Sie sind hier
E-Book

Mehr Süden wagen

Oder wie wir Europäer wieder zueinander finden

AutorSebastian Schoepp
VerlagWestend Verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl224 Seiten
ISBN9783864895609
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Kein Sommer ohne Südwind Wir glauben, den Süden zu kennen, weil wir hundertmal im Urlaub dort waren. Aber ist dem wirklich so? Muss der Süden nun auch zu der puritanischen Askesemoral erzogen werden? Oder steckt im Sein des Südens nicht sogar sehr viel Potenzial, das uns helfen kann, Europas Burn-out zu überwinden? Sebastian Schoepp reiste für seine Recherche von Siena bis Santiago de Compostela und Barcelona. Er porträtiert einen Lebens-, Kultur- und Wirtschaftsraum, der seit Jahrhunderten Schauplatz vielfältiger Formen der Entwicklung und Begegnung ist. Schoepp erzählt, wie der Süden wirklich funktioniert, wie die Menschen leben, wie sie lieben, arbeiten, hoffen, was sie antreibt und wie stark sie sich verändert haben in den letzten Jahren. Und er zeigt auf, welch enorme Chance besteht, wenn Norden und Süden endlich ihre Talente bündeln.

Sebastian Schoepp ist seit 2005 außenpolitischer Redakteur der Süddeutschen Zeitung und als solcher für Spanien und Lateinamerika zuständig. Außerdem ist er Dozent für Journalistik an der Universität Barcelona. Schoepp arbeitete für die nicaraguanische Zeitung La Prensa und andere spanischsprachige Publikationen. Er absolvierte ein Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie ein Zweitstudium an der Universitat de Barcelona. 1990 bis 1991 arbeitete er beim Argentinischen Tagesblatt, begann anschließend für die Süddeutsche Zeitung zu arbeiten.

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe

Die Entzauberung

»Und doch lässt sich allem Anschein zum Trotz ein
vernünftiger Kern in all dem Irrsinn ausfindig machen.«

Angelo Bolaffi1

Er hatte alles erreicht – und das in atemberaubender Geschwindigkeit: 1889 hatte er in Jura promoviert, 1892 folgte die Habilitation in Handelsrecht. Im Jahr darauf wurde er außerordentlicher Professor in Berlin. 1894 erhielt er einen Lehrstuhl für Nationalökonomie in Freiburg, 1896 in Heidelberg. Eine steile Karriere nahm ihren Lauf. Auch privat lief es hervorragend für Max Weber. 1893 heiratete er eine entfernte Cousine, Marianne Schnitger, Tochter eines Leinenfabrikanten, wohlhabend, selbst Wissenschaftlerin und Frauenrechtlerin, in jeder Hinsicht eine gute Partie. Mit Anfang dreißig war Max Weber einer der geachtetsten Wissenschaftler Deutschlands, die akademische Welt riss sich um den Austausch mit dem vielversprechenden jungen Professor, der dazu ansetzte, die altehrwürdige, aber muffige Nationalökonomie zur modernen Sozialwissenschaft umzubauen. Was konnte ihm noch im Wege stehen? Nur sein stärkster Gegner – er selbst.

Weber arbeitet wie besessen, Tag und Nacht, »stopft sein Leben und sich voll, mit Terminen, Lektüren, Aufträgen, Arbeiten, Essen, Bier«.2 Bis zum Zusammenbruch. Im März 1898 wird bei Max Weber eine »Neurasthenie in Folge jahrelanger Überarbeitung diagnostiziert«.3 Er kann kaum noch sprechen, geschweige denn arbeiten. »Mir vergehen beim Blick auf mein Kollegheft einfach die Sinne«, klagt er. Einer der vielversprechendsten Sozialwissenschaftler Deutschlands sitzt nur noch da und »stumpft vor sich hin«. Sein Zustand, so heißt es, schließe »jeden geselligen Verkehr aus«.4

Ein klarer Burn-out, wie man heute sagen würde.

Max Weber verbringt Monate in Sanatorien und auf Kuren. Er wird therapiert mit frischer Luft, Ruhe, Hypnose, Alkoholverbot, Gymnastik, Tiefenatmung, Veronal, Heroin, Ermunterung zum Geschlechtsverkehr, wie sein Biograph Jürgen Kaube schreibt.5 Doch nichts hilft, um ihn aus dem »Nervenbankrott« herauszuholen. Bis er sich zu einer folgenreichen Entscheidung durchringt. Weber beschließt, es in Italien zu versuchen, wo schon Johann Wolfgang Goethe lebenslange »Leitung, Fördernis« und geistige Heilung gesucht hatte.6 In Rom, so Max Webers Hoffnung, könne auch er »Krankheit und Erdenschwere versenken in das gewaltige Meer der Eindrücke«. Der Kranke reist über die Alpen, nimmt über Monate Quartier in Rom, diskutiert mit Einheimischen, treibt sich in Künstlerkneipen und Archiven herum. Und siehe da: Jetzt, da ihn »die sonnenumflossene Daseinsfreude des Südens«7 umweht, geht es ihm spürbar besser.

Ein Entschluss beginnt zu reifen: Er gibt die Hochschulkarriere auf und wird sozusagen Privatgelehrter. Aber nicht nur, dass Rom ihm Erholung, Muße und Abstand zu seiner bedrückenden Heidelberger Studierstube verschafft, das Ambiente gibt ihm auch neue Kraft für eine Aufgabe, die seine größte werden soll. »Als Weber allmählich aus diesen Qualen wieder herauskommt (…), beginnt fast schlagartig jene Produktion, die ihn berühmt machen wird.«8 Das nun entstehende Werk wird den Titel Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus tragen und die Sozialforschung revolutionieren. Noch heute wird es häufiger zitiert als jedes andere, wenn es darum geht, die krankmachenden Mechanismen einer Wirtschaftsweise zu beschreiben, die das Prinzip der Gewinnanhäufung zum Selbstzweck erhoben hat.

War es ein Zufall, dass Max Weber sein Hauptwerk in Italien konzipierte? Viele seiner Biographen deuten an: wohl nicht. »In Italien hatte er eine Lebensweise kennengelernt, die diesen Druck zu negieren wusste und den Menschen unabhängig von seiner beruflichen Leistung beurteilte«, stellt etwa Silke Schmitt fest, die Webers Rom-Aufenthalt erforscht hat. »Hier wurde ihm eine weitere Option aufgezeigt, als Gegenteil zur Berufsethik, die er selber gelebt hatte und deren Folgen er in Rom auskurieren musste.«9

Jahrhundertelang war der Süden unsere Labsal, unsere Erholung, unsere Inspiration, unsere Zuflucht vor uns selbst und unserer Arbeitswut. Doch seit wir durch den Euro in einer Familie mit dem Süden leben, mögen wir ihn nicht mehr. Die Europäer haben wieder gelernt, sich zu hassen, konstatiert der italienische Politologe und Deutschland-Kenner Angelo Bolaffi.10 Die neue Währung hat, anstatt uns zu vereinen, eine Bruchlinie durch Europa gezogen: Die Mittelmeerregion ist vom Sehnsuchtsziel zur Krisenmetapher herabgesunken. Die Sonntagsreden zur Euro-Einführung, die Griechenland als Wiege der Demokratie und Italien als Geburtsort der Renaissance priesen, waren noch nicht verklungen, da wurde das feierliche Gesäusel schon übertönt vom Hetzgeschrei: Nördliche Schlagzeilerei über »faule Südländer« lieferte sich publizistische Scharmützel mit südlichen Karikaturen von Angela Merkel mit Hitler-Bärtchen. Die Mexikanisierung Südeuropas, die gedankliche Abtrennung eines vermeintlich rückständigen von einem prosperierenden Teil des Kontinents, ist seitdem in vollem Gange. Im Krisenjahr 2012 wurde in der deutschen Presse bereits der baldige »Abschied vom Süden« verkündet, der wohl unrettbar verloren sei.11 Tröstlich, dass sich auch die kundigsten Propheten manchmal irren.

Vielleicht hätte man beizeiten auf einen früheren Propheten der europäischen Einigung hören sollen: Als der französische Außenminister Robert Schuman 1950 in einer Rede die Schaffung einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl vorschlug, die der Vorläufer der Europäischen Union werden sollte, sagte er: »Europa lässt sich nicht mit einem Schlage herstellen und auch nicht durch eine einfache Zusammenfassung. Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen.«12 Als sich fünfzig Jahre später die Euro-Länder zur Währungsunion zusammenschlossen, taten sie jedoch genau das, wovor Schuman gewarnt hatte: Sie schufen eine »einfache Zusammenfassung«, eine Ballung unterschiedlicher, teils konträrer Lebens-, Werte- und Wirtschaftssysteme, ohne sie einer genaueren Analyse unterzogen zu haben. Die gemeinsame Währung, der Konsum würden uns schon alle bald gleichmachen, so die Hoffnung.

Doch es kam anders. »Heute ist man sich weitgehend einig, dass die Entscheidung, den Euro entsprechend der im Vertrag von Maastricht vorgesehenen Fristen und Bedingungen einzuführen, eine Art Gründungsfehler darstellt (…)«, schreibt der Politologe Bolaffi.13 Allerdings sei es – nicht zuletzt angesichts der durch die deutsche Einheit entstandenen Dynamik in Europa – wahrscheinlich unvermeidlich gewesen, diesen Fehler zu begehen. Und schien der Euro nicht tatsächlich die Bedürfnisse aller zu befriedigen? Die Länder, die bis dato mit Deutschland nur durch dauernde Abwertung ihrer Währungen konkurrieren konnten, erhofften sich einen raschen Aufschwung. Deutschland wiederum durfte eine Stärkung seines Exports erwarten. In den ersten Jahren nach der Euro-Einführung 2002 schienen sich die Hoffnungen zu erfüllen: Die Südländer profitierten von niedrigen Zinsen, ein mächtiger Kapitalfluss von Nord nach Süd setzte ein, an dem auch deutsche Banken prächtig verdienten. Der Süden gab das Geld für die Erneuerung seiner Infrastruktur und die Anpassung seiner Sozialsysteme an nord- und mitteleuropäische Standards aus; das war im Norden auch so gewünscht, denn man wollte ja einen gemeinsamen Wirtschaftsraum mit gleichartigen Lebensbedingungen und starken Konsumenten.

Doch dann schoss der Süden in seinem Erneuerungswillen über das Ziel hinaus und kollabierte, während Deutschland immer stärker wurde. Es hätte vielleicht gutgehen können, wenn der Süden mehr Zeit gehabt und der internationale Finanzkapitalismus ihn nicht gleichzeitig als schlachtbares Opfer ausgemacht hätte. Während Hedgefonds gegen ganze Volkswirtschaften zu spekulieren begannen, setzte für die Menschen im Norden wie im Süden das große Leiden ein: Die Südländer mussten nach einem flüchtigen Boom alles Aufgebaute wieder in Grund und Boden sparen. Und der Norden fühlte sich als Zahlmeister, weil er für die fälligen Notkredite bürgen musste, die wenigstens den Mindeststandard retten sollten. Und ist es nicht wirklich viel verlangt, ja empörend, wenn deutsche Steuerzahler für die windigen Immobiliengeschäfte spanischer Banken eintreten sollen, die eine Spekulationsblase aufpumpten, die platzen musste? Ja, es ist empörend, aber niemand, der den Süden vorher kannte, wird abstreiten, dass solche Entwicklungen voraussehbar waren. Man hätte rechtzeitig wirksamere Ventile installieren können, anstatt wie besinnungslos Geld in ein Fass ohne Boden zu pumpen. Dafür aber hätte es einer intensiven Auseinandersetzung mit den sozialen und wirtschaftlichen Mechanismen des Südens bedurft.

Die Länder, die nun auf Hilfe bei der Lösung ihrer Finanzprobleme angewiesen sind, waren bis in die 1960er Jahre arm. Anders als in der nördlichen Verklärung war das Leben im Süden nie leicht. Die Städte waren eng und...

Blick ins Buch

Weitere E-Books zum Thema: Gesellschaft - Männer - Frauen - Adoleszenz

Die große Panik

E-Book Die große Panik
Das Wettrennen zur Rettung der Weltwirtschaft Format: PDF

Als der legendären Vorstandsvorsitzenden Alan Greenspan die Geschicke der Fed in die Hände seines Nachfolgers Ben Bernanke legte, waren die USA bereits in ernsthaften wirtschaftlichen Schwierigkeiten…

Zerschlagt die Banken

E-Book Zerschlagt die Banken
Zivilisiert die Finanzmärkte Format: ePUB

Die Großbanken haben aus der Finanzkrise 2008 nichts gelernt. Sie nutzen ihre Macht, um die Politik zu manipulieren und blockieren wichtige Regulierungen. Rudolf Hickel fordert - gerade wegen der…

Die Geschichte der DZ-BANK

E-Book Die Geschichte der DZ-BANK
Das genossenschaftliche Zentralbankwesen vom 19. Jahrhundert bis heute Format: ePUB/PDF

Die DZ BANK ist das Spitzeninstitut der Volksbanken und Raiffeisenbanken in Deutschland und zählt zu den wichtigsten Kreditinstituten des Landes. Ihre Geschichte ist der breiteren Ö…

Eigentum

E-Book Eigentum
Ordnungsidee, Zustand, Entwicklungen Format: PDF

Band 2 der Bibliothek des Eigentums gibt einen umfassenden Überblick über die geistige Befindlichkeit Deutschlands in Ansehung des privaten Eigentums. Die Beiträge stellen den politischen Blick auf…

Flick

E-Book Flick
Der Konzern, die Familie, die Macht Format: ePUB

Erstmals die ganze Geschichte einer beispiellosen deutschen Karriere Kein Name verkörpert das Drama der deutschen Wirtschaft im 20. Jahrhundert klarer als der Name Flick. Zweimal folgte dem…

Madeleine Schickedanz

E-Book Madeleine Schickedanz
Vom Untergang einer deutschen Familie und des Quelle-Imperiums Format: ePUB

Madeleine Schickedanz ist die Frau hinter dem Quelle-Konzern. Sie lebt zurückgezogen, man weiß wenig über sie. Anja Kummerow hat sich an ihre Fersen geheftet, um herauszufinden: Wer ist diese Frau?…

Gustav Schickedanz

E-Book Gustav Schickedanz
Biographie eines Revolutionärs Format: ePUB

Jahrzehntelang war er eine Institution in Millionen deutschen Haushalten: der Quelle-Katalog. Er war das Medium, das nicht nur für eine besonders enge Verbindung zwischen dem Unternehmen und seinen…

Weitere Zeitschriften

FREIE WERKSTATT

FREIE WERKSTATT

Hauptzielgruppe der FREIEN WERKSTATT, der unabhängigen Fachzeitschrift für den Pkw-Reparaturmarkt, sind Inhaberinnen und Inhaber, Kfz-Meisterinnen und Kfz-Meister bzw. das komplette Kfz-Team Freier ...

Baumarkt

Baumarkt

Baumarkt enthält eine ausführliche jährliche Konjunkturanalyse des deutschen Baumarktes und stellt die wichtigsten Ergebnisse des abgelaufenen Baujahres in vielen Zahlen und Fakten zusammen. Auf ...

dima

dima

Bau und Einsatz von Werkzeugmaschinen für spangebende und spanlose sowie abtragende und umformende Fertigungsverfahren. dima - die maschine - bietet als Fachzeitschrift die Kommunikationsplattform ...

rfe-Elektrohändler

rfe-Elektrohändler

rfe-Elektrohändler ist die Fachzeitschrift für die CE- und Hausgeräte-Branche. Wichtige Themen sind: Aktuelle Entwicklungen in beiden Branchen, Waren- und Verkaufskunde, Reportagen über ...

building & automation

building & automation

Das Fachmagazin building & automation bietet dem Elektrohandwerker und Elektroplaner eine umfassende Übersicht über alle Produktneuheiten aus der Gebäudeautomation, der Installationstechnik, dem ...

elektrobörse handel

elektrobörse handel

elektrobörse handel gibt einen facettenreichen Überblick über den Elektrogerätemarkt: Produktneuheiten und -trends, Branchennachrichten, Interviews, Messeberichte uvm.. In den monatlichen ...

ERNEUERBARE ENERGIEN

ERNEUERBARE ENERGIEN

ERNEUERBARE ENERGIEN informiert durch unabhängigen Journalismus umfassend über die wichtigsten Geschehnisse im Markt der regenerativen Energien. Mit Leidenschaft sind wir stets auf der Suche nach ...