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E-Book

Liebe kennt ihren Ort

Schauplätze großer Leidenschaften

AutorLesley Blanch
VerlagInsel Verlag
Erscheinungsjahr2011
Seitenanzahl291 Seiten
ISBN9783458769309
FormatePUB/PDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis16,99 EUR
Unterschiedlicher könnten die Orte des großen Schauspiels der Liebe und der Leidenschaften nicht sein: ein sibirisches Straflager, das Zelt eines Mongolenfürsten, ein abgelegenes Liebesnest in England oder jene Pariser Wohnung, für die sich Balzac finanziell ruinierte. Lesley Blanch, selbst Abenteurerin und Reisende, hat solche Orte vom westlichen Rand des Abendlandes bis in die asiatischen Steppen aufgesucht. Hier trafen nach langer Entbehrung Liebende zusammen, erfüllten ihre Zuneigung in innigem Zusammensein oder trennten sich mit herzzerreißenden Abschieden: im einfachen Landhaus ebenso wie im Palast, in großen Metropolen ebenso wie in der Einsamkeit der Wüste. Da die Eigenart dieser Szenerien den Liebenden mehr war als eine bloße Kulisse ihrer Gefühle, führt Lesley Blanch ihre Leser durch Häuser, Zimmer und Gärten. So füllen sich die Geschichten um Lord Nelson und Lady Hamilton, um Liszt und Prinzessin Karoline oder um die Nonne Marianna Alcoforado und den Marquis von Chamilly mit der konkreten Magie heimlicher Orte.

<p>Lesley Blanch, die englische Abenteurerin, Schriftstellerin und Journalistin, hat vor allem Biographien, Reiseberichte und Memoiren ver&ouml;ffentlicht. Selbst eine extravagante Erscheinung, die ihre journalistische Laufbahn bei der britischen <em>Vogue</em> begann, durchlebte sie das ganze 20. Jahrhundert und starb 2007 mit 102 Jahren. <em>Liebe kennt ihren Ort</em>, eines ihrer bekanntesten und in der englischsprachigen Welt beliebtesten B&uuml;cher, liegt nun endlich auch auf deutsch vor.</p>

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Leseprobe

Einführung


Häuser, in denen bedeutende Persönlichkeiten gelebt haben, sind oft mit Gedenktafeln bezeichnet, aber diese Tafeln markieren nicht notwendigerweise zugleich die Orte, an denen jene Menschen geliebt haben – und jedenfalls gibt es, vermute ich, nirgends Gedenktafeln, die speziell dem Zweck dienen, einen Ort als Schauplatz einer tiefen Liebe oder Leidenschaft kenntlich zu machen. Und doch sind solche Stätten bemerkenswert, und man möchte annehmen, dass sie in irgendeiner Weise etwas von den großen Emotionen, denen sie einst Zuflucht boten, widerspiegeln. Ich machte mich auf die Suche nach solchen Schauplätzen nicht allein romantischer, sondern auch tragischer und dramatischer Szenen, Orten, an denen Liebende eine Weile, eine Nacht oder auch ihr ganzes Leben gemeinsam verbrachten.

Wie stark ihre Gegenwart bis heute zu spüren ist, hängt nicht von der Dauer ihres Aufenthalts ab. Selbst eine einzige Umarmung, wenn nur genügend Intensität darin lag, kann in einer Art von gespenstischem Echo, einer deutlich spürbaren Aura für immer an einem solchen Ort fortleben. Darum kann eine Höhle am Schwarzen Meer, in der sich Puschkin und die Gräfin Woronzow – das junge mittellose, verbannte Genie und die Frau des Gouverneurs – zu flüchtigen Begegnungen trafen, die ihnen unvergesslich bleiben sollten, ebenso als ein »Pavillon des Herzens« gelten wie jenes Haus am Moika-Kanal in St. Petersburg, in dem der Dichter später in ehelicher Gemeinschaft mit der oberflächlichen und koketten Schönheit wohnte, die er leidenschaftlich liebte. Um ihre Launen und ihre Eitelkeit zu befriedigen, hatte er sich hoch verschuldet und einen unbedeutenden Posten am Hof angenommen, und ihr Leichtsinn war letztlich schuld an dem Duell, in dem Puschkin tödlich verwundet wurde. Dieses Haus am Kanal war Zeuge seines qualvollen Todeskampfs, im Leben wie im Sterben war es ein pavillon d'amour. Auch die schmucke Villa in Tribschen, in der Wagner und Cosima, berauscht von Küssen und der Musik des Siegfried, lebten, ist ein solcher Herzensort, ebenso, wenn auch hier ganz andere Emotionen im Spiel waren, das feuchte Kellerloch in Glasgow, in dem Madeleine Smith den kleinen Schurken L'Angelier liebte und dann vergiftete.

Wir verweilen an den verschiedenen Schauplätzen und betrachten nachdenklich jedes der Objekte, die den Personen, die uns interessieren, gehörten oder die sie umgaben. Wo ein Schreibtisch oder ein Bett steht oder wie die Polstermöbel überzogen sind, kann uns mehr verraten als eine wissenschaftliche Studie. Das Schlafzimmer, das Tolstoi und seine Frau bis zum Schluss miteinander teilten, lässt uns die ganze Erbitterung dieser Eheleute erahnen. Oder die beiden Rosenholzflügel, die Rücken an Rücken in dem verstaubten Salon im Schloss von Chapultepec stehen. Carlota und Maximilian spielten hier, um das unheilverkündende Rauschen des feindlichen Dschungels ringsum zu übertönen, in dem sie gefangen waren. Ihr Wohnzimmer kündet von der zugleich tragischen und lächerlichen Grundstimmung, die ihr Leben in Mexiko durchzog, wo vor jeder Tür und jedem Fenster Tod und Wahnsinn lauerten und nur ihre Liebe und seine Loyalität blieben, als das starre habsburgische Hofprotokoll in Trümmer gefallen war.

In gewissem Sinn sind alle meine Pavillons Spukschlösser. Ob Nomadenzelt oder sibirische isba, eine Zimmerflucht in einem prächtigen Palast oder die schlichteren Räume eines Landhauses, alle waren Schauplätze außergewöhnlicher Liebesverhältnisse, alle beherbergten Liebende, die unvergessen blieben. Die meisten dieser Orte existieren heute nicht mehr, sind selbst zu Legenden geworden, die wir nur vom Hörensagen, von alten Bildern oder aus schriftlichen Quellen kennen oder von denen gar nur noch alte Baupläne oder Handwerkerrechnungen Zeugnis geben. Wenige sind noch intakt, einige bis zur Unkenntlichkeit restauriert worden, andere wurden zu Museen, in allen aber, glaube ich, wohnen Gespenster.

Legenden können ebenso überzeugend echt wirken wie dokumentierte Geschichte, und legendäre Gestalten, besonders die von Liebenden, können uns immer noch in ihren Bann schlagen, auch wenn sie schon lange tot sind. Manchmal wirkt der Zauber, der von so einem Paar ausgeht, noch nach Jahrhunderten, und obwohl von der Umgebung, in der es lebte, nichts mehr übrig ist, kommt es vor, dass, sobald wir den legendären Ort der Geschehnisse vor uns sehen (oder auch nur ein Foto davon), die intensive Atmosphäre oder Stimmung dort spürbar wird. Sie schlagen eine Saite in uns an, das ganze Leben, das dort gelebt wurde, wird heraufbeschworen.

Ein Raum, der längst zusammen mit dem Haus, in dem er sich befand, verschwunden ist, kann in besonderer Weise als ein solcher Spukort gelten. Zwei Menschen, die nicht voneinander lassen konnten, so wie ihre Geschichte uns nicht loslässt, lebten dort ihrer an Qualen reichen Liebe. Im Balkonzimmer von Chatham Place Nr.?14 trafen sich Dante Gabriel Rossetti und seine »Flamme«, Miss Elizabeth Siddal mit den fiebrigen Lippen und der etwas vorgewölbten Kehle. Sie, die matte, in sich versunkene Taube, die »La Belle Dame Sans Merci« gewesen war, er der leidenschaftliche Bilderstürmer, der Maler-Dichter, der fleischliche Lust in den Armen der weniger strengen Fanny Cornforth fand. Von der Themse, deren Wellen über den Schlamm und den bei der Blackfriars Bridge angeschwemmten Unrat spülten, stieg Gestank auf, hüllte sie ein und erfüllte das Zimmer, das ohnehin gespenstisch genug wirkte: vollgestopft mit Relikten aus längst vergangenen Epochen, mit phantastisch gemusterten Fetzen stockfleckiger italienischer Brokatstoffe, mit gesprungenem chinesischen Porzellan, angelaufenen, golden gerahmten Spiegeln, »in denen man sich lieber nicht anschaut«, wie die Vermieterin bemerkte. Dort saß die Schöne ihm Modell, schweigend und umwabert von Chlordünsten, lange Stunden voller Liebe und Missverständnis, und am Ende fuhr man mit dem Omnibus zu kleinen Restaurants, wo es Hammelfleisch gab und billigen Wein. Um sie herum das Zwielicht der Dämmerung und Dunstschwaden vom Fluss, die sich mit Abgasen und Nebel mischten, jenem dichten, stechend riechenden Nebel, der zum viktorianischen London gehörte wie die Themse und den Gustave Doré, der beste Illustrator der Stadt, so abstoßend fand. Eine sonderbar düstere und unheilverkündende Umgebung war dieses Zimmer am Fluss, und sonderbar wirkten die zwei Personen darin, Geschöpfe, die sich aus einem farbenprächtig illustrierten mittelalterlichen Gebetbuch hierher verirrt zu haben schienen.

 

Welche legendenumwobenen Behausungen nimmt man in so eine Sammlung auf? Welche Jahrhunderte, welche Kontinente sollen berücksichtigt werden? Wo fängt man an, wo hört man auf? Wieso nicht auch Héloïse und Abélard, Victoria und Albert, der Wigwam von Pocahontas, die Barke der Kleopatra? An Glanz und Herrlichkeit mangelte es Letzterer nicht, sie hat die Herzen zweier mächtiger Römer schneller schlagen lassen und ist zu einer Legende geworden. Sollte der Alkoven mit den violetten Glaswänden in Zarskoje Selo nur deswegen nicht berücksichtigt werden, weil Katharina die Große sich nicht mit einem einzigen Liebhaber begnügte? Im Prinzip ja: Eine solche Vielzahl an Liebes- und Lustobjekten gehört ebenso wenig hierher wie der labyrinthische Kaninchenbau des Top Kapi Serail, der den kompliziert in zahllose Ränge untergliederten Harem des Sultans beherbergte – ein Pavillon der Sinne und nicht einer des Herzens.

Indes mache ich doch eine Ausnahme und erzähle von einem Raum des Harems von Sultan Murad III. Es ist ein Ort großer Gefühle, ja vielleicht die Apotheose aller romantischen Szenerien. In dieser reizenden Umgebung lebte der mächtige Padischah viele Jahre lang ausschließlich seiner italienischen Kadine Safie Baffo ergeben, und keine Konkubine oder Odaliske konnte ihre Eintracht stören – ein höchst bemerkenswerter Zustand dort und damals.

Im Allgemeinen habe ich mich auf Räume konzentriert, die Zweierbeziehungen vorbehalten waren, und der Versuchung widerstanden, die zahllosen Etablissements einzubeziehen, in denen vielleicht Eros herrschte, jedoch auf rein geschäftlicher Basis. In den Residenzen der großen Kurtisanen vom Schlag einer Cora Pearl oder Marguerite Ballanger, Luxusgeschöpfe, die eine entsprechende Raffgier an den Tag legten, spielte das Herz keine Rolle. Vermutlich auch nicht in den netten kleinen Villen in der Gegend von St John's Wood, wo der viktorianische Mann von Welt seine Mätresse etwas bescheidener unterbrachte, hübschen Wohnungen hinter diskreten Mauern – normalerweise waren über dem Weg zur Haustür schmiedeeiserne Ziergitter angebracht, sodass neugierige Nachbarn, die aus den Fenstern der oberen Stockwerke lugten, nicht beobachten konnten, wer da kam oder ging. Solche Häuser dienten letztlich gewerblichen Zwecken – ein interessantes Thema, gut dokumentiert, aber es gehört nicht hierher.

Man sieht es nicht jedem Haus so ohne weiteres an, ob es ein Schauplatz großer Leidenschaften ist oder war. Es gibt diese niedrigen Häuschen im ländlichen, nur noch in Überresten vorhandenen England, mit tiefgezogenen Dächern oder mit Reet gedeckt, die Fenster so klein, dass man kaum den Kopf hinausstrecken kann. In dem handtuchgroßen Garten wachsen Flieder, Geißblatt und Reseda, und es gibt ein außen angebautes Klohäuschen. An den Wänden kleben vergilbte Tapeten mit Blümchenmuster; sie bringen den Garten in die Küche und weiter die Treppe hinauf in ein Schlafzimmer mit Federbetten, die den ganzen Raum auszufüllen scheinen. Generationen von Liebespaaren haben sich dort getummelt. Auch...

Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis6
Einführung10
1 Woronince Russland28
2 Sestra Sefronias Kapelle Bulgarien47
3 Rue Fortunée Frankreich70
4 Paradies Merton England78
5 Kourdane Algerien102
6 Béja Portugal140
7 Sultan Murads Schlafzimmer Türkei147
8 Nohant Frankreich186
9 Blagodatsk Sibirien208
10 Tribschen Schweiz230
11 Baltschik Rumänien236
12 Bibi Chanums Medresse Samarkand255
13 Rue Chantereine Frankreich271
14 Winterpalast Russland276
Danksagung294

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