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E-Book

Lückenpresse

Das Ende des Journalismus, wie wir ihn kannten

AutorUlrich Teusch
VerlagWestend Verlag
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl224 Seiten
ISBN9783864896477
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis13,99 EUR
Die etablierten Medien stecken in einer massiven Glaubwürdigkeitskrise. Teile des Publikums proben den Aufstand, öffentliche und veröffentlichte Meinung driften auseinander. Nicht nur hierzulande, auch in vielen anderen Ländern geraten die angeblichen Leitmedien unter Beschuss. Stein des Anstoßes sind die Inhalte - Stichwort 'Lügenpresse'. Doch sind Lügen wirklich das Problem? Ulrich Teusch stellt zwei andere, weit gravierendere Faktoren ins Zentrum seiner Analyse: die Unterdrückung wesentlicher Informationen und das Messen mit zweierlei Maß. Beide Defizite sind in unserem Mediensystem strukturell verankert. Wenn sich daran nichts ändert, wird sich das Siechtum der Mainstreammedien fortsetzen. Und der Journalismus, wie wir ihn kannten, wird bald der Vergangenheit angehören.

Ulrich Teusch, Prof. Dr., lebt als freier Publizist in Edermünde bei Kassel. Er schreibt Sachbücher und ist Hörfunkautor. Für sein SWR-Feature 'Nicht schwindelfrei - Über Lügen in der Politik' erhielt er 2013 den Roman-Herzog-Medienpreis. Im Dezember 2015 lief dann sein viel beachtetes Feature im SWR mit dem Titel 'Vertrauen ist gut ... Die Medien und ihre Kritiker'. Bücher zuletzt: 'Die Katastrophengesellschaft: Warum wir aus Schaden nicht klug werden' und 'Jenny Marx: die rote Baronesse'.

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Leseprobe

Von Hagenbuch bis Scholl-Latour

Man muss zugeben: Gelegentlich zeigen sich auch Journalisten selbstkritisch und einsichtig. Der Politikchef der Wochenzeitung Die Zeit, Bernd Ulrich, kommt in einem Buch auf die viel diskutierten »transatlantischen Netzwerke« zu sprechen, in die viele Top-Journalisten westlicher Länder auf die eine oder andere Weise involviert sind. Ulrich erwähnt namentlich die Atlantik-Brücke und die Bilderberg-Konferenzen. Er schreibt: »Diese Veranstaltungen, von denen nicht berichtet werden darf, haben einen bestimmten Zweck – in der Regel: offiziell die Stärkung der transatlantischen Zusammenarbeit. De facto sind sie auch ein Transmissionsriemen für die amerikanische Denkart in der Außenpolitik, für die je angesagte Politik Washingtons. In diesen Netzwerken wurde in den Jahren der Mit-telost-Kriege eine Politik vordiskutiert und rationalisiert, die aus heutiger Sicht als stellenweise durchgeknallt bezeichnet werden muss.«5

Etwas später spricht er im gleichen Zusammenhang von einem »journalistische[n] Eingebettetsein«, das der »außenpolitische[n] Debatte hierzulande zuweilen einen merkwürdigen amerikanischen Akzent« verleihe. Und weiter: »[…] oft gewinnt man beim Lesen den Eindruck, als würde einem in Leitartikeln etwas beigebogen, als gäbe es Argumente hinter den Argumenten, fast glaubt man, eine Souffleur-Stimme zu hören.«6

Ein wenig haben mich diese Offenbarungen Ulrichs an eine legendäre Nummer des Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch erinnert: Hagenbuch hat jetzt zugegeben…

Es müsste Journalisten geradezu die Schamesröte ins Gesicht treiben, wenn selbst Spitzenpolitiker, die sich doch sonst über »Ruhe an der Medienfront« eher freuen, für mehr Aufmüpfigkeit und Pluralität plädieren. »Reicht die [Medien-] Vielfalt in Deutschland aus?«, fragte Außenminister Steinmeier anlässlich der Verleihung der LeadAwards in Hamburg im November 2014. Eher nicht, kann man aus seiner Antwort schließen: »Wenn ich morgens manchmal durch den Pressespiegel meines Hauses blättere, habe ich das Gefühl: Der Meinungskorridor war schon mal breiter. Es gibt eine erstaunliche Homogenität in deutschen Redaktionen, wenn sie Informationen gewichten und einordnen. Der Konformitätsdruck in den Köpfen der Journalisten scheint mir ziemlich hoch.

Das Meinungsspektrum draußen im Lande ist oft erheblich breiter.«7

Das sah Altbundeskanzler Helmut Schmidt gegen Ende seines Lebens ganz ähnlich. Viele Medien schreiben anders, als die Deutschen denken, konstatierte er, und fügte hinzu: »Die Deutschen sind bei weitem friedfertiger als die Leitartikler in der Welt, der FAZ, der BILD und auch meiner eigenen Zeitung, der Zeit.«8

In einer Rede, die Schmidt zum 90. Geburtstag des mit ihm befreundeten großen Journalisten Peter Scholl-Latour gehalten hat, steht dieser Satz: »Die Arbeit von Peter Scholl-Latour hat gezeigt, dass es möglich ist, sich gegen den Mainstream der öffentlichen Meinung zu stellen.«9 Wobei vielleicht zu präzisieren wäre, dass Scholl-Latour weniger gegen die öffentliche als gegen die veröffentlichte Meinung rebellierte.

Nichts zeigt das eindrücklicher als Scholl-Latours letztes großes Buch Der Fluch der bösen Tat, eine ebenso fulminante wie fundamentale Abrechnung mit westlicher Außen- und Sicherheitspolitik. Ob es sich um Russland und die Ukraine handelt, ob um Syrien oder Libyen, um den Irak oder Iran, um Israel oder die Türkei, um Ägypten oder die Golfstaaten – in allen Kriegen und Konflikten, die sich mit den genannten Staaten verbinden, vertritt Scholl-Latour Positionen, die denen des Medienmainstreams entgegenstehen. Sein Buch ist mindestens ebenso sehr eine Politikkritik wie eine Medienkritik. Er liest seinen Kollegen die Leviten, verpasst ihnen einen Satz rote Ohren nach dem anderen.

Ganz gegen den herrschenden Meinungs- und Berichterstattungstrend sieht er Russland als Opfer »einer systematischen Kampagne durch die ferngesteuerten Medien Europas und deren politische Einflüsterer«10. Nicht Russland, sondern der Westen sei expansiv; die USA und ihre europäischen Trabanten hätten die Konfrontation heraufbeschworen, und der NATO-»Drang nach Osten«11 sei »eine Fehlentscheidung historischen Ausmaßes«12.

Über das vom Mainstream so bewunderte Amerika heißt es: »Ein tugendhaftes Vorbild sind die USA […] längst nicht mehr, seit sie mit ihrer globalen >Counter-Insurgency< gegen den Terrorismus den Weg zum >dirty war< als Zukunft beschritten haben, zum Einsatz mörderischer Drohnen, skrupelloser Söldnertrupps und der Folterexzesse des >water boarding<.«13 Und weiter: »Im schonungslosen Rückblick erscheinen die USA als dubioser, ja gefährlicher Partner.«14

Auch mit Blick auf Syrien sieht Scholl-Latour westliche Politik und Medien in »einer systematischen Desinformationskam-pagne«15 vereint. An anderer Stelle, aber zum selben Thema, spricht er von »systematische[r] Stimmungsmache und Desin-formation«16. Ausgerechnet Frankreich sieht er »an die Spitze einer einseitigen und gehässigen Propagandakampagne« weltweiten Ausmaßes, die »mit geradezu missionarischem Eifer« betrieben werde.17 Schon lange vor den ersten Anti-Assad-Pro-testen 2011 »hatte eine hemmungslose Kampagne, eine systematische Hetze in den amerikanischen und europäischen Medien gegen diese Arabische Republik eingesetzt«18. Es empört Scholl-Latour, dass Frankreichs »angesehenste Zeitung« – gemeint ist Le Monde – »in einseitiger Polemik Bashar el-Assad anklagte, Giftgas gegen seine Gegner zu verwenden«19.

Gegen Ende des Buches kommt er nochmals ausführlicher auf Syrien zu sprechen: »Irgendwo, an geheimen Kommandostellen, in diskreten Fabriken der Desinformation, die von angelsächsischen Meinungsmanipulatoren meisterhaft bedient wurden, war die Losung ausgegangen, daß Syrien sich den amerikanischen Vorstellungen einer trügerischen Neuordnung im Nahen und Mittleren Osten zu unterwerfen habe. Bei einer Medienveranstaltung der ARD in Berlin erwähnte ich diese allumfassende propagandistische Irreführung der breiten Öffentlichkeit, der sich – in Deutschland zumal – weder die linksliberalen noch die erzkonservativen Printmedien und Fernsehsender zu entziehen wußten. Der frühere Intendant des WDR, Fritz Pleitgen, und der arabische Journalist Suliman, der sein Amt als Korrespondent der TV-Station von Qa-tar, El Jazeera, quittiert hatte, weil er dessen Nachrichtenverfälschung nicht mehr ertrug, stimmten mir spontan zu. Die subtile, perfide Unterwanderung und Täuschung globalen Ausmaßes, denen die Medien ausgeliefert sind, bedarf einer ebenso schonungslosen Aufdeckung wie die hemmungslose Überwachungstätigkeit der National Security Agency. Gerüchteweise hatte ich vernommen, daß sich in North Carolina eine solche Zentrale der gezielten Fälschung befände, was die Existenz ähnlicher Institute in den USA, in Großbritannien und in Israel keineswegs ausschließt.«20

Auch im Hinblick auf Afghanistan beklagt Scholl-Latour, dass die deutsche Öffentlichkeit immer wieder »irregeführt«21 werde. Am viel bejubelten »arabischen Frühling« lässt er kaum ein gutes Haar, auch nicht am Umsturz in Ägypten: »Es wurde >foul< gespielt in Kairo, und eine krakenähnliche Desinformation – woher sie auch immer gesteuert wurde – führte die Berichterstattung der internationalen Medien in die Irre.«22 Libyen sei nach dem Umsturz gleichsam über Nacht in Chaos und Anarchie versunken: »Die Medien Europas und Amerikas blamierten sich wieder einmal zutiefst, als sie eine Wende zum Guten diagnostizierten.«23

Und so weiter. Aber was hilft das alles? Glaubt im Ernst jemand, Marietta Slomka oder Caren Miosga würden sich ihre eher schlichten Weltbilder von einem wie Scholl-Latour ausreden lassen? Haben sie sein letztes Buch überhaupt gelesen? Selbst wenn, so werden sie Scholl-Latour als einen alten, zornigen Mann wahrnehmen, der seine Verdienste haben mag, dem man pflichtschuldigst Respekt zollen muss, der aber schon längst seinen wohlverdienten Ruhestand hätte genießen sollen.

Wenn Scholl-Latour die jungen Leute nicht zu überzeugen vermag, wie wäre es dann mit Patrick Cockburn? Er berichtet für den Londoner Independent (Mainstream!)24 vornehmlich aus Syrien und dem Irak. Der vielfach preisgekrönte Journalist ist der derzeit wohl renommierteste Auslandskorrespondent der Welt. Und dies, obwohl seine Sicht auf die Vorgänge in Syrien quer zum Mainstream liegt, obwohl er in immer neuen Anläufen ein der Komplexität des Konflikts gerecht werdendes Bild zu zeichnen...

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