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E-Book

Masel tov

Meine ungewöhnliche Freundschaft mit einer jüdisch-orthodoxen Familie

AutorJ. S. Margot
VerlagPiper Verlag
Erscheinungsjahr2019
Seitenanzahl336 Seiten
ISBN9783492993586
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Sechs Jahre lang begleitet Margot Vanderstraeten die Kinder der jüdisch-orthodoxen Familie Schneider: Sie gibt Nachhilfestunden und Radfahrunterricht und tröstet in Krisensituationen. Besonders durch den engen Kontakt zu Tochter Elzira und Sohn Jakov bekommt Margot so immer tiefere Einblicke in eine verschlossene Welt, deren strengen Gebote und jahrhundertealte Traditionen die Studentin faszinieren und befremden. Auch als die Kinder das Elternhaus verlassen, bleibt Margot der Familie tief verbunden. In diesem Buch erzählt sie die Geschichte dieser besonderen und manchmal auch schwierigen Verbindung - und liefert so ein Plädoyer für Offenheit und Toleranz, das in Zeiten von zunehmendem Antisemitismus und Fremdenhass wichtiger ist denn je.

J. S. Margot ist das Pseudonym der belgischen Autorin Margot Vanderstraeten. Sie studierte in den 90er-Jahren Französisch und Spanisch in Antwerpen und ist seitdem als Journalistin und Buchautorin tätig. Vanderstraeten hat bereits zahlreiche erfolgreiche Romane veröffentlicht. 'Masel tov' ist in Belgien und den Niederlanden ein großer Bestseller und das Lieblingsbuch von Königin Mathilde.

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Leseprobe

Vier


Die erste halbe Stunde saß ich Mijnheer Schneider in einem Raum gegenüber, der »Arbeitszimmer« genannt wurde. Er befand sich am hinteren Ende des Erdgeschosses, gleich nach dem Lift.

Ein Lift! Nie hätte ich gedacht, dass es solchen Luxus gab. Dass in dieser Stadt Leute wohnten, Leute ohne körperliche Einschränkungen, die sich einen Lift einbauen ließen!

Die dicke weiße Auslegeware, in der meine Füße regelrecht versanken, beeindruckte mich sehr. Meine Mutter bevorzugte Fliesen: Kippte man einen Eimer Seifenwasser darüber, waren sie im Nu sauber geschrubbt. In diesem Haus hatte man den Eingangsbereich mit hochflorigem weißem Teppich ausgelegt.

An einer Flurwand flimmerten Videoaufnahmen: die Straße aus verschiedenen Blickwinkeln.

Ein nur verschwommen erkennbarer Passant lief vorbei. Jemand warf Werbung in die Briefkästen.

Im Arbeitszimmer standen ein Schreibtisch und ein Regal, bei dem nur in einem Fach Bücher einsortiert waren. Die Grammatik der Gebrüder Bescherelle und das Französisch-Wörterbuch Petit Robert erkannte ich auf Anhieb am jeweiligen Einband. Die anderen Titel waren hebräische Werke, heilige Texte vermutlich, denn so sahen sie zumindest aus: dicke, in Leder gebundene Wälzer voller goldener Lettern und Schnörkel auf dem Buchrücken.

Die bodentiefen Fenster gingen auf den Garten hinaus, dessen Blickfang ein Teich mit Brücke war – und das mitten in der Stadt! Am Ende der großen Marmorterrasse befand sich ein Basketballständer mit Korb, und ein Stück weiter weg hing eine Schaukel an einem knallrot lackierten Gestell. Der Rasen war perfekt gepflegt: grüne, frisch gemähte Halme.

Wie sich herausstellte, war Mijnheer Schneider ein hochgewachsener, schlanker Mann. Er trug einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd und ein dunkelblaues Scheitelkäppchen. Er hatte keine Schläfenlocken, und sein dichter, schwarzgrau melierter Bart hing ihm nicht wie ein Lätzchen auf die Brust, sondern bedeckte gerade einmal wie Flaum die Haut.

Mijnheer Schneider verfügte über eine kräftige Stimme, und sein Niederländisch hatte keinen so starken französischen Akzent wie das seiner Frau. Er erinnerte mich ein wenig an meinen Vater – nur in jüdischer Ausführung und mit tiefen Falten auf der Stirn und um die Augen. Es gibt Menschen, die niemals rosige Wangen haben. Dazu schien auch Mijnheer Schneider zu gehören. Sein Teint wirkte so, als wäre er stets aschfahl. Nur der seinen Mund einrahmende Vollbart verlieh seinem Gesicht etwas Farbe.

»Wollen wir es bei diesem einen Mal belassen?«, sagte Mijnheer Schneider, nachdem wir uns die Hand gegeben hatten. Ich verstand nicht, was er meinte. Er zog sein Jackett aus und hängte es sorgfältig über seinen Stuhl, achtete peinlich genau darauf, dass die Schultern auf den Ecken der Rückenlehne ruhten. Dann bat er mich, Platz zu nehmen.

»Wenn Sie mir die Hand geben, schlage ich ein, mein Fräulein«, erklärte er, als hätte er meine Verwirrung bemerkt. »Weil ich Sie und Ihre Sitten und Gebräuche respektiere, nicht wahr. Aber sicherheitshalber geben wir orthodoxen Juden Frauen nicht die Hand. Das hat etwas mit Reinheit und so zu tun, führt jetzt aber an dieser Stelle zu weit. Es wäre schön, wenn Sie unseren Brauch respektieren würden.«

Ich lächelte ihn an. Ziemlich dämlich vermutlich. Ich warf einen Blick auf meine Rechte und überlegte, was daran unrein sein konnte. Zugegebenermaßen waren meine Finger mit Tipp-Ex beschmiert.

In einem tiefen Fach des Bücherregals lag umgeben von drei runden Pappschachteln ein schwarzer Hut mit einer breiten, steifen Krempe. Ich hatte erst kürzlich auf dem Flohmarkt eine ganz ähnliche Schachtel von Borsalino erstanden: Darin bewahrte ich die gesamte Korrespondenz meines bisherigen Lebens auf.

Mijnheer Schneider hielt mir einen Monolog. Pausen, in denen ich zu Wort kommen konnte, gab es keine, und wenn ich versuchte, ihm eine Frage zu stellen, ließ er die Unterbrechung geschehen wie ein Politiker in einer Talkshow: Gleich darauf sprach er ungerührt weiter.

»Ich habe vier fantastische Kinder«, sagte er, »zwei vorbildliche Söhne und zwei ebenso vorbildliche Töchter. Sie sind logicherweise alle sehr unterschiedlich, und ich werde versuchen, Ihnen das etwas näher zu erklären.

Bitte nicht!, dachte ich. Ich hasse vorbildliche Kinder, hab mich noch nie mit ihnen anfreunden können und die meisten schon von Weitem erkannt, ihnen ihre Vorbildlichkeit bereits an den Schuhen angesehen, daran, wie sie gingen und schauten: Das Ausmaß ihrer Vorbildlichkeit ließ sich an der Kinnhaltung ablesen.

»Simon, unser Ältester«, hob Mijnheer Schneider an, »ist jetzt sechzehn. Er kommt nach seiner Mutter, meiner Gattin – charakterlich, meine ich. Er ist sanftmütig, aber auch unnachgiebig, wenn Sie verstehen, was ich meine. Sie werden es schon noch begreifen, wenn Sie meine Gattin kennenlernen. Er kann hart arbeiten und schweigt lieber, als zu reden, genau so ist er, aber Sie dürfen ihn nicht unterschätzen. Er hat das Herz auf dem rechten Fleck und ist nicht auf den Mund gefallen.«

Genau so drückte er sich aus, und ich musste unwillkürlich lächeln.

»Wenn Simon den Mund aufmacht, mein Fräulein, dann nur, wenn er wirklich was zu sagen hat, wenn Sie verstehen, was ich meine. N’importe: Sie werden nicht viel mit ihm zu tun haben, seine Fächer sind Mathematik und die Naturwissenschaften. Simons Schwerpunkt ist zu kompliziert und zu speziell für Sie, Sie haben Sprachtalent, wenn ich das richtig verstanden habe, Ihr Gehirn funktioniert anders, nicht wahr, Sie können unserem Simon höchstens in den Fächern Französisch und Niederländisch helfen, vielleicht auch in Geschichte und Erdkunde. Unser Ältester wird sich schon melden, wenn er Sie braucht. Aber für den Fall der Fälle wollen wir schon, dass er auf Sie zählen kann, nicht wahr.«

»Natürlich«, sagte ich.

»Jakov ist unser zweites Kind«, fuhr er fort. »Wir haben kurz hintereinander zwei Jungen und dann zwei Mädchen bekommen, müssen Sie wissen. Es hätte gar nicht besser laufen können: erst die Söhne, dann die Töchter. Wir sind gesegnet, meine Gattin und ich. Jakov ist dreizehn und wird nächsten Monat vierzehn. Er ist genau wie ich: ein kleiner Angeber, der in seiner Klasse sehr beliebt ist. Ich darf das sagen, denn ich war früher ganz genauso. Jakov hat viele Freunde, wie ich damals. Er ist kontaktfreudig und sehr sozial eingestellt. Wir müssen aufpassen, dass er nicht zu rasch Kontakte knüpft, schon gar nicht zu Mädchen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich konnte früher in Ruhe abwarten, bis es so weit war. Aber meine Gattin und ich haben in den Siebzigern geheiratet. Seitdem ist vieles anders geworden, alles ändert sich viel zu schnell, und Jakov mag es schnell. Er ist sehr aufgeweckt. Er probiert gern etwas Neues aus und liebt die Aufregung. Er wird also Grenzen austesten, Herausforderungen suchen. Ich weiß nicht, ob Jakov Sie brauchen wird. Er ist sehr eigensinnig. Trotzdem hätten wir gerne, dass Sie ihn über seinen Lehrstoff regelmäßig abfragen. Er braucht Disziplin. Sie müssen streng zu ihm sein, aber nicht zu streng, finden Sie den goldenen Mittelweg.«

Ich nickte nachdrücklich, aber auch ziemlich gelangweilt. Ich wollte seine Söhne, diese vorbildlichen Jungen, lieber persönlich kennenlernen, als mir seine Lobreden anzuhören, traute mich aber nicht, ihm das zu sagen.

»Elzira und Sara haben Sie ja bereits gesehen«, fuhr Mijnheer Schneider fort.

Ich ertappte mich dabei, erneut zu nicken.

»Elzira ist unsere älteste Tochter, Sara unser Nesthäkchen. Elzira ist im August zwölf geworden. Sie ist keine zwei Jahre jünger als Jakov. Ich werde das in ihrer Gegenwart niemals laut sagen, aber Elzira ist klüger als ihre beiden großen Brüder zusammen. Sie kann sich bloß nicht lange konzentrieren, wird rasch nervös, und das macht uns Sorgen.«

Er hielt kurz inne. Ein hochgewachsener Junge ging durch den Garten.

»Die Schule hat uns geraten, psychologische Tests durchführen zu lassen, und das haben wir auch getan. Mit ihr ist alles in Ordnung. Sie ist nur ein wenig speziell.«

Wieder hielt er kurz inne.

»Sie werden sich hauptsächlich um Elzira kümmern. Unserer Tochter fehlt es an Selbstvertrauen, wissen Sie, wie im Grunde allen halbwüchsigen Mädchen. Sie ist sehr unsicher, und Simon und Jakov untergraben ihr ohnehin schon geringes Selbstwertgefühl, auch wenn wir versuchen, unseren garçons klarzumachen, dass sie das nicht dürfen, nicht wahr. Ich kann Ihnen ein Beispiel nennen: Jakov weigert sich, mit Elzira Schach zu spielen, obwohl sie keine schlechte Gegnerin ist. Er will nicht mit ihr spielen, weil er schon im Vorfeld weiß, dass sie die Hälfte der Figuren umwerfen wird …« Er starrte bestimmt eine halbe Minute vor sich hin. Die dreißig Sekunden zogen sich hin.

»Ich sage Ihnen das ganz im Vertrauen: Elzira hat – ihre offizielle Diagnose lautet Dyspraxie. Ich weiß nicht, ob Sie diese Störung kennen. Ihre Behinderung – aber so nennen wir diese Störung in ihrem Beisein nie – hat nichts mit ihrer Intelligenz zu tun, nicht wahr. Ihre Motorik dreht regelmäßig durch, c’est tout. Sie kann keine feinen Bewegungen machen und hat Gleichgewichts- und Koordinationsprobleme. Sie hat einen Tremor wie Parkinsonpatienten, nicht wahr. Ihre Hände zittern manchmal, sie kann ihre Muskeln nicht kontrollieren, lässt häufig etwas fallen und wirkt daher manchmal recht ungeschickt. Die eine Hirnhälfte kommuniziert nicht immer schnell genug mit der anderen, so müssen Sie sich das vorstellen. Eine Art Kurzschlussreaktion, aber mit ihrer Intelligenz hat diese Ungeschicklichkeit nichts zu tun,...

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