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E-Book

Martha Argerich

Die Löwin am Klavier

AutorOlivier Bellamy
VerlagEdition Elke Heidenreich
Erscheinungsjahr2011
Seitenanzahl288 Seiten
ISBN9783641057022
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
Die weltweit erste und autorisierte Biografie der Klavier-Legende Martha Argerich
Für Joachim Kaiser zählt sie zu den »interessantesten Klavierspielern der Welt«, andere gaben ihr die Beinamen: »Argentinischer Wirbelsturm« oder »Löwin am Klavier«. Unbestritten gehört die unkonventionelle und geheimnisvolle Martha Argerich zu den ganz wenigen Frauen an der Weltspitze ihrer Zunft. Olivier Bellamy gelang es, die publicityscheue Pianistin zur Mitwirkung an der Entstehung ihrer Biografie zu bewegen. Er erzählt von ihrer Kindheit in Buenos Aires über ihre Klavierausbildung bei Friedrich Gulda bis zu ihren strahlenden Siegen bei den großen Wettbewerben. Mit viel Einfühlungsvermögen schildert Bellamy ihre beruflichen Erfolge und persönlichen Niederlagen, komplizierte Liebesbeziehungen und lebenslange Freundschaften, die Schwierigkeit, Familienleben mit einer Weltkarriere zu vereinen, und die Angst vor dem Versagen, die sie immer wieder dazu bewegt, Konzerte platzen zu lassen.
Olivier Bellamy ist einer der kompetentesten französischen Musikjournalisten. Er hat in enger Zusammenarbeit mit Martha Argerich dieses Buch geschrieben.


Olivier Bellamy wurde 1961 in Marseille geboren. Er ist Korrespondent für Classica, vormals Le Monde de la Musique und Redakteur bei Le Parisien. Er moderiert eine tägliche Radiosendung auf Radio Classique, in der bekannte Persönlichkeiten über ihre Liebe zur Musik sprechen. Bellamy schafft es, Autoren, Politiker, Schauspieler oder Musiker zu bewegenden Einblicken anzuregen. Er ist Autor zahlreicher Fernsehdokumentationen über musikalische Themen, beispielsweise über Pierre Boulez oder die Sängerin Renata Scotto, und ein begeisterter Klavierspieler. Seine Biografie über Martha Argerich wird derzeit in fünf Sprachen übersetzt.

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Leseprobe

Buenos Aires


Kindergarten


In der Welt der klassischen Musik ist sie Martha, ganz einfach, und jeder weiß, um wen es sich handelt. Man ruft sie bloß bei ihrem Vornamen, wie man es bei Göttinnen tut, bei Kindern, Heiligen oder auch bei Freudenmädchen. Als sie klein war, hörte sie lieber auf »Margarita« – vielleicht weil sie intuitiv nach einer Möglichkeit suchte, jenem Schicksal zu entrinnen, das sie viel zu schnell erwachsen werden ließ.

Marthita oder Martula, wie ihre Freunde sie nannten, heißt in Wirklichkeit María Martha. Im Evangelium nach Lukas kehrte Jesus bei den beiden Schwestern Martha und Maria ein. Während Maria seinen Reden lauschte, beeilte sich Martha, ihm einen angenehmen Empfang zu bereiten. Erstere wurde von etwas
Höherem geleitet, von einer Art göttlichen Eingebung. Die andere handelte schlicht menschlich; sie vergeudete ihre Kräfte, wollte einfach nur leben.

Ohne ihre Mutter wäre aus Martha wahrscheinlich nie eine Virtuosin geworden. Die Mutter hat die Tochter – hartnäckig und zäh, wie sie war – zum Gipfel geführt. Aber die Pianistin verdankt auch ihrem Vater viel. Er war derjenige, der ihre Fantasie nährte, indem er ihr Geschichten erzählte. Er lehrte sie »die Lust am Risiko«, indem er sie an beiden Unterarmen haltend über einen Abgrund hob. Nicht einen Funken Angst hatte sie
da.

Es dürfte auf der ganzen Welt nur eine einzige Familie Argerich geben, deren Wurzeln sowohl kroatisch als auch katalanisch sind. Tatsächlich gibt es in Kroatien ein Dorf, das Argeric heißt. Und wenn Martha in Barcelona auftritt, kommt nach dem Konzert fast immer irgendein Argerich auf sie zu, den sie nie zuvor gesehen hat, der aber steif und fest behauptet, mit ihr verwandt zu sein. Solche Situationen sind keine Seltenheit in Argentinien, wo die Bevölkerung in der Mehrzahl europäische Wurzeln hat, mit einem stark italienischen Überhang. In Südamerika wird gern der Spruch zitiert: »Wenn die Vorfahren der Mexikaner die Azteken und die der Peruaner die Inkas sind, so stammen die Argentinier von blinden Passagieren ab.«

In Buenos Aires gibt es sogar zwei Krankenhäuser, die ihren Nachnamen tragen. Ein gewisser Cosme Argerich war der Leibarzt von General Belgrano, der 1810 das argentinische Volk vom Joch der spanischen Besatzer befreite. Der Gründer der Academia de Medicina in Buenos Aires hatte große Pläne. War diese mutmaßliche Verwandtschaft mit einer so positiv besetzten Gestalt der Grund dafür, dass Martha Argerich schon in jungen Jahren den Wunsch verspürte, Ärztin zu werden? Sie ist nicht die Einzige unter den Musikern, die zwischen diesen beiden Professionen schwankte, die so nah beieinanderliegen: Der Arzt kuriert die Leiden des menschlichen Körpers, der Musiker gibt der Seele Trost und Frieden. Der Pianist Arturo Benedetti Michelangeli hat die Kunst des Hippokrates studiert und hätte sie auch ausüben können. Alfred Cortot verschrieb sich zunächst ebenfalls einer medizinischen Karriere, bevor er sich ganz der Musik zuwandte. »Vielleicht habe ich mir durch mein Interesse am Abhorchen des menschlichen Körpers angewöhnt, auch bei musikalischen Werken ganz genau hinzuhören«, bemerkte er einst. In Marcel Prousts berühmtem Fragebogen erwiderte die argentinische Pianistin auf die Frage »Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?«: »Die Kunst des Heilens«. In der Tat haben Arzt und Musiker den Forscherdrang und das Bedürfnis gemeinsam, ihresgleichen zu helfen. Wahrscheinlich ein Erbe aus längst vergangenen Zeiten, als die Magier Krankheiten noch mit Liedern heilten, die in Gestalt und Harmonik ganz der jeweiligen Sym-
ptomatik angepasst wurden.

Martha Argerich wurde am 5. Juni 1941 im Zeichen des Zwillings in Buenos Aires geboren. Auch der vielseitige Igor Strawinsky, der zarte Jacques Demy und der düstere Federico García Lorca erblickten an einem 5. Juni das Licht der Welt.

Was ihr Äußeres betrifft, so hat Martha Argerich durchaus Ähnlichkeit mit einer Indianerin, und tatsächlich wird in der Familie gemunkelt, es habe auf väterlicher Seite in der Vergangenheit die eine oder andere Liebelei zwischen Herrschaft und Personal gegeben. Aber genauso gut ist es möglich, dass ihr stets hilfsbereiter und empathischer Charakter sie einfach nur dazu veranlasst hat, sich mit diesem wohl am meisten benachteiligten Teil des argentinischen Volkes zu identifizieren.

Wenn die Vernunft das Leben bestimmen würde, dann hätten die Eltern von Martha Argerich einander nie begegnen dürfen, so diametral entgegengesetzt waren ihre Persönlichkeiten. Jeweils Anführer der gegnerischen Studentenpartei an der Universität, begannen Juanita und Juan Manuel ihre Beziehung als Kontrahenten und hörten auch nie auf zu streiten. Sie war Sozialistin, er Liberaler. Sie war die geborene Feministin, er war vor allem ein typischer Macho. Eines Tages gab es während einer öffentlichen Veranstaltung ein echtes Zerwürfnis zwischen ihnen – am Abend hielt er um die Hand seiner Widersacherin an. Zweifellos war dies das einzige Mal, dass sie bedingungslos »Ja« zueinander sagten. Die Hochzeit wurde am 23. November 1939 gefeiert. Sie war neunzehn Jahre alt, er dreißig. Ihre Wohnung lag in der Avenida Coronel Díaz im barrio Palermo, einem Mittelklassewohnviertel im Nordwesten von Buenos Aires, das über viele Annehmlichkeiten verfügte. Palermos charmantes Straßenbild prägen niedrige Gebäude in allen möglichen Farben und Baustilen, und es gibt eine Reihe von Grünflächen, die von dem Franzosen Charles Thays angelegt wurden.

Juan Manuel Argerich war kein einfacher Charakter. Aus diesem Grunde wurde er auch »Tyrano« genannt. Und weil er den gleichen Vornamen trug wie Juan Manuel de Rosas, ein argentinischer caudillo des neunzehnten Jahrhunderts, der sich selbst als »Tyrann« bezeichnet hatte, bevor er aus dem Land gejagt wurde. Juan Manuel verdiente seinen Lebensunterhalt als Dozent für Wirtschaft und hin und wieder auch als Buchhalter, aber er spielte lieber mit seiner Tochter, als ins Büro zu gehen. Manchmal nahm er sie einfach zur Arbeit mit. An dem Tag, an dem ihm sein Vorgesetzter deswegen Vorhaltungen machte, kündigte er. Er war ein freier Geist, nicht sehr konsequent, aber umso lebensfroher. Er schrieb Gedichte, malte, sang, spielte
Gitarre, führte philosophische Gespräche … Er hatte mit so viel Begeisterung Dostojewski und Tolstoi gelesen, dass er von den beiden Dichtern sprach, als wäre er ihnen persönlich begegnet. Mit einer unglaublichen Fantasie begabt, hatte er stets jede Menge Geschichten zu erzählen, in denen er Echtes und Erfundenes miteinander vermengte, ohne dass es irgendjemandem auffiel. Wegen seines Erzähltalents wurde er auch »pico de oro«, »Goldschnabel«, genannt – er, der als Kind gestottert hatte! Seine lockere Art und sein Charme hatten ihm zahlreiche Affären beschert und konsequenterweise ständig Streit und hässliche Szenen am heimischen Herd. Martha litt sehr unter diesen Familienkrächen, die vermutlich auch ihr späteres Verhältnis zu Männern prägten. Auf der Suche nach Partnerschaften, die Parallelverhältnisse durchaus nicht ausschlossen, hat sie nie wirklich an die Liebesschwüre ihrer Verehrer geglaubt und der Paarbeziehung stets misstraut.

Juan Manuel hatte ein besonderes Faible für kleine Kinder. Wenn sie dann größer wurden, interessierten sie ihn meist nicht mehr so sehr. Er war derjenige, der seiner Tochter das Laufen beibrachte und der sie abends in die Badewanne steckte. Sie kann sich noch gut daran erinnern, dass er sie manchmal mitten in der Nacht aufweckte, wenn er von seinen Kneipentouren heimkam, um ihr Geschichten zu erzählen, während er Tomaten mit Zwiebeln zubereitete, die sie dann gemeinsam von einem Teller verzehrten.

Juanita war das genaue Gegenteil ihres Mannes. Er war der Müßiggänger, der Verführer mit den zahlreichen Talenten, sie war das Arbeitstier, mit einem eisernen Willen ausgestattet und keineswegs darauf bedacht, anderen zu gefallen. Es gab Zeiten, da hatte Juanita drei Jobs gleichzeitig, während Juan Manuel fröhlich in den Tag hinein lebte.

Vermutlich hat Juanita nie einen anderen Mann als den ihren näher kennengelernt. Alles, was eine gewisse Zweideutigkeit besaß, ging völlig an ihr vorbei. Witze und sexuelle Anspielungen verstand sie nicht. Morgens vor dem Spiegel kämmte sie immer nur die vordere Partie ihres Haarschopfs – nie die hintere –, was ihr ein gleichermaßen schauriges wie komisches Aussehen verlieh. Möglicherweise auch als Folge ihrer einsamen Kindheit hatte sie etwas Kauziges an sich und war sehr zerstreut.

Juanita war auf die Welt gekommen, um Berge zu versetzen und Meere zu teilen. Fast schon eine fanatische Sozialistin, wurde sie von einem Gerechtigkeitssinn geleitet, der keine Ausnahmen gestattete. Wenn diese außergewöhnliche Frau sich in den Kopf gesetzt hatte, jemandem zu helfen, dann ließ sie sich durch nichts aufhalten. Wurde ein Visum benötigt, rief sie, wenn es sein musste, hundertmal in der Botschaft an, bedrängte das diplomatische Personal, setzte Himmel und Hölle in Bewegung. Wenn man ihr die Tür vor der Nase zuknallte, kletterte sie durchs Fenster, im Bewusstsein ihres guten Rechtes und zu Tode beleidigt, wenn man sie in ihre Schranken verwies. Sie war so überzeugt von ihrer Mission und so kämpferisch, dass sie ihre Ziele immer erreichte. Mürbe gemacht, gestand man ihr zu, was sie wollte, sowohl um sie loszuwerden als auch vor ihrer unerschöpflichen Energie kapitulierend. Juanita hatte vor nichts und niemandem Angst. Die...

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