zu haben. Und die wahre Liebe findet man angeblich nur mit verbundenen Augen. Kenji und Yukiko steuern durchs Tokio des 21. Jahrhunderts auf der Suche nach der Liebe. Und Sie begleiten die beiden in eine Welt mit seltsamen Dating-Ritualen, erleben Beziehungen mit Robotern, besuchen spezielle Kuschelcafés und lernen Schulmädchen kennen, die für teure Geschenke beinahe zu allem bereit sind. In episodenhaften Geschichten erfahren Sie vom ersten Kuss über das Kinderkriegen bis zu den ganz alltäglichen Eheproblemen alles, was Sie schon immer über Japan wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten.

Nicht eine Vorliebe für Sushi ließ Andreas Fels Japanologie studieren, sondern eine Neugier auf Sprache und Kultur. Seine Frau Kerstin ließ sich gerne von dieser Begeisterung anstecken und war auf gemeinsamen Reisen nach Japan heilfroh, jemanden dabeizuhaben, der Japanisch spricht. Beide schreiben seit 1997 regelmäßig als Autoren für das Internetmagazin japanlink.de, haben Artikel für verschiedene Zeitschriften beigesteuert und bereits einige Buchprojekte gestemmt.

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Leseprobe

Eine Illusion von Nähe


Von riesigen Plüschhasen, Romantik auf Bestellung und einem Raum voller Katzen


Die Fußgängerampel springt auf Grün und lässt gleichzeitig künstliches Vogelgezwitscher erklingen. Kenji überquert die Straße. Er ist unterwegs in Akihabara, Tōkyōs Einkaufsviertel für Elektronik- und Gadget-Fans. Um ihn herum ertönt der Lärm aus den umliegenden Spielhallen, wo Gruppen von Teenies unter dem Gelächter ihrer Freunde versuchen, die riesigen Bongo-Rasseln der Spielautomaten genau im Takt zu bewegen oder komplizierte Formationen nachzutanzen. Der Lärm mischt sich mit dem ohrenbetäubend lauten Klackern der Metallkugeln aus der Pachinko-Spielhalle nebenan. Ein Mädchen in Dienstmädchenuniform und einem Haarreif mit pinkfarbenen Hasenohren auf dem Kopf spricht ihn an und drückt ihm ein paar Flyer eines Maid-Cafés in die Hand. Kenji nimmt sie automatisch und steckt sie ungelesen in seine Jackentasche. Die Hochhäuser links und rechts von ihm sind mit meterhohen Displays bedeckt, die unablässig Werbespots zeigen. Zwischen einem Geschäft, das auf sieben Stockwerken Elektronikartikel anbietet, und einem Manga-Laden biegt er in eine kleine Seitengasse ein.

Zielstrebig steuert er auf den Eingang eines schmalen Hauses zu. Ein an der Metalltür angebrachtes Plakat zeigt ein Mädchen, das die Besucher mit großen Augen freundlich anlächelt. Schnell steigt er das enge Treppenhaus hoch in den dritten Stock. Vom Treppenhaus aus führt eine Tür in einen kleinen Vorraum, wo ihn, während er seine Schuhe abstreift, ein zierliches Mädchen mit grün gefärbten Haaren fröhlich begrüßt und ihm eine Art Menükarte reicht. Kenji entscheidet sich wie beim letzten Mal für die 20-Minuten-Zeitspanne. Das Mädchen nickt ihm aufmunternd zu und deutet auf eine Tür links am Ende des Ganges.

Als Kenji durch die Tür geht, fühlt er schon, dass sich Entspannung in ihm breitmacht. Das Zimmer dahinter ist klein, es wird beinahe ganz ausgefüllt von einer weichen Matratze, die auf dem Boden liegt. Am Kopfende stapeln sich Kissen und Stofftiere: Pikachu, eine etwas ausgeblichene Hello-Kitty-Figur, ein riesiger Hase mit rosafarbenen Wangen ... Kenji legt sich hin und kuschelt sich zwischen die Stofftiere. Die Tür geht leise auf, und Yume kommt herein. Kenji ist sich nicht sicher, ob das ihr richtiger Name ist. Aber eigentlich ist das auch egal. Sie legt sich wortlos neben ihn.

Einfach gemeinsam im Bett liegen – das klingt erst mal ziemlich alltäglich. Aber Kenji lässt sich dieses Erlebnis einiges kosten. Er besucht ein sogenanntes Cuddle Café. Neben einem generellen Eintrittsgeld von 3.000 Yen (circa 24 Euro) kosten ihn die 20 Minuten mit Yume noch einmal genauso viel. Und das ist nur der Standardpreis dafür, dass ein Mädchen einfach neben ihm liegt. Dafür, dass es wieder Yume ist, hat er noch eine Extragebühr bezahlt, und auch jede zusätzliche Dienstleistung kostet noch einmal einen Aufpreis: drei Minuten über die Haare des Mädchens streicheln etwa, oder sich eine Minute lang intensiv in die Augen sehen. Kenji hat sich dafür entschieden, dass Yume seinen Arm für eine Weile berührt – natürlich ebenfalls gegen eine Gebühr. Küsse und jegliche intimen Kontakte sind streng verboten. Wer richtig viel Geld ausgeben möchte, kann zwar eine ganze Nacht buchen, viel mehr als einen schlafenden Körper an seiner Seite bekommt man dafür allerdings nicht. Für Kenji sind die 20 Minuten mit Yume trotzdem ihr Geld wert. Er hat gerade keine feste Freundin und keine Zeit für One-Night-Stands. Ab und zu einfach mit Yume zwischen Pikachu und dem riesigen Plüschhasen zu liegen, entspannt ihn und lenkt ihn vom Prüfungsstress an der Uni ab.

Für spezielle Bedürfnisse gibt es natürlich noch den Ohrreinigungssalon (mimikaki ten). Sie haben richtig gelesen: Hier kann man sich die Ohren mit einem leicht gebogenen Holzstäbchen säubern lassen – das ist weniger eine hygienische Notwendigkeit, sondern eher eine emotionale Reise in die Kindheit. In Japan ist es nicht unüblich, dass Mütter vorsichtig und liebevoll die Ohren ihrer Kinder reinigen, während diese ihren Kopf in den Schoß der Mutter legen.

Genau wie Kenji ist auch Yukiko gerade nicht in einer festen Beziehung. Ihr Freund hat vor vier Wochen Schluss gemacht – oder vielmehr: er hat sich nicht mehr gemeldet. Zuerst hatte er immer weniger Zeit, weil er für seine Abschlussprüfung lernen musste. Irgendwann kamen gar keine Antworten mehr auf ihre Nachrichten. Diese als Ghosting bezeichnete Art, sich aus dem Leben anderer zu schleichen, ohne die damit verbundenen lästigen Konflikte in Kauf nehmen zu müssen, gibt es natürlich nicht nur in Japan. Aber dort vielleicht ein bisschen häufiger. Yukiko ist gar nicht so sauer über die Art, wie er Schluss gemacht hat – sie hat selbst auch schon zweimal per Textnachricht eine Beziehung beendet und sich danach nie wieder gemeldet. Und Lust auf lange Auseinandersetzungen und Streitgespräche hätte sie auch nicht gehabt. Aber traurig ist sie schon.

Während Yukiko darüber nachdenkt, dass seine Mutter sie eigentlich noch nie leiden konnte, streichelt sie eine getigerte Katze, die sich neben ihr wohlig auf dem Boden räkelt. Direkt daneben sitzt eine graue Katze und schaut dem Treiben gelassen zu, und ein paar Meter weiter sitzt oder liegt etwa ein halbes Dutzend Katzen auf einem meterhohen künstlichen Baum mitten im Zimmer. Yukiko befindet sich in einem Katzen-Café. Hier geht sie ab und zu hin, wenn sie sich traurig oder einsam fühlt. Sie liebt Katzen, aber in ihrer Wohnung (vielmehr in der ihrer Eltern, denn Yukiko kann sich noch keine eigene leisten) sind keine Haustiere erlaubt. Mit einem Stab, an den ein paar rosafarbene Fellpuschel geheftet sind, wedelt sie spielerisch vor der Nase der grauen Katze herum – und verschwendet nun keinen Gedanken mehr an ihren Freund. Zumindest für eine Weile.

Hello Kitties – Katzen-Cafés und mehr


Katzen, Hasen, Eulen – in japanischen Cafés kann man so einigen Tieren begegnen. Zuerst traten die sogenannten Katzen-Cafés ihren Siegeszug an. 2004 eröffnete das erste japanische Katzen-Café in Ōsaka. Die Idee war nicht ganz neu – in Taiwan gab es damals schon Katzen-Cafés –, aber in Japan sorgten die schnurrenden Vierbeiner für noch mehr Begeisterung. Von Ōsaka schwappte der Trend nach Tōkyō (heute gibt es allein in Tōkyō über 100 Katzen-Cafés) und den Rest Japans und verbreitete sich schließlich auf der ganzen Welt.

Es gibt sogar spezielle Cafés für besonders dicke Katzen, für schwarze Katzen oder Katzen mit langem Fell. Dabei geht es weniger um Kaffee (im Gegenteil – viele dieser Cafés servieren weder Getränke noch Snacks) als vielmehr um die Katzen: Katzen beobachten, streicheln, mit ihnen spielen oder Katzen fotografieren. Für umgerechnet etwa zwölf Euro pro Stunde. In manchen Cafés kann man die Katzen auch mit Katzensnacks füttern und niedliche kleine Katzen-Yukatas kaufen – oder zumindest die Stoffkatze für daheim.

Auch wenn Katzen in Japan besonders beliebt sind und wie die maneki neko, die Winkekatze, als Glücksbringer gelten, gibt es auch Cafés für andere Tiere – solange sie nur niedlich sind. Im Bunny Café kann man Kaninchen streicheln und dazu Snacks in Hasenform oder Kaffee mit Hasenohren im Milchschaum genießen. Einige Bunny Cafés bieten sogar einen »Bring your own Bunny«-Service an, falls sich das eigene Haustier zu Hause langweilen sollte. Wer für Katzen oder Kaninchen nicht so viel übrighat, muss sich in Japan keine Sorgen machen – es gibt auch Cafés, in denen man mit Hunden, Igeln, Wellensittichen, Schildkröten, Schlangen, Ziegen oder Eulen kuscheln kann. Natürlich kommen auch Fans von Fischen nicht zu kurz, wenngleich es da mit dem Kuscheln ein wenig schwierig ist.

Während Yukiko noch mit der grauen Katze spielt, wartet Naoko ungeduldig in der Schlange der Leute, die in die U-Bahn einsteigen wollen. Sie hat heute ein Date. Aber kein gewöhnliches. Nervös schiebt sie ihre Brille zurecht. Hoffentlich kommt sie noch pünktlich. Endlich fährt die U-Bahn ein, und die Türen an den Absperrungen vor den Gleisen öffnen sich. Mit diesen Absperrgittern versucht Tōkyō, die Unfall- und Selbstmordrate an U-Bahn-Stationen geringer zu halten. In der Vergangenheit gab es viele Menschen, die nach dem Konsum zu vieler Gläser Feierabendbier auf die Gleise stürzten oder die absichtlich vor eine einfahrende Bahn sprangen. Daher stehen auf Plakaten die Nummern von Suizid-Präventions-Hotlines, und von den Decken strahlt blaues Licht, um die Stimmung positiv zu beeinflussen. Dennoch hat Japan eine der höchsten Selbstmordraten der Welt. Naoko denkt natürlich nicht an Selbstmord. Im Gegenteil, sie freut sich auf ihr Date, auch wenn sie gleichzeitig ein bisschen aufgeregt ist. Fünf Stationen später hält der Zug in Shinjuku, hier werden sie sich treffen. Naoko geht zum vereinbarten Treffpunkt, der aus vier überdimensionalen Buchstaben zusammengesetzten LOVE-Skulptur, und schaut sich um. Am Morgen noch hatte Satoshi ihr eine Nachricht geschrieben und gefragt, welche Jacke sie heute tragen würde, damit er sie leichter erkennen könne. Nervös schaut Naoko auf die Uhr. Sie ist ein bisschen zu früh, na gut. Wie lange soll sie wohl warten, falls er zu spät ... Aber da steht er schon breit lächelnd vor ihr – und er sieht genauso gut aus wie auf dem Foto!

Erst einmal wirkt es ganz gewöhnlich, wie Naoko und Satoshi kurz darauf gemeinsam durch die Straßen schlendern. Sie sprechen über alles Mögliche. Satoshi hält Naoko höflich die Tür auf, als sie ein Café betreten (ohne Katzen), und danach nehmen sie zur Erinnerung noch gemeinsam purikura-Fotos am Automaten auf....

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