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E-Book

Magie der Couch

Bilder und Gespräche über Raum und Setting in der Psychoanalyse

AutorClaudia Guderian
VerlagKohlhammer Verlag
Erscheinungsjahr2004
Seitenanzahl188 Seiten
ISBN9783170295353
FormatPDF/ePUB
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis34,99 EUR
Sigmund Freuds berühmte Couch mit dem Sessel daneben - fast jeder kennt dieses Ensemble. Es steht im Freud Museum in London, aber es ist auch das Symbol für die psychoanalytische Arbeit schlechthin. Wie aber haben sich seine Nachfolger im Psychoanalytikersessel die Praxen eingerichtet? Was ist aus dem 'Couch-Setting' im jetzigen Alltag der Psychoanalytiker geworden? Wie sehen Praxen heute aus? Um diese Frage wehte bislang die Aura des Geheimnisvollen. Claudia Guderian hat zum ersten Mal in zahlreichen Ländern in und außerhalb Europas die Couch-Settings in Psychoanalytikerpraxen photographiert und mit den Analytikern über ihre Einrichtungskonzepte gesprochen. Vorbilder für die Gestaltung der Räume sind einerseits das Setting von Sigmund Freud, andererseits das prägende Praxisbild des Lehranalytikers. Viele Analytiker richten ihre Räume auch mit Erinnerungsstücken an eigene Vorfahren ein und bieten ihren Analysanden nicht nur ausgesuchte alte, neue oder Designercouchen an. Alle Analytiker verwenden viel Sorgfalt auf die Gestaltung ihres Settings, denn es steht in dem Raum, in den sie den Analysanden aufnehmen, um ihm dort jenen geheimnisvollen Zutritt zum eigenen Ich zu ermöglichen, den er oder sie allein nicht finden kann. Insofern sind es die letzten 'magischen' Räume des 21. Jahrhunderts. Das Buch ist zugleich Chronik, interessierter Blick in die therapeutische Intimsphäre und Einrichtungshilfe für junge Psychoanalytiker.

Die Autorin und Photographin Dr. Claudia Guderian bearbeitet nach dem Studium der Psychologie, Philosophie und Soziologie als Journalistin und freie Autorin psychoanalytische Themen für Rundfunk und Verlage. Sie promovierte über 'Die Couch in der Psychoanalyse. Geschichte und Gegenwart von Setting und Raum' an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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Leseprobe

Einleitung


Dieses Buch bricht mit einer Konvention. Indem es sich in Bildern und Texten die stoffliche Beschaffenheit von psychoanalytischen Behandlungsräumen zum Thema macht, berührt es eines der größten Tabus in der Psychoanalyse. Die rational vorgetragenen Gründe für die Geheimhaltung des psychoanalytischen Settings sind bei genauer Überprüfung von zweifelhafter Statik. "Dies ist ein intimer Raum, über den keine Informationen an die Öffentlichkeit gelangen sollten", lautet einer der häufig vorgetragenen Sätze von betroffenen Psychoanalytiker Ein wenig überzeugendes Argument im Munde von Vertretern einer Wissenschaft, die jeden Winkel menschlichen Wollens, bewussten wie unbewussten, zum Gegenstand ihrer Nachforschungen gemacht hat, und dabei die Erforschung des intimsten menschlichen Raumes, seiner Seele, in den Mittelpunkt der Arbeit stellt. "Die Patienten, die selbst auf dieser Couch gelegen haben, könnten beim Anblick der Photographie ihres Raumes erschrecken", lautet ein weiteres Argument. Dieses "Erschrecken" findet tatsächlich statt. Wenn die Dyade aus Analysand und Analytiker im stofflich verfügbaren Bild plötzlich eine Triangulierung erfährt, bleibt es nicht ohne Einfluss auf den analytischen Prozess. Wer seine eigene Analysecouch in diesem Buch wiedersieht, ist häufig unerklärlich berührt und erfährt, welche Turbulenzen der bloße Anblick seiner Couch im nichtsprachlichen Bereich anrichtet. Ist es das Gewahrwerden, die vermeintliche exklusive Intimität im Setting nur "geleast" zu haben? Ist es das schiere Verwundern, ein Bild, das man als exquisit eigenes mit sich herumzutragen dachte, nun aus dem Blick fremder Augen reproduziert zu bekommen? Ist es das Unerhörte, sprachlos Machende, beim Anblick eines noch nie Gesehenen? Ist es die Wut auf die Anmaßung der Photographin, die etwas, das man eigen und einzigartig wähnte, "schamlos" reproduziert? Oder mischen sich in diese Gefühle neue Übertragungen, die auch der Psychoanalyse selbst neue Impulse geben könnten? Wenn dieses Erschrecken stattfindet, gehört es auch in den analytischen Prozess. Er wird es gewiss überstehen.

Der analytische Raum ist mehr als ein Raum

Die Auseinandersetzu der Psychoanalyse mit dem real Sichtbaren in der Psychoanalyse sowie mit den Möglichkeiten einer allgemein akzeptablen Einbeziehung optischer Elemente steht in unserer visuell dominierten Welt noch auf einer erstaunlich archaischen Stufe.

Seit Jahrtausenden verbietet die jüdische und die islamische Sakralkultur die Abbildung von Gott als Menschen, ja: von Gott und Mensch. Gott ist heilig, Gott ist größer als menschliche Vorstellungskraft, und mithin menschliche Bildmetaphern, ermessen können. Dieses Gebot gilt noch heute, und hat auch im Christentum und der Psychoanalyse seine Spuren hinterlassen. Denn dem, was heilig ist und größer als das eigene Begreifen, kann folglich auch nicht mit dem einfachen Bild Genüge getan werden. Nun ist der analytische Raum nicht der Analytiker selbst und dieser nicht Gott. Und auch das menschliche Unbewusste ist nicht identisch mit dem, was jüdischchristliche Religionen als das Göttliche bestimmen. Aber an den Randbereichen verwischen sich dennoch die Grenzen. Im ebenfalls archaischen Erleben während des psychoanalytischen Prozesses verschwimmen die Grenzen zwischen analytischem Raum und Analytiker selbst (Guderian 2004), und der Analyseraum, ja sogar die Couch selbst, kann quasi zum intrauterinen Lebensraum des Analysanden werden, für den – während des analytischen Prozesses –keine Differenzierung möglich ist. Insofern werden Raum und Analytiker subjektiv doch identisch. Und auch das Überspringen des göttlichen Funkens, das Einhauchen des Seelenlebens, das zum-Leben-Erwecken für das Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle mit seinem Fresko von der Erschaffung Adams eine prägende Bildsprache erfunden hat, findet im psychoanalytischen Prozess statt wie die Berührung Adams durch Gott, der aus dem verstörten, seelenlosen Kerl einen Menschen schafft, den Menschen schlechthin, adam, wie das hebräische Wort für Mensch lautet. Dieses Motiv Michelangelos wirkt als vermeintlich neue Bildmetapher für die göttlichen Berührung bis in unsere Tage fort, etwa als Zentralbild des Außerirdischen E.T., den sich der Regisseur Stephen Spielberg 1984 erdachte, und bis in seine mannigfaltige Reproduktion als Startsymbol auf dem Display von Nokia-Mobiltelefonen.

Daraus wird deutlich: Der analytische Raum ist mehr als nur ein neutraler Behälter. Was aber macht seine besondere Qualität aus? Das ist sein Geheimnis. Ihm haften Elemente an, die mit unserem herkömmlichen Wissenschaftsverständnis nicht unstrittig zu benennen sind. Er ist auf eine rätselhafte Weise identisch mit dem Analytiker selbst. Diese Identität verstößt gegen ein logisches Gesetz: denn der Raum ist zugleich identisch und nicht identisch mit dem Analytiker. Er wird in unterschiedliche Bewusstseinsstadien erlebt und ist in den unterschiedliche Bewusstseinsstadien auch ein anderer; dieses Erleben jedoch ist real und Grundlage des analytischen Prozesses.

Der Raum ist auch ein göttlicher Raum. Denn der Mensch, der ihn in der Hoffnung auf Veränderung seines ihm selbst unzugänglichen Inneren betritt, hat den Kontakt zu seiner göttlichen Funktion, wie die Stoiker sagen würden, verloren. Es ist die Aufgabe des Psychoanalytiker die innere Lebendigkeit und das Gewahrwerden einer eigenen produktiven und verantwortungsvo genutzten Ich-Funktion beim Analysanden hervorzurufen und so zu stärken, dass sie letztendlich keiner externen Bestätigung mehr bedarf. Insofern wird der tierhafte, triebhafte, von einem ihm selbst rätselhaften Wollen umgetriebene Mensch im Analyseraum gleichsam zum göttlichen Menschen, der in einer lebendigen Verbindung zur gesamten Schöpfung steht.

Darf es angesichts einer solchen Bedeutung noch verwundern, wenn die Konfrontation mit dem Bildnis des eigenen Analyseraums verstörend wirkt?

Die präödipale Bildästhetik des Möbelkatalogs

Doch ist es möglich, aus dem verstörenden auch ein bereicherndes Erlebnis zu gestalten. Dazu ist die Entwicklung einer psychoanalytischen Ästhetik notwendig.

Die gesellschaftlich dominante Ästhetik ist eine ins Präverbale, archaisch-Bildliche gedrängte Form oral-gieriger Enteignungswünsche Der Voyeur schaut nur, um dem Betrachteten etwas wegzunehmen. Er besieht die Blöße des anderen. Das mag eine ökonomische Blöße sein –dann vermag sich der Voyeur seines eigenen vermeintlichen Reichtums zu freuen, am Glanz des Betrachteten verschmelzend teilzunehmen oder den Fall eines ehemals Bewunderten schadenfroh zu begleiten. Es mag eine gesellschaftlich Blöße sein –dann dominiert die Häme über die entdeckte Ungeschicklichkeit und der Triumph über die vorteilhafte eigene Position –, oder es mag eine körperliche Blöße sein –dann verschafft er sich selbst Lust in der Aneignung eines als privat und intim geglaubten Ereignisses, das er verschmelzend betrachtet ohne das Risiko eines persönlichen Scheiterns beim Versuch, eine individuelle Befriedigungslösung zu erarbeiten. Diese Ästhetik dominiert in den als Informationsleistung angebotenen Handelsprodukten in Zeitungs- und Fernsehbildern, elektronischen und Printmedien. Auch ein Möbelkatalog wird mit der impliziten ästhetischen Theorie erstellt und vertrieben, dass hier eine Ware erspäht worden sei, die für den eigenen Raum eine unschätzbare Bereicherung darstellen würde, besäße man sie nur. Die Möbel werden folglich so geformt, aufgebaut und photographiert, dass sie einem weitgehend standardisierten Konsens über das, was "schön" sei, entsprechen, und so weit entpersönlicht, dass eine möglichst große Zahl von Betrachtern ihre Ich-Funktion eines potentiellen Besitzers aktivieren kann. Dass es sich um die Vorstellung toter Räume handelt, die niemals belebt waren und niemals belebt werden sollten, Betten, in denen nie jemand geschlafen hat, Tische, an denen niemand eine Mahlzeit eingenommen hat, Küchen, in denen niemals eine einzige Kartoffel geschält wurde – was man schon den häufig absurden bereitgestellten Utensilien ansehen kann –, und Schreibtische, an denen nicht ein einziger Gedanke zu Papier gebracht wurde, diese Tatsache wird geflissentlich ausgeblendet im Hinblick auf den höheren Zweck, dass es sich ja um die Abbildung allgemein verwendbarer Möbel handele, denen man gegebenenfalls das eigene Leben einhauchen werde. Und noch ein anderes Wissen wird dabei verdrängt: dass diese Ware ihren vordringlichen Daseinszweck, nämlich ihre Verwandlung in ein Objekt von Wert, der höher ist als der Wert seiner Beschaffung, tunlichst zu verbergen sucht. So gleicht der Möbelkatalog einer Inszenierung, in der ein hoher Gebrauchswert von Möbeln suggeriert wird, inklusive eines damit verbundenen höheren Sozialstatus, der real nicht existiert. Von dieser präödipalen Ästhetik sind wir alle geprägt, auch wenn das Verhalten im Einzelnen zumeist reifer ist. Das Abbild eines Raumes dient also dazu, ihn den oral-optisch vernichtenden Blicken einer gierigen Betrachtermeute auszusetzen, die ihrerseits bestenfalls einen Obolus entrichtet und mit diesem conscience money die Entfesselung und Befriedigung ihrer triebhaften Wünsche für angemessen und gesamtgesellschaftlich ausgeglichen hält.

Wilhelm Grimms Arbeitszimmer 1869. Aquarellierte Zeichnung von Moritz von Hoffmann.

Ist es nun noch erstaunlich, wenn verantwortungsvolle Psychoanalytiker ohne weitere Begründung die Ausstellung ihres Raumes in einem katalogähnlichen Werk nicht wünschen? Wohl kaum.

Psychoanalytische Bildästhetik

Doch mag dies ein Anlass sein, sich auf eine andere...

Blick ins Buch

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