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Macht Musik schlau?

Neue Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der kognitiven Psychologie.

AutorLutz Jäncke
VerlagHogrefe AG
Erscheinungsjahr2008
Seitenanzahl454 Seiten
ISBN9783456945750
FormatPDF/ePUB
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis32,99 EUR

Eine spannende Darstellung der neurowissenschaftlichen und kognitiven Grundlagen des Musizierens und Musikhörens. "Musik macht schlau" ist eine typische Pressemeldung, die dem Laien den Eindruck vermittelt, dass Musikhören und Musizieren das Lernen quasi auf geheimnisvolle Art und Weise verbessern würden. Allerdings sind die Wirkungen von Musik auf das Lernen viel differenzierter, als es diese einfachen Pressemeldungen glauben lassen. 

Erstmals werden im Rahmen dieses Buches die in den letzten 20 Jahren erzielten Befunde bzgl. der neurowissenschaftlichen und kognitiven Grundlagen des Musizierens und des Musikhörens dargestellt und bewertet. So werden neben dem berühmten "Mozart-Effekt" auch die aktuellen Längsschnitt- und Querschnittstudien besprochen, die sich mit den Zusammenhängen zwischen Musiktraining und schulischen Leistungen oder allgemeinen kognitiven Leistungen auseinandersetzten. 

Darüber hinaus werden auch Themen wie die Wirkung des passiven Musikhörens auf Lernen und Gedächtnis sowie das weite Feld der Musik und Emotionen erörtert. Einen besonderen Raum nimmt die Besprechung des Themas Musik und Gehirn ein, denn nur durch das Verständnis der hirnphysiologischen Grundlagen wird es möglich, auch die Wirkung von Musik auf andere Funktionen besser zu verstehen. Einen besonderen Schwerpunkt findet dieser Teil in der Besprechung der Hirnplastizität im Zusammenhang mit dem Musizieren und dem damit zusammenhängenden Training. 

Schließlich werden zwei wichtige und relativ neue Aspekte erörtert. Zunächst wird der neu entwickelte Zusammenhang zwischen Musik und Sprache mit seinen möglichen Auswirkungen auf klinisch-therapeutische Anwendungen besprochen. 

Abschließend werden mögliche Einsatzmöglichkeiten der Musik und des Musizierens im Zusammenhang mit dem Alter thematisiert. Gerade hier liegen interessante und bislang noch nicht intensiv erörterte Anwendungsmöglichkeiten der Musikausbildung verborgen.

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Kapitelübersicht
  1. Inhaltsverzeichnis und Vorwort
  2. Einleitung
  3. Der Mozart-Effekt – Beginn eines Mythos
  4. Längsschnittstudien
  5. Querschnittuntersuchungen
  6. Lernen und passives Musikhören
  7. Musik und Emotionen
  8. Wie verarbeitet das Gehirn Musik?
  9. Musik und Hemisphärenspezialisierung
  10. Wie produziert das Gehirn Musik?
  11. Verändert Musizieren das Gehirn?
  12. Musik und Sprache
  13. Musik und Alter
  14. Schlussfolgerungen
  15. Literatur
  16. Sachwort- und Personenregister
Leseprobe
9 Wie produziert das Gehirn Musik? (S. 307-308)

Die Frage, wie das Gehirn Musik produziert, ist in mehrerlei Hinsicht provokant. Zunächst einmal vermittelt diese Aussage, dass das Gehirn etwas Eigenständiges vom Menschen oder dem Selbst des Menschen Losgelöstes sei. Natürlich soll dieser Eindruck nicht erweckt werden. Wie im vorangegangenen Kapitel soll hier lediglich beschrieben werden, wo und wie im menschlichen Gehirn Musik «hergestellt» wird. Es wird also in diesem Kapitel eher der «produktive» Aspekt betont, während im vorangegangenen Kapitel eher der «perzeptive» Aspekt im Vordergrund stand. Ein weiterer, eher problematischer Aspekt dieser Aussage steckt in dem Wort «Produktion».

Dahinter verbergen sich vielfältige Prozesse, die von der einfachen Betätigung von Musikinstrumenten, zur Vorstellung von Musik bis hin zum kreativen Prozess des Erfindens von Musik, dem Komponieren, reichen. Diese ganze Palette von Prozessen können wir derzeit nicht ohne Weiteres, teilweise auch überhaupt nicht mit der Neurophysiologie, Neuroanatomie und Neuropsychologie in Verbindung bringen. Es sind allerdings einige, zuweilen zaghafte Interpretationsmöglichkeiten erlaubt, die ich auch im Rahmen dieses Kapitels besprechen werde. Ich werde auf die motorischen Aspekte der Musikproduktion eingehen.

Ich werde in diesem Zusammenhang nur allgemeine Funktionsprinzipien erläutern (für eine ausführliche Besprechung siehe Kap. 4). Man findet auch zusätzliche Informationen in dem empfehlenswerten Buch meiner Kollegen Eckart Altenmüller, Mario Wiesendanger und Jürg Kesselring (Altenmüller, Wiesendanger und Kesselring, 2006). Zu den kreativen Aspekten des Musikhörens können wir gegenwärtig nur wenig auf der Basis von seriösen Befunden mitteilen. Es sollten an dieser Stelle jedoch einige (zugegebenermaßen spekulative) Gedanken erlaubt sein. Aber, wenden wir uns zunächst dem motorischen Teil der Musikproduktion zu.

Musizieren ist ein sehr komplexer Prozess, der das Betätigen und Bedienen von Musikinstrumenten in mehr oder weniger unnatürlichen Macht Musik schlau? 308 Körperhaltungen beinhaltet. Man stelle sich nur die Körperhaltung und die Fingerbewegungen beim Geigenspiel vor, dann wird einem eindrücklich klar, was ich mit unnatürlicher Körperhaltung meine. Man denke in diesem Zusammenhang auch an die Druckstellen an Kinn und Hals, welche man nicht selten bei Geigern und Geigerinnen beobachten kann.

Auch die Hornhaut auf den Fingern ist ein typisches Zeichen intensiven Trainings, nicht selten gepaart mit Krämpfen in den Armen. Im schlimmsten Fall kann es sogar zum so genannten Musikerkrampf (fokale Dystonie) kommen, der nicht wenige Profimusiker quält und das Musizieren erschwert oder gar unmöglich macht. Wie auch immer, beim Musizieren müssen komplexe Handlungen erlernt und sinnvoll miteinander koordiniert werden, wobei diese Handlungen mit Rhythmen und Melodien gekoppelt sind, ja sie sogar erzeugen. Das bedeutet, dass die Motorik an zu erwartende Wahrnehmungen geknüpft und über einen längeren Zeitraum im Voraus geplant werden muss.

Der Musizierende muss sich außerdem beim Üben, aber auch bei der Aufführung über längere Zeiträume auf sein Instrument, das Musikstück und gegebenenfalls auf seine Mitspieler konzentrieren. Des Weiteren muss er das Musikstück kennen bzw. beherrschen und beim Lesen vom Blatt «verstehen». Das bedeutet, dass das Musizieren besondere Anforderungen an die motorische Kontrolle, die Planung und Sequenzierung, das Gedächtnis und die Aufmerksamkeit stellt. All das setzt ein nicht unerhebliches Ausmaß von Selbstdisziplin voraus. Insgesamt sind dies mindestens fünf große psychische Funktionsbereiche, die beim Musizieren effizient zusammenspielen müssen. Diesen Funktionsbereichen und den mit ihnen assoziierten Hirngebieten werde ich mich im Folgenden zuwenden.

9.1 Motorische Kontrolle

Beginnen wir mit den motorischen Anforderungen. Die Komplexität der geforderten Handlungen macht es notwendig, dass die Bewegungen hierarchisch organisiert sein müssen. Das bedeutet, dass der gesamte Bewegungsablauf in Gruppen von Teilbewegungen organisiert ist.
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis und Vorwort6
Einleitung12
Von Kognitionen, psychischen Funktionen und Genen14
Transfer15
Wunderwelt der Neuroanatomie und Bildgebung17
Von Zeitschriften und Büchern19
Die Geschichte dieses Buches21
Abschlieflende Bemerkungen22
Der Mozart-Effekt – Beginn eines Mythos24
Der Beginn25
Die Folgen34
Replikationsversuche36
Weiterführende Experimente46
Der Einfluss der Stimmung und der Musikpräferenz51
Zusammenfassung und kritische Würdigung58
Längsschnittstudien60
Allgemeines60
Internationale Längsschnittuntersuchungen62
Deutschsprachige Längsschnittstudien75
Zusammenfassung und kritische Würdigung91
Querschnittuntersuchungen96
Musik und Gedächtnis97
Musikgedächtnis106
Visuell-räumliche Leistungen114
Rechenleistungen139
Spielen vom Notenblatt148
Motorische Leistungen151
Musikwahrnehmung158
Musiker und Nichtmusiker193
Zusammenfassung und kritische Würdigung195
Lernen und passives Musikhören198
Suggestopädie202
Ergebnisse aus dem Journal of the Society for Accelerative Learning and Teaching208
Ergebnisse aus Zeitschriften, die von Fachleuten begutachtet werden211
Zusammenfassung und kritische Würdigung234
Musik und Emotionen238
Preparedness241
Wir mögen, was wir häufig hören247
Heute «hü» morgen «hott» – wechselnde emotionale Musikwirkungen250
Hirnaktivität und emotionale Musik259
Emotionen bei Profimusikern272
Zusammenfassung und kritische Würdigung275
Wie verarbeitet das Gehirn Musik?278
Zusammenfassung293
Musik und Hemisphärenspezialisierung296
Amusie301
Amusien bei Musikern303
Zusammenfassung305
Wie produziert das Gehirn Musik?308
Motorische Kontrolle309
Sequenzierung312
Gedächtnis315
Aufmerksamkeit316
Musizieren – Kreativität318
Zusammenfassung und kritische Würdigung326
Verändert Musizieren das Gehirn?328
Wiederholen ist die Mutter des Lernens330
Expertise – Üben, Üben, Üben335
Gehirne wie Knetmasse336
Reifung und Hirnplastizität348
Plastizität nicht nur bei Musikern350
Zusammenfassung356
Musik und Sprache358
Funktionen und Module360
Von Tönen und Sprache362
Fremdsprachen und Musik366
Syntax und Semantik368
Klingt Musik französisch, deutsch oder englisch?376
Musik und Lesen377
Musik und Sprachstörungen382
Zusammenfassung388
Musik und Alter392
Zusammenfassung400
Schlussfolgerungen402
Macht das Hören von Mozart-Musik schlau?403
Hat Musikunterricht einen günstigen Einfluss auf Schulleistungen und kognitive Funktionen?404
Worin unterscheiden sich Musiker von Nichtmusikern?405
Lernt man besser, wenn man gleichzeitig Musik hört?406
Beeinflusst Musik die Emotionen?408
Wird Musik in bestimmten Hirngebieten verarbeitet?409
Wie produziert das Gehirn Musik?410
Verändert Musizieren das Gehirn?411
Besteht ein Zusammenhang zwischen Musik und Sprache?412
Ist es gut, wenn man im fortgeschrittenen Alter musiziert?413
Soll man in der Schule musizieren?414
Literatur418
Sachwort- und Personenregister434

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