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Max Webers unwiderlegbare Fehlkonstruktionen

Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus

AutorHeinz Steinert
VerlagCampus Verlag
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl332 Seiten
ISBN9783593409764
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis24,99 EUR
Max Webers These von der protestantischen Arbeitsethik, die dem Kapitalismus erst zu seinem Siegeszug verhalf, ist Allgemeingut. Entsprechend gilt Webers Abhandlung 'Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus' seit ihrem Erscheinen vor über 100 Jahren als eine der maßgebenden soziologischen Untersuchungen. Heinz Steinert unterzieht Webers Aufsatzreihe der schon lange fälligen kritischen wissenschaftlichen Analyse und Historisierung. Sein Befund: Es gibt keinen grundsätzlichen Zusammenhang zwischen Protestantismus und kapitalistischem Wirtschaften. Webers Schrift ist vielmehr in ihrem historischen Kontext, als Teil der preußischen Religionskämpfe, zu sehen. Es wird darin die Krisenerfahrung der preußischen Bürger-Männlichkeit um die Jahrhundertwende in einer 'asketischen' Haltung verarbeitet. Der Autor weist überdies nach, dass Begriffe wie 'Idealtypus' oder 'Wahlverwandtschaft' nur noch historisch interessant sind und dass eine neuerliche Befragung der weberschen Quellen zu neuen, anderslautenden Schlüssen führen muss.

Heinz Steinert ist Professor em. für Soziologie an der Goethe- Universität Frankfurt, wo er besonders über soziale Disziplinierung und ihre Geschichte gearbeitet hat. Er war Leiter des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie, Wien. Heinz Steinert lebt und arbeitet in Wien.

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Leseprobe
Hundert Jahre empirische Forschung: Widerlegungen und Fortführungen (S. 235-236)

»Große Erzählungen« muss man in erster Linie historisieren und reflexiv interpretieren. Aber das schließt nicht aus, dass die zugehörigen Untersuchungen handwerklich solid gearbeitet sein sollten und dass man verlangen kann, sich auf die behaupteten Fakten, die erwähnt werden, verlassen zu können. Das gilt auch für die »Weber-These« – die schließlich mit dem Anspruch vorgetragen wurde, eine historische Wirklichkeit nachzuzeichnen, und die auch heute noch so gelesen wird.

Es wurde und wird daher immer wieder versucht, empirische Materialien beizubringen, die sie stützen oder widerlegen – das meiste davon mit dem Ergebnis, dass sie eher nicht stimmt. Zusätzliche Empirie wäre schon deshalb nötig, weil die von Weber selbst vorgelegte dürftig bis irreführend ist. Nur ist solche Umsetzung einer »These « in Beobachtbares nicht so einfach. Das negative, aber genauso das positive Ergebnis einer Untersuchung kann immer daran liegen, dass die »Operationalisierung « unangemessen ist.

So wurde und wird zum Beispiel, in Umsetzung der populären Form der »These« und zumindest ermutigt vom ersten Kapitel der »Protestantischen Ethik«, gern untersucht, ob tatsächlich Protestanten anders arbeiten und leben als Katholiken oder etwa Leute, die einen Shinto-Schrein besuchen. Letztere waren besonders interessant in den 1980ern, als in Japan die kapitalistische Wirtschaft zu blühen schien und Manager wie Industriesoziologen nach Japan pilgerten, um dort die Vorteile der lean production, also eine erste Blüte der neoliberalen Produktionsweise zu studieren.

Seit die Blase in Japan schon in den 1990ern platzte, überzeugen und interessieren uns die »konfuzianischen Werte« deutlich weniger, die für fleißige, dem Betrieb ergebene, genügsame Arbeitskräfte verantwortlich sein sollten und auf die das »fernöstliche Wirtschaftswunder« gern zurückgeführt wurde. Es lässt sich leicht zeigen, dass solche Untersuchungen mit den Annahmen, die sich im Text der »Protestantischen Ethik« tatsächlich finden, nichts zu tun haben. Dort wird nämlich, wie erinnerlich, die These, der »Geist des Kapitalismus« sei als unbeabsichtigte Nebenfolge aus dem »asketischen Protestantismus « entstanden, streng auf das 17., vielleicht noch 18. Jahrhundert eingegrenzt, danach sei der moderne Kapitalismus selbsttragend geworden und brauche keine religiöse Unterstützung mehr.

Diese Art von heutiger Empirie sagt also nichts über die Triftigkeit dessen, was Max Weber seinerzeit geschrieben hat, sondern nur etwas über eine grobe Verallgemeinerung, die aus Webers späterer Annahme eines spezifisch »okzidentalen Rationalismus « eine generelle »Überlegenheit der westlichen Werte« herausgelesen hat. Große Unruhe daher, wenn in Regionen mit nicht so »westlichen Werten« wie Japan, Korea und neuerdings sogar in einem kommunistischen China erfolgreich kapitalistisch gewirtschaftet wird.
Inhaltsverzeichnis
Inhalt8
Vorwort: Über die Lektüre klassischer Texte12
Einleitung20
Die widerlegungs-immune »Weber-These«20
Der Text und seine Varianten26
Teil I:Die »Große Erzählung« und die handwerkliche Sorgfalt36
Das Problem38
Das erste Kapitel42
Zweifelhafte Statistiken und Reminiszenzen an Bismarcks »Kulturkampf«42
Protestantismus im Deutschen Reich um die Jahrhundertwende49
Das zweite Kapitel56
Die (Fehl-)Konstruktion eines »Geist des Kapitalismus«56
Schmoller, Brentano, Sombart und die historische Schule der Nationalökonomie75
»Historisches Individuum« I: Benjamin Franklin – ein amerikanischer Aufklärer und Revolutionär88
Das dritte Kapitel95
»Asketischer Protestantismus« ist die Antwort, aber was war die Frage?95
»Historisches Individuum« II: War Jakob Fugger der Reiche (1459–1525) ein Kapitalist?109
Zwischenbetrachtung: Was ist das Forschungsprogramm?115
Das vierte Kapitel129
Die calvinistische Prädestinationslehre und wie man mit der metaphysischen Angst lebt, die sie macht129
Kirchen, Orden, Sekten140
»Historisches Individuum« III: Leon Battista Alberti (1404–1472) und Sombarts zweiter »Geist des Kapitalismus«147
Das fünfte Kapitel152
Seelsorgerische Lebensberatung und die Kapitalbildung durch asketischen Sparzwang152
Die Reformation im Rückblick158
Das sechste Kapitel164
Wissenschaftliche Erfahrungen in Amerika über den Nutzen, einer Sekte anzugehören, sowie Vermutungen über die Grenzen der Abendmahlsgemeinschaft164
Zugehörigkeit und Ausgrenzung: Die Puritaner und ihr Gottesstaat in Massachusetts 1630–1690168
Teil II: Die Logik von historischen Zusammenhängen174
Fragen der historischen Begriffsbildung: Wie unterscheidet sich eigentlich ein »Idealtypus« von einem üblichen, also weniger idealen Typus?176
Kausalität und Wahlverwandtschaft: Wie der Kapitalismus geboren wird, sich durchkämpft, sich beschafft was er braucht – und seine Wahlverwandtschaften pflegt192
Der Text als Springprozession: Wie man durch starke Behauptungen und vorsichtige Rücknahmen zugleich populär wirksam und wissenschaftlich seriös ist207
Teil III: Die Blockade von wissenschaftlichem Fortschritt218
Die »Troeltsch-Weber-These« und ihre Kritiker: Die Herren Professoren diskutieren220
Hundert Jahre empirische Forschung: Widerlegungen und Fortführungen236
Geschichtskonstruktionen255
Was ist eigentlich so faszinierend an den Puritanern?258
»Historisches Individuum« IV: Henry Fletcher, Margaret Carnegie, Sir John Clerk of Penicuik und der Geist des Kapitalismus im calvinistischen Schottland262
Die Schicksale der »Protestantischen Ethik«: Konturen des Arbeitsprogramms für eine Rezeptionsgeschichte265
Teil IV: Die »Protestantische Ethik« im preußischen Fin de siècle276
Der Begriffsvorrat der Zeit278
Die Erfahrungen der Jahrhundertwende281
Die Malaise des bürgerlichen Individuums285
Freud als Kritiker …289
… und Weber als Erzieher291
Das Fin de siècle in Heidelberg und Wien: eine Zwischenbilanz294
Wirtschaft als Beruf: der verunsicherte Unternehmer als bürgerlicher Held298
Dr. Sigmund Freud in Wien deutet eine Phantasie von »innerweltlicher Askese«304
Literatur310
A: Max Weber310
B: Andere Literatur312

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