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Lukullische Genüsse

Die Küche der alten Römer

AutorBrigitte Cech
VerlagPrimus
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl208 Seiten
ISBN9783863128999
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis23,99 EUR
Die römische Küche, anfangs eher bodenständig und bäuerlich einfach, wurde seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. von der griechischen Kultur beeinflusst und mit der territorialen Ausweitung der Republik immer reichhaltiger und raffinierter. In der Blütezeit des Imperium Romanum war die Küche der reichen Römer vielfältig und aufs höchste verfeinert. Bei aufwendigen und teuren Gastmählern wurden kulinarische Spezialitäten aus dem gesamten Mittelmeerraum zelebriert. Brigitte Cech gibt einen Einblick in alle Aspekte der römischen Kochkultur. Sie beschreibt die Speisenfolge und die Begleitumstände eines Gastmahles und nennt die Zutaten, von denen es viele so nicht mehr gibt, während die Römer uns heute geläufige Zutaten - etwa Tomaten oder Kartoffeln - noch nicht kannten. Dabei räumt sie mit gängigen Klischees und Vorurteilen auf und bietet schließlich 45 Rezepte aus den übersetzten Originalquellen mit Erklärungen und detaillierten Angaben zu den Zutaten.

Brigitte Cech, geb. 1956, ist selbständig tätige Archäologin, habilitiert für Montan- und Industriearchäologie am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien sowie ?Honorary Research Fellow? am Institut für Archäologie des University College, London. Seit 2003 ist sie Projektleiterin des archäologischen Teils eines interdisziplinären Forschungsprojektes zur Produktion von Ferrum Noricum am Hüttenberger Erzberg in Kärnten, Österreich. Sie gibt Kurse zum römischen Kochen in Wien.

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Leseprobe

 

Exklusivinterview
mit Lucius Licinius
Lucullus


Hans, freier Mitarbeiter der Gourmet-Zeitschrift „Tafelfreuden à la Lukullus“, schlägt vorsichtig die Augen auf. Er fühlt sich hundeelend, die pelzige Zunge klebt am Gaumen und in seinem Kopf dröhnt es wie durch die Bässe bei einem Rockkonzert – er hat den monströsesten Kater seines Lebens. Aber das ist noch nicht das Schlimmste. Als er die verschwollenen Augen endlich wirklich aufschlägt, stellt er mit Entsetzen fest, dass er nicht in seinem Hotelbett in Neapel liegt, sondern auf einer Wiese unter freiem Himmel. Wie bin ich bloß hierhergekommen?, denkt er. Nun gut, ich werde mich schon daran erinnern. Das Wichtigste zuerst: Zurück ins Hotel, ein Glas Wasser mit einer Überdosis Aspirin, eine kalte Dusche und ein ausgiebiges Katerfrühstück. Hoffentlich hat mir niemand mein Handy geklaut! Mit der Hand greift er an seine Hosentasche um festzustellen, dass er gar keine Hose trägt. Den Kopfschmerz und das Schwindelgefühl ignorierend, setzt er sich auf. Mit Mühe unterdrückt er einen entsetzten Aufschrei: Er trägt nichts als einen kurzen, mit Rotwein bekleckerten weißen Kittel mit einem aus Goldfäden gewebten Gürtel. Neben ihm liegt ein verwelkter Kranz aus Efeu und Weinlaub. Das darf doch nicht wahr sein! Träume ich noch, oder was ist hier los?

Langsam klärt sich sein vom Alkohol umnebeltes Gehirn und er versucht, die Ereignisse der vergangenen Nacht zu rekonstruieren. Auf der Suche nach Material für seinen nächsten Artikel hat er die Hafenkneipen von Neapel durchstreift. Er wollte das bodenständige Essen der einfachen Leute verkosten und die urtypische Atmosphäre dieser großen Hafenstadt aufsaugen. Zu ziemlich später Stunde, als er sich eigentlich schon auf den Weg in sein Hotel machen wollte, sah er, wie ein blond gelockter junger Mann mit sanften Zügen, aber stechend blauen Augen, der allein an seinem Tisch saß, ihn unaufhörlich anstarrte und ihm schließlich ein Zeichen gab, sich zu ihm zu gesellen. Gesagt, getan – schon saß Hans mit dem Unbekannten, der sich als Dionisio vorstellte, beisammen und erzählte ihm seine Enttäuschung über die laut Reiseführer unvergessliche Stimmung in den Kneipen der Einheimischen in Neapel.

„Komm mit mir mit. Ich zeige dir etwas, das du dein ganzes Leben nicht vergessen wirst“, sagte Dionisio ruhig, aber bestimmt zu ihm.

Kurz kamen ihm leise Zweifel, ob er sich diesem geheimnisvollen Fremdling wirklich anvertrauen sollte, aber natürlich siegte, wie schon so oft, seine Abenteuerlust, und er ließ sich von Dionisio durch immer enger und finsterer werdende Gassen führen, bis sie endlich vor der Tür zu einem alten, mit Efeu und Weinranken umwachsenen Haus standen. Auf Dionisios Klopfen öffnete sich die Tür und sie traten ein. Sofort stürzten sich einige Frauen, deren kurze weiße Gewänder mehr enthüllten als verbargen, auf ihn, rissen ihm die Kleider vom Leib, zogen auch ihm solch einen Kittel über, setzten ihm einen Kranz aus Efeu und Weinranken auf und führten ihn in einen großen Saal.

Wilde Musik ertönt, in Kohlebecken glosendes Räucherwerk verbreitet schwüle, die Sinne betörende Düfte. Im flackernden Licht der Fackeln sieht er, wie Frauen und Männer wild und ekstatisch um einen übermannsgroßen Phallus tanzen. Neben dem Phallus steht Dionisio, in einen ebensolchen Kittel gehüllt, einen Kranz auf dem Kopf, in einer Hand einen eigenartigen Stab und in der anderen einen großen Becher Wein. Ein Panther schmiegt sich an seine Beine.

Unter was für Verrückte bin ich da geraten?, denkt Hans, als ein älterer nackter Mann mit Rauschebart, buschigem Schwanz und freudig emporragender Männlichkeit auf ihn zuspringt und ihm einen Becher Wein in die Hand drückt, den er, ohne viel nachzudenken, in einem Zug leert. Fasziniert beobachtet er das wilde Treiben, das ihm aber doch ein wenig unheimlich ist.

Vielleicht ist es besser, überlegt er, wenn ich meine Neugierde bezähme und schaue, dass ich von hier wegkomme, bevor die Schmusekatze des Dionisio durchdreht und beginnt, ihr Abendmahl einzunehmen. Unauffällig will er sich zur Tür schleichen, aber zwei Frauen nehmen ihn an den Händen und schleppen ihn zurück in den Kreis der Tanzenden. Immer ekstatischer wird die Musik und immer wilder der Tanz. Laut jubelnd schreien sie „Euhoe Bacche!“ und fallen vor Dionisio auf die Knie.

Für den Guru einer derartig schrägen Sekte hätte ich den jungen Mann nie gehalten, denkt Hans, als ihn einer dieser beschwänzten alten Männer an der Hand packt und zu Dionisio zerrt.

„Wer bist du?“, flüstert er.

„Stell keine Fragen, alles wird klar werden“, antwortet Dionisio und reicht ihm einen Becher Wein: „Trink!“

Einen kurzen Moment zögert Hans, aber der Blick, den Dionisio ihm zuwirft, gestattet keine Widerrede, und gehorsam leert er den Becher. Das ist das Letzte, an das er sich erinnern kann.

Irgendwie hat er das Gefühl, die tanzenden Frauen und beschwänzten Männer schon einmal gesehen zu haben – aber wo? Plötzlich dämmert es ihm: Er war vor einigen Tagen im Archäologischen Museum in Neapel und hat römische Reliefs von tanzenden Bacchantinnen und Satyrn gesehen. Je länger er darüber nachdenkt, desto deutlicher erinnert er sich. Die beschwänzten Männer haben tatsächlich wie Satyrn ausgesehen. Und der mit einem Pinienzapfen bekrönte und mit Weinlaub und Efeu umwundene Stab, den Dionisio in der Hand hielt – war das ein sogenannter Thyrsos? Und ist nicht der Panther ein dem Dionysos geweihtes Tier?

Habe ich da wirklich an einem Bacchanal teilgenommen? Dionisio war in der Rolle des Dionysos auf jeden Fall sehr überzeugend – sogar den Namen des Gottes hat er angenommen! Dionysos oder Bacchus, wie ihn die Römer nannten, ist der Gott des Weines und der Ekstase. Dionysoskult im Neapel des 21. Jahrhunderts – das wird ein toller Artikel! Aber jetzt erst einmal zurück ins Hotel. Alle Italiener haben Handys. Ich gehe ins nächste Dorf und bitte irgendwen, mir ein Taxi zu rufen. Eigentlich bin ich ja noch glimpflich davongekommen.

Gesagt, getan – er steht auf und macht sich auf den Weg. Als er endlich die Küstenstraße erreicht, durchfährt ihn der nächste Schreck: Anstelle von Autos fahren Ochsenkarren auf der mit großen Steinen gepflasterten Straße, er hört überhaupt keinen Verkehrslärm, und wo sind die Strom- und Telefonleitungen und die in der Bucht von Neapel allgegenwärtigen Müllberge? Und die zahlreichen Menschen, die auf der Straße unterwegs sind, dürften alle auf dem Weg zu einem Kostümfest sein: Die Männer tragen kurze Kittel und die Frauen bodenlange Kleider. Einer von Zypressen gesäumten Nebenstraße folgend, erreicht er schließlich – jetzt schon ziemlich erschöpft – eine große Villa. Ein riesengroßer, muskulöser Mann öffnet das Tor und schaut ihn fragend an. In seinem besten Italienisch bittet Hans um ein Glas Wasser und um ein Telefon. Als Antwort bekommt er einen unfreundlich klingenden Wortschwall zu hören.

„Was ist eigentlich aus der italienischen Gastfreundschaft geworden?“, schreit Hans, mittlerweile ziemlich wütend geworden.

Als der Riese ihm das Tor vor der Nase zuschlagen will, drängt sich Hans blitzschnell an ihm vorbei und verlangt, den Hausherrn zu sprechen. Durch das Geschrei angelockt, versammeln sich auch andere Hausbewohner im Vorraum und reden in wirrem Kauderwelsch durcheinander.

Was für einen Dialekt reden die eigentlich?, sinniert Hans.

Als ein würdiger, in ein bodenlanges Gewand gehüllter Herr mit langem Rauschebart auf der Bildfläche erscheint, wenden sich die Hausbewohner von Hans ab und reden auf den Neuankömmling ein. Konzentriert lauscht Hans ihrem Gespräch, bis ihm endlich aufgeht, welche Sprache hier gesprochen wird – nämlich Latein! Aus den verborgensten Winkeln seines Gehirns kramt er seine mittelprächtigen Kenntnisse dieser Sprache hervor, die er sich im Laufe eines kurzen, weil frühzeitig abgebrochenen Studiums der Alten Geschichte angeeignet hatte. Nach endlos scheinendem Palaver nimmt der würdige Herr Hans an der Hand und führt ihn in einen kleinen Garten mit kunstvoll zugeschnittenen Buchsbäumen und Rosensträuchern und bedeutet ihm, auf einer Marmorbank Platz zu nehmen. Eine hübsche junge Frau bringt Oliven, Käse, Brot und stark mit Wasser verdünnten Wein.

Nachdem sich Hans gestärkt hat, stellt der würdige Herr sich vor: „Mein Name ist Philodemus. Ich bin ein Anhänger der Schule des Epikur und lebe als Philosoph im Haus des Imperators Lucius Licinius Lucullus. Darf ich fragen, wer du bist?“

„Ich heiße Hans. Auch ich bin eine Art Philosoph. Besonders interessiere ich mich für gutes Essen und Trinken.“

„Da bist du ja bei uns am richtigen Platz“, antwortet Philodemus lachend, „mein Patron ist berühmt für seine Tafel!“

Langsam dämmert es Hans, dass da irgendetwas nicht stimmt.

„Welches Jahr schreiben wir?“, fragt er.

„Das Konsulatsjahr des Lucius Julius Caesar und des...

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